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Fabian Goldmann über die deutsche Gaza-Berichterstattung: Nicht der Journalismus, wie er sein sollte

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Wie einseitig ist die deutsche Berichterstattung über den Gaza-Krieg? Fabian Goldmann hat mehr als 11.000 Beiträge von „Bild“, „Spiegel“, „Tagesschau“, taz und „Zeit“ ausgewertet. Im IZ-Gespräch erklärt er, warum israelische Opfer darin um ein Vielfaches überrepräsentiert sind und palästinensische Stimmen kaum vorkommen.

(iz). Wie ausgewogen berichten deutsche Medien über Gaza? Der Journalist und Islamwissenschaftler Fabian Goldmann hat mehr als 11.000 Beiträge von „Bild“, „Spiegel“, „Tagesschau“, taz und „Zeit“ systematisch ausgewertet.

In seinem neuen Buch „Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ beschreibt er, wie offizielle israelische Quellen und militärische Sprachmuster die Berichterstattung prägten, während palästinensische Perspektiven und individuelle Schicksale oft unsichtbar blieben.

Im Gespräch erläutert der Autor seine Recherche, die Grenzen großer Medienhäuser – und worauf Leser achten können, um Nachrichten kritischer einzuordnen.

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Foto: IDF Spokesperson’s Unit, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

„Dabei wurde häufig einfach die Sprache des israelischen Militärs übernommen“

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Goldmann, Anfang des Jahres ist Ihr Buch „Staatsräsonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ (mit einem Vorwort von Ilan Pappé) erschienen. Können Sie Ihre Beweggründe und seinen Inhalt umreißen?

Fabian Goldmann: Das Buch kam im Februar heraus. Die dritte Auflage wurde gerade im August verlegt. Ich glaube, auf einigen Websites wird das falsch angezeigt. Tatsächlich ist es bereits sechs Monate auf dem Markt.

Mit dem Thema selbst habe ich mich deutlich früher beschäftigt. Das Schreiben hat etwa anderthalb Jahre gedauert. Unmittelbar nach dem 7. Oktober begann ich mit den ersten Recherchen, weil mir auffiel, dass in unserer Berichterstattung einiges schiefläuft.

Ich habe gemerkt, dass israelische Presseberichte und Verlautbarungen der Armee wiederholt als journalistische Inhalte präsentiert werden. Man stieß auch immer wieder auf Euphemismen wie „begrenzte Bodenoperationen“, „präzise Gegenschläge“ oder „Evakuierungsanordnungen“.

Dabei wurde häufig einfach die Sprache des israelischen Militärs übernommen. Mir fiel auf, dass zum Beispiel in Talkshows auf einmal kaum noch palästinensische Stimmen zu Wort kamen, ebenso nicht in Nachrichtensendungen.

Daher habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Mir war bald klar, dass das Ausmaß der Probleme in unserer Berichterstattung über den sogenannten Nahen Osten so groß ist, dass einzelne journalistische Texte oder Social-Media-Inhalte dem nicht gerecht werden können.

Deshalb lag es nahe, ein Buch darüber zu schreiben.

Das habe ich über einen längeren Zeitraum gemacht. In den vergangenen Jahren habe ich vor allem in Bibliotheken gearbeitet und sehr viele, teils tausende Nachrichtenbeiträge ausgewertet.

Im Wesentlichen gleiche ich in dem Buch die existierende Berichterstattung mit der Frage ab, wie sie eigentlich aussehen sollte. Maßstab sind etablierte journalistische Standards, wie sie in Programmaufträgen, im Medienstaatsvertrag und in Journalismushandbüchern festgehalten sind: Ausgewogenheit, Perspektivenvielfalt, Faktentreue und die Bereitstellung wichtiger historischer, juristischer und politischer Kontexte.

Dabei bin ich durchgehend zu dem Ergebnis gekommen, dass die mediale Vermittlung, wie wir sie seit fast drei Jahren erleben, zum einen wenig mit dem Journalismus zu tun hat, wie er sein sollte. Zum anderen hat sie kaum mit der Realität in Gaza und weiteren Teilen der Region zu tun.

Sie bewegt sich vielmehr sehr stark in einem engen Korridor, der auch den deutschen Diskurs prägt und unter der Überschrift Staatsräson vorgegeben wird: durch die Brille unserer Geschichte, israelischer Sicherheitsinteressen usw.

Zum anderen orientiert sich die Berichterstattung häufig an den Vorgaben der israelischen Armee. Das ließ sich in allen Aspekten und Dimensionen des Themas immer wieder feststellen: Die großen Narrative, aber auch konkrete Angaben zu einzelnen Ereignissen wurden häufig von der Regierung und den Streitkräften übernommen.

Ich wollte ebenso wissen, welche Folgen eine solche mediale Darstellung hat. Journalistinnen und Journalisten sind nicht nur Beobachter, die aufschreiben, was in der Welt passiert. Gerade in einer Demokratie sind sie ebenfalls Akteure.

Sie prägen den politischen Diskurs und Entscheidungen mit. Bestenfalls können sie auf Unrecht und Gewalt hinweisen und dadurch Veränderungen anstoßen. Im schlimmsten Fall können sie all das selbst mit unterstützen.

Foto: Fabian Goldmann

„Besonders freue ich mich über das positive Feedback bei den Lesungen“

Islamische Zeitung: Es wurde unter anderem von der SZ oder dem Fachmagazin „Zenith“ rezensiert. Waren Sie von der bisherigen Resonanz überrascht?

Fabian Goldmann: Mittlerweile gibt es, glaube ich, 13 oder 14 Rezensionen, und fast alle sind sehr positiv, teilweise sogar überschwänglich. Die meisten sind allerdings in linken bzw. alternativen Medien erschienen. Die „Süddeutsche Zeitung“ ist da eine rühmliche Ausnahme.

Von den großen Medienhäusern, gerade von denen, die ich im Buch kritisiere, kam bisher wenig. Das hat mich überrascht. Ich dachte, es würde nach seinem Erscheinen in der Luft zerrissen. Stattdessen wird es von vielen Medien eher ignoriert. Noch mehr überrascht hat mich aber die Resonanz der Leserschaft.

Als es veröffentlicht wurde, war ich mir nicht sicher, ob das Thema noch aktuell genug ist. Ich habe mich gefragt, ob die öffentliche Wahrnehmung und das Interesse nicht längst wieder bei anderen Themen liegen. Zum Glück war das nicht so. Die Verkaufszahlen sind sehr gut.

Die dritte Auflage ist nun erschienen. In den kommenden Wochen kommt das Hörbuch heraus; und rund um das Buch sind weitere Projekte geplant. In den vergangenen Monaten hatte ich knapp 40 Veranstaltungen, die durchweg sehr gut besucht waren.

Besonders freue ich mich über das positive Feedback bei den Lesungen. Das kommt zum Beispiel von Menschen, die unmittelbar betroffen sind oder selbst einen Bezug zu Palästina und der Region haben. Einige erzählen mir, wie viel Mut ihnen das Buch macht und in welchem Maße es sie bestärkt.

Eine große Menge hat offenbar schon länger die vage Ahnung, dass mit unserer Berichterstattung etwas nicht stimmt. Der Text liefert dafür konkrete Zahlen und Argumente. Solche Rückmeldungen freuen mich weit mehr als Buchbesprechungen in Zeitungen.

„Es gibt großartige Beiträge, in fast allen Medien“

Islamische Zeitung: Sie haben in der ersten Antwort von „durchgehend“ gesprochen. Gelten Ihre Erkenntnisse allgemein oder sehen Sie Abstufungen in der Weise, in der über den Gazakrieg geschrieben wurde?

Fabian Goldmann: Das bedeutet natürlich nicht, dass hundert Prozent der Berichte durchgehend einseitig oder irreführend sind. Es gibt großartige Beiträge, in fast allen Medien. Bei Springer würde ich da vielleicht eine Ausnahme machen. Untersucht habe ich „Bild“, den „Spiegel“, die „Tagesschau“, die taz und die „Zeit“.

Es gibt immer wieder einzelne, sehr gut recherchierte Texte, die einen wichtigen Einblick in Verbrechen und Leid in Gaza geben. Sie bleiben jedoch eher ein Ausnahmefall. Mich hat deshalb vor allem interessiert, was der Regelfall ist: Gibt es ein Muster in der Berichterstattung?

Bei sämtlichen Medien, die untersucht wurden, von der „Bild“ bis zur taz, zeigt sich, was ich angesprochen habe: eine starke Orientierung an offiziellen Angaben und Narrativen aus Israel. Besonders deutlich ist das in der Nachrichtenberichterstattung.

Hinzu kommt das häufige Ausblenden palästinensischer und libanesischer Opfer. Israelische Gewaltopfer sind in allen untersuchten Medien um ein Vielfaches überrepräsentiert.

Dabei gibt es durchaus Abstufungen. Das lässt sich etwa an der Berichterstattung über Opfer verdeutlichen. In der „Bild“ sind israelische Opfer, gemessen an der tatsächlichen Gesamtzahl, gegenüber palästinensischen Gewaltopfern um das 96-Fache unverhältnismäßig viel vertreten.

Das ist eine abstrakte Zahl. Sie bedeutet aber, dass palästinensische Opfer dort so gut wie gar nicht vorkommen. Am besten schnitt in dieser Hinsicht die taz ab. Bei ihr waren israelische Opfer nur um das 17-Fache überrepräsentiert.

Auch das ist noch ein krasses Missverhältnis. Damit ist das Spektrum der untersuchten Medien beschrieben. „Spiegel“, „Tagesschau“ und „Zeit“ liegen zwischen beiden Polen.

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Foto: Bjoern Wylezich, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock

„Mir ging es darum, empirisch fundiert und systematisch vorzugehen“

Islamische Zeitung: Sie haben eben von einer systematischen Auswertung gesprochen. Die wenigsten kommen aus der Medienanalyse. Wie erkennt und erfasst man solche Muster konkret? Arbeitet man dabei, vereinfacht gesagt, mit Kategorien und Strichlisten, oder kommt Technik zum Einsatz? Wie werden einzelne Beiträge eingestuft und ausgewertet?

Fabian Goldmann: Gut, dass Sie das ansprechen, denn das war mir wichtig. Ich wollte nicht bloß ein paar krasse Einzelfälle herausgreifen, daraus zugespitzte Thesen formulieren und eine Polemik oder Streitschrift gegen deutsche Medien schreiben.

Mir ging es darum, empirisch fundiert und systematisch vorzugehen. Dafür muss man zunächst sehr viele Beiträge analysieren. Im Buch stelle ich unterschiedliche Untersuchungen vor. Eine davon umfasst 11.125 Beiträge aus „Bild“, „Spiegel“, „Tagesschau“, taz und „Zeit“ aus dem Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis zum 19. Januar 2025, dem Beginn der kurzzeitigen Waffenruhe.

Nach welchen Kriterien habe ich diese ausgewählt? Die einfache Antwort lautet: Ich habe alle ausgewertet. Es handelt sich also nicht um eine Stichprobe, die für etwas Größeres stellvertretend sein soll, sondern um eine Vollerhebung.

Das Geschehen war enorm dynamisch. Andere Untersuchungen betrachten zum Beispiel nur die ersten drei Wochen. Ich fand, dass das nicht repräsentativ sein kann.

Außerdem wollte ich die Methode für Leserinnen und Leser nachvollziehbar machen, die keine medienwissenschaftliche Ausbildung haben. Bei einer kleinen Auswahl müsste man erst ausführlich begründen, warum etwa 40 Beiträge repräsentativ für 10.000 stehen sollen. Das wäre eine zusätzliche Hürde.

Technisch lief das so: Ich habe die Websites der Medien ausgelesen, also Webscraping betrieben. Alle Beiträge, die in diesem Zeitraum zum Nahostkonflikt erschienen sind, wurden in einer großen Datenbank zusammengeführt. Dafür musste man ein wenig programmieren. Zum Glück hatte ich Unterstützung von Leuten, die sich damit gut auskennen.

Auf Grundlage dieses Datensatzes habe ich unterschiedliche Auswertungen vorgenommen. Eine davon betraf die Quellenauswahl in Nachrichtenbeiträgen. Dafür habe ich die Überschriften der mehr als 11.000 Beiträge untersucht. Titel in Nachrichtenmedien sind meist sachlich formuliert und beziehen sich auf ein konkretes Ereignis.

Ich habe sie den jeweiligen Quellen zugeordnet. Das habe ich zunächst selbst gemacht, anschließend hat eine weitere Person die Zuordnungen überprüft, um mögliche Fehler zu erkennen.

Danach habe ich die Quellen verschiedenen Kategorien zugeordnet: der israelischen Regierung, der Bundesregierung, NGOs, palästinensischen Reporterinnen und Reportern usw. Dabei zeigte sich eindeutig, wie stark israelische Quellen, insbesondere offizielle Quellen, überrepräsentiert sind.

Ein Ergebnis lässt sich gut veranschaulichen: Nimmt man sämtliche Schlagzeilen von „Bild“, „Tagesschau“, „Zeit“ und „Spiegel“, die auf palästinensischen Angaben beruhen, und fasst sie zusammen, also Angaben von Augenzeugen, Reporterinnen und Reportern, der Hamas, der PLO, der palästinensischen Autonomiebehörde oder Ministerien, dann ergibt das einen bestimmten Umfang.

Fügt man sämtliche Schlagzeilen hinzu, die auf Quellen aus Libanon, Syrien, Jemen und Iran beruhen, ebenso die auf Grundlage internationaler Organisationen wie UNO, UNHCR, Welternährungsprogramm oder WHO sowie von humanitären Organisationen und Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen, dann ist dieser gesamte Block nur etwa halb so groß wie die Zahl der Titel, die allein auf Angaben der israelischen Regierung und Armee beruhen. Das hat aus meiner Sicht nichts mit der Quellenvielfalt und sorgfältiger Recherche zu tun, wie sie im Journalismus vorgesehen sind.

Das war nur eine von vielen Untersuchungen. Mit dem Datensatz aus mehr als 11.000 Beiträgen habe ich auch analysiert, was für Bezeichnungen für welche Gewalttaten genutzt werden.

Dabei habe ich zum Beispiel gezählt, wie oft spezifische Worte vorkommen. Das Ergebnis war, dass für israelische Gewalttaten häufig euphemistische Formulierungen verwendet werden, etwa „begrenzte Bodenoperationen“ oder „präziser Spezialangriff“. Für gegen Israel gerichtete Gewalt werden dagegen häufiger dramatisierende Begriffe benutzt, etwa „Großangriff“, „beispiellos barbarisch“ oder „Massaker“.

Das Auslesen der Websites war technisch aufwendig. Die eigentliche Auswertung war dagegen größtenteils Handarbeit, eher klassisch, wie medienwissenschaftliche Untersuchungen vor zehn Jahren oft durchgeführt wurden.

Es gibt inzwischen bessere technische Tools. Aber ein solches System aufzubauen, das zuverlässig und möglichst fehlerfrei arbeitet, wäre für mich aufwendiger gewesen, als die Auswertung händisch vorzunehmen.

Eine weitere Analyse betraf die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“. Es war die erste, die ich überhaupt durchgeführt habe, und ihre Ergebnisse haben mich selbst erschreckt. In diesem Ausmaß hatte ich das zuvor nicht für möglich gehalten.

Auch hier habe ich über einen Zeitraum von 15 Monaten verschiedene Dinge erfasst, unter anderem das Verhältnis zwischen israelischen und palästinensischen Repräsentantinnen und Repräsentanten, die dort zu Wort kamen.

Mehrere Monate lang musste ich suchen, bis überhaupt erstmals ein palästinensischer Vertreter zu sehen war. Israelische Vertreter kamen dagegen fast in jeder Sendung vor, teilweise sogar mehrere in einer Ausgabe.

Erst nach 15 Monaten kam erstmals ein palästinensischer Repräsentant zu Wort. Das hat aus meiner Sicht nichts mit dem Gebot der Ausgewogenheit zu tun, das für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und damit auch die „Tagesschau“ gesetzlich verankert ist.

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Foto: A-One Rawan, Shutterstock

„Bei palästinensischen, libanesischen, iranischen, jemenitischen und syrischen Toten bleiben dagegen häufig nur Zahlen“

Islamische Zeitung: Ihr Buch beschreibt nicht nur falsche oder verkürzte Informationen, sondern zusätzlich eine ungleiche Sichtbarkeit und Empathie gegenüber israelischen und palästinensischen Opfern. Welche journalistischen Routinen tragen Ihrer Ansicht nach am stärksten zu dieser Hierarchie des Mitgefühls bei?

Fabian Goldmann: Sie haben schon vieles richtig angesprochen. Zunächst muss man feststellen, dass von israelischen Opfern sehr viel häufiger berichtet wird als über palästinensische Opfer. Dazu hatte ich gerade Zahlen genannt: Im Durchschnitt waren sie, glaube ich, um das 34- oder 35-Fache überrepräsentiert.

Das ist aber nur der geringste Teil des Problems. Über sie wird auf eine ganz andere Weise berichtet, nämlich viel empathischer. Man hört ihre Namen, sieht ihre Gesichter und liest ihre Geschichten. Man erfährt, was ihnen passiert ist, und erkennt weinende Angehörige am Grab.

Bei palästinensischen, libanesischen, iranischen, jemenitischen und syrischen Toten bleiben dagegen häufig nur Zahlen.

Sie werden oft nur in Hunderterzahlen gemeldet. Am Ende steht dann oft der Hinweis, es handle sich angeblich um Angaben der Hamas, die nicht überprüft werden könnten. Dadurch wird das Leid zusätzlich relativiert, auf Distanz gehalten und entfremdet.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage, über wen überhaupt berichtet wird. Bei der von mir genannten 34-fachen Überrepräsentation habe ich alle Opfer einbezogen. Wenn man genauer hinschaut, zeigt sich hingegen, dass auf israelischer, palästinensischer und libanesischer Seite über unterschiedliche Gruppen von Menschen berichtet wird.

Auf israelischer Seite handelt es sich zu einem sehr großen Teil, in mehr als 90 Prozent der Fälle, um Zivilisten oder um Personen, die als solche dargestellt werden. Auch wenn über Soldaten berichtet wird, erscheinen sie häufig zunächst als Zivilisten.

Man erfährt dann vielleicht erst im fünften Absatz, dass jemand am 7. Oktober aus einem Panzer entführt wurde. Da fragt man sich: Was macht dieser Zivilist dort? Liest man weiter, wird deutlich, dass es sich um Armeeangehörige handelte. Auch in der Bebilderung zeigt sich das. Bei diesen getöteten Soldaten werden häufig sogar Kinderfotos als Aufmacher verwendet.

Bei Menschen, die von israelischer Gewalt betroffen sind, ist die Darstellung ganz anders. Wenn sie überhaupt in den Medien vorkommen, handelt es sich bei palästinensischen Toten in mehr als 60 Prozent der Fälle um sogenannte Terroristen. Das trifft jedoch oft nicht zu.

So werden etwa Journalistinnen und Journalisten, wie wir wissen, häufig ohne Belege als Hamas-Kämpfer dargestellt.

Solche Beiträge erzeugen beim Publikum keine Empathie. Das wird dadurch verstärkt, dass sie als Erfolgsmeldungen präsentiert werden, oft mit einem grimmig blickenden Foto eines angeblichen Hamas-Anhängers.

Bei Menschen aus anderen Ländern war diese Tendenz noch stärker. Bei palästinensischen Todesopfern lag der Anteil der als „Terroristen“ bezeichneten Personen bei über 60 Prozent, bei libanesischen Toten sogar bei mehr als 90. Zivilisten aus dem Libanon kamen in der Berichterstattung der untersuchten Medien damit so gut wie gar nicht vor.

Und wenn sie vorkamen, dann meist in anonymisierter Form. Einzelschicksale, bei denen man eine Person sieht, ihre Geschichte erfährt und überhaupt die Möglichkeit bekommt, sich mit ihr zu identifizieren, gibt es bei libanesischen sowie iranischen Opfern bei uns so gut wie gar nicht.

„Solch eindeutig positive Ausnahmen gibt es in Deutschland aus meiner Sicht kaum“

Islamische Zeitung: Ist Ihnen bekannt, wie internationale Kollegen bspw. auf die erkennbare Ungleichgewichtung reagieren? Wie würden Sie die hiesige mediale Vermittlung mit der ausländischen – bspw. mit „Haaretz“ – vergleichen?

Fabian Goldmann: Am häufigsten wurde mir aus unterschiedlichen Ländern Unglauben oder Fassungslosigkeit vermittelt. Oft habe ich gehört: „Ich dachte schon, die Berichterstattung in unserem Land sei katastrophal. Aber was bei euch passiert, ist noch einmal viel krasser.“

Sie haben „Haaretz“ angesprochen. Ohne die israelische Medienlandschaft beschönigen zu wollen: Dort gibt es zumindest die Möglichkeit kritischer Berichterstattung, etwa in „Haaretz“ oder im „+972 Magazine“, das großartige Arbeit macht.

Es gibt dort immerhin vereinzelt gute Medien. Die großen Massenmedien sind in Israel jedoch in vielerlei Hinsicht katastrophal, zum Teil schlimmer als bei uns. Dort wird häufig auch ganz offen zu Gewalt und zum Genozid aufgerufen.

Solch eindeutig positive Ausnahmen gibt es in Deutschland aus meiner Sicht kaum. In vielen anderen westlichen Ländern haben sich dagegen mittlerweile reichweitenstarke, oft linke oder alternative Medien etabliert, etwa „Zeteo“, „Drop Site News“, „The Intercept“ und „Democracy Now!“ in den USA. Das „+972 Magazine“ hatte ich bereits erwähnt.

Bei uns würde ich sagen, dass die taz das einzige größere linke Medium ist, das eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Für sie gelten aber ähnliche Probleme wie bei „Tagesschau“, „Zeit“ und „Spiegel“.

Ein Unterschied zu anderen Ländern zeigt sich auch daran, dass es in deutschen Redaktionen kaum öffentlichen Protest oder Gegenwehr gegeben hat. Ein Umdenken innerhalb der Medienhäuser ist jedenfalls nicht erkennbar.

Im Ausland war die Berichterstattung großer Medien wie BBC, CNN oder AP ebenfalls problematisch. Dort gab es aber immer wieder Stimmen aus den Redaktionen, die gesagt haben: Bis hierhin und nicht weiter. Mitarbeitende gingen an die Öffentlichkeit, kritisierten Missstände im eigenen Haus und forderten teils auch den Rücktritt von Verantwortlichen.

So wurde etwa ein offener Brief zur Gaza-Berichterstattung der BBC von über 230 Medienschaffenden unterzeichnet, darunter mehr als 100 Beschäftigte der BBC. Die Unterzeichnenden kritisierten eine aus ihrer Sicht nicht durchgehend faire, genaue und faktenbasierte Berichterstattung.

Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland bis heute nicht. Auf einen offenen Brief aus der taz-, Zeit- oder Spiegel-Redaktion, in dem sich Mitarbeiter gegen Missstände im eigenen Haus wenden, wartet man hier leider immer noch vergeblich.

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„Es ist wichtig, zu verstehen, wie Journalismus funktioniert“

Islamische Zeitung: Zum Abschluss: Solange sich an der deutschen Berichterstattung nichts grundlegend ändert, wie kann man damit umgehen? Wie können Menschen ihre Medienkompetenz stärken und sich zum Thema ein fundierteres Bild verschaffen?

Fabian Goldmann: Medienkompetenz hilft auf jeden Fall. Es ist wichtig, zu verstehen, wie Journalismus funktioniert, wie ein Text oder ein Nachrichtenbeitrag aufgebaut ist und woran man guten von schlechtem unterscheiden kann.

Man kann sich da auch ein Stück weit weiterbilden. Ich schaue mir weiterhin die „Tagesschau“ an und lese Beiträge im „Spiegel“, aber ich lese sie mit einer bestimmten Brille. Manche Dinge überlese ich inzwischen einfach. Wenn etwa „begrenzte Bodenoperationen“ in einer Überschrift steht, weiß ich, dass die „Tagesschau“ diese Formulierung vermutlich aus einer israelischen Pressemitteilung übernommen hat.

Die Information, die ich daraus dennoch mitnehmen kann, lautet: Israel hat wieder etwas angegriffen. Dann schaue ich vielleicht noch in den siebten Absatz, ob dort nicht doch eine Stimme von einer NGO vorkommt. Die ersten fünf Abschnitte, in denen nur ein israelischer Pressetext wiedergegeben wird, überlese ich.

Wenn man ein wenig weiß, worauf man achten muss, kann man sich auch über unsere Medien bis zu einem gewissen Grad informieren. Man sollte auf die Sprache schauen, darauf, welche Stimmen zu Wort kommen, woher die Informationen stammen und ob das kenntlich gemacht wird.

Man sollte fragen: Handelt es sich wirklich um eine Tatsache oder um eine Behauptung, die als solche präsentiert wird? Gut informieren kann man sich so nicht unbedingt, aber ein Stück weit geht es.

Es hilft auch, sich einzelne gute Journalistinnen und Journalisten zu merken. In den meisten Redaktionen gibt es einen gewissen Spielraum und eine gewisse Pluralität, die genutzt werden kann, um gute Beiträge durchzubringen.

Das ist nicht immer einfach. Es braucht engagierte Redakteurinnen und Redakteure, die mitunter geduldig abwarten, bis ein Beitrag von einer anderen Person in der Hierarchie abgenommen wird, und die es auch gegen Widerstände in der Redaktion schaffen, gute Texte zu veröffentlichen.

Ich kann ein paar Namen nennen: Dunja Ramadan im „Spiegel“ macht immer wieder großartige Beiträge. Auch Daniel Bax schreibt in der taz wichtige Artikel. Wenn man sich eher Autorinnen und Autoren merkt als nur das jeweilige Medium und gezielt schaut, was sie veröffentlicht haben, kann man sich auch in Medien informieren, deren allgemeine Berichterstattung man sonst aus guten Gründen kritisch sieht.

Letztlich stößt man bei den großen etablierten Medien aber an Grenzen. Viele Aspekte des Genozids in Gaza und der weiteren Kriege in der Region kommen dort gar nicht vor. Das ist aus meiner Sicht das größte Problem, nicht nur die einseitigen oder irreführenden Beiträge, sondern ganze Themenbereiche, die ausgeblendet werden.

Dazu gehören große Gewalttaten und Massaker, aber auch das Alltagsleben in der Region. Ebenso fehlen häufig konstruktive Perspektiven: Wie könnten Lösungen für das Unrecht und ein gerechter Frieden zwischen Jordan und Mittelmeer aussehen, für alle Menschen? Und zwar jenseits der eingefahrenen Stereotype und der üblichen Debatten über eine Zwei-Staaten-Lösung.

Wer nach solchen authentischen Einblicken und Berichten abseits des deutschen Staatsräson-Narrativs sucht, muss daher, glaube ich, auf ausländische Medien oder kleinere linke und alternative ausweichen. In Deutschland wären das etwa „Jacobin“ sowie „Ethos Media“.

Es gibt noch viele weitere Angebote, die mir nicht alle einfallen. Zum Beispiel „Occupied News“ oder „Gaza Heute“. Auch einzelne Instagramkanäle, etwa von Nadja Seborra, Alena Jabarin und Tarek Bae, leisten mit einem Bruchteil der Ressourcen oft deutlich bessere Arbeit als große Leitmedien. Sie halten sich dabei häufig viel stärker an journalistische Grundsätze.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Goldmann. Wir bedanken uns für das Gespräch.

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DIK nach 20 Jahren Bestand

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Mit der DIK begann 2006 ein Austausch zwischen Staat und Muslimen. Ein Durchbruch, sagen Forschende. Was sie in 20 Jahren erreicht hat und warum es Streit um die Teilnehmenden gab.

(Mediendienst Integration). Vor 20 Jahren, am 27. September 2006, eröffnete der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Deutsche Islamkonferenz (DIK). Das Ziel: Einen Austausch zwischen Muslimen und dem Staat aufbauen.

Denn es gab kaum Regelungen – für islamische Bestattungen, Religionsunterricht oder die Ausbildung von Imamen. Von Beginn an standen auch Sicherheitsfragen und extremistischer Islamismus auf dem Programm, die Zeit lebte unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September und der folgenden Anschläge in Europa.

Ein staatlicher Dialog mit Muslimen – dagegen gab es in der Politik Vorbehalte. „Wolfgang Schäuble nutzte seine Reputation und Präsenz, um das durchzusetzen“, sagt die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus.

Imo|photothek.net / Deutsche Islam Konferenz

Sie hat die Konferenz als Wissenschaftlerin begleitet. Bis 2006 habe es auf Bundes- und Länderebene kaum Kommunikation mit muslimischen Interessenvertretern gegeben, sondern eine Blockadehaltung.

Mit der Deutschen Islam Konferenz änderte sich das – dort kommen seit 2006 muslimische Akteur*innen mit Vertreter*innen von Bund, Ländern und Kommunen zusammen. „Die Deutsche Islam Konferenz war ein Durchbruch“, sagt Spielhaus.

Die DIK ist nicht nur Diskussionsraum, sondern stieß auch zahlreiche Vorhaben an. „Die Konferenz hat viel verändert und möglich gemacht“, sagt Spielhaus. Etwa den Islamischen Religionsunterricht an Schulen oder Islamische Theologie an Universitäten.

Erste Überlegungen, Islamischen Religionsunterricht an Schulen einzuführen, gab es schon in den 1970er Jahren. Lange Zeit stockte das Projekt. In der ersten Phase der DIK (2006-2009) erarbeiteten dann Vertreter*innen von Bund, Ländern und islamischen Akteuren erste rechtliche Grundlagen und Empfehlungen. Heute gibt es in neun Bundesländern Islamunterricht an Schulen.

Religion Zentralrat Religionsunterricht

Foto: Jasmin Merdan, Shutterstock

Im Schuljahr 2025/26 nahmen rund 84.500 Schüler*innen teil, wie eine neue Recherche des „Mediendienstes Integration“ zeigt. Die Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. „Dass es heute diesen Islamunterricht gibt, ist ein Verdienst der DIK“, sagt Spielhaus. Das Angebot decke aber noch lange nicht den Bedarf.

2009 empfahl die DIK, Islamische Theologie an Hochschulen in Deutschland zu etablieren – etwa, um Lehrkräfte für den Religionsunterricht auszubilden. Bereits 2011 eröffneten erste Standorte, der Bund förderte den Aufbau.

Heute wird in Deutschland an zwölf Hochschulen Theologie oder Religionspädagogik gelehrt. In Münster eröffnete diesen Sommer eine eigenständige Fakultät. „Mittlerweile haben wir in der Islamischen Theologie ein Ausbildungssystem, das weltweit führend ist“, sagt der Islamwissenschaftler Mathias Rohe. Er hat als Wissenschaftler bei allen Phasen der DIK mitgewirkt.

Im Laufe der DIK gab es immer wieder Kritik daran, dass sich die Konferenz zu stark auf Sicherheit und Islamismus fokussiere. „Es ist ein Problem, wenn Sicherheit zum Hauptthema gemacht wird oder Muslime unter Generalverdacht geraten“, sagt Spielhaus. Es sei aber eine Chance, islamische Organisationen beim Thema einzubeziehen.

Um Sicherheitsbehörden und muslimische Communities zu vernetzen, entstand auf Vorschlag der DIK das Kooperationsnetzwerk Sicher Zusammenleben. Im Jahr 2010 sagte der Zentralrat der Muslime aus Protest seine Teilnahme an der Konferenz ab. Die Begründung: Das Bundesinnenministerium wolle das Thema antimuslimischer Rassismus nicht auf die Agenda setzen.

Muslimfeindlichkeit Expertenkreis

Foto: Markus Spiske, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Später nahm sich die DIK des Themas an. Gefördert von der Konferenz erschien 2023 ein umfassender Forschungsbericht zu antimuslimischem Rassismus in Deutschland.

Mathias Rohe war einer der Koordinatoren des unabhängigen Expertenkreises, der den Bericht verfasste. „Antimuslimischer Rassismus ist immer noch ein Alltagsphänomen“, sagt der Forscher – etwa bei der Jobsuche oder auf dem Wohnungsmarkt.

Für Kontroversen sorgte immer wieder die Zusammensetzung der DIK. In den ersten drei Phasen lud das Innenministerium eine feste Gruppe von Verbänden und zu Beginn auch Einzelpersonen ein.

Daran gab es von vielen Seiten Kritik: Konservative islamische Verbände würden zu viel Gewicht bekommen und nur einen Bruchteil der Muslime in Deutschland vertreten, liberale Stimmen fehlten. Andere kritisierten, wortstarke Einzelpersonen würden zu viel Raum einnehmen.

Dass es Streit um die Teilnahme gibt, findet Rohe normal. Schließlich habe die DIK den Teilnehmern Zugang zu politischen Entscheidungsträgern gegeben: „Es geht darum, wer an den Tisch darf und wer nicht“. Mittlerweile wechselt die Zusammensetzung je nach Thema. Neben islamischen Verbänden sind heute zunehmend zivilgesellschaftliche Organisationen vertreten.

* Gekürzter Nachdruck im Rahmen einer CC-Lizenz. Dieser Beitrag erschien am 17. September auf der Website des Mediendienstes.

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Islamic Relief sieht Mittelkürzungen kritisch

Islamic Relief Mittel Haushalt

Islamic Relief Deutschland warnt vor den geplanten Kürzungen im BMZ-Etat 2027: Weniger Mittel für Entwicklungszusammenarbeit gefährdeten zivilgesellschaftliche Organisationen, demokratische Teilhabe, Menschenrechte und internationale Solidarität. (iz). Mit Blick auf den Regierungsentwurf […]

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Die DIK: ein kritischer Rückblick

DIK Muslime Religionspolitik

Die Erklärung des Koordinationsrats der Muslime (KRM) zur Deutschen Islam Konferenz (DIK) markiert einen Wendepunkt in der Betrachtung.

(iz). Nach zwanzig Jahren steht weniger die Erfolgsgeschichte institutioneller Anerkennung im Mittelpunkt als die Frage, ob dieses Forum überhaupt noch der Realität muslimischen Lebens im Land gerecht wird.

Als Wolfgang Schäuble sie 2006 einrichtete, war das Signal unübersehbar: Der Staat wollte Muslime nicht länger nur als „Integrationsproblem“, sondern Gesprächspartner wahrnehmen. Sie sollte den verfassungsrechtlichen Anspruch der Minderheit auf Teilhabe sichtbar machen – als Bürgerinnen und Bürger, nicht als Sicherheitsrisiko.

In den Anfangsjahren entstanden Pflöcke, die heute den Alltag vieler Gemeinden strukturieren: Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, islamisch‑theologische Lehrstühle, erste Strukturen von Wohlfahrtspflege und Seelsorge in Gefängnissen, Kliniken oder der Bundeswehr.

Foto: Imo|photothek.net / Deutsche Islam Konferenz

Die DIK: vom Dialogforum zum Sicherheitsgremium

Der Kern der KRM‑Kritik lässt sich in einem Satz bündeln: Die DIK ist von einem Forum des Dialogs zu einer Bühne des Misstrauens verschoben worden. In den vergangenen Jahren haben sich Themen und Bildsprache immer stärker um „Extremismus“, „Prävention“ und „Radikalisierung“ gedreht, während die alltäglichen Fragen muslimischen Lebens in den Hintergrund traten.

Der Rat spricht von einer „Verengung“ und davon, dass die Stimmen großer Teile seiner Basis relativiert oder ignoriert würden.

Medienberichte über jüngere Tagungen zeichnen ein ähnliches Bild: Eigentlich soll von Muslimfeindlichkeit gesprochen werden, tatsächlich dominiert dann der Blick auf Antisemitismus unter Muslimen; Islamwissenschaftlerinnen wie Riem Spielhaus berichten, dass die sicherheitspolitische Perspektive erneut die Bühne übernimmt. 

Parallel dazu inszeniert sich das Innenministerium regelmäßig als Akteur, der entschieden „gegen islamistischen Extremismus“ vorgeht – angeblich im Interesse der „großen Mehrheit“. Die Botschaft an die Mehrheitsgesellschaft ist klar: Der Staat sorgt für Sicherheit, indem er unter Muslimen „aufräumt“. Die Frage, was dieses permanente Sicherheitsnarrativ mit der Selbstwahrnehmung und Anerkennung dieser Bürger macht, bleibt eher Randnotiz.

Der KRM beobachtet, dass Muslime erneut vor allem im Kontext von Risiken und Prävention wahrgenommen werden, nicht als selbstverständlicher Teil einer pluralen Gesellschaft. Damit knüpft die DIK an jene Logik an, die sie eigentlich überwinden sollte: Man spricht über „den Islam“ als Problemfall, nicht mit ihnen als Partnern.

Offizielle Rhetorik und gesellschaftliche Realität

Die Diskrepanz zwischen offiziöser Sprache und Realität zeigt sich besonders deutlich, wenn man das Jubiläum der DIK mit der Entwicklung islamfeindlicher Straftaten konfrontiert.

Während das Innenministerium in Verlautbarungen gern die Förderung eines „respektvollen Miteinanders“ hervorhebt, verweisen muslimische Verbände auf einen explosionsartigen Anstieg von Angriffen auf Moscheen in den letzten zwei Jahren.

Der KRM spricht von einer Vervielfachung solcher Attacken. Das ist ein Befund, der sich mit unabhängigen Studien zur Zunahme muslimfeindlicher Gewalt deckt.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Fixierung der DIK auf den „islamistischen Extremismus“ wie eine politisch bequeme Verlagerung: Die Bedrohung, die von einem kleinen, gewaltbereiten Spektrum ausgeht, rechtfertigt eine dauerhafte Problematisierung einer gesamten Religionsgemeinschaft, während der strukturelle Rassismus gegen diese Gemeinschaft zur Detailfrage schrumpft.

Dass Muslime in Deutschland nicht mehr nur „Migrantinnen und Migranten“, sondern längst Lehrer, Richterinnen, Handwerksmeister oder Verwaltungsbeamte sind, spielt im sicherheitspolitischen Setting kaum eine Rolle. Ihre Beiträge zur Gesellschaft – und ihre Verletzbarkeit – verschwinden hinter der Folie des „Risikofaktors“.

Kritische Kommentare in größeren Medien unterstreichen diese Schieflage. Die „Zeit“ beschrieb die Islamkonferenz bereits 2023 als „Wohlfühlveranstaltung“, die echte Auseinandersetzung scheue und kontroverse Stimmen möglichst von den Podien fernhalte.

Die „taz“ nannte das Forum schon unter Innenminister Seehofer einen Ort, an dem zwar über Zugehörigkeit geredet werde, während der Gastgeber zugleich zu Protokoll gab, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Die Diskrepanz zwischen Reden und Rahmenbedingungen zieht sich als rote Linie durch die Geschichte der DIK.

Ausschluss und Instrumentalisierung

In dieser Situation wirkt es fast ironisch, wenn die Politik darauf verweist, die DIK bilde doch „die Vielfalt muslimischer Stimmen“ ab. Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren unterschiedliche Akteure kritisch zu Wort gemeldet. Und dabei oft eher die Grenzen des Formats deutlich gemacht als dessen Stärke.

Dachverbände erinnern daran, dass sie den Großteil der Moscheegemeinschaften organisieren und der Staat, wenn er etwa über die Ausbildung von Imamen reden will, de facto auf sie angewiesen ist.

Doch statt diese Abhängigkeit transparent zu benennen, operiert das Innenministerium gern mit dem Bild eines „pluralen“ Panels, auf dem Verbände, Einzelpersonen und ausgewählte Projektträger nebeneinander sitzen – ohne dass klar würde, wer in welcher Weise legitimiert ist.

Die DIK wird so zu einer Bühne, auf der das Ministerium die Rollen verteilt, während die muslimischen Akteure auf den Status eingeladener Gäste reduziert bleiben.

Der KRM formuliert diese Erfahrung nüchtern, aber deutlich: Die Konferenz drohe zu einem einseitigen Forum zu werden, „in dem vor allem über Muslime gesprochen wird, anstatt gemeinsam mit ihnen auf Augenhöhe Lösungen zu entwickeln“.

Dass eine solche Konstellation Misstrauen erzeugt, überrascht kaum – zumal Entscheidungen über Religionsunterricht, Wohlfahrtspflege oder Baurecht am Ende in Ländern und Kommunen getroffen werden, nicht in Berlin.

Bestattungen Friedhöfe Tod

Foto: IGMG Berlin

Die vergessenen Alltagsfragen

Was aber gerät unter die Räder, wenn die DIK zur Sicherheitskonferenz schrumpft? Der KRM nennt eine Reihe von Themen, die so unspektakulär wie handfest sind: muslimische Grabfelder, die Frage einer verlässlichen Seelsorge in Krankenhäusern und Haftanstalten, der Status von SoldatInnen der Bundeswehr oder die institutionelle Gleichbehandlung islamischer Religionsgemeinschaften mit anderen Religionspartnern.

Dazu kommen die großen, alle betreffenden Herausforderungen – von den Löchern in den Sozialsystemen bis zu den wachsenden Zukunftsängsten in einer Gesellschaft im Umbruch.

Gerade hier könnten muslimische Gemeinden und Organisationen ihre Erfahrung mit solidarischen Strukturen, ehrenamtlicher Arbeit und sozialer Selbstorganisation einbringen.

Doch solche Ressourcen tauchen in den offiziellen Texten des Innenministeriums nur am Rande auf; die Konferenz konzentriert sich auf Förderprogramme, Modellprojekte und Leitlinien, die selten in eine verlässliche institutionelle Praxis übersetzt werden. So bleibt vieles im Status von Pilotprojekten, die nach ein paar Jahren auslaufen, statt dauerhaft in der Fläche zu wirken.

Muslimische Medien haben dieses Muster wiederholt benannt. Die IZ sprach schon zur fünften Runde von der Gefahr, das Narrativ vom „guten“ versus „bösen“ Muslim fortzuschreiben: Auf der einen Seite der integrationsbereite, zivilgesellschaftlich nützliche Akteur, auf der anderen der fundamentalistische Störenfried, gegenüber dem der Staat Härte demonstriert.

Solange dieses Raster die Diskussion strukturiert, bleiben strukturelle Fragen – von der Finanzierung religiöser Infrastruktur bis zur Anerkennung von Religionsgemeinschaften – politische Verhandlungsmasse statt Ausdruck von Grundrechten.

Community

Foto: Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland

Was eine Neuorientierung bedeuten würde

Die Forderung nach einer „klugen Neuausrichtung“, die der KRM erhebt, ist deshalb mehr als die übliche Verbandsrhetorik. Sie verweist auf einen blinden Fleck der Bundespolitik: die Tendenz, gesellschaftliche Konflikte aufs Feld der inneren Sicherheit zu verlagern, anstatt sie als Ausdruck sozialer, rechtlicher und symbolischer Ungleichheit zu begreifen.

Eine DIK, die diesen Namen verdient, müsste den Mut haben, den Fokus zu verschieben – weg von der Frage, wie gefährlich Muslime sein könnten, hin zu jener, wie gerecht die Institutionen gegenüber diesen Bürgern sind.

Dazu gehörte, Muslimfeindlichkeit nicht als Unterpunkt allgemeiner Extremismusdebatten zu behandeln, vielmehr als eigenständiges Problem, das den Rechtsstaat selbst herausfordert.

Es hieße, Angriffe auf Moscheen ebenso ernst zu nehmen wie Übergriffe auf Kirchen oder Synagogen und die betroffenen Gemeinden nicht nur als Sicherheitsobjekte, sondern als Subjekte mit eigenen Deutungen und Erwartungen anzuerkennen.

Und es hieße, die mühseligen, wenig spektakulären Aushandlungen vor Ort – vom Bauantrag für einen Gebetsraum bis zur Frage, ob muslimische Kinder selbstverständlich am Religionsunterricht ihrer Tradition teilnehmen können – nicht länger hinter Tagungsrhetorik verschwinden zu lassen.

Eine solche Neuorientierung wäre unbequem, weil sie die Logik von Symbolpolitik durchbräche. Sie würde den Bund zwingen, Kompetenzen mit Ländern und Gemeinden zu verzahnen, statt vor laufenden Kameras „Werkstattgespräche“ zu feiern.

Gleichzeitig würde sie die muslimischen Verbände und Initiativen in die Pflicht nehmen, ihre inneren Konflikte offen zu verhandeln, anstatt sich hinter dem Verweis auf „falsche“ Gesprächspartner zu verschanzen. Darin läge die Chance einer Konferenz, die dem Namen Dialogforum wieder näherkommt.

Am Ende stellt sich eine einfache, aber grundsätzliche Frage: Ist die Deutsche Islam Konferenz ein Ort, an dem der Staat sich seiner muslimischen Bürger vergewissert – oder ein Ort, an dem sie den Anspruch des Staates auf Gleichbehandlung prüfen können? Solange die Antwort unausgesprochen bleibt, wird jede Jubiläumsfeier einen Beigeschmack behalten.

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Papst Leo: „Möge der Wahnsinn des Krieges ein Ende haben“

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Der Papst erachtet die weltpolitische Lage offenbar für so dramatisch, dass er zu einem weltweiten Friedensgebet aufrief. (KNA/IZ). Überraschung am 11. April vor dem Petersdom: „Wir wollen der ganzen Welt […]

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Islam und KI (1): Die Singularität als neue Religion?

KI Islam

IZ-Kurzserie zur KI (1): Technologische Visionen nehmen zunehmend religiöse Züge an. Eine islamische Kritik.

(iz). In den gläsernen Bürotürmen von Silicon Valley, der IT-Hochburg in Kalifornien, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen: Technologische Visionen nehmen zunehmend religiöse Züge an. Von Masroor Ahmad-Hünsch

Ray Kurzweil, Googles Director of Engineering und einer der einflussreichsten Vordenker der Künstlichen Intelligenz, prophezeit nicht weniger als die Verschmelzung von Mensch und Maschine – eine technologische Apokalypse, die er „Die Singularität“ nennt.

Seine Vorhersagen lesen sich wie säkulare Prophezeiungen: Bis 2029 sollen Computer menschliche Intelligenz erreichen und den Turing-Test bestehen.

Der Turing-Test ist ein Verfahren, das vom britischen Mathematiker und Informatiker Alan Turing entwickelt wurde, um festzustellen, ob eine Maschine ein dem Menschen vergleichbares Denkvermögen besitzt. Dabei kommuniziert eine menschliche Testperson über einen Computerbildschirm mit einem Menschen und einer Maschine, ohne zu wissen, wer wer ist. Kann die Maschine die Testperson so täuschen, dass sie nicht mehr zwischen Mensch und Computer unterscheiden kann, gilt der Test als bestanden.

Im Jahr 2045, so Kurzweil, erreichen wir „Die Singularität“: eine Verschmelzung von Mensch und KI, die unsere Intelligenz „milliardenfach“ vervielfacht. Bereits in den frühen 2030er Jahren, so seine Prognose, kommen wir einen Punkt, an dem wissenschaftlicher Fortschritt schneller voranschreitet als biologisches Altern und die Maschine besser sei als der Menschen und sich selbst vervielfacht und optimiert.

Kurzweil ist nicht irgendjemand, sondern eine Gallionsfigur des Transhumanismus, ein Name, der für viele zum Synonym für die Vision einer technologisch erweiterten Zukunft geworden ist. Seine Vorstellungen werden längst nicht nur von einer kleinen, abgeschotteten Gruppe getragen, sondern finden weltweit Anklang bei Forschenden, Unternehmern und Menschen.

Seine Vision gipfelt in sechs „Epochen der Evolution“, deren letzte er „Das Universum erwacht“ nennt – ein Zustand, den er selbst beschreibt als „so nah an Gott, wie ich es mir vorstellen kann.“

Der Wissenschaftsjournalist John Horgan bringt es auf den Punkt: „Seien wir ehrlich. Die Singularität ist eher eine religiöse als eine wissenschaftliche Vision.“ Diese Beobachtung ist nicht nur metaphorisch gemeint. Philosophen wie Émile P. Torres und Timnit Gebru haben den Begriff „TESCREAL“ geprägt – ein Akronym für eine Ideologie, die Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarismus, Cosmismus, Rationalismus, Effektiven Altruismus und Longtermismus vereint.

Émile Torres, erklärt die quasi-religiöse Anziehungskraft dieser Bewegung: „Transhumanismus gibt dir ein Gefühl von Zweck und Bedeutung; da ist ein Versprechen vom Paradies; da ist die Idee, dass, wenn du nicht glaubst, dass Gott existiert, du ihn einfach durch künstliche Superintelligenz erschaffen kannst.“

Die religiöse Dimension der KI-Bewegung ist keineswegs nur metaphorisch. Anthony Levandowski, ehemaliger Google-Ingenieur und Pionier der selbstfahrenden Autos, gründete 2015 die „Way of the Future Church“ – eine offizielle, beim US-Finanzamt registrierte Religion, deren erklärtes Ziel die „Anbetung einer Gottheit basierend auf Künstlicher Intelligenz“ ist.

So eine extreme Entwicklung ist symptomatisch für einen tiefgreifenden Wandel im technologischen Diskurs. Was einst als Werkzeug gedacht war, wird zunehmend zum Objekt der Verehrung. Elon Musk verkündete im Januar 2026 auf X: „Wir haben die Singularität erreicht“.

Sarajevo Ramadan

Foto: rdne/Pexels

Aus islamischer Sicht offenbart diese Entwicklung ein fundamentales Problem: die Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf, von Werkzeug und Anbetungswürdigem. Der Heilige Qur‘an spricht unmissverständlich über die einzigartige Stellung Gottes als Schöpfer: „Er ist Allah, der Schöpfer, der Bildner, der Gestalter. Sein sind die schönsten Namen. Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, preist Ihn, und Er ist der Allmächtige, der Allweise.“ (59:25)

Diese drei Namen Gottes – Al-Khaliq (der Schöpfer), Al-Bari (der Bildner) und Al-Musawwir (der Gestalter) – beschreiben eine Schöpfungsmacht, die kategorial verschieden ist von jeder menschlichen oder maschinellen „Kreativität“.

Der Heilige Qur’an stellt eine rhetorische Frage, die direkt zum Kern der KI-Debatte führt: „Ist nun wohl Der, Der erschafft, dem gleich, der nicht erschafft? Wollt ihr es also nicht beherzigen?“ (An-Nahl, 16:17)

Diese Frage ist nicht nur theoretisch, sondern hochaktuell: Können Maschinen, die statistisch Muster erkennen und reproduzieren, wirklich „erschaffen“ im wahrsten Sinne des Wortes? Oder imitieren sie lediglich das, was ihnen durch menschliche Trainingsdaten eingegeben wurde?

So betont er die unüberbrückbare Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf: „Dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei denn Allah gepriesen, der beste Schöpfer.“  (23:13)

Dass Menschen in begrenztem Sinne „erschaffen“ können, ist nicht ausgeschlossen, weil sie sich diese Eigenschaft Gottes in menschlichen Maßen „leihen“ – aber der Koran stellt unmissverständlich klar: Allah ist „der Beste“ unter ihnen, unvergleichbar in Seiner Schöpfungskraft.

Ein zentraler Vers für das Verständnis der Grenzen menschlichen Wissens – und damit auch technologischer Machbarkeit – findet sich in Sure Al-Isra: „Und sie fragen dich über die Seele. Sprich: „Die Seele entsteht auf den Befehl meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.“ (17:85)

Foto: Freepik.com

Dieser Vers wurde offenbart, als der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, nach der Natur des Geistes bzw. der Seele gefragt wurde. Die Antwort ist bemerkenswert eindeutig: Es gibt fundamentale Grenzen menschlichen Wissens. Die Unfähigkeit, die Seele vollständig zu begreifen, demonstriert, dass bestimmte Aspekte der Schöpfung – Bewusstsein, Geist, Leben selbst – jenseits menschlichen Verstehens und damit auch jenseits technologischer Reproduzierbarkeit liegen.

Wenn Kurzweil und andere Singularitäts-Propheten von der „Erschaffung“ künstlicher Superintelligenz oder gar künstlichen Bewusstseins sprechen, übersehen sie diese fundamentale Grenze. Sie verwechseln Simulation mit Substanz, statistische Verarbeitung mit echtem Verstehen.

In zeitgenössischen Science-Fiction-Filmen wie „Transcendence“, „Black Mirror“ oder „Upload“ wird eine scheinbar verlockende Vision präsentiert: Das menschliche Bewusstsein wird „hochgeladen“, digitalisiert und in eine virtuelle Unsterblichkeit überführt.

Diese Darstellungen offenbaren einen fundamentalen Irrtum der materialistischen Weltanschauung – die Annahme, dass das menschliche Bewusstsein nichts weiter sei als ein komplexes neuronales Muster, das sich durch ausreichend fortgeschrittene Algorithmen emulieren lässt.

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Am Scheideweg der Freiheit. Harte Kritik der UN an Bundesregierung

Freiheit

Deutschland, das sich gern als Hort der Freiheiten und Grundrechte inszeniert, steht aus Sicht der Vereinten Nationen am „Scheideweg“ der Meinungsfreiheit.

(iz). Nach einem zehntägigen Besuch in mehreren Bundesländern spricht die UN-Sonderberichterstatterin zum Thema, Irene Khan, von einem „schrumpfenden Raum“ für freie Äußerungen. Damit stellt sie die Selbstwahrnehmung der Republik offen in Frage.

Es ist der erste offizielle Besuch einer UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit in Deutschland seit Schaffung des Mandats 1993 – und das Urteil fällt ungewohnt scharf aus. Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, antimuslimischer und antimigrantischer Hass, genderbasierte Hassrede – all das habe „spürbar zugenommen“, bilanziert Khan.

Foto: Deutscher Bundestag/Thomas Imo/photothek

Zugleich wirft sie der Politik vor, ausgerechnet mit dem Instrumentarium der Sicherheitspolitik auf diese Entwicklung zu reagieren. Viele Maßnahmen vom verstärkten Schutz von Amtsträgern vor Kritik über pauschale Slogan-Verbote bis hin zur Überwachung von Organisationen unter vagen „Extremismus“-Vorwürfen seien „nicht vereinbar mit internationalen Menschenrechtsstandards“.

„Deutschland befindet sich an einem kritischen Punkt für die Freiheit der Meinungsäußerung“, warnt Khan. Kriminalisierung und ein sicherheitsorientierter Ansatz hätten die Wirkung, dass der demokratische Debattenraum enger werde, die Gesellschaft sich weiter polarisiere und das Vertrauen in eben jene Institutionen schwinde, die man zu schützen vorgebe.

Khan zeichnet ein Bild doppelter Verengung: Einerseits der reale Anstieg von Hass – auf Jüdinnen und Juden, Musliminnen und Muslime, Migrantinnen und Migranten, Frauen in der Politik. Auf der anderen Seite jene, die sich von Staat und Sicherheitsbehörden beobachtet und potenziell kriminalisiert fühlen.

„Viele der Menschen, mit denen ich gesprochen habe – jüdische Studierende, pro-palästinensische Aktivisten, Journalistinnen, Wissenschaftler, Künstlerinnen – sagten mir, dass sie aus Angst vor Angriffen oder Konsequenzen nicht mehr frei sprechen“, berichtete sie von ihren Erkenntnissen in Deutschland.

Besonders kritisch beurteilt sie das Vorgehen gegen pro-palästinensische Akteure. Der Einsatz von Anti-Terror-Gesetzen, Verbote von Slogans wie „From the river to the sea“, das Auflösen von Kundgebungen und die Überwachung von Initiativen auf Grundlage unpräziser Extremismusvorwürfe hätte eine einschüchternde Wirkung auf die öffentliche Debatte.

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Collage: F. Goldmann

Was vordergründig als Abwehr von Antisemitismus begründet werde, treffe in der Praxis häufig legitime politische Meinungsäußerung. So schaffe man Unsicherheit darüber, wo die Grenze zwischen zulässiger und strafbarer Rede verläuft.

Die Juristin unterscheidet scharf zwischen Rede, die zu Hass und Gewalt aufruft, und jener, die verletzend, allerdings legal ist. Letztere bezeichnet sie mit der Formel „lawful but awful“ – legal, aber abscheulich. Genau hier, so Khan, verlasse Deutschland den Pfad internationaler Standards: „Beleidigende Äußerungen, die rechtlich zulässig sind, sollten durch Bildung, Sensibilisierung, Debatten und Diskussion beantwortet werden, nicht durch Zensur oder Kriminalisierung.“

Exemplarisch verweist sie auf die Verschärfung des § 188 Strafgesetzbuch, der Beleidigungen von Personen des „politischen Lebens“ unter besonderen Schutz stellt. Durchsuchungen nach kritischen Postings gegen Regierungsmitglieder oder Geldstrafen für grobe Beschimpfungen von Ministerinnen mögen im Einzelfall rechtlich gedeckt sein.

In der Summe aber verschöben sie die Schwelle, ab der Kritik am Staat zur strafrechtlichen Frage wird. „Wenn Sie Amtsträger sind, sind Sie die Machtvolle“, sagt sie. „Der Bürger wird entmachtet, wenn Sie das Strafrecht nutzen, um ihn wegen Kritik zu verfolgen.“

Polizei Gewalt

Foto: Tim Eckert, Shutterstock

Scharf fällt auch ihre Kritik am Umgang deutscher Sicherheitsbehörden mit dem Label „Extremismus“ aus. Der Begriff sei zu vage gefasst, seine öffentliche Verwendung durch Nachrichtendienste bzw. Innenbehörden habe „stigmatisierende Wirkung“ und könne Menschen davon abhalten, ihre Meinung frei zu äußern oder sich zu organisieren.

Wo aus politischer Opposition mithilfe administrativer Kategorien ein sicherheitsrelevantes Problem gemacht werde, drohe demokratische Auseinandersetzung in den Schattenbereich der Gefahrenabwehr verschoben zu werden.

Die Sonderberichterstatterin wird im Juni 2026 einen ausführlichen Bericht vor dem UN-Menschenrechtsrat vorlegen. Bis dahin bleibt ihre zentrale Forderung an Deutschland stehen:

In einem Land, das sich gern auf seine Verfassung beruft, entscheidet sich die Zukunft der freien Rede nicht nur im Strafgesetzbuch, sondern im Umgang mit dem „lawful but awful“ – mit dem Aushalten von Zumutungen, die zur Demokratie gehören.

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Stadtbild: Kanzler Merz zwischen Lösungen und Eskalation

Kanzler

Nach seinen Aussagen zum „Stadtbild“ erhielt der Kanzler Zustimmung und Ablehnung. Wir fassen zusammen.

(iz). Nach dem vorzeitigen Ende der Ampelkoalition hofften viele Bürger, eine Zweierkoalition unter Friedrich Merz werde Ruhe und sichere Hand in die Regierungsgeschäfte bringen.

Fünfeinhalb Monate Amtszeit später zeigt sich ein anderes Bild. Die AfD treibt laut Umfragen die Union vor sich her; im Oktober schafften es die Rechten vor die Kanzlerpartei und erreichten historische Höchstwerte.

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Foto: nitpicker, Shutterstock

Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung nimmt nach Demoskopen weiter zu. Fast die Hälfte der Bürger erwartet ein vorzeitiges Aus der Koalition. Insbesondere die hitzige Diskussion um das „Stadtbild“ hat das Stimmungsbild verschärft.

Kanzler Merz sorgte mit einer Aussage zum „Stadtbild“ am Rande einer Pressekonferenz am 14. Oktober in Potsdam für eine sich zuspitzende politische und gesellschaftliche Kontroverse.

Der Regierungschef, bekannt für markige Worte, zog einen Zusammenhang zwischen illegaler Einwanderung und sich verändernden beziehungsweise verschlechternden Verhältnissen in deutschen Städten.

bangen hoffen debatte islamismus

Foto: blvdone, Shutterstock

Vertreter mehrerer Parteien erklärten daraufhin, der Kanzler schüre Ressentiments und verknüpfe Zuwanderung pauschal mit Kriminalität. SPD, Linke und Grüne warfen ihm rassistische und spaltende Rhetorik vor, während die Schwesterparteien überwiegend Unterstützung signalisierten.

Es gab allerdings auch interne Kritik: So warnte Armin Laschet vor vorschnellen Vereinfachungen der Problemlage. Ähnlich äußerten sich Vertreter des Arbeitnehmerflügels der Partei.

Im Meinungsstreit meldeten sich Bürger, Lokalpolitiker und verschiedene Interessengruppen zu Wort. Ein Teil der Bevölkerung lobte den Kanzler für vermeintlich klare Ansagen und die Ansprache von Problemen wie Integration und öffentlicher Sicherheit. Andere sehen in der pauschalen Problematisierung populistische und spaltende Tendenzen.

Kritiker, darunter Caritas und Vertreter der Kommunen, halten dem Kanzler vor, Probleme zwar zu benennen, sie aber ausschließlich mit illegaler Zuwanderung in Verbindung zu bringen.

Ein Beispiel für die Ausblendung struktureller Ursachen ist das Ruhrgebiet: Einst industrielles Herz Deutschlands, gilt es heute vielen als „Armenhaus der Republik“ und Symbol für Defizite bei Integration. Jahrzehnte nach dem Strukturwandel dominiert dort das Verschwinden von Stahl und Kohle das Stadtbild.

Kommunen und Sozialpolitiker kennen die Lage: In ihrem Alltag liegen die Ursachen, anders als Merz mutmaßt, nicht im Aussehen der Bürger, sondern in tiefergehenden sozialen und ökonomischen Faktoren.

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Die Medien, der Krieg und ihr Nahostberichterstattung

Nahostberichterstattung

Journalisten fangen an, die eigene Nahostberichterstattung kritischer zu reflektieren.

(iz). Obwohl es derzeit für Deutschland angesichts dominanter Narrative weiterhin den Anschein von ungebrochener Hegemonie hat: Die innermediale Kritik an der Nahostberichterstattung wird breiter.

Damit ziehen hiesige Kollegen jenen über 100 BBC-Mitarbeitern nach, die in einem offenen Brief an ihre Führung eine verzerrte Darstellung ihres Senders kritisierten.

Am 3. April veröffentlichte das Fachmagazin „Übermedien“ eine Recherche unter Medienarbeitern. Die Quintessenz der Erhebungen: „Deutsche Redaktionen berichten aus Sicht von Mitarbeitenden häufig unausgewogen über den Nahost-Konflikt.“

Alle der sieben Befragten sahen in ihrem redaktionellen Umfeld Ungleichgewichte und beklagten die Dominanz von Emotionen und Vorurteilen vor Sachargumenten. Ein Klima aus Angst und teils offener Kleinhaltung interner Diskussionen führe zu Selbstzensur und erschwert professionelle Auseinandersetzung.

Die langjährige Nahost- und Syrienkorrespondentin Kristin Helberg begleitet die deutsche Nahostberichterstattung mit kritischen Kommentaren. In den vergangenen Monaten monierte sie die fehlende Verhältnismäßigkeit.

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Foto: Wafa News Agency

Hiesige Medien könnten kaum zwischen militärischen Zielen und zivilen Opfern differenzieren. Sie wies darauf hin, dass Pressemitteilungen israelischer Armeestellen häufig ohne hinreichende Prüfung übernommen werden.

Ein Höhepunkt der bisherigen, innermedialen Kritik an der Berichterstattung war ein am 20. Juni ausgestrahltes Gespräch des Formats „studioM“, das der ARD-Journalist Georg Restle mit Tilo Jung (Politikjournalist) und Nadia Zaboura (Kommunikationswissenschaftlerin) führte. Darin kritisierten sie die Art und Weise, wie deutsche Medien den Gazakrieg darstellen.

Tilo Jung zeichnete ein düsteres Bild: Der Qualitätsjournalismus sei „unter dem Boden“. Zentrale Prinzipien wie Unabhängigkeit, Wahrheit, Loyalität zur Öffentlichkeit würden verletzt oder nicht mehr eingehalten. Insbesondere bei Themen wie Gaza bzw. der Klimakrise, so Jung, versage der Journalismus und stehe „der Macht näher als der Öffentlichkeit“.

Zaboura rät zu stärkerer Differenzierung. Es gebe guten Journalismus, aber die Redaktionsvielfalt (Binnenpluralität) leide. Unter anderem auf der Chefebene gebe es homogene, oft konservative Netzwerke, was zu Einseitigkeit in der Berichterstattung führen könne.

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Merkel kritisiert CDU-Kurs zur Migration

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Angela Merkel verteidigt ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik. Deutschland habe – trotz aller Probleme – gezeigt, was es kann. Das Land dürfe sich seine Werte nicht von Terroristen stehlen lassen.

Berlin (KNA). Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigt das Offenhalten der deutschen Grenzen während der Flüchtlingskrise von 2015. „Ich hatte damals das Gefühl, ich hätte sonst die gesamte Glaubwürdigkeit der Sonntagsreden über unsere tollen Werte in Europa und die Menschenwürde preisgegeben“, sagte sie am 22. November im „Spiegel“-Interview. „Die Vorstellung, zum Beispiel Wasserwerfer an der deutschen Grenze aufzustellen, war für mich furchtbar und wäre sowieso keine Lösung gewesen.“

Zu Forderungen der Union, Asylbewerber an der Grenze zurückzuweisen, sagte Merkel: „Ich finde das nach wie vor nicht richtig.“ Es sei eine Illusion, anzunehmen, dass alles gut werde, wenn man die Flüchtlinge in die europäischen Nachbarländer zurückschicke.

Das Problem der illegalen Migration müsse europäisch gelöst werden. Sollte das der EU nicht gelingen, fürchtet Merkel „ein Stück Rückabwicklung der europäischen Integration, mit Folgen, die man nicht abschätzen kann“.

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Foto: imago|Christoph Hardt

Mit Blick auf Gewalttaten von Flüchtlingen in Deutschland sagte Merkel, in jeder freien Gesellschaft gebe es fürchterliche Verbrechen. „Auch bei uns fing das nicht erst mit der Zuwanderung an.“ Entscheidend sei aber, „dass wir, neben der notwendigen Härte des Rechtsstaats, uns nie unsere Werte von Freiheit und Menschenwürde von den Terroristen nehmen lassen, dann hätten die gewonnen“.

Die Exkanzlerin betonte, sie habe die Ängste der Menschen vor zu viel Zuwanderung und islamistischem Terrorismus immer sehr ernst genommen. „Wenn man auf ein Volksfest geht und fürchtet, hinter mir zieht gleich einer ein Messer, dann ist das sehr verunsichernd, auch wenn es diese Gefahr in dem Moment vielleicht gar nicht gibt.“

Allerdings gebe es auch eine zweite Gruppe in der Bevölkerung, die Angst davor habe, „dass wir zu intolerant und hart werden. Als Kanzlerin muss ich beide Gruppen im Blick behalten“.

Mit Blick auf ihren wohl berühmtesten Satz „Wir schaffen das“ sagte Merkel: „Ich habe gewusst, dass nicht jeden Tag 10.000 Menschen kommen können.“ Deshalb habe sie auch das EU-Türkei-Abkommen verhandelt. „Und natürlich sind durch die Zuwanderung Probleme entstanden, aber wir haben auch gezeigt, was unser Land kann.“

Das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen erfordere immer große Anstrengungen von allen Seiten. Ohne die Offenheit und Veränderungsbereitschaft auch der aufnehmenden Gesellschaft könne es keine Integration geben. „Voraussetzung ist ein Mindestmaß an Wissen über andere Kulturen, ich muss mich schon dafür interessieren.“