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Alternativen & Innovationen: Neue Köpfe mit guten Ideen

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Überall in der muslimischen Welt gibt es Potenziale für gute Ideen, Innovationen und einen Wandel. Es lohnt sich, sie zu fördern. (iz). Einfluss wird oft mit Ämtern, Vermögen oder Reichweite […]

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Autoritarismus in der islamischen Welt

Autoritarismus islam muslime

Woher rührt Autoritarismus in der islamischen Welt? Ahmet Kuru sucht die Ursachen nicht im Islam selbst, sondern in historischen Bündnissen von Staat und Religionsgelehrten. Sein Buch fordert Muslime zu einer selbstkritischen Debatte über Macht, Denken und gesellschaftliche Erneuerung auf

Ahmet Kurus Werk „İslam, Otoriterlik ve Geri Kalmışlık“ („Islam, Autoritarismus und Unterentwicklung Ein globaler und historischer Vergleich“) gehört zu den bemerkenswertesten Arbeiten der vergangenen Jahre, die sich mit den politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Problemen der islamischen Welt auseinandersetzen. Von Dr. Muhammed Yüksel

Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Es hat nicht nur in akademischen Kreisen, sondern auch unter muslimischen Intellektuellen wichtige Debatten ausgelöst.

Der wesentliche Grund dafür liegt darin, dass der Autor versucht, die Problematik zunächst anhand der eigenen historischen Erfahrungen muslimischer Gesellschaften zu erklären, anstatt sie primär auf äußere Faktoren zurückzuführen. Er hat sich nicht auf die bequeme Erklärung zurückgezogen, die Ursachen der Probleme ausschließlich bei äußeren Mächten zu suchen.

Foto: US-DoS/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Kurus zentrale These lautet, dass der Islam seinem Wesen nach keine Religion ist, die Autoritarismus oder Rückständigkeit hervorbringt. Seiner Auffassung nach liegt das eigentliche Problem in dem Bündnis zwischen den Religionsgelehrten (Ulama) und dem Staat, das sich im Laufe der Geschichte herausbildete und insbesondere ab dem 11. Jahrhundert an Einfluss gewann.

Der Autor verweist darauf, dass es in den ersten Jahrhunderten des Islam ein vergleichsweise unabhängigeres Gelehrtenmilieu, ein lebendiges Handelsleben und Raum für unterschiedliche Ideen gab. Als Beispiele nennt er unter anderem zahlreiche Gelehrte, allen voran Abu Hanifa.

Im Laufe der Zeit habe jedoch die enge Verbindung zwischen politischer Macht und religiösen Autoritäten das freie Denken, die wissenschaftliche Produktion und die wirtschaftliche Dynamik geschwächt.

Infolgedessen hätten muslimische Gesellschaften ihre führende Stellung in der Weltgeschichte verloren und seien zunehmend in eine von autoritäreren Herrschaftsformen geprägte Struktur gedrängt worden.

Eine der größten Stärken des Buches besteht darin, dass es die Gewohnheit hinterfragt, die Probleme, mit denen Muslime konfrontiert sind, ständig durch äußere Einflüsse zu erklären.

muslime nation

Foto: Murtaza Ali/Shutterstock

Kuru erkennt zwar den Einfluss von Kolonialismus, Imperialismus und den heutigen globalen Machtverhältnissen an, erinnert jedoch daran, dass die innere Selbstkritik nicht vernachlässigt werden darf.

Dieser Ansatz steht letztlich auch im Einklang mit dem ethischen Verständnis des Islam, das den Menschen und die Gesellschaft dazu aufruft, sich fortwährend selbst zur Rechenschaft zu ziehen.

Das Buch hat allerdings auch Seiten, die Anlass zur Kritik geben. Vor allem bezeichnet die islamische Welt einen weitläufigen Raum mit sehr unterschiedlichen historischen und kulturellen Erfahrungen.

Daher ist es schwierig, ein einziges Erklärungsmodell auf alle Regionen und Epochen anzuwenden. Auch der Eindruck, die Gelehrtenschicht habe im Laufe der Geschichte ausschließlich die politische Autorität legitimiert, erscheint nicht in jeder Hinsicht gerecht.

So konnten beispielsweise auch nach dem 11. Jahrhundert Persönlichkeiten wie Izz ad-Din ibn Abd as-Salam und Ibn Taymiyya, wenn nötig, der politischen Autorität entgegentreten und damit zeigen, dass die wissenschaftliche Unabhängigkeit keineswegs vollständig verschwunden war.

Foto: channel1eg/Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 3.0

Diese Beispiele beseitigen jedoch nicht die Frage, ob der von Kuru beschriebene allgemeine Trend oder vielmehr die Ausnahmen ausschlaggebender waren.

Letztlich wirft Ahmet Kurus Buch, auch wenn seine Thesen allesamt diskutierbar sind, wichtige Fragen auf. Was Muslime heute brauchen, ist nicht, diesen Fragen mit Wut oder einer defensiven Haltung zu begegnen.

Vielmehr geht es darum, sie selbstbewusst zu prüfen und zu bewerten. Denn Kulturen können nur dann wieder aufsteigen, wenn sie den Mut aufbringen, ihre eigenen Schwächen anzuerkennen.

Dr. Muhammed Mustafa Yüksel lebt derzeit in Köln. Er arbeitete drei Jahre an der Goethe-Universität in Frankfurt als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seine Promotionsarbeit trägt den Titel „Zwei zeitgenössische liberale Abhandlungen über die politische Autorität Muhammads. Mehmed Seyyid Bey und ‘Ali ‘Abd ar-Raziq“. In dieser geht er der Frage nach, ob das Kalifat eine göttliche Institution oder ein menschliches Machtgebilde ist. Sie erscheint 2026 im Verlag Dr. Kovač, einem Fachverlag für wissenschaftliche Literatur.

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Muslim und die Politik: Ein dritter Raum jenseits der Extreme

muslim politik

Muss ein Muslim sich aus Politik heraushalten – oder jede politische Debatte zur Glaubenspflicht machen? Der Beitrag sucht einen dritten Raum jenseits von Extremen: für verantwortliches Handeln, das Gerechtigkeit anstrebt, ohne sich Ideologien oder kurzfristiger Empörung zu unterwerfen.

(iz). Die Frage, ob und wie wir uns mit Politik beschäftigen sollten oder dürfen, ist nicht nur Gegenstand der öffentlichen Debatte um den „politischen Islam“. In unseren Gemeinschaften in Deutschland gibt es darauf keine einheitliche Antwort.

Natürlich erschöpft sich das Spektrum nicht in solchen Idealtypen. Das verwundert nicht, da Muslime im komplexen Alltag für sie relevante Fragen häufig kontext- und situationsbezogen entscheiden. Das Thema ist nicht akademisch; sondern berührt bspw. Debatten um einen „politischen Islam“.

Betrachtet man die innermuslimischen und öffentlichen Stellungnahmen grob, so lassen sich vor allem zwei Haltungen unterscheiden, die entweder als „apolitisch“ oder „politisch“ verstanden werden können. Die erste tritt in unterschiedlichen Varianten auf.

Für die einen ist selbst die Teilnahme an den „banalen“ Wahlen zum Ausländerbeirat etwas, das Muslime aus religiösen Gründen nicht tun dürften. Eine andere Meinung ist, dass der „Islam nicht politisch“ sei. Auch diese Aussage bleibt auf den Politikbegriff bezogen, von dem sie Allahs Din abgrenzen will.

Foto: Dirk vchalup, Adobe Stock

Die Gegenposition lässt sich auf die Vorstellung herunterbrechen, wir seien qua unserer Religion – und nicht primär als Bürger – zu spezifischen Einstellungen verpflichtet und müssten uns dementsprechend engagieren oder positionieren. Einige leiten daraus eine Pflicht ab, sich parteipolitisch bzw. sozial einzubringen.

In gewisser Weise folgen manche prominenten Kritiker des „politischen Islam“ dieser Logik, indem sie Muslimen vorschreiben, welche gesellschaftliche Bedeutung ihr Glaube haben darf. Die dominante Ausformung in der Community ist der im Westen bekannte Aktivismus – und dieser greift bisweilen auf überkommene ideologische Versatzstücke zurück.

Wenn wir den Islam als rechtlich definierte Lebenspraxis verstehen, zu der „ein Verstricktsein in der Welt“ (siehe M.S. Murtaza in dieser Ausgabe) bei gleichzeitiger, eindeutiger Transzendenz gehören, eröffnen sich dritte Räume, statt dass wir uns zwischen den Idealtypen einrichten.

Der Zugang wird erst produktiv, wenn wir sowohl die Zurückweisung wie die Übernahme gegenwärtiger Politikbegriffe hinterfragen. All diese Varianten der skizzierten Haltungen bleiben in ihrem Politikbild heutigen Verständnissen verhaftet. Der Unterschied besteht darin, ob sie diese ablehnen oder annehmen.

Gleichzeitig unterwerfen sie das, was Allahs Din über die individuelle Dimension der ‘Ibada hinaus ist, dem Blick durch eine politische Brille. Denkerisch sind sie dem Dilemma von Subjekt bzw. Objekt verbunden. Ebenso fragwürdig ist die häufig anzutreffende Vorstellung, aus dem Muslimsein ließen sich zwingend spezifische Positionen als Norm ableiten.

Foto: IZ Medien | Lizenz: eigenes Material

Dabei gerät eine positive Dimension aus dem Blick: die durchaus als „politisch“ zu verstehenden Praktiken muslimischer Lebensweise. Viele der hier vertretenen Ansichten greifen auf kein eigenständiges Verständnis von „Politik“ zurück, sondern übernehmen dominante Kategorien.

In gemeinschaftlicher Praxis finden sich Momente, die sich als „politisch“ erkennen lassen. So kann eine theologisch fundierte Khutba mit konkretem Ortsbezug für eine Moscheegemeinschaft lokalpolitische Relevanz gewinnen. Und die korrekte Verteilung der Zakat setzt eine anerkannte lokale Autorität voraus.

Die reale, sich uns stellende Frage lautet: Wie können wir als Muslime in dieser Zeit leben und dabei auf Transzendenz ausgerichtet bleiben? Und wie können wir neben der Hoffnung auf das Jenseits unser Handeln in dieser Welt abseits eines bloßen Pietismus und von Ideologien gestalten?

Imam Dawud Walid legte mit „Towards Sacred Activism“ vor einigen Jahren einen Begriff sowie einen Orientierungsrahmen für ein religiös begründetes Engagement vor.

Bei ihm meint der Begriff kein Programm zur „Islamisierung“ moderner Politik und keinen Rückzug aus den Zeitfragen. Vielmehr ist ein Einsatz für Gerechtigkeit gemeint, der sich nicht dem Aktivismus als Weltsicht unterwirft.

Ausgangspunkt ist nicht die Frage, welche Haltung in weltanschaulichen Milieus Anerkennung findet, sondern was Allah gebietet, was dem Menschen zusteht und welche Mittel dem eigenen Handeln gesetzt sind.

Sadaqa

Foto: Muslimfoodbank.com

Daher ist für Walid die Kritik von Unrecht nicht beliebig. Sie gehört in den weiteren Zusammenhang, Gutes zu fördern und Verwerfliches zurückzuweisen. Es genügt nicht, sich einem Anliegen anzuschließen, nur weil es öffentlich als gerecht gilt. 

Wer handelt, sollte die Sache prüfen, ihre Folgen bedenken, Wissen einholen und Beratung suchen. Gute Absichten entbinden uns nicht von der Frage, ob Ziel, Sprache, Bündnis und Methode mit Allahs Din vereinbar sind.

Der Text richtet sich damit ebenso gegen ideologische Vereinnahmung wie moralische Selbstgewissheit. Der Aktivist soll nicht nur ungerechte Verhältnisse kritisieren, sondern auch das eigene Ego, die Motive und die Neigung zu Härte, Eitelkeit und Empörung prüfen.

Es geht nicht darum, jegliche Kontroverse sofort zu kommentieren oder um jeden Preis sichtbar zu sein. Geduld, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und die Bereitschaft zur Vergebung gehören für Walid zum Handeln selbst.

Entscheidend ist für den Autor, dass Erfolg nicht mit dem politischen Ergebnis identisch ist. Der Mensch ist verpflichtet, das ihm Mögliche zu tun; über Ausgang und Wirkung verfügt Allah.

Diese Bindung an Transzendenz soll verhindern, dass soziales Engagement in Verbitterung, Verzweiflung oder die Rechtfertigung unzulässiger Mittel umschlägt. So wäre „Sacred activism“ eine Praxis, die in der Welt steht, ohne ihr ihren letzten Maßstab zu überlassen.

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Berlin vor der Wahl: Braucht die Hauptstadt einen Mamdani?

berlin wahl muslime

Muslimische Wähler im Fokus, migrantisch geprägte Kandidaten auf dem Podium: Bei einer Berliner Wahlarena prallen Sicherheitsrhetorik, Rassismuserfahrungen und soziale Fragen aufeinander. Gesucht wurde nicht nur ein ein hauptstädtischer Mamdani – ebenso eine Politik, die bei Mieten, Bildung, Moscheen und Zugehörigkeit endlich liefert.

(iz). Berlin diskutiert im Wahlkampf gern über die großen Worte: Sicherheit, Freiheit, Zusammenhalt, Vielfalt. In den Räumlichkeiten der Stiftung Islam in Deutschland (IID) wurden sie an diesem Abend auf ihre konkrete Bedeutung hin befragt. Auch für viele Muslime ist Politik nicht zuerst eine abstrakte Auseinandersetzung über Programme.

Geladen zu der lebendigen Diskussion hat der Thinktank „Zeitenwende“. Die Denkfabrik hatte das Konzept und Programm der Veranstaltung erarbeitet.

Sie trifft die Frage, ob man mit Kopftuch unbehelligt U-Bahn fahren kann; ob Gemeinden ihre Räume finanzieren und Imame ausbilden können; ob sich jemand zu Gaza äußert, ohne berufliche Nachteile zu befürchten; ob die eigene Religion als normaler Teil der Stadt oder als Sicherheitsproblem erscheint. Und sie berührt, ganz profan, Mieten, Schulen, Müll und die Zukunft der Kieze.

„Braucht Berlin einen Zohran Mamdani?“

Unter dem Titel „Braucht Berlin einen Zohran Mamdani?“ hatte die Stiftung Islam in Deutschland am 09.09. zu einer Wahlarena eingeladen. Auf dem Podium saßen Abdullah Abed (CDU), Dr. Michael Lüders (BSW), Paul Loeper (Volt), Rouzbeh Taheri (Die Linke), Dr. Batuhan Temiz (FDP) und Joachim Rahmann (SPD).

Moderator war Aiman Mazyek. Er führte durch eine Diskussion, die zugleich Wahlkampf, Selbstbefragung der Parteien und ein Stimmungsbild aus Teilen der muslimischen Stadtgesellschaft war.

Die Antwort auf die Titelfrage blieb offen. Doch schon die Frage selbst erwies sich als aufschlussreich. Gesucht wurde weniger eine lokale Kopie des New Yorker Bürgermeisters als ein Politikstil, der soziale Probleme konkret benennt, soziale Gruppen nicht nur verwaltet, sondern anspricht, und bei Konflikten nicht ausweicht.

Damit war das Gespräch rasch bei den eigentlichen Fragen angekommen: Wie kann Politik Muslime als Wähler zurückgewinnen? Wie lässt sich Muslimfeindlichkeit bekämpfen, ohne realen Extremismus zu verharmlosen? Und was passiert, wenn die alltäglichen Interessen einer vielfältigen Stadt mit den großen außenpolitischen Konflikten zusammentreffen?

Screenshot: IID e.V./YouTube

Lebhafter Austausch nicht nur als Kulisse

Die Veranstaltung stand im Kontext eines Dialogverständnisses, das die Stiftung Islam in Deutschland auf ihrer Website weiter fasst als die klassische Podiumsdiskussion.

„Dialog“ soll demnach nicht bei Events enden, vielmehr in Kooperationen münden: in bildungspolitische Arbeit, soziale Projekte, Obdachlosenhilfe, Exkursionen und ein „Netzwerk für das Gute“, das unterschiedliche Akteure zusammenbringt.

Genau diesen Anspruch spiegelte die Wahlarena wider. Sie war nicht als Wahlempfehlung angelegt, sondern als Versuch, Parteien vor einem Publikum mit konkreten Fragen rechenschaftspflichtig zu machen.

In seiner kurzen Begrüßung formulierte Imam Abdul Adhim Kamouss den normativen Rahmen: Moscheegemeinden seien nicht nur Orte des Gebets, sondern auch Räume für Bildung, Begegnung und gesellschaftliches Bewusstsein. Muslime dürften nicht Gegenstand politischer Diskussionen bleiben. Sie müssten selbst an ihnen teilnehmen. Der Aufruf war unmissverständlich: informieren, kritisch nachfragen, wählen gehen, Verantwortung übernehmen.

Mazyek griff diesen Gedanken auf und setzte zugleich eine Grenze für den Abend: harte Auseinandersetzung in der Sache, aber keine Beschimpfung von Politikern und Wählern. Das war mehr als eine organisatorische Vorbemerkung.

Es war eine Antwort auf einen Wahlkampf, in dem sich viele Debatten zwischen Alarmismus, gegenseitigen Unterstellungen und dem Gefühl bewegen, über Menschen zu reden, statt mit ihnen.

Wer Begriffe definiert, hat mehr Einfluss

Der erste große Konflikt entzündete sich am Verhältnis von Muslimfeindlichkeit und „politischem Islam“. Auslöser war die CDU-Parole „Freiheit statt Islamismus“, die der Moderator als problematische Nähe zu rechten Sprechweisen ansprach. Abdullah Abed, CDU-Kandidat mit deutsch-irakischer Familiengeschichte und praktizierender Muslim, verteidigte die Botschaft.

Nach einem extremistisch motivierten Anschlag müsse Politik Probleme benennen dürfen. Gemeint wären demnach nicht Muslime insgesamt, sondern „islamistische Strömungen“. Gerade erstere seien von diesen Tendenzen selbst bedroht und müssten deshalb als Partner bei ihrer Bekämpfung gewonnen werden.

Das war der Versuch einer Trennung, die als politisch notwendig gilt, aber sprachlich zugleich heikel ist. Abed argumentierte aus eigener Biografie heraus: Er sei nicht trotz, sondern wegen des christlichen Profils der CDU in die Partei gegangen. 

Das „C“ begreife er als Bezug auf monotheistische Werte und auf eine verfassungsrechtlich gebotene Offenheit des Staates gegenüber allen Religionen. Seine Botschaft lautete: Bemühungen gegen Extremismus dürfe nicht als Kampf gegen Muslime geführt werden- Aber eine Gemeinschaft, die sich aus dieser Auseinandersetzung heraushalte, würde sich selbst schwächen.

Im Saal hing der Einwand, dass Begriffe öffentliche Wirkungen erzeugen, die über die Absicht ihrer Urheber hinausgehen. Mazyek verwies auf Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte: Sicherheitsbehördliche und politische Schlagworte hätten die Entfremdung zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Menschen eher verstärkt.

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Foto: imago | Ina Peek

Rouzbeh Taheri von der Linken griff diese Kritik auf: Warum, fragte er, spreche man bei anderen Religionen nicht in vergleichbarer Weise von „Christianismus“ oder „Judaismus“? Der Begriff „Islamismus“ könne in der öffentlichen Wahrnehmung Islam und Fundamentalismus zu eng zusammenschieben und so die muslimische Bevölkerung unter Generalverdacht stellen.

Joachim Rahmann von der SPD suchte eine vermittelnde, aber nicht folgenlose Formel. Erfahrungen von antimuslimischem Rassismus dürften nicht kleingeredet werden. Frauen mit Kopftuch würden angepöbelt, Jugendlichen werde Zugehörigkeit abgesprochen, und frühere Neuköllner Debatten hätten teils schwere Radikalisierungsfälle und alltägliche religiöse Praxis in problematischer Weise vermengt.

Zugleich dürfe man die Motive von Tätern nicht wegdefinieren, wenn sie sich auf diese Religion beriefen. Der SPD-Vertreter schlug vor, präziser zu sprechen: etwa von Terrorismus durch Personen, die sich auf den Islam beziehen, statt sie selbst als Erklärungsmuster voranzustellen.

Die Differenz war damit sichtbar: Alle auf dem Podium bekannten sich zur Verhinderung von extremistischer Gewalt. Aber sie stritten darüber, ob die herrschende Sprache diese ermöglicht oder zugleich die Gruppe stigmatisiert, deren Mitarbeit sie einfordert.

Längst nicht mehr nur Thema, vielmehr auf eine Wählerschaft

Hinter dieser Sprachdebatte stand eine wahlpolitische Frage. Mazyek erinnerte daran, dass muslimische Wähler in Berlin keine Randgröße sind. Zugleich sei das Vertrauen in Parteien fragil.

Wer die AfD kleinhalten wolle, müsse verstehen, dass sie Unzufriedenheit nicht nur ausdrücke, sondern organisiere. Das war eine These, die auch BSW-Vertreter Lüders aufgriff; allerdings mit einer anderen politischen Schlussfolgerung.

Der Spitzenkandidat des Bündnisses erklärte den Aufstieg der AfD vor allem mit sozialer Unsicherheit, wirtschaftlichem Niedergang und dem Gefühl vieler Menschen, von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten zu werden.

Die AfD sei, so Lüders, keineswegs die „Partei der kleinen Leute“, sondern wirtschaftspolitisch neoliberal. Erfolgreich sei sie, weil sie sich als Ventil für Wut und Abstiegsangst inszeniere. In Krisen würden Minderheiten zu Sündenböcken. Heute treffe dies besonders Muslime.

Er räumte zunächst offensiv ein, dass seine Partei mit seinem Abstimmungsverhalten vor der Bundestagswahl und in der Vergangenheit Fehler gemacht habe. Die wiederkehrende Vermutung einer Zusammenarbeit mit der AfD wies er entschieden zurück. Es gebe keine programmatische Gemeinsamkeit; Versuche einzelner Parteimitglieder, sich migrationspolitisch an die AfD anzulehnen, seien aus seiner Sicht ein Irrweg.

Der Linken-Vertreter Taheri nahm ihm diese Entlastung nicht ab. Er warf dem BSW vor, in Sachsen-Anhalt mit gefährlichen Machtoptionen zu spielen. Seine Kritik galt dabei weniger einer einzelnen Abstimmung als der Frage, ob eine Partei, die sich gegen Rechtsextremismus positioniere, auch taktisch jede Grauzone vermeiden müsse.

Die Auseinandersetzung wurde persönlich, als er Sahra Wagenknecht einen stark personalisierten und opportunistischen Politikstil vorwarf. Lüders konterte mit dem Hinweis auf die Berliner Privatisierungen der frühen 2000er Jahre, an denen SPD und PDS beteiligt gewesen seien: Wer heute als Schutzmacht der Mieter auftrete, müsse sich an dieser Vorgeschichte messen lassen.

Hier zeigte sich ein Muster, das sich durch den Abend zog: Die Parteien stritten nicht nur über Lösungen, sondern stellten zusätzlich Deutungen der Vergangenheit infrage. Wer hat den sozialen Wohnungsbau vernachlässigt? Wer hat Vertrauen verspielt? Wer spricht für jene, die sich im politischen Betrieb nicht mehr wiederfinden?

Mamdani

Foto: Zohran Kwame Mamdani/X

Der Mamdani-Moment: Wohnen, Würde, praktische Politik

Für Paul Loeper (Volt) liegt die Lehre des Mamdani-Vergleichs vor allem im Stil und der Methode. Der Erfolg entstehe nicht durch nachträgliche Wahlkampfanalyse, sondern durch eine glaubwürdige Zukunftserzählung und sichtbare Antworten auf Alltagsprobleme.

Seine Partei wolle deshalb weniger ideologisch argumentieren und stärker auf Lösungen aus anderen europäischen Städten zurückgreifen: Digitalisierung wie europäische Vorbilder, Sauberkeit nach Beispielen aus Wien und Barcelona, Wohnungsbau mit Blick auf Wien und Hamburg, Bildung mit Blick auf Estland.

Das wirkte im Streit über große Begriffe beinahe wie eine bewusste Rückkehr zum Handwerklichen: Was funktioniert? Was lässt sich übertragen? Wie wird aus einer Beschwerde zum Müll eine bessere kommunale Dienstleistung?

Taheri hielt dagegen, dass Wohnen nicht auf Verwaltungsoptimierung reduziert werden könne. Für ihn ist die Mietenfrage eine Machtfrage. Er verwies auf den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“, dessen Nichtumsetzung er als Missachtung eines demokratischen Votums wertete.

In seiner Darstellung gehören hohe und teils rechtswidrige Mieterhöhungen ebenso zur sozialen Realität Berlins wie eine politische Nachsicht gegenüber großen Immobilienunternehmen. Seine Antwort: stärkere Kontrolle, Mieterschutz und die Bereitschaft, große Eigentümer zur Rechenschaft zu ziehen.

Dr. Batuhan Temiz (FDP) setzte einen anderen Akzent. Seine persönliche Geschichte – Berliner, Arzt, Bundeswehroffizier, Muslim mit türkischen Wurzeln – machte ihn an diesem Abend zu einem anschaulichen Gegenbild einfacher Lagerzuordnungen.

Er berichtete von seinem türkischsprachigen Wahlplakat, dessen Wortspiel „Berlin temiz“ zugleich seinen Namen aufgriff und „Berlin soll sauber sein“ bedeutete. Die Reaktionen darauf hätten gezeigt, wie schnell sichtbare Mehrsprachigkeit Irritation und sogar Feindbilder auslösen könne.

Politisch plädierte er für Inklusion, Selbstbewusstsein und Eigentumsbildung. Musliminnen und Muslime sollten ihre Identität nicht verstecken, vielmehr sich als demokratischer Teil dieser Gesellschaft begreifen. Zugleich müssten sie sich von Extremisten abgrenzen.

In der Wohnungsfrage setzt er nicht auf Enteignung, sondern darauf, mehr Menschen den Weg in Eigentum zu eröffnen. Das sein ein Schutz vor dauerhafter Mietabhängigkeit und steigenden Wohnkosten.

Was fehlt, wenn Anerkennung abstrakt bleibt?

Besonders aufschlussreich wurde der Abend, als die Fragen aus dem Publikum die allgemeine Debatte auf konkrete, religiöse Infrastruktur zurückführten. Es ging um die Finanzierung von Moscheen und Gemeindezentren, um Spenden aus dem Ausland, die Ausbildung von Imamen in Deutschland und die Erfahrung, dass muslimische Gemeinden in Fragen von Bildung, Beratung, sozialer Arbeit sowie Bestattung vielfach eigene Strukturen aufbauen müssen.

Lüders antwortete persönlich, eine Imamausbildung solle in Deutschland stattfinden und in den hiesigen sozialen Kontext eingebunden sein. Das frühere Modell, in dem über DITIB-Imame aus der Türkei entsandt wurden, halte er nicht für zukunftsfähig. Ausländische Spenden müssten transparent sein. Langfristig sei es besser, wenn muslimische Gemeinden für ihre gesellschaftliche und religiöse Arbeit tragfähige Finanzierungsmöglichkeiten in Deutschland fänden.

Darin mag ein stiller Kern der Diskussion liegen: Anerkennung entscheidet sich nicht nur an Symbolen und Sonntagsreden. Sie zeigt sich an Ausbildung, Finanzierung, Räumen, Seelsorge, sozialer Beratung, Religionsunterricht, Friedhofsfragen und Bestattung.

Wer muslimisches Leben als selbstverständlichen Teil Deutschlands bezeichnet, muss beantworten können, wie dessen Institutionen dauerhaft und gleichberechtigt funktionieren sollen. Die Arena stellte diese Fragen; umfassende parteipolitische Antworten blieben an diesem Abend eher punktuell.

politik muslime entfremdet

Grafik: IZ (Foto: Adobe Stock) | Lizenz: Adobe Stock, erworben

Zu viele Differenzen für Harmonie

Am Ende blieb kein harmonisches Bild. Zu unterschiedlich waren die Antworten auf Eigentum sowie Vergesellschaftung, auf Sicherheitsvokabular oder Antidiskriminierungssprache, auf deutsche Nahostpolitik und die richtige Strategie gegen die AfD.

Für viele dürfte das den Abend aufschlussreich gemacht haben, weil sie so die Chance erhielten, die politische Landschaft ihrer Heimatstadt differenziert wahrzunehmen.

Die Diskussion zeigte, dass muslimische Berliner nicht auf ein einziges Thema reduziert werden können und sich ebenso wenig auf eine Partei festlegen lassen. Sie sind Mieter, Eltern, Unternehmerinnen, Beschäftigte, Gemeindemitglieder, junge Wähler, Sicherheitsbedienstete, Ärztinnen, Studenten und Nachbarn.

Sie wollen Schulplätze, Ausbildung, Beerdigungsmöglichkeiten, sichtbare Anerkennung, Schutz vor Rassismus und eine Stadt, die funktioniert – vom Gehweg bis zur Wohnung.

Wer Wählerschaften – beileibe nicht nur Muslime – gewinnen will, wird mehr anbieten müssen als Symbolpolitik und Krisensprache. Er oder sie ist gezwungen zu zeigen, wie aus dem oft beschworenen „Miteinander“ belastbare Strukturen werden: faire Repräsentation, funktionierende Verwaltung, bezahlbares Wohnen, Schutz vor Diskriminierung, eine differenzierte Sprache und ein ernsthaftes Gespräch über die Fragen, die Menschen umtreiben.

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Tipps & Tricks: Was tun für gute Nachbarschaft?

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Der Kontakt und das gute Verhältnis zur Nachbarschaft gehört zu den wichtigen sozialen Tugenden im Islam. „Jibril (der Engel Gabriel) hat mir so lange den Nachbarn ans Herz gelegt, bis […]

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Wie sollten Muslime Nationalismus verstehen?

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Der Nationalstaat, bei dem ein bestimmtes Volk mit einer souveränen territorialen Einheit verbunden wird, ist ein modernes Phänomen. (iz). So schlossen sich beispielsweise die italienischen Stadtstaaten erst Ende der 1850er […]

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Das Denken in der Moderne

denken moderne heidegger

Die Lage der Muslime in der Moderne zeigt, warum Denken unverzichtbar ist. Wer die komplexen Argumentationsketten des Qur’ans, der Rechtslehre und der Theologie nachvollziehen will, muss wissen und denken können.

(iz). Martin Heideggers Vorlesung „Was heißt Denken?“ (1951/52) ist ein produktiver Ausgangspunkt für eine Diagnose der Gegenwart. Sie stellt die unbequeme Frage, ob eine Epoche voller Wissen, Methoden und Informationen deshalb schon eine denkende Epoche ist.

Sein Diktum, die Wissenschaft denke nicht, ist dabei nicht als primitive Geringschätzung der Wissenschaft zu lesen, sondern als Hinweis auf ihre methodische Begrenzung: Wissenschaft erklärt Gegenstände, aber sie fragt nicht notwendig nach dem Wesen des Denkens selbst.

Heidegger verbindet diese Provokation mit einer zweiten, die für das Verhältnis von Philosophie und Religion wichtig ist. Wenn der Logos nicht notwendig die Religion gefährdet, dann deshalb, weil Denken den Glauben nicht zerstören muss, sondern ihn vielmehr vor gedankenloser Verfestigung, ideologischer Verkrustung und leerer Wiederholung bewahren kann. Der entscheidende Satz Heideggers kreist um diese Phänomene: „Das Bedenklichste unserer bedenklichen Zeit ist, dass wir noch nicht denken.“

Foto: German Vizulis/Shutterstock

Nicht Wissensmangel ist das Grundproblem, sondern das Ausbleiben einer tieferen Besinnung auf das, was Wissen, Handeln und Urteilskraft überhaupt tragen soll. Für zivilgesellschaftliche Akteure wird es darum gehen, entsprechende Denkräume, die eine offene Debatte rund um die Herausforderungen unserer Zeit ermöglichen, zu etablieren.

Es versteht sich an diesem Punkt von selbst, Heidegger nicht unkritisch zu übernehmen. Die Debatte um seine philosophischen Tagebücher, die „Schwarzen Hefte“, hat mit neuer Schärfe gezeigt, dass seine Philosophie nicht einfach von seiner politischen Verstrickung in den Nationalsozialismus getrennt werden kann.

Der Philosoph Markus Gabriel hat – in seinem Luzerner Vortrag – mit Recht auf die biographischen Verfehlungen hingewiesen und eine Entmystifizierung Heideggers angeregt. Mit Wortspielen wie „Denken ist Danken“ kann der KI-Philosoph wenig anfangen. Wer vom Wesen des Denkens spricht, ist nicht von der Pflicht entbunden, die eigenen ideologischen Blindheiten zu prüfen.

Diese Debatte, die Gabriel anstößt, ist für die Gegenwart fruchtbar, weil sie daran erinnert, dass auch die Klage über das bloß „rechnende Denken“ selbst in einen Mythos umschlagen kann, wenn sie sich gegen Aufklärung, Öffentlichkeit oder überprüfbare Rationalität abschließt.

Nichtsdestotrotz stellen sich die Fragen, die Heidegger aufruft, nach dem Ereignis der Künstlichen Intelligenz heute in verschärfter Form. Denkt die KI? Wie verhalten wir uns zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, die eine Verarmung der Denkkapazität von Nutzern belegen?

Rein technisch gesehen verarbeiten KI-Systeme Daten, erkennen Muster, erzeugen Sprache und simulieren Problemlösungen in einer Weise, die menschlichen Denkakten ähneln. Dabei bleibt der Maschine die wesentliche Offenheit des Menschen für überlieferte Weisheit oder plötzliche Eingebung fremd.

KI Islam Kurzmeldungen

Foto: Dorodenkoff/Adobe Stock

Philosophisch ist noch nicht entschieden, was es bedeutet, wenn das Denken auf Informationsverarbeitung reduziert wird. Gerade hier bleibt Heideggers Frage aktuell, auch wenn seine eigene Antwort nicht ausreicht: Wenn Denken mehr ist als Rechnen, dann muss gezeigt werden, worin dieses „Mehr“ besteht, ohne in romantische Technikfeindschaft zurückzufallen.

Vielleicht liegt das Problem weniger in der Nutzung der Intelligenz von Maschinen an sich, solange unsere Verantwortung, Geschichtlichkeit, Selbstdeutung und die Fähigkeit, den eigenen Gebrauch von Begriffen zu befragen, nicht gefährdet wird. Die gedankenlose Nutzung der Technik wäre dann das Bedenkliche.

Von hier aus lässt sich die Krise des Denkens im Informationszeitalter genauer bestimmen. Die Gegenwart leidet nicht an einem Mangel an Daten, sondern an einem Überfluss an unverbundener Information.

Digitale Medien beschleunigen Kommunikation, aber Beschleunigung ersetzt keine Urteilskraft; Bilder ersetzen kein Verstehen und mathematische Wahrscheinlichkeit ersetzt keine Wahrheit.

Das Denken gerät in die Krise, wenn Begriffe nur noch zirkulieren, aber nicht mehr ausgelegt werden, wenn Urteile sofort produziert werden, ohne dass historische, sprachliche und institutionelle Kontexte mitbedacht werden, und wenn technische Systeme Antworten liefern, bevor überhaupt klar ist, was die eigentliche Frage war. Ironischerweise bestätigt die Künstliche Intelligenz nur einen alten Glaubenssatz: je tiefer die Frage, desto besser die Antwort.

An dieser Stelle ist es aufschlussreich, das Verhältnis von Religion und Technik zu bestimmen. Der Islam ist seinen Quellen und seiner Geistesgeschichte nach nicht denkfeindlich. Der Koran setzt Wissen nicht dem Glauben entgegen, sondern der Unwissenheit; die islamische Tradition hat zudem reiche Formen theologischer, juristischer und philosophischer Auslegung hervorgebracht.

Foto: FS-Stock/Adobe

Wer den Islam pauschal als Gegensatz zur Vernunft beschreibt, verfehlt daher bereits die historische und textuelle Komplexität der eigenen Quellen. Gerade im Koran wird immer wieder dazu aufgefordert, den Verstand zu gebrauchen, nachzusinnen und nicht blind zu folgen.

Besonders deutlich ist Sure 13:19, wo gesagt wird, dass nur diejenigen sich mahnen lassen, die Verstand besitzen. In Sure 16:125 wird dazu aufgerufen, mit Weisheit und guter Ermahnung zum Weg Gottes einzuladen und auf beste Weise zu argumentieren. Sure 17:36 mahnt, nichts zu folgen, wovon man kein Wissen hat. Sure 2:170 kritisiert das blinde Festhalten an den Vätern, wenn dieses ohne Verstehen geschieht. Und Sure 38:29 beschreibt den Qur’an als ein gesegnetes Buch, damit über seine Zeichen nachgesonnen werde.

Schon diese kurzen Verweise machen deutlich, dass ein „virtuelles“ Schnellstudium nicht ausreicht, um ein tieferes Verständnis der islamischen Lebenspraxis zu erlangen. Um das stets wachsende Angebot muslimischer Performer zu beurteilen, ihre Hintergründe und Absichten zu verstehen, braucht es die intellektuellen Fähigkeiten, die sie gerade nicht anbieten.

Hier gilt auch der Umkehrschluss: Kritik an der Religion, die auf das Denken verzichtet und versucht, auf Grundlage von Extremen das Verhalten einer ganzen Gruppe festzulegen, mangelt es ebenso an intellektueller Redlichkeit. Man muss hier immer wieder an eine Binsenweisheit erinnern: Das Niveau der Debatte steigt mit dem Bildungsgrad der Beteiligten.

Die Lage der Muslime in der Moderne zeigt, warum Denken unverzichtbar ist. Wer die komplexen Argumentationsketten des Qur’ans, der Rechtslehre und der Theologie nachvollziehen will, muss wissen und denken können. Um Analogien zu bilden, Begriffe in ihren Zusammenhang zu setzen und zwischen Quelle, Auslegung und Praxis zu unterscheiden, genügt weder Frömmigkeit noch Informationsbesitz allein.

Bedenklich ist deshalb, dass viele Akteure heute beide Voraussetzungen nicht mehr selbstverständlich erfüllen: Es fehlt entweder am Wissen über die eigene Tradition oder an der Fähigkeit, dieses Wissen begrifflich, historisch und praktisch zu durchdenken. (Paradox erscheinen heute die zahlreichen Fundamentalisten, die mit ihren Smartphones in der Hand, in den sozialen Medien, vor den Verirrungen der Moderne warnen.)

Gerade darin liegt die Gefahr der Reduzierung des Islam auf Symbole und Schlagworte. Wo Religion nur noch über die Markierung der ethnischen Zugehörigkeit, über Affekte oder über identitäre Symbolik vermittelt wird, verliert sie ihre argumentative Tiefe. Dann tritt an die Stelle des Verstehens die Wiederholung, an die Stelle der Auslegung der Reflex, an die Stelle der Urteilskraft das Lagerdenken.

Ein solcher Kurzschluss beschädigt nicht nur das Bild des Islam in der Öffentlichkeit, sondern auch die innere Fähigkeit der religiösen Tradition, sich selbst verstehend fortzubilden. Über Jahrhunderte waren kluge Muslime damit beschäftigt, einerseits die Grundlagen der Praxis zu bewahren und andererseits die technologischen Entwicklungen ihrer Zeit zu bewerten. 

Religiöse Begriffe sind nie einfach zeitlose Objekte, die man ohne Vermittlung in jede Epoche übertragen könnte. Begriffe wie Staat, Herrschaft, Gemeinschaft, Recht oder Öffentlichkeit tragen historische Lasten und moderne Bedeutungsverschiebungen in sich; sie müssen in ihren jeweiligen Kontexten gelesen werden, wenn religiöse Orientierung nicht zur Ideologie erstarren soll. Denken heißt hier: unterscheiden, historisieren, übersetzen und die Differenz zwischen Quelle, Auslegung und Praxis offenhalten.

Das Schüren von Emotionen mag eine verlässliche Methode zu Steigerung der Follower-Zahlen sein, die Bildung zu einem Verständnis und Erklärung der Bedeutung von geschichtlichen Ereignissen bleibt dabei oft auf der Strecke. 

Foto: zinkevych/Adobe Stock

Damit wird auch verständlich, warum Muslime das Denken nicht verlernen dürfen. Es geht nicht bloß darum, die Tradition gegen äußere Angriffe zu verteidigen, sondern darum, die eigene Lehre gegen innere Verengungen, verkürzte Lesarten und digitale Verzerrungen verstehbar zu halten. Soziale Medien verändern bereits religiöse Autorität, weil sie Aufmerksamkeit anders verteilen.

Die Anwendung der KI wird den religiösen Alltag weiter verändern, weil sie Antworten skaliert, Rituale begleitet, Bildung vermittelt und zugleich den Anschein erzeugt, Interpretation lasse sich automatisieren. Gerade deshalb muss stärker gedacht werden: nicht gegen die Religion, sondern um ihre Texte, ihre Praxis und ihre Gegenwartsfähigkeit verantwortlich zu verstehen.

Über Jahrhunderte war – mit guten Gründen – der persönliche, alltägliche Bezug zu muslimischen Gelehrten unverzichtbar. Heute müssen diese Autoritäten in der Lage sein, die Fragen unserer Zeit zu beantworten und das Denken – gerade der jungen Muslime – zu fördern und nicht zu verhindern.

Der eigentliche Konflikt verläuft daher heute nicht zwischen Religion und Philosophie. Er verläuft zwischen Denken und Gedankenlosigkeit innerhalb der Moderne selbst. Auch Muslime stehen vor derselben Herausforderung wie andere religiöse und nichtreligiöse Menschen: die eigenen Quellen nicht als starre Parolen, sondern als auslegungsbedürftige Sinnräume zu lesen, in denen historische Erfahrung, sprachliche Genauigkeit und gegenwärtige Verantwortung zusammenkommen.

Nur unter dieser Bedingung kann die religiöse Praxis in einer technologisch beschleunigten Welt mehr sein als Identitätsbehauptung oder Weltverneinung. Wer nachdenkt, wird zustimmen, dass sich der Charakter eines jeden Menschen in seinem Verhalten zeigt.

Der Satz, dass wir nicht denken und dass dies das Bedenklichste sei, gewinnt so eine neue Bedeutung. Er bezeichnet nicht nur eine philosophische Lage, sondern eine gemeinsame zivilisatorische Aufgabe. Wo Denken schwindet, gewinnen Ideologien, Automatismen und Ersatzgewissheiten an Macht.

Wo Denken geübt wird, entsteht die Möglichkeit, Texte neu zu verstehen, Technik verantwortlich zu gebrauchen und Glauben von der Möglichkeit der Verhärtung zu befreien. Die Frage nach dem Denken ist daher keine akademische Randfrage, sondern eine Bedingung geistiger Freiheit in der Moderne. Es ist kein Zufall, dass Denkverbote zuverlässig alle denkbaren autoritären Systeme kennzeichnen.

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Muslime nach Anschlag von Berlin: breite Front gegen Hass und Fanatismus

influencer Muslime Berlin Anschlag

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD melden sich im ganzen Land muslimische Verbände, Imame und Religionsgemeinschaften zu Wort.

(iz). Von KRM über IGMG und Schura Hamburg bis zu einzelnen Imamen verurteilen sie die Tat entschieden, stellen klar, dass religiös begründete Gewalt keine Legitimation besitzt, und fordern Prävention statt pauschaler Hetze gegen Muslime.

Was über den Anschlag und Täter bekannt ist

Am späten Abend des 25. Juli 2026 fährt Abdul B., ein 21‑jähriger in Berlin geborener deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund, mit einem Fahrzeug am Rand des Christopher Street Day in eine Menschengruppe im Großen Tiergarten.

Eine Frau kommt ums Leben, mindestens 16 bis 29 Menschen werden verletzt, mehrere zunächst lebensbedrohlich. Der Fahrer verlässt das Fahrzeug und flieht, während Einsatzkräfte sich um Verletzte kümmern und den Bereich sichern.

Die Ermittler fahnden öffentlich nach Abdul B., der den Sicherheitsbehörden als „Gefährder“ bekannt war und der Szene gewaltorientierter Milieus zugerechnet wurde. Polizei und Staatsanwaltschaft betonten, dass Motivlage und mögliche Unterstützer weiter geprüft werden müssen.

Foto: DABLJU/Adobe Stock

Am folgenden Tag wird Abdul B. in einer Kleingartenanlage in Berlin‑Spandau vom SEK gestellt. Nach Angaben der Polizei greift er die Beamten mit einer Stichwaffe an, woraufhin Schüsse fallen. Trotz Reanimationsversuchen stirbt er an den Folgen der Schussverletzungen.

Die Bundesanwaltschaft übernimmt das Verfahren, das als möglicher Terroranschlag gegen die betroffene Community und die Freiheit der gesamten Gesellschaft geführt wird.

Muslime reagieren breit und eindeutig mit Ablehnung

Während Ermittlungsbehörden den bekannten Täter Abdul B. einordneten und nach möglichen Unterstützern suchten, richtete sich der Blick vieler Medien schnell auf die muslimische Bevölkerung insgesamt.

Genau hier setzen die Stellungnahmen von Verbänden, Räten und einzelnen Imamen an: Sie formulieren eine eigenständige, religiös begründete Kritik an Fanatismus und Hass, die sich von polarisierenden Debatten absetzt.

Ramadan Berlin Imame Rat Leitfaden

Foto: Muslimische DiaLogen

„Terror, Hass und Gewalt besitzen keinerlei religiöse Legitimation“

Der Rat Berliner Imame erneuert in einer ausführlichen Pressemitteilung seine Solidarität mit den Opfern, ihren Angehörigen und der queeren Community. Sie schreiben, der Anschlag mache deutlich, „dass religiös begründeter Extremismus, ebenso wie andere Formen des Extremismus und Menschenfeindlichkeit, eine reale Gefahr für unsere Gesellschaft darstellen“.

Zugleich betonen sie: „Terror, Hass und Gewalt besitzen keinerlei religiöse Legitimation“, und wer die Religion benutze, „um Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer Identität, ihrer Überzeugungen oder ihrer Lebensweise auszuüben oder gar zu töten, handelt nicht im Einklang mit den ethischen Grundsätzen unserer Religion“.

Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Schutz des Lebens und Achtung der Menschenwürde werden als zentrale Fundamente des Islam benannt. Besonders hervorheben die Imame die Notwendigkeit der Prävention: Radikalisierung sei „meist das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, der sich heute häufig im Internet und in sozialen Medien vollzieht“.

Entsprechend müsse man junge Menschen früh erreichen, ihnen Orientierung und Perspektiven geben und jene stärken, „die Warnsignale erkennen und Verantwortung übernehmen“.

„Schutz des Lebens als Kern des Glaubens“

Die IGMG reagiert mit einer eigenen Stellungnahme, in der ihr Generalsekretär Ali Mete den Angriff „mit aller Entschiedenheit“ verurteilt. „Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der getöteten Frau, den Verletzten und allen Menschen, die diese Tat miterleben mussten“, erklärt er.

Die menschenverachtende Ideologie des sogenannten „IS“ wird als „fundamentaler Widerspruch zu den Werten des Islams“ bezeichnet. Der Qur’an messe dem Schutz des menschlichen Lebens höchste Bedeutung bei, die Würde jedes Menschen gehöre zu den unveräußerlichen Grundlagen des Glaubens.

Mete sagt dazu: „Wer Menschen angreift, ermordet oder in Angst versetzt, handelt nicht im Namen des Islams, sondern folgt einer menschenverachtenden Wahnideologie. Er missbraucht Religion, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen. Dafür darf es weder religiöse noch politische Entschuldigungen geben.“

Die IGMG begrüßt ausdrücklich die Arbeit der Sicherheits- und Ermittlungsbehörden, warnt aber davor, laufende Ermittlungen „durch Spekulationen oder pauschale Schuldzuweisungen“ zu belasten.

„Wer sich dabei auf den Islam beruft, missbraucht unsere Religion“

Auch die Schura Hamburg, als Zusammenschluss von Moscheegemeinden und islamischen Organisationen, meldet sich zu Wort. Bei einer Solidaritätsveranstaltung für die Opfer erklärt der Vorsitzende Fatih Yildiz, er gedenke der Toten, drücke Verletzten und Angehörigen sein Mitgefühl aus und wende sich gegen den Versuch, Gewalt religiös zu begründen.

Wörtlich wird er mit den Worten zitiert: „Wer Menschen angreift, begeht ein schweres Unrecht. Und wer sich dabei auf den Islam beruft, missbraucht unsere Religion.“

Yildiz unterstreicht, dass die Schura als islamische Religionsgemeinschaft Verantwortung übernehme: „Für Hass, Gewalt und extremistische Ideologien darf es in den muslimischen Gemeinden keinen Platz geben.“ Zugleich weist er hin, dass der Anschlag die gesamte Gesellschaft treffe und Muslime „eine Bevölkerungsgruppe sind, die gerade viel Hass und Hetze abbekommt“.

Der KRM und weitere Verbände schließen sich an

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) und weitere Verbände schließen sich der Linie deutlich formulierter Solidarität und Abgrenzung von religiös begründeter Gewalt an. Sie verurteilen den Anschlag, bekunden Anteilnahme gegenüber der queeren Community und betonen, dass Attacken auf friedlich feiernde Menschen Angriffe auf die Freiheit aller sind.

In verschiedenen Landesstrukturen – etwa in Nordrhein‑Westfalen und Hamburg – wird diese Haltung in Posts und kurzen Mitteilungen wiederholt, in denen Begriffe wie Menschenwürde, Freiheit, Sicherheit und Verantwortung eine zentrale Rolle spielen.

Damit entsteht ein breites Spektrum muslimischer Stimmen, die in Ton und Inhalt ähnlich argumentieren: klare Verurteilung des Anschlags, Betonung der Unvereinbarkeit von Gewalt und islamischen Grundwerten, Solidarität mit den Betroffenen und Warnung vor pauschaler Stigmatisierung.

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