Autoritarismus in der islamischen Welt

Woher rührt Autoritarismus in der islamischen Welt? Ahmet Kuru sucht die Ursachen nicht im Islam selbst, sondern in historischen Bündnissen von Staat und Religionsgelehrten. Sein Buch fordert Muslime zu einer selbstkritischen Debatte über Macht, Denken und gesellschaftliche Erneuerung auf

28.09.2026 .Redaktion 4 Min. Lesezeit
Autoritarismus islam muslime

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Ahmet Kurus Werk „İslam, Otoriterlik ve Geri Kalmışlık“ („Islam, Autoritarismus und Rückständigkeit“, liegt nicht auf Deutsch vor) gehört zu den bemerkenswertesten Arbeiten der vergangenen Jahre, die sich mit den politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Problemen der islamischen Welt auseinandersetzen. Von Dr. Muhammed Yüksel

Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Es hat nicht nur in akademischen Kreisen, sondern auch unter muslimischen Intellektuellen wichtige Debatten ausgelöst.

Der wesentliche Grund dafür liegt darin, dass der Autor versucht, die Problematik zunächst anhand der eigenen historischen Erfahrungen muslimischer Gesellschaften zu erklären, anstatt sie primär auf äußere Faktoren zurückzuführen. Er hat sich nicht auf die bequeme Erklärung zurückgezogen, die Ursachen der Probleme ausschließlich bei äußeren Mächten zu suchen.

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Kurus zentrale These lautet, dass der Islam seinem Wesen nach keine Religion ist, die Autoritarismus oder Rückständigkeit hervorbringt. Seiner Auffassung nach liegt das eigentliche Problem in dem Bündnis zwischen den Religionsgelehrten (Ulama) und dem Staat, das sich im Laufe der Geschichte herausbildete und insbesondere ab dem 11. Jahrhundert an Einfluss gewann.

Der Autor verweist darauf, dass es in den ersten Jahrhunderten des Islam ein vergleichsweise unabhängigeres Gelehrtenmilieu, ein lebendiges Handelsleben und Raum für unterschiedliche Ideen gab. Als Beispiele nennt er unter anderem zahlreiche Gelehrte, allen voran Abu Hanifa.

Im Laufe der Zeit habe jedoch die enge Verbindung zwischen politischer Macht und religiösen Autoritäten das freie Denken, die wissenschaftliche Produktion und die wirtschaftliche Dynamik geschwächt.

Infolgedessen hätten muslimische Gesellschaften ihre führende Stellung in der Weltgeschichte verloren und seien zunehmend in eine von autoritäreren Herrschaftsformen geprägte Struktur gedrängt worden.

Eine der größten Stärken des Buches besteht darin, dass es die Gewohnheit hinterfragt, die Probleme, mit denen Muslime konfrontiert sind, ständig durch äußere Einflüsse zu erklären.

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Kuru erkennt zwar den Einfluss von Kolonialismus, Imperialismus und den heutigen globalen Machtverhältnissen an, erinnert jedoch daran, dass die innere Selbstkritik nicht vernachlässigt werden darf.

Dieser Ansatz steht letztlich auch im Einklang mit dem ethischen Verständnis des Islam, das den Menschen und die Gesellschaft dazu aufruft, sich fortwährend selbst zur Rechenschaft zu ziehen.

Das Buch hat allerdings auch Seiten, die Anlass zur Kritik geben. Vor allem bezeichnet die islamische Welt einen weitläufigen Raum mit sehr unterschiedlichen historischen und kulturellen Erfahrungen.

Daher ist es schwierig, ein einziges Erklärungsmodell auf alle Regionen und Epochen anzuwenden. Auch der Eindruck, die Gelehrtenschicht habe im Laufe der Geschichte ausschließlich die politische Autorität legitimiert, erscheint nicht in jeder Hinsicht gerecht.

So konnten beispielsweise auch nach dem 11. Jahrhundert Persönlichkeiten wie Izz ad-Din ibn Abd as-Salam und Ibn Taymiyya, wenn nötig, der politischen Autorität entgegentreten und damit zeigen, dass die wissenschaftliche Unabhängigkeit keineswegs vollständig verschwunden war.

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Diese Beispiele beseitigen jedoch nicht die Frage, ob der von Kuru beschriebene allgemeine Trend oder vielmehr die Ausnahmen ausschlaggebender waren.

Letztlich wirft Ahmet Kurus Buch, auch wenn seine Thesen allesamt diskutierbar sind, wichtige Fragen auf. Was Muslime heute brauchen, ist nicht, diesen Fragen mit Wut oder einer defensiven Haltung zu begegnen.

Vielmehr geht es darum, sie selbstbewusst zu prüfen und zu bewerten. Denn Kulturen können nur dann wieder aufsteigen, wenn sie den Mut aufbringen, ihre eigenen Schwächen anzuerkennen.

Dr. Muhammed Mustafa Yüksel lebt derzeit in Köln. Er arbeitete drei Jahre an der Goethe-Universität in Frankfurt als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seine Promotionsarbeit trägt den Titel „Zwei zeitgenössische liberale Abhandlungen über die politische Autorität Muhammads. Mehmed Seyyid Bey und ‘Ali ‘Abd ar-Raziq“. In dieser geht er der Frage nach, ob das Kalifat eine göttliche Institution oder ein menschliches Machtgebilde ist. Sie erscheint 2026 im Verlag Dr. Kovač, einem Fachverlag für wissenschaftliche Literatur.

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