Nahla Osman vor dem Sicherheitsrat: Nicht Opfer, sondern Heldinnen
Warum mich Nahla Osmans Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat berührt. Ein Kommentar von Aiman Mazyek über das Thema Frauen, Frieden und Sicherheit.

Foto: Fotografía oficial de la Presidencia de Colombia from Colombia/Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei
(iz). Manchmal gibt es Momente, in denen man innehält und denkt: Das ist richtig so. Ein solcher Moment war für mich die Rede von der Deutsch-Syrerin Nahla Osman vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
In der offenen Debatte zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“ sprach sie als Leiterin der Abteilung für Auslandssyrer und Flüchtlinge im syrischen Außenministerium.
Foto: Nahla Osman/Facebook
Und sie sagte einen Satz, den vor allem die Syrer nicht vergessen sollten: Die Geschichte der syrischen Frau sei „nicht die Geschichte eines Opfers, sondern eine Geschichte außergewöhnlicher Widerstandskraft“.
Dieser Satz stellt eine bislang oberflächliche Rhetorik auf den Kopf, an die wir uns viel zu sehr gewöhnt haben. Zu oft sehen wir syrische Frauen nur als Leidtragende: als Witwen, Vertriebene, Wartende. Ja, sie haben vierzehn Jahre Krieg, Verlust und Flucht ertragen.
Viele haben jahrelang nach verschwundenen Angehörigen gesucht, manche warten bis heute darauf, wenigstens deren sterbliche Überreste zu finden. Andere wurden über Nacht zur einzigen Ernährerin ihrer Kinder und sorgten für Brot, Medizin und Schule.
Doch gerade darin liegt ihre Stärke. Sie haben nicht aufgegeben, sie haben getragen, organisiert und gekämpft. Diese Frauen sind weit mehr als Opfer. Sie sind Heldinnen.
Dass ausgerechnet Nahla Osman diese Botschaft nach New York trägt, macht mich auch stolz. Denn sie ist eine von uns. Viele Jahre hat die in Rüsselsheim geborene Anwältin hierzulande gearbeitet, an der Seite von Opfern, von Menschen, denen Unrecht widerfahren war.
Foto: imago images
2013 gründete sie zudem ehrenamtlich den Verband Deutsch-Syrischer Hilfsvereine, dem heute mehr als 47 Vereine bundesweit angehören. Sie kennt die Akten, die Geschichten, die Tränen hinter den Zahlen.
Und sie hat diesen Blick nie verloren. Genau das zeichnet sie auf ihrem neuen Posten aus. Sie spricht nicht über Betroffene, sondern aus der Erfahrung, ihnen zur Seite gestanden zu haben. Wer einen solchen Weg geht, bringt etwas mit, das man in keinem diplomatischen Lehrgang lernt: Glaubwürdigkeit und eigene Widerstandskraft.
In ihrer Rede kündigte sie an, dass Syrien einen nationalen Plan zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 vorbereitet. Frauen sollen stärker in staatliche Institutionen, ins Parlament, in Sicherheitsbehörden und in die Führungsebene einbezogen werden.
Sie räumte damit offen ein, dass noch viel zu tun bleibt. Auch diese Ehrlichkeit gefällt mir. Und sie rief die internationale Gemeinschaft auf, syrische Frauen und von Syrern selbst getragene Lösungen zu unterstützen.
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Gerade dieser Appell an die Vereinten Nationen verdient unsere volle Unterstützung. Denn die Institution, vor der Nahla Osman sprach, steht selbst unter Druck. Die regelbasierte Ordnung, das Völkerrecht wird Tag für Tag mit Füßen getreten, in vielen Regionen dieser Welt.
Wenn wir nicht aufpassen, droht es ganz zum Erliegen zu kommen. Dann gilt nur noch das Recht des Stärkeren. Für Frauen, für Kinder, für alle Schwachen wäre das eine Katastrophe – ja, es ist bereits eine.
Deshalb ist Empowerment für mich mehr als ein Schlagwort. Es bedeutet, Frauen wie Nahla Osman an die Tische zu holen, an denen über Krieg und Frieden entschieden wird.
Und es bedeutet, dem Völkerrecht neues Leben einzuhauchen, damit es wieder schützt und nicht nur auf dem Papier steht. Frauen, die Jahre des Krieges überstanden haben, wissen, was Frieden wert ist. Wir sollten ihnen endlich zuhören.
* Aiman Mazyek ist ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime und Seniorberater für Politisch-kulturelle Diplomatie.
