Zurück

Wie sieht eine positive Vision für die Community aus?

Visionen für die Community: Soziale, ökonomische und andere diesseitige Fragen stehen nicht im Gegensatz zur spirituellen Praxis. Sie folgen aus ihr.

01.11.2026 Sulaiman Wilms 7 Min. Lesezeit Ausgabe 377
visionen muslime community

Foto: Prostock-Studio/Adobe Stock

(iz). Wenn Allah uns hier und jetzt zusammengeführt hat, was soll durch uns besser, gerechter, schöner und tragfähiger werden? Was will unser Schöpfer von uns, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für ein Handeln?

Stellen wir uns vor, ab morgen würde niemand mehr über Muslime sprechen. Keine Schlagzeilen, Integrationsdebatten oder Rechtfertigungsfragen. Wüssten wir dann, was wir für diese Gesellschaft bauen, verbessern und hinterlassen wollen? Eine Gemeinschaft kann nicht dauerhaft aus der Abwehr leben. Sie muss sich fragen, was sie hervorbringen will.

Zwei Aussagen, die Sayyidat Aisha und Ali ibn Abi Talib zugeschrieben werden, geben hierzu Impulse: „O Allah, halte mich im Wandel“ und „Zeit ist ein zweischneidiges Schwert. 

Entweder du schneidest mit ihr, oder du wirst geschnitten.“ Veränderung ist weder automatisch Fortschritt noch Bedrohung, sondern eine Realität, auf die wir antworten müssen. Zeit eröffnet Möglichkeiten, verlangt Entscheidungen und lässt unterlassene Aufgaben zu späteren Lasten werden.

Jenseits der Abwehr

Negation ist eine notwendige Vorbedingung, aber kein Ort, an dem man bleibt. Ein Kind muss zuerst aufstehen können; damit startet das Gehen. Unser Glaubensbekenntnis beginnt mit einer Verneinung: „Es gibt keinen Gott außer Allah“. Dieses Nein löst uns von falschen Absolutheiten und macht die Ausrichtung auf Allah möglich.

Nach dem 11. September 2001 rückte die Abgrenzung in den Vordergrund unserer Kommunikation. Wir erklärten, dass wir keine Terroristen, Fundamentalisten bzw. „Islamisten“ seien. Leistungen muslimischer Zivilgesellschaft wurden daneben weniger wahrgenommen oder selbstbewusst als eigener Beitrag erzählt.

Abgrenzung ist nötig, so wie es wichtig ist, den Müll hinauszubringen. Aber niemand baut seine Vorstellung vom guten Leben darauf auf. Bis heute sprechen wir zu selten über unsere Möglichkeiten und darüber, wie wir sie nutzen wollen – untereinander wie nach außen.

Die Abwehr von Muslimfeindlichkeit, Diskriminierung und der Instrumentalisierung muslimischen Selbstverständnisses bleibt notwendig. Sie darf aber nicht unser einziges gemeinschaftliches Projekt sein. Eine Identität, die überwiegend auf Verletzung und Abgrenzung reagiert, klebt an dem, wogegen sie sich richtet. Tragfähiger wird sie durch eigene Einrichtungen und eine Praxis, die ausdrückt, wofür wir stehen. Wodurch bestimmt man sich?

Foto: Fadfebrian/Adobe Stock

Die eigene Lage erkennen

Wer sich nicht mit Abwehr begnügen will, muss fragen, wo Veränderung nötig ist und woran wir sie messen. Umgestaltung ist kein Wert an sich. Sie braucht ein positives Ziel und Kenntnis der Lage. Bloßer Zweckoptimismus hilft dabei ebenso wenig wie Panik oder Hypermoralismus.

Wir brauchen einen stabilen Realismus: die Bereitschaft, die Wirklichkeit zu erkennen, ohne angesichts ihrer Schwierigkeiten handlungsunfähig zu werden. Auch dort, wo sie uns enttäuscht, beschämt oder verunsichert. Eine Gemeinschaft wird reif, wenn sie ihre Schwächen benennen kann, ohne ihr Selbstverständnis zu verlieren.

Einer meiner Lehrer hat mir eine Deutung von Sadaqa mitgegeben, die hier weiterhilft. Sie bedeutet nicht nur, etwas zu geben. Sie kann auch meinen, im geeigneten Augenblick das Angemessene zu tun und der Wahrheit eines Moments gerecht zu werden. Verantwortlicher Wandel könnte heißen, das zu tun, was in einer konkreten Lage passend, notwendig und möglich ist. Daraus lassen sich Vorhaben und Ziele entwickeln.

Muslime werden bei „Wandel“ bzw. „Veränderung“ oft zu Recht hellhörig. Zu häufig begegnen ihnen diese Begriffe als Erwartungen von außen. Mir geht es hier nicht um eine „Reform“ oder dergleichen.

Es handelt sich darum, dass die Absichten und das Verhalten in der Welt den Gegebenheiten entsprechen. Wo müssen wir uns korrigieren? Was können wir? Wo liegen Stärken? Wo fehlen Fachwissen, Mittel, Räume, institutionelle Strukturen oder professionelle Zusammenarbeit?

Wir benötigen eine geteilte Wirklichkeitswahrnehmung und müssen uns über Tatsachen verständigen, auch die unbequemen. Dafür brauchen wir Diskursräume, in denen sich Probleme sachlich benennen lassen, ohne reflexhafte Abwehr, persönliche Kränkung oder den Verdacht, Kritik sei automatisch Illoyalität.

intelligenz Repräsentationen

Foto: fotofabrika/Adobe

Eine gemeinsame Richtung finden

Problemdruck allein trägt kein dauerhaftes Engagement. Menschen müssen wissen, was zusammen entstehen soll. Deshalb braucht es eine Vision: als gemeinsame Ausrichtung, nicht als Slogan, Hochglanzbild oder Feindbild. Diese Erzählung verbindet Wohlfahrt, Bildung, Kultur, Nachhaltigkeit, Medien, Moscheearbeit und professionelle Interessenvertretung.

Handlungsfähigkeit entsteht nicht allein durch Geld, große Worte oder die formale Autorität einzelner Personen. Sie wächst dort, wo Menschen sich auf ein Ziel verständigen, Verantwortung übernehmen und Zusagen einlösen. Entscheidend ist, ob wir Leute, Mittel, Ideen und Verpflichtungen so zusammenbringen, dass aus Zugehörigkeit verlässliches gemeinsames Handeln wird.

Welche Aspekte stehen uns dafür zur Verfügung? In Teilen der Community gibt es eine Neigung zur „Selbstverzwergung“: Wir seien zu klein, zu schwach oder zu schlecht ausgestattet, um etwas zu bewegen. Daneben steht mitunter die Erwartung, die Gesellschaft müsse unsere Anliegen aufgreifen und Angebote schaffen, während wir Ansprüche formulieren.

Beides greift zu kurz. Es gibt intellektuelle, personelle, räumliche und materielle Ressourcen. Sie sind ungleich verteilt und nicht automatisch für gemeinsame Zwecke verfügbar. Damit will ich bestehende Angebote für Muslime nicht kleinreden. Hier interessiert mich, was der Allgemeinheit zugutekommen kann.

Institutionen, die bleiben

Eine erste Aufgabe ist der Aufbau tragfähiger zivilgesellschaftlicher Einrichtungen. Die muslimische Geschichte des Stiftungswesens zeigt, dass religiöse Bindung und dauerhafte gemeinnützige Arbeit zusammengehören können.

Hiesige Formen wie Genossenschaften können ebenfalls helfen, Menschen, Mittel und Verantwortung zu bündeln, etwa beim Wohnen. Es zählt nicht die Zahl der Organisationen, sondern ob sie ihre Aufgabe erfüllen und bestehen bleiben, wenn einzelne Engagierte sich zurückziehen.

Ein zweites Feld ist die Sorge für Mitmenschen in schwierigen Lebenslagen. Spendenbereitschaft ist wertvoll, schafft aber allein noch keine zuverlässige soziale Infrastruktur. Die Deutschlandprojekte von Islamic Relief zeigen: Muslimisches Engagement gilt auch Personen vor unserer Haustür, nicht nur Notlagen andernorts. 

Arme, Kranke, Obdachlose und Ältere benötigen keine große Zukunftsrede. Sie brauchen Menschen und Einrichtungen, die verlässlich da sind. Eine Suppenküche kann ein Anfang sein; Sozialberatung, Betreuung, Gesundheits- oder Bildungsangebote können folgen.

Foto: Amaliah.com

Platz für die Nachbarschaft

Moscheen, Kulturzentren und andere Immobilien sind mehr als Besitz bzw. Veranstaltungsorte. Sie können einer Mitwelt dienen. Wo Räume unter der Woche frei bleiben, ließe sich prüfen, ob Beratung, Lernangebote oder Begegnungen möglich wären. Das verlangt Personal und geeignete Bedingungen. Es beginnt mit der Frage: Wem könnten diese Räume noch dienen?

Hinzu kommt der schonende Umgang mit Ressourcen und Allahs Schöpfung. NourEnergy e. V. hat mit dem Reader „Halal & Tayyib“ gezeigt, wie sich die Frage nach dem Erlaubten um die zu einem verantwortlichen Lebensstil erweitern lässt. Daraus können kleine, überprüfbare Schritte folgen: den Energieverbrauch eigener Gebäude untersuchen, Verschwendung bei Veranstaltungen reduzieren, Beschaffung und Abläufe überdenken. Jede Gemeinde kann mit einer Frage anfangen: Wo können wir etwas ändern?

Vielleicht verfügt eine Moschee über eine wenig genutzte Außenfläche. Wo die örtlichen Bedingungen es erlauben, könnte daraus ein Nachbarschaftsgarten entstehen. Gemeindemitglieder und Nachbarn würden gemeinsam pflanzen, ernten und miteinander sprechen.

Als Beteiligte, nicht nur Gäste einer Veranstaltung. Kontakte zu Gärtnereien, Erzeugern, Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung oder Einrichtungen, die Lebensmittel weitergeben, könnten hinzukommen. Der Garten wäre kein isoliertes Umweltprojekt, sondern ein Ausgangspunkt für Beziehungen im Stadtteil.

Verantwortung weitergeben

Solche Vorhaben brauchen Räume, Geld, Wissen und gute Konzepte. Aber wer hält sie lebendig, wenn die heutigen Engagierten ihre Aufgaben abgeben? Manche Früchte unserer Arbeit werden erst spätere Generationen ernten. Deshalb müssen wir fragen, ob die Generationen nach uns ein Projekt übernehmen, verändern und weiterführen können.

Junge Menschen lediglich zur Mitarbeit einzuladen, reicht dafür nicht. Wir müssen ihnen Aufgaben zutrauen, Entscheidungen erklären, Fehler gemeinsam auswerten und Raum für eigene Lösungen lassen.

Mentoring heißt, Erfahrung, Wissen und Kontakte weiterzugeben. Das kostet Zeit und Ressourcen. Führung ist kein Status, den man erwirbt und möglichst lange behält. Sie ist eine Amana: eine anvertraute Aufgabe, für die man vor Allah Verantwortung trägt. Dazu gehört, andere auf ihre Übernahme vorzubereiten.

Mohammed Jimoh und Nadir Moubarrid, die Gründer der Amana Akademie, setzen an diesem Punkt an. Ihr geplantes Angebot soll ehrenamtlich getragenen und unabhängigen Institutionen helfen, Führung, Kommunikation und Organisationsentwicklung systematisch zu lernen, verbunden mit islamischen Prinzipien.

Wer leitet, muss Aufgaben verteilen, Konflikte bearbeiten, verbindlich kommunizieren und eine Einrichtung so organisieren können, dass sie ihren Zweck erfüllt.

Unsere Vielfalt müssen wir dafür nicht beseitigen. Als Gemeinschaft sind wir verbunden. Daraus muss tragfähige Zusammenarbeit werden, über Gemeinden, Generationen und Tätigkeitsfelder hinweg. Eine Vision wird sich nicht allein in Worten zeigen.

Sie liegt in den Institutionen, die wir aufbauen, in der Nachbarschaft, für die wir Verantwortung übernehmen, und in den Menschen, die diese Arbeit nach uns weitertragen können. Eine Vision wird glaubwürdig, wenn wir sie weitergeben.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert