Fabian Goldmann über die deutsche Gaza-Berichterstattung: Nicht der Journalismus, wie er sein sollte

Wie einseitig ist die deutsche Berichterstattung über den Gaza-Krieg? Fabian Goldmann hat mehr als 11.000 Beiträge von „Bild“, „Spiegel“, „Tagesschau“, taz und „Zeit“ ausgewertet. Im IZ-Gespräch erklärt er, warum israelische Opfer darin um ein Vielfaches überrepräsentiert sind und palästinensische Stimmen kaum vorkommen.

30.09.2026 Sulaiman Wilms 17 Min. Lesezeit
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Foto: Marwan Hamou/Shutterstock

(iz). Wie ausgewogen berichten deutsche Medien über Gaza? Der Journalist und Islamwissenschaftler Fabian Goldmann hat mehr als 11.000 Beiträge von „Bild“, „Spiegel“, „Tagesschau“, taz und „Zeit“ systematisch ausgewertet.

In seinem neuen Buch „Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ beschreibt er, wie offizielle israelische Quellen und militärische Sprachmuster die Berichterstattung prägten, während palästinensische Perspektiven und individuelle Schicksale oft unsichtbar blieben.

Im Gespräch erläutert der Autor seine Recherche, die Grenzen großer Medienhäuser – und worauf Leser achten können, um Nachrichten kritischer einzuordnen.

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Foto: IDF Spokesperson’s Unit, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

„Dabei wurde häufig einfach die Sprache des israelischen Militärs übernommen“

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Goldmann, Anfang des Jahres ist Ihr Buch „Staatsräsonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ (mit einem Vorwort von Ilan Pappé) erschienen. Können Sie Ihre Beweggründe und seinen Inhalt umreißen?

Fabian Goldmann: Das Buch kam im Februar heraus. Die dritte Auflage wurde gerade im August verlegt. Ich glaube, auf einigen Websites wird das falsch angezeigt. Tatsächlich ist es bereits sechs Monate auf dem Markt.

Mit dem Thema selbst habe ich mich deutlich früher beschäftigt. Das Schreiben hat etwa anderthalb Jahre gedauert. Unmittelbar nach dem 7. Oktober begann ich mit den ersten Recherchen, weil mir auffiel, dass in unserer Berichterstattung einiges schiefläuft.

Ich habe gemerkt, dass israelische Presseberichte und Verlautbarungen der Armee wiederholt als journalistische Inhalte präsentiert werden. Man stieß auch immer wieder auf Euphemismen wie „begrenzte Bodenoperationen“, „präzise Gegenschläge“ oder „Evakuierungsanordnungen“.

Dabei wurde häufig einfach die Sprache des israelischen Militärs übernommen. Mir fiel auf, dass zum Beispiel in Talkshows auf einmal kaum noch palästinensische Stimmen zu Wort kamen, ebenso nicht in Nachrichtensendungen.

Daher habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Mir war bald klar, dass das Ausmaß der Probleme in unserer Berichterstattung über den sogenannten Nahen Osten so groß ist, dass einzelne journalistische Texte oder Social-Media-Inhalte dem nicht gerecht werden können.

Deshalb lag es nahe, ein Buch darüber zu schreiben.

Das habe ich über einen längeren Zeitraum gemacht. In den vergangenen Jahren habe ich vor allem in Bibliotheken gearbeitet und sehr viele, teils tausende Nachrichtenbeiträge ausgewertet.

Im Wesentlichen gleiche ich in dem Buch die existierende Berichterstattung mit der Frage ab, wie sie eigentlich aussehen sollte. Maßstab sind etablierte journalistische Standards, wie sie in Programmaufträgen, im Medienstaatsvertrag und in Journalismushandbüchern festgehalten sind: Ausgewogenheit, Perspektivenvielfalt, Faktentreue und die Bereitstellung wichtiger historischer, juristischer und politischer Kontexte.

Dabei bin ich durchgehend zu dem Ergebnis gekommen, dass die mediale Vermittlung, wie wir sie seit fast drei Jahren erleben, zum einen wenig mit dem Journalismus zu tun hat, wie er sein sollte. Zum anderen hat sie kaum mit der Realität in Gaza und weiteren Teilen der Region zu tun.

Sie bewegt sich vielmehr sehr stark in einem engen Korridor, der auch den deutschen Diskurs prägt und unter der Überschrift Staatsräson vorgegeben wird: durch die Brille unserer Geschichte, israelischer Sicherheitsinteressen usw.

Zum anderen orientiert sich die Berichterstattung häufig an den Vorgaben der israelischen Armee. Das ließ sich in allen Aspekten und Dimensionen des Themas immer wieder feststellen: Die großen Narrative, aber auch konkrete Angaben zu einzelnen Ereignissen wurden häufig von der Regierung und den Streitkräften übernommen.

Ich wollte ebenso wissen, welche Folgen eine solche mediale Darstellung hat. Journalistinnen und Journalisten sind nicht nur Beobachter, die aufschreiben, was in der Welt passiert. Gerade in einer Demokratie sind sie ebenfalls Akteure.

Sie prägen den politischen Diskurs und Entscheidungen mit. Bestenfalls können sie auf Unrecht und Gewalt hinweisen und dadurch Veränderungen anstoßen. Im schlimmsten Fall können sie all das selbst mit unterstützen.

Foto: Fabian Goldmann

„Besonders freue ich mich über das positive Feedback bei den Lesungen“

Islamische Zeitung: Es wurde unter anderem von der SZ oder dem Fachmagazin „Zenith“ rezensiert. Waren Sie von der bisherigen Resonanz überrascht?

Fabian Goldmann: Mittlerweile gibt es, glaube ich, 13 oder 14 Rezensionen, und fast alle sind sehr positiv, teilweise sogar überschwänglich. Die meisten sind allerdings in linken bzw. alternativen Medien erschienen. Die „Süddeutsche Zeitung“ ist da eine rühmliche Ausnahme.

Von den großen Medienhäusern, gerade von denen, die ich im Buch kritisiere, kam bisher wenig. Das hat mich überrascht. Ich dachte, es würde nach seinem Erscheinen in der Luft zerrissen. Stattdessen wird es von vielen Medien eher ignoriert. Noch mehr überrascht hat mich aber die Resonanz der Leserschaft.

Als es veröffentlicht wurde, war ich mir nicht sicher, ob das Thema noch aktuell genug ist. Ich habe mich gefragt, ob die öffentliche Wahrnehmung und das Interesse nicht längst wieder bei anderen Themen liegen. Zum Glück war das nicht so. Die Verkaufszahlen sind sehr gut.

Die dritte Auflage ist nun erschienen. In den kommenden Wochen kommt das Hörbuch heraus; und rund um das Buch sind weitere Projekte geplant. In den vergangenen Monaten hatte ich knapp 40 Veranstaltungen, die durchweg sehr gut besucht waren.

Besonders freue ich mich über das positive Feedback bei den Lesungen. Das kommt zum Beispiel von Menschen, die unmittelbar betroffen sind oder selbst einen Bezug zu Palästina und der Region haben. Einige erzählen mir, wie viel Mut ihnen das Buch macht und in welchem Maße es sie bestärkt.

Eine große Menge hat offenbar schon länger die vage Ahnung, dass mit unserer Berichterstattung etwas nicht stimmt. Der Text liefert dafür konkrete Zahlen und Argumente. Solche Rückmeldungen freuen mich weit mehr als Buchbesprechungen in Zeitungen.

„Es gibt großartige Beiträge, in fast allen Medien“

Islamische Zeitung: Sie haben in der ersten Antwort von „durchgehend“ gesprochen. Gelten Ihre Erkenntnisse allgemein oder sehen Sie Abstufungen in der Weise, in der über den Gazakrieg geschrieben wurde?

Fabian Goldmann: Das bedeutet natürlich nicht, dass hundert Prozent der Berichte durchgehend einseitig oder irreführend sind. Es gibt großartige Beiträge, in fast allen Medien. Bei Springer würde ich da vielleicht eine Ausnahme machen. Untersucht habe ich „Bild“, den „Spiegel“, die „Tagesschau“, die taz und die „Zeit“.

Es gibt immer wieder einzelne, sehr gut recherchierte Texte, die einen wichtigen Einblick in Verbrechen und Leid in Gaza geben. Sie bleiben jedoch eher ein Ausnahmefall. Mich hat deshalb vor allem interessiert, was der Regelfall ist: Gibt es ein Muster in der Berichterstattung?

Bei sämtlichen Medien, die untersucht wurden, von der „Bild“ bis zur taz, zeigt sich, was ich angesprochen habe: eine starke Orientierung an offiziellen Angaben und Narrativen aus Israel. Besonders deutlich ist das in der Nachrichtenberichterstattung.

Hinzu kommt das häufige Ausblenden palästinensischer und libanesischer Opfer. Israelische Gewaltopfer sind in allen untersuchten Medien um ein Vielfaches überrepräsentiert.

Dabei gibt es durchaus Abstufungen. Das lässt sich etwa an der Berichterstattung über Opfer verdeutlichen. In der „Bild“ sind israelische Opfer, gemessen an der tatsächlichen Gesamtzahl, gegenüber palästinensischen Gewaltopfern um das 96-Fache unverhältnismäßig viel vertreten.

Das ist eine abstrakte Zahl. Sie bedeutet aber, dass palästinensische Opfer dort so gut wie gar nicht vorkommen. Am besten schnitt in dieser Hinsicht die taz ab. Bei ihr waren israelische Opfer nur um das 17-Fache überrepräsentiert.

Auch das ist noch ein krasses Missverhältnis. Damit ist das Spektrum der untersuchten Medien beschrieben. „Spiegel“, „Tagesschau“ und „Zeit“ liegen zwischen beiden Polen.

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„Mir ging es darum, empirisch fundiert und systematisch vorzugehen“

Islamische Zeitung: Sie haben eben von einer systematischen Auswertung gesprochen. Die wenigsten kommen aus der Medienanalyse. Wie erkennt und erfasst man solche Muster konkret? Arbeitet man dabei, vereinfacht gesagt, mit Kategorien und Strichlisten, oder kommt Technik zum Einsatz? Wie werden einzelne Beiträge eingestuft und ausgewertet?

Fabian Goldmann: Gut, dass Sie das ansprechen, denn das war mir wichtig. Ich wollte nicht bloß ein paar krasse Einzelfälle herausgreifen, daraus zugespitzte Thesen formulieren und eine Polemik oder Streitschrift gegen deutsche Medien schreiben.

Mir ging es darum, empirisch fundiert und systematisch vorzugehen. Dafür muss man zunächst sehr viele Beiträge analysieren. Im Buch stelle ich unterschiedliche Untersuchungen vor. Eine davon umfasst 11.125 Beiträge aus „Bild“, „Spiegel“, „Tagesschau“, taz und „Zeit“ aus dem Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis zum 19. Januar 2025, dem Beginn der kurzzeitigen Waffenruhe.

Nach welchen Kriterien habe ich diese ausgewählt? Die einfache Antwort lautet: Ich habe alle ausgewertet. Es handelt sich also nicht um eine Stichprobe, die für etwas Größeres stellvertretend sein soll, sondern um eine Vollerhebung.

Das Geschehen war enorm dynamisch. Andere Untersuchungen betrachten zum Beispiel nur die ersten drei Wochen. Ich fand, dass das nicht repräsentativ sein kann.

Außerdem wollte ich die Methode für Leserinnen und Leser nachvollziehbar machen, die keine medienwissenschaftliche Ausbildung haben. Bei einer kleinen Auswahl müsste man erst ausführlich begründen, warum etwa 40 Beiträge repräsentativ für 10.000 stehen sollen. Das wäre eine zusätzliche Hürde.

Technisch lief das so: Ich habe die Websites der Medien ausgelesen, also Webscraping betrieben. Alle Beiträge, die in diesem Zeitraum zum Nahostkonflikt erschienen sind, wurden in einer großen Datenbank zusammengeführt. Dafür musste man ein wenig programmieren. Zum Glück hatte ich Unterstützung von Leuten, die sich damit gut auskennen.

Auf Grundlage dieses Datensatzes habe ich unterschiedliche Auswertungen vorgenommen. Eine davon betraf die Quellenauswahl in Nachrichtenbeiträgen. Dafür habe ich die Überschriften der mehr als 11.000 Beiträge untersucht. Titel in Nachrichtenmedien sind meist sachlich formuliert und beziehen sich auf ein konkretes Ereignis.

Ich habe sie den jeweiligen Quellen zugeordnet. Das habe ich zunächst selbst gemacht, anschließend hat eine weitere Person die Zuordnungen überprüft, um mögliche Fehler zu erkennen.

Danach habe ich die Quellen verschiedenen Kategorien zugeordnet: der israelischen Regierung, der Bundesregierung, NGOs, palästinensischen Reporterinnen und Reportern usw. Dabei zeigte sich eindeutig, wie stark israelische Quellen, insbesondere offizielle Quellen, überrepräsentiert sind.

Ein Ergebnis lässt sich gut veranschaulichen: Nimmt man sämtliche Schlagzeilen von „Bild“, „Tagesschau“, „Zeit“ und „Spiegel“, die auf palästinensischen Angaben beruhen, und fasst sie zusammen, also Angaben von Augenzeugen, Reporterinnen und Reportern, der Hamas, der PLO, der palästinensischen Autonomiebehörde oder Ministerien, dann ergibt das einen bestimmten Umfang.

Fügt man sämtliche Schlagzeilen hinzu, die auf Quellen aus Libanon, Syrien, Jemen und Iran beruhen, ebenso die auf Grundlage internationaler Organisationen wie UNO, UNHCR, Welternährungsprogramm oder WHO sowie von humanitären Organisationen und Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen, dann ist dieser gesamte Block nur etwa halb so groß wie die Zahl der Titel, die allein auf Angaben der israelischen Regierung und Armee beruhen. Das hat aus meiner Sicht nichts mit der Quellenvielfalt und sorgfältiger Recherche zu tun, wie sie im Journalismus vorgesehen sind.

Das war nur eine von vielen Untersuchungen. Mit dem Datensatz aus mehr als 11.000 Beiträgen habe ich auch analysiert, was für Bezeichnungen für welche Gewalttaten genutzt werden.

Dabei habe ich zum Beispiel gezählt, wie oft spezifische Worte vorkommen. Das Ergebnis war, dass für israelische Gewalttaten häufig euphemistische Formulierungen verwendet werden, etwa „begrenzte Bodenoperationen“ oder „präziser Spezialangriff“. Für gegen Israel gerichtete Gewalt werden dagegen häufiger dramatisierende Begriffe benutzt, etwa „Großangriff“, „beispiellos barbarisch“ oder „Massaker“.

Das Auslesen der Websites war technisch aufwendig. Die eigentliche Auswertung war dagegen größtenteils Handarbeit, eher klassisch, wie medienwissenschaftliche Untersuchungen vor zehn Jahren oft durchgeführt wurden.

Es gibt inzwischen bessere technische Tools. Aber ein solches System aufzubauen, das zuverlässig und möglichst fehlerfrei arbeitet, wäre für mich aufwendiger gewesen, als die Auswertung händisch vorzunehmen.

Eine weitere Analyse betraf die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“. Es war die erste, die ich überhaupt durchgeführt habe, und ihre Ergebnisse haben mich selbst erschreckt. In diesem Ausmaß hatte ich das zuvor nicht für möglich gehalten.

Auch hier habe ich über einen Zeitraum von 15 Monaten verschiedene Dinge erfasst, unter anderem das Verhältnis zwischen israelischen und palästinensischen Repräsentantinnen und Repräsentanten, die dort zu Wort kamen.

Mehrere Monate lang musste ich suchen, bis überhaupt erstmals ein palästinensischer Vertreter zu sehen war. Israelische Vertreter kamen dagegen fast in jeder Sendung vor, teilweise sogar mehrere in einer Ausgabe.

Erst nach 15 Monaten kam erstmals ein palästinensischer Repräsentant zu Wort. Das hat aus meiner Sicht nichts mit dem Gebot der Ausgewogenheit zu tun, das für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und damit auch die „Tagesschau“ gesetzlich verankert ist.

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Foto: A-One Rawan, Shutterstock

„Bei palästinensischen, libanesischen, iranischen, jemenitischen und syrischen Toten bleiben dagegen häufig nur Zahlen“

Islamische Zeitung: Ihr Buch beschreibt nicht nur falsche oder verkürzte Informationen, sondern zusätzlich eine ungleiche Sichtbarkeit und Empathie gegenüber israelischen und palästinensischen Opfern. Welche journalistischen Routinen tragen Ihrer Ansicht nach am stärksten zu dieser Hierarchie des Mitgefühls bei?

Fabian Goldmann: Sie haben schon vieles richtig angesprochen. Zunächst muss man feststellen, dass von israelischen Opfern sehr viel häufiger berichtet wird als über palästinensische Opfer. Dazu hatte ich gerade Zahlen genannt: Im Durchschnitt waren sie, glaube ich, um das 34- oder 35-Fache überrepräsentiert.

Das ist aber nur der geringste Teil des Problems. Über sie wird auf eine ganz andere Weise berichtet, nämlich viel empathischer. Man hört ihre Namen, sieht ihre Gesichter und liest ihre Geschichten. Man erfährt, was ihnen passiert ist, und erkennt weinende Angehörige am Grab.

Bei palästinensischen, libanesischen, iranischen, jemenitischen und syrischen Toten bleiben dagegen häufig nur Zahlen.

Sie werden oft nur in Hunderterzahlen gemeldet. Am Ende steht dann oft der Hinweis, es handle sich angeblich um Angaben der Hamas, die nicht überprüft werden könnten. Dadurch wird das Leid zusätzlich relativiert, auf Distanz gehalten und entfremdet.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage, über wen überhaupt berichtet wird. Bei der von mir genannten 34-fachen Überrepräsentation habe ich alle Opfer einbezogen. Wenn man genauer hinschaut, zeigt sich hingegen, dass auf israelischer, palästinensischer und libanesischer Seite über unterschiedliche Gruppen von Menschen berichtet wird.

Auf israelischer Seite handelt es sich zu einem sehr großen Teil, in mehr als 90 Prozent der Fälle, um Zivilisten oder um Personen, die als solche dargestellt werden. Auch wenn über Soldaten berichtet wird, erscheinen sie häufig zunächst als Zivilisten.

Man erfährt dann vielleicht erst im fünften Absatz, dass jemand am 7. Oktober aus einem Panzer entführt wurde. Da fragt man sich: Was macht dieser Zivilist dort? Liest man weiter, wird deutlich, dass es sich um Armeeangehörige handelte. Auch in der Bebilderung zeigt sich das. Bei diesen getöteten Soldaten werden häufig sogar Kinderfotos als Aufmacher verwendet.

Bei Menschen, die von israelischer Gewalt betroffen sind, ist die Darstellung ganz anders. Wenn sie überhaupt in den Medien vorkommen, handelt es sich bei palästinensischen Toten in mehr als 60 Prozent der Fälle um sogenannte Terroristen. Das trifft jedoch oft nicht zu.

So werden etwa Journalistinnen und Journalisten, wie wir wissen, häufig ohne Belege als Hamas-Kämpfer dargestellt.

Solche Beiträge erzeugen beim Publikum keine Empathie. Das wird dadurch verstärkt, dass sie als Erfolgsmeldungen präsentiert werden, oft mit einem grimmig blickenden Foto eines angeblichen Hamas-Anhängers.

Bei Menschen aus anderen Ländern war diese Tendenz noch stärker. Bei palästinensischen Todesopfern lag der Anteil der als „Terroristen“ bezeichneten Personen bei über 60 Prozent, bei libanesischen Toten sogar bei mehr als 90. Zivilisten aus dem Libanon kamen in der Berichterstattung der untersuchten Medien damit so gut wie gar nicht vor.

Und wenn sie vorkamen, dann meist in anonymisierter Form. Einzelschicksale, bei denen man eine Person sieht, ihre Geschichte erfährt und überhaupt die Möglichkeit bekommt, sich mit ihr zu identifizieren, gibt es bei libanesischen sowie iranischen Opfern bei uns so gut wie gar nicht.

„Solch eindeutig positive Ausnahmen gibt es in Deutschland aus meiner Sicht kaum“

Islamische Zeitung: Ist Ihnen bekannt, wie internationale Kollegen bspw. auf die erkennbare Ungleichgewichtung reagieren? Wie würden Sie die hiesige mediale Vermittlung mit der ausländischen – bspw. mit „Haaretz“ – vergleichen?

Fabian Goldmann: Am häufigsten wurde mir aus unterschiedlichen Ländern Unglauben oder Fassungslosigkeit vermittelt. Oft habe ich gehört: „Ich dachte schon, die Berichterstattung in unserem Land sei katastrophal. Aber was bei euch passiert, ist noch einmal viel krasser.“

Sie haben „Haaretz“ angesprochen. Ohne die israelische Medienlandschaft beschönigen zu wollen: Dort gibt es zumindest die Möglichkeit kritischer Berichterstattung, etwa in „Haaretz“ oder im „+972 Magazine“, das großartige Arbeit macht.

Es gibt dort immerhin vereinzelt gute Medien. Die großen Massenmedien sind in Israel jedoch in vielerlei Hinsicht katastrophal, zum Teil schlimmer als bei uns. Dort wird häufig auch ganz offen zu Gewalt und zum Genozid aufgerufen.

Solch eindeutig positive Ausnahmen gibt es in Deutschland aus meiner Sicht kaum. In vielen anderen westlichen Ländern haben sich dagegen mittlerweile reichweitenstarke, oft linke oder alternative Medien etabliert, etwa „Zeteo“, „Drop Site News“, „The Intercept“ und „Democracy Now!“ in den USA. Das „+972 Magazine“ hatte ich bereits erwähnt.

Bei uns würde ich sagen, dass die taz das einzige größere linke Medium ist, das eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Für sie gelten aber ähnliche Probleme wie bei „Tagesschau“, „Zeit“ und „Spiegel“.

Ein Unterschied zu anderen Ländern zeigt sich auch daran, dass es in deutschen Redaktionen kaum öffentlichen Protest oder Gegenwehr gegeben hat. Ein Umdenken innerhalb der Medienhäuser ist jedenfalls nicht erkennbar.

Im Ausland war die Berichterstattung großer Medien wie BBC, CNN oder AP ebenfalls problematisch. Dort gab es aber immer wieder Stimmen aus den Redaktionen, die gesagt haben: Bis hierhin und nicht weiter. Mitarbeitende gingen an die Öffentlichkeit, kritisierten Missstände im eigenen Haus und forderten teils auch den Rücktritt von Verantwortlichen.

So wurde etwa ein offener Brief zur Gaza-Berichterstattung der BBC von über 230 Medienschaffenden unterzeichnet, darunter mehr als 100 Beschäftigte der BBC. Die Unterzeichnenden kritisierten eine aus ihrer Sicht nicht durchgehend faire, genaue und faktenbasierte Berichterstattung.

Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland bis heute nicht. Auf einen offenen Brief aus der taz-, Zeit- oder Spiegel-Redaktion, in dem sich Mitarbeiter gegen Missstände im eigenen Haus wenden, wartet man hier leider immer noch vergeblich.

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„Es ist wichtig, zu verstehen, wie Journalismus funktioniert“

Islamische Zeitung: Zum Abschluss: Solange sich an der deutschen Berichterstattung nichts grundlegend ändert, wie kann man damit umgehen? Wie können Menschen ihre Medienkompetenz stärken und sich zum Thema ein fundierteres Bild verschaffen?

Fabian Goldmann: Medienkompetenz hilft auf jeden Fall. Es ist wichtig, zu verstehen, wie Journalismus funktioniert, wie ein Text oder ein Nachrichtenbeitrag aufgebaut ist und woran man guten von schlechtem unterscheiden kann.

Man kann sich da auch ein Stück weit weiterbilden. Ich schaue mir weiterhin die „Tagesschau“ an und lese Beiträge im „Spiegel“, aber ich lese sie mit einer bestimmten Brille. Manche Dinge überlese ich inzwischen einfach. Wenn etwa „begrenzte Bodenoperationen“ in einer Überschrift steht, weiß ich, dass die „Tagesschau“ diese Formulierung vermutlich aus einer israelischen Pressemitteilung übernommen hat.

Die Information, die ich daraus dennoch mitnehmen kann, lautet: Israel hat wieder etwas angegriffen. Dann schaue ich vielleicht noch in den siebten Absatz, ob dort nicht doch eine Stimme von einer NGO vorkommt. Die ersten fünf Abschnitte, in denen nur ein israelischer Pressetext wiedergegeben wird, überlese ich.

Wenn man ein wenig weiß, worauf man achten muss, kann man sich auch über unsere Medien bis zu einem gewissen Grad informieren. Man sollte auf die Sprache schauen, darauf, welche Stimmen zu Wort kommen, woher die Informationen stammen und ob das kenntlich gemacht wird.

Man sollte fragen: Handelt es sich wirklich um eine Tatsache oder um eine Behauptung, die als solche präsentiert wird? Gut informieren kann man sich so nicht unbedingt, aber ein Stück weit geht es.

Es hilft auch, sich einzelne gute Journalistinnen und Journalisten zu merken. In den meisten Redaktionen gibt es einen gewissen Spielraum und eine gewisse Pluralität, die genutzt werden kann, um gute Beiträge durchzubringen.

Das ist nicht immer einfach. Es braucht engagierte Redakteurinnen und Redakteure, die mitunter geduldig abwarten, bis ein Beitrag von einer anderen Person in der Hierarchie abgenommen wird, und die es auch gegen Widerstände in der Redaktion schaffen, gute Texte zu veröffentlichen.

Ich kann ein paar Namen nennen: Dunja Ramadan im „Spiegel“ macht immer wieder großartige Beiträge. Auch Daniel Bax schreibt in der taz wichtige Artikel. Wenn man sich eher Autorinnen und Autoren merkt als nur das jeweilige Medium und gezielt schaut, was sie veröffentlicht haben, kann man sich auch in Medien informieren, deren allgemeine Berichterstattung man sonst aus guten Gründen kritisch sieht.

Letztlich stößt man bei den großen etablierten Medien aber an Grenzen. Viele Aspekte des Genozids in Gaza und der weiteren Kriege in der Region kommen dort gar nicht vor. Das ist aus meiner Sicht das größte Problem, nicht nur die einseitigen oder irreführenden Beiträge, sondern ganze Themenbereiche, die ausgeblendet werden.

Dazu gehören große Gewalttaten und Massaker, aber auch das Alltagsleben in der Region. Ebenso fehlen häufig konstruktive Perspektiven: Wie könnten Lösungen für das Unrecht und ein gerechter Frieden zwischen Jordan und Mittelmeer aussehen, für alle Menschen? Und zwar jenseits der eingefahrenen Stereotype und der üblichen Debatten über eine Zwei-Staaten-Lösung.

Wer nach solchen authentischen Einblicken und Berichten abseits des deutschen Staatsräson-Narrativs sucht, muss daher, glaube ich, auf ausländische Medien oder kleinere linke und alternative ausweichen. In Deutschland wären das etwa „Jacobin“ sowie „Ethos Media“.

Es gibt noch viele weitere Angebote, die mir nicht alle einfallen. Zum Beispiel „Occupied News“ oder „Gaza Heute“. Auch einzelne Instagramkanäle, etwa von Nadja Seborra, Alena Jabarin und Tarek Bae, leisten mit einem Bruchteil der Ressourcen oft deutlich bessere Arbeit als große Leitmedien. Sie halten sich dabei häufig viel stärker an journalistische Grundsätze.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Goldmann. Wir bedanken uns für das Gespräch.

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