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Der Krieg im Spiegel der Titelseiten

krieg cover titelseiten

Der Krieg in Nahost findet auf den Covern von Spiegel, Focus und Stern kaum statt. Palästinensisches Leid ist nahezu unsichtbar, Empathie gibt es nur mit Israelis. Ein Titelseiten-Check ab dem 7. Oktober 2023.

(iz). 700 Tote in nur drei Tagen, darunter über 200 Kinder. Mit einem kaum vorstellbaren Maß an Gewalt hat Israel die „Waffenruhe“ im Gazastreifen beendet. Im starken Kontrast zum Ausmaß des Massakers:

Die Gleichgültigkeit der deutschen Öffentlichkeit. Während die israelische „Haaretz“ vom „größten Massaker an Kindern in der Geschichte Israels“ schreibt, ist das auch mit deutscher Unterstützung begangene Verbrechen hierzulande kaum ein Thema.

Krieg auf den Titelseiten: Tote Palästinenser werden kaum wahrgenommen

Knapp anderthalb Jahre nach Beginn des Krieges in Nahost nehmen die meisten deutschen Medien tote Palästinenser kaum noch wahr. Auch in den großen deutschen Nachrichtenmagazinen sind die jüngsten israelischen Angriffe kein Thema.

Weder „Spiegel“, noch „Stern“ oder „Focus“ erwähnen den Angriff in ihren aktuellen Ausgaben auch nur mit einem Wort. Ihre Titelseiten widmen die Magazine Buchempfehlungen („Der Spiegel“), Reisetipps („Focus“) und einer Debatte rund um die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr („Der Stern“).

Ich wollte wissen: Wie berichten Deutschlands wichtigste Nachrichtenmagazine auf ihrer wichtigsten Seite über eines der wichtigsten Nachrichtenthemen der letzten anderthalb Jahre? Ist das Desinteresse gegenüber dem aktuellen Massaker in Gaza nur die Ausnahme von der Regel oder ignorieren Spiegel, Stern und Focus konsequent das Leid in Nahost?

Um das herauszufinden, habe ich mir die Cover aller Ausgaben, die zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 21. März 2025 erschienen sind, genauer angeschaut. Insgesamt kommen Spiegel (75), Focus (74) und Stern (76) in dieser Zeit auf 225 Ausgaben. Jede Menge Platz also, um den zahllosen einschneidenden Ereignissen im Nahen Osten der letzten anderthalb Jahre gerecht zu werden.

Auf den Covern spielt der Krieg keine große Rolle

Das könnte man zumindest meinen. Doch der Krieg in Nahost findet auf den Titelseiten der großen deutschen Nachrichtenmagazine kaum statt. Insgesamt 15 Titelgeschichten beschäftigen sich im weitesten Sinne mit dem Thema – Ausgaben mit innenpolitischem (z.B. Antisemitismus in Deutschland) oder symbolischem (Kufiya-tragender Islamist) Bezug zum Thema mit eingerechnet. Das von Israel in der Region verursachte Leid wird sogar nur auf 3 Covern sichtbar gemacht.

Mit 7 Titelseiten räumte der „Der Spiegel“ Ereignissen rund um den Krieg im Nahen Osten am meisten Platz ein, „Focus“ und „Stern“ kamen auf je 4 Cover. Zum Vergleich: Allein Olaf Scholz schaffte es in dem Zeitraum 8-mal auf das Spiegel-Cover.

Der US-Wahlkampf und seine Protagonisten fand dort sogar 10-mal statt. Im „Focus“ kamen unterdessen auf jede Titelseite mit Nahost-Bezug sechs mit Themen rund um Gesundheit und Ernährung (24).

Ungleichgewichte bei der Darstellung

Große Unterschiede gibt es, schaut man sich an, worüber genau die großen Nachrichtenmagazine berichten – und worüber nicht. Mitfühlende Titelbilder, beispielsweise von weinenden Menschen, gibt es in „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ fast nur dann, wenn die Opfer Israelis oder Juden sind.

Das Desinteresse der großen deutschen Nachrichtenmagazine verwundert umso mehr, als dass es in anderthalb Jahren Krieg in Nahost eigentlich jede Menge Ereignisse von großem Nachrichtenwert zu berichten gegeben hätte.

Foto: Sharaf Maksumov, Shutterstock

Die Tötung von zehntausenden Menschen, das systematische Aushungern und Vertreiben von Millionen, die Zerstörung ganzer Städte, die unzähligen Massaker und Brüche des Völkerrechts, der Einmarsch Israels in den Libanon und nach Syrien, die Vorwürfe des Völkermordes… all das fand auf den Titelseiten der großen deutschen Nachrichtenmagazine nicht statt.

Es liegt nicht an der Konkurrenz von Themen

Man kann einwenden, dass der Krieg in Nahost nicht das einzige nachrichtlich wichtige Ereignis ist. Das stimmt. Krieg in der Ukraine, Wahlkampf in den USA, Neuwahlen in Deutschland, Migrationsdebatte, Klimakrise… In den vergangenen anderthalb Jahren gab es viele Themen, über die berichtet werden konnte und musste.

Doch „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ interessierten sich selbst dann nicht für den Krieg in Nahost, wenn nachrichtlich kaum Konkurrenz bestand.

idee gaza waffen

Foto: IDF Spokesperson’s Unit, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Während Ende Dezember im Gazastreifen bereits über eine Million Menschen auf der Flucht waren, israelische Panzer auf Khan Younis vorrückten und fast täglich Massaker mit über 200 Toten Schlagzeilen machten, erfuhren Spiegel-Leser mehr über „Die Macht des Mondes“ (1/25).

Als am 26. Januar 2024 der Internationale Gerichtshof (IGH) in Israels Kriegshandlungen Anzeichen für einen Völkermord sah, lautete die Titelgeschichte des „Focus“: „Besser Schlafen“ (6/24).

Zerstörung und Leid in Gaza, der Westbank, dem Libanon, Syrien oder Jemen spielt auf den Titelseiten der drei so gut wie keine Rolle. Menschen aus Palästina, Libanon o.a. – sowie ihre Unterstützer – begegnet man auf den Covern aber trotzdem – nicht als Betroffene von Gewalt, sondern als Aggressoren, Feindbilder und Klischees.

„Greta Thunberg und die linken Feinde Israels.“ So lautet am 18. November 2023 die Titelgeschichte im „Spiegel“ (47/23). Einen Monat später blickt ein maskierter Kämpfer sowie Hamas-Chef Sinwar bedrohlich vom Cover des Nachrichtenmagazins: „Lässt sich die Hamas besiegen?“ (51/23). Palästinenser sind auf dem Cover des „Focus“ nur einmal zu sehen.

Unter der Überschrift „Die Schattenkrieger“ blicken Anfang April 2024 mehrere Männer von der Titelseite des Magazins. Zu sehen sind u.a. die seit 20 Jahren in Israel inhaftierte palästinensische Widerstandsikone und in westlichen Medien häufig als „palästinensischer Mandela“ bezeichnete Marwan Barghouti.

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Wie wir Krieg verstehen (1)

einseitig medien

Zweiteilige IZ-Serie über unseren Blick auf Kriege bzw. bewaffnete Konflikte. Und darüber, warum es wichtig ist, sich mit der eigenen Perspektive zu beschäftigen.

(iz). Als Europäer leben wir seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einer der sichersten Regionen der Welt. Krieg kennen wir – mit Ausnahme der Balkankriege in den 1990er Jahren – nur durch Medien und von Menschen, die deswegen zu uns fliehen mussten. Wir Deutschen haben nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine friedliche Nachkriegszeit erlebt. Hinzu kam, dass uns dank fehlender Kolonien die „dreckigen“ Kleinkriege der Dekolonisierung erspart blieben und dass es jahrzehntelang einen Konsens gab, sich mit dem Thema nicht beschäftigen zu wollen.

Das heißt nicht, dass die Bonner Republik nicht indirekt durch Waffenlieferungen an kriegführende Parteien beteiligt war. Wir waren aber bis in die späten 1990er Jahre hinein eine Gesellschaft, in der alles Militärische kaum Interesse weckte. Umso desorientierter reagierten die Eliten auf den in der Nachbarschaft ausgebrochenen Krieg gegen die Ukraine – und damit auf das Phänomen organisierter, bewaffneter Gewalt. Dabei hätten wir es besser wissen können: Auch im 21. Jahrhundert gehören kriegerische Auseinandersetzungen zur menschlichen Erfahrung.

Bewaffnete Zeiten & Kriege: jene, die wir nicht sehen

2024 gab es mehrere schwere Kriege – u.a. in Gaza und im Nahen Osten, in der Ukraine, im Sudan, in Myanmar (Burma), Nigeria, Somalia, Burkina Faso, Mexiko (Staat vs. Drogenkartelle), Syrien und Mali. 2024 (noch ohne Syrien) forderten sie in Gaza, der Ukraine, Myanmar, Sudan und Nigeria die meisten zivilen Opfer.

Wie in Vorjahren ist die globale Aufmerksamkeit (eher Fiktion als Realität) für bewaffnete Gewalt ungleich verteilt. Sie wird aufgrund verschiedener Faktoren unterschiedlich wahrgenommen. Die Hilfsorganisation CARE International veröffentlicht ab 2013 den Bericht „Breaking the Silence“. Seit zehn Jahren wird darin festgehalten, über welche gewalttätige Krisen nicht gesprochen wird. Die erschreckende Bilanz für 2023: Die am wenigsten beachteten ereigneten sich alle in Afrika.

sudan frauen

Foto: UNICEF | UN Photos

„Menschliches Leid passt in keine Rangliste. Die 10 Krisen, die keine Schlagzeilen machten, betreffen Millionen von Menschen und finden dennoch kaum Gehör. CARE geht es mit dem Report nicht um eine Anklage. Er ist vielmehr eine Aufforderung an alle, mehr über diese Krisen zu erfahren, die Informationen zu teilen, sich zu engagieren“, sagte Corinna Henrich 2023. Dass das Kämpfen und Sterben (der Zivilbevölkerung) in Afrika so erschreckend wenig Beachtung findet, lässt sich nicht allein mit dem oft zitierten „Eurozentrismus“ erklären. CARE International bezog u.a. auch die arabischen Medien mit ein.

Grob lassen sich drei Modi des Umgangs mit Kriegen unterscheiden. Da es keine abstrakte „Weltöffentlichkeit“ gibt, die alles gleich bewertet, hängen Bewertungen und Interessen zum Teil erheblich von lokalen Interessen und Befindlichkeiten ab.

a) Ist bekannt und bewegt „uns“ (das konstruierte Gesamt-Ich, abhängig vom jeweiligen Erkenntnisinteresse) wie im Falle der Ukraine oder des Nahostkonflikts.

b) Ist bekannt, aber bewegt „uns“ nicht/kaum: Kriege/Konflikte wie im Sudan, Jemen etc.

c) Sind nicht bekannt und berühren „uns“ nicht/kaum: Siehe Afrika.

Henrich erklärt dies mit den Gesetzen der globalen Aufmerksamkeitsökonomie. Medienunternehmen befänden sich in einem rasanten Wandel, der sich auf Berichterstattung auswirke. Dabei seien die „Konsequenzen für Millionen Menschen, die von humanitären Krisen betroffen sind und trotzdem kaum in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gelangen“ enorm. Mangelnde Sichtbarkeit gehe nicht selten mit geringer finanzieller Unterstützung einher. „Es ist wichtig, Wege zu finden, das Interesse des Publikums für vermeintlich kleinere Krisen zu wecken.“

Unsere Gewohnheiten des Hinschauens

Obwohl Medien und Journalisten für sich in Anspruch nehmen, Nachrichten und Analysen zu liefern, haben sich je nach Medium, Genre, den jeweiligen AutorInnen und Publikumssegmenten unterschiedliche Gewohnheiten der Wahrnehmung bewaffneter Konflikte gebildet. Bei der folgenden Beschreibung handelt es sich um vereinfachte Typologien.

krieg

Foto: DoD Media, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

a) Kriege werden im Rahmen politischer Erklärungsmodelle verstanden. Ihr Rahmen kann national sein bzw. in Kombination regional oder international verstanden werden. Als Ursachen gelten Interessengegensätze und Gegnerschaften, Bündniszugehörigkeiten, territoriale Begehrlichkeiten etc. Bei zwischenstaatlichen Kriegen lässt sich diese Perspektive „leichter“ durchhalten, bei innerstaatlichen ist dies schwieriger – wenngleich bei Bürger- und Stellvertreterkriegen politische Feindschaften Ursache und/oder Anlass sein können. In den letzten Jahren hat sich – ausgelöst durch die russische Aggression gegen die Ukraine – teils das überholt geglaubte Denken in Einflusszonen und Großräumen durchgesetzt.

b) Mit obiger Deutung geht häufig eine ideologische (bzw. religiöse) Interpretation einher. Die Motive der Akteure werden durch die Unterschiede ihrer Ansichten bzw. Identitäten erläutert: prowestlich vs. prorussisch, muslimisch vs. nichtmuslimisch, schiitisch vs. sunnitisch, fortschrittlich vs. reaktionär. Die Zuordnung der Konfliktparteien (in innerstaatlichen Auseinandersetzungen) ist medial oft begleitet von schwarz-weiß- bzw. gut-böse-Darstellungen. Die Journalistin Kristin Helberg erklärte jüngst am Beispiel Syrien, wie schädlich das sein kann: „Syrien lässt sich nur verstehen, wenn man das entweder-oder überwindet, das viel mit ideologischer Vereinfachung und wenig mit der komplexen Realität vor Ort zu tun hat. Statt einseitige Schlüsse zu ziehen, gilt es Mehrdeutigkeit auszuhalten.“ (ZEIT-online)

c) Insbesondere bei den oft vernachlässigten Kriegen in armen, aber ressourcenreichen Ländern werden wirtschaftliche Aspekte als Ursache oder Zankapfel hervorgehoben. Die Kontrolle über Ressourcen, Schürfrechte, Transitrouten etc. sei die Kriegsursache. Nicht selten artet dies in einen vulgärmarxistischen „cui bono“-Ökonomismus aus. Wir kennen das z.B. noch von der Parole während des Irakkrieges: „Kein Krieg für Öl“. Auch im aktuellen Krieg gegen die Ukraine geht es für viele um die Kontrolle ukrainischer Ressourcen.

Was nicht heißen soll, dass es bei bewaffneten Konflikten in den letzten Jahrzehnten nicht auch um wirtschaftliche Faktoren oder die Herrschaft über Rohstoffe ging und geht. Ein Beispiel dafür ist der Abtransport der sudanesischen Goldreserven in Milliardenhöhe durch russische Söldner. Im weiteren Sinne gibt es Dinge wie die Ressource Wasser, deren Knappheit bzw. Kontrolle mitursächlich für einen Krieg sein kann. So gab es beispielsweise in Syrien vor dem Arabischen Frühling eine ungleiche Verteilung an verschiedene Bevölkerungsgruppen. Oder in Westafrika kämpfen Nomaden und Ackerbauern um immer weniger fruchtbares Land.

d) Beliebt und gerne verwendet wird die kulturalistische Brille. Je weiter und je „exotischer“ ein Kriegsgebiet, desto lieber erklären sich Laien und manche Experten einen Konflikt anhand tatsächlicher oder eingebildeter „kultureller“ Markierungen. Das kann von ernsthaften wissenschaftlichen Betrachtungen bis zu Ansichten reichen, die nur als rassistisch zu bezeichnen sind.

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Orientierung im „Nebel des Krieges“

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IZ-Hintergrundgespräch über Möglichkeiten und Grenzen von Mediennutzern, Kriege zu verfolgen und zu verstehen. Was können wir für mehr Verständnis tun? (iz). Derzeit werden auf der ganzen Welt Kriege und bewaffnete […]

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Unsere Medien im Nahostkrieg

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Deutsche Medien im Nahostkrieg: Ein kritischer Blick am Beispiel der Berichterstattung über Angriffe auf Krankenhäuser in Gaza. (iz). Nach einem Jahr Krieg liegt das Gesundheitssystem im Gazastreifen in Trümmern. Mitverantwortlich […]

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Das Vertrauen verloren: Viele misstrauen der Nahost-Berichterstattung

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Während die israelische Führung den Nahostkrieg auf den Südlibanon ausweitet: Das Vertrauen der Bundesbürger an der deutschen Nahost-Berichterstattung schwindet. Berlin (iz). Seit dem heutigen Dienstag befinden sich erstmals seit 2006 […]

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CARE-Bericht über Afrikas vergessene Krisen 2023

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Von der Hilfsorganisation CARE ist der Bericht „Breaking the Silence“ über Armut und Gewalt von Kamerun bis Angola erschienen. (KNA). Afrika, der Krisenkontinent? Dieses Bild wird oft als Klischee kritisiert. […]

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Medien fehlt direkte Anschauung: Rückblick auf Berichterstattung zum Ramadan 2023

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Berichterstattung: Dehydrierte Kinder, gewalttätige Palästinenser, gerissene Islamisten: Wenn deutsche Medien über den Ramadan berichten, erfährt man oft wenig über die Fastenzeit der Muslime; dafür umso mehr über den Kompetenzmangel in […]

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Thema Muezzin: Medien scheiterten bei Berichterstattung

Verschwörung Medien Unterscheidungsvermögen

Wie ausgewogen haben Medien über den islamischen Gebetsruf in Köln berichtet? Der Journalist Fabian Goldmann hat hierzu 135 Artikel aus über einem Jahr ausgewertet und einmal mehr aufgezeigt, was in der „Islamdebatte“ bei uns schief läuft.

(Islam.de) Vor rund einem Jahr hatte die Stadt Köln ein Pilotprojekt gestartet, wonach islamische Gemeinden unter Auflagen freitags für fünf Minuten den Gebetsruf ertönen lassen dürfen – in der Lautstärke eines Gesprächs. Nach der Vorstellung des Projekts war eine bundesweite Debatte entflammt. Von Ranya Nassiba

Foto: Fabian Goldmann

Medien schrammen erneut an Betroffenen und dem Kern vorbei

Die islamdistanzierende bisweilen feindliche Haltung in vielen Berichterstattungen verdrängt immer wieder das im Grundgesetz verankerte Recht auf freie Religionsausübung. So wurde ein genuin religiöses Thema, das ein selbstverständlicher Teil der Vielfalt in diesem Land bildet und zudem vom GG vollständig geschützt ist, problematisiert und verunglimpft, als wäre der Islam eine extremistische Ideologie. 

Mehr noch zeigt die Debatte auf, wie selbstverständlich rassistische Motive in der Islamberichterstattung bedient werden. So waren verschwörungstheoretische Behauptungen einer „Unterwanderung“, „Islamisierung“ oder „Machtdemonstration des Politischen Islam“ das häufigste Argument gegen den Gebetsruf.

So wird der Gebetsruf, ein für Muslime alltäglicher und friedvoller Aufruf zum Gebet, zu einem Kampfprogramm umgeschrieben. Und das nicht etwa von muslimischen Fundamentalisten, die den Gebetsruf instrumentalisieren, sondern von sogenannten Islamexperten und Islamgegnern selbst. Damit stiften sie genau das, was sie angeblich bekämpfen wollen: die Politisierung der Religion.

Foto: Freepik.com

Es wird über Muslime gesprochen, aber nicht mit ihnen

Fabian Goldmanns Analysen zeigen die Absurdität des Ganzen auf: negative Expertenstimmen kamen am häufigsten zu Wort. Betroffenen und Verantwortlichen wurde kaum Gehör verschafft, um die Thematik kompetent einzuordnen. Es scheint, als würde sich ein blinder Automatismus einschalten, sobald das Thema Islam auf der Tagesordnung steht. 

Der Journalist untersuchte 135 Artikel aus über einem Jahr und schaute sich die Berichterstattung großer Zeitungen wie „Bild“, „Die Zeit“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), „Die Welt“ und „Die Tageszeitung“ sowie die vier auflagenstärksten Zeitungen in und um Köln an.

Goldmann ging der Frage nach, wer bei Islamdebatten zu Wort kommt und wer nicht. Wird nur über Muslime geredet oder auch mit ihnen? Werden Islamverbände hinzugezogen oder wird nur sogenannten Islamkritikern die Bühne geboten?

Auffallend ist das geringe fachliche Niveau deutscher Islamdebatten: Am häufigsten kamen Personen zu Wort, die in der Öffentlichkeit vor allem für Kritik am Islam bekannt sind oder ihm gar feindlich gegenüberstehen. Hingegen wurden Fachleute wie Islamwissenschaftler, Theologen oder Verfassungsrechtler kaum in Medien gehört.

Foto: Zentralrat der Muslime, Facebook

Das Gespräch mit Vertretern von Islamverbänden wurde ebenfalls kaum gesucht. Dass die SZ den ZMD-Vorsitzenden Aiman Mazyek mit den Worten zitierte, Köln sende mit dem Muezzinruf „ein Zeichen der Toleranz und der Vielfalt in die Welt“, blieb eine Seltenheit.

Stattdessen treten altbekannte Namen wie Ahmad Mansour und Necla Kelek in den Vordergrund. Ersterer hatte insgesamt dreimal so viele Erwähnungen (28) wie alle Islam- und Religionswissenschaftler, islamische Theologen und Verfassungsrechtler zusammen (9).

Und das, obwohl die Mehrheit der sonstigen Fachleute ein positives Statement zum Muezzinruf gaben. Mansour nutzte diese ihm von Teilen des Mainstreams gebotene Plattform geschickt, um gleich sein neustes Buch mitzupromoten, das wie alle anderen seiner Bücher die Angst-Rhetorik über den Islam bedient, aber mit null Lösungsansätzen daherkommt.

Vor allem Medien des Springer-Verlags fallen mit überwiegend negativen Stimmen zur Thematik auf. Allen voran die „Bild“-Zeitung: 13 abfällige Statements stehen einer einzigen positiven Stimme gegenüber.

Foto: Alexander Khitrov, Shutterstock

Islamfeindlichkeit in Redaktionen

islam.de befragte Goldmann zu den Missständen der Islamberichterstattung rund um den Gebetsruf. Dieser wies eindringlich auf den Mangel an Repräsentation hin. 

So ist eklatant, dass die großen islamischen Religionsgemeinschaften wie DITIB, der Zentralrat oder Islamrat, die die überwiegende Mehrheit der Moscheegemeinden repräsentieren, in der öffentlichen Debatte kaum präsent waren. „Das zeigt: Die angebliche mediale Dominanz der großen islamischen Verbände ist lediglich ein rechter Mythos“, so Goldmann.

Die Analysen bestätigen nur, was seit jeher Praxis bei den sogenannten „Islamdebatten“ deutscher Medien ist. Goldmann fasste die Tragik dahinter pointiert zusammen: 

Es ging in der Debatte um einen Ruf, der für fünf Minuten pro Woche in einem Kölner Innenhof zu hören ist (…), dass Medien darüber über ein Jahr in hunderten Beiträgen unter Überschriften wie „Ruf des Schreckens“ oder „Wie der Politische Islam unsere Demokratie unterwandert“ berichteten, zeigt wie akzeptiert und verbreitet Islamfeindlichkeit in vielen Redaktionen ist.“

* Erstmals auf der Webseite islam.de erschienen: https://islam.de/34571

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Medien: Kaum Religionsgemeinschaften in Fernsehnachrichten

Nachrichtenüberflutung flatrates

Bonn (KNA). Religionsgemeinschaften werden in mehreren TV-Nachrichten einer Statistik zufolge so gut wie gar nicht dargestellt. Zwischen Januar 2021 und Juni 2022 hatten die katholische und die evangelische Kirche, das Judentum und der Islam einen Anteil von höchstens 0,5 Prozent an der Gesamtberichterstattung, wie aus einer repräsentativen Darstellung des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) und des Forschungsinstituts Media Tenor hervorgeht. Über den sogenannten Freiheitsindex 2022, der am Donnerstag vorgestellt werden soll, hatte zuvor bereits das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet.

Untersucht wurden die Nachrichtensendungen ZDF heute, RTL Aktuell und Tagesschau. Die Zusammenhänge, in denen berichtet wurde, werden allerdings nicht genannt. In der Tagesschau lag der Anteil bei Islam und katholischer Kirche um 0,52 Prozent, beim Judentum bei 0,14 und bei der evangelischen Kirche rund 0,11 Prozent. In der Sendung ZDF heute lagen die Anteile bei rund 0,48 (Islam), 0,47 (katholische Kirche), 0,09 (Judentum) sowie 0,06 Prozent (evangelische Kirche). Am geringsten fällt der Anteil bei RTL Aktuell aus: Der Islam ist mit rund 0,4 Prozent vertreten, die katholische Kirche mit 0,37, das Judentum mit rund 0,1 und die evangelische Kirche mit 0,02.

In allen drei Nachrichtensendungen wurde der Islam am negativsten dargestellt, am neutralsten die evangelische Kirche. Diese hat bei RTL Aktuell den höchsten positiven Anteil. Bei der Tagesschau trifft dies auf das Judentum zu; das gilt auch für ZDF heute, allerdings nicht in so deutlichem Abstand zu anderen Religionsgemeinschaften, die in diesen Fernsehnachrichten beinahe gleich auf liegen.

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Sender schlossen schlecht bei WM ab

(iz). Zum Abschluss der Fifa-WM in Katar hat der Politologe und Medienwissenschaftler Kai Hafez der deutschen Berichterstattung zum Emirat schlechte Noten erteilt. Diese sei „einseitig“ und „selektiv“ gewesen. Man habe […]

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