Kriege, wirtschaftliche Schocks und klimatische Belastungen führen in vielen der am stärksten gefährdeten Regionen der Welt zu einer Verschärfung der Versorgungsunsicherheit. (IPS). Dies geht aus dem aktuellen Bericht „Hunger Hotspots“ […]
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Kriege, wirtschaftliche Schocks und klimatische Belastungen führen in vielen der am stärksten gefährdeten Regionen der Welt zu einer Verschärfung der Versorgungsunsicherheit. (IPS). Dies geht aus dem aktuellen Bericht „Hunger Hotspots“ […]
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(iz).In Kriegszeiten bekommt Geld ein anderes Gewicht. Es ist nicht mehr nur das neutrale Schmiermittel der Märkte, sondern ein Hilfsmittel für die unsichtbare Logistik der Gewalt. Wenn am Golf Raketen starten, schnellen an den Bildschirmen nicht nur Ölpreise und Inflationsprognosen nach oben, sondern auch die Kurse von Verteidigungsaktien, Energieunternehmen und Finanzderivaten.
Und irgendwo, zwischen Washington, Brüssel und den Ölstaaten, wird darüber spekuliert, wie lange der Konflikt dauert, welche Sanktionen folgen – und welche Regierung welchen Kurs „spielen“ wird.
Seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt, hat sich die Aufmerksamkeit für den Zusammenhang von Geopolitik und Börse nochmals verschärft. Jede Ankündigung, jede Drohung gegenüber Iran wird nicht nur in den Außenministerien, sondern auch in Handelsräumen antizipiert.
Die Frage, ob eine Regierung ihre eigene Außenpolitik über Märkte mitinszeniert – bewusst oder unbewusst –, wird damit Teil jener „Ethik der Geldproduktion“, die Guido Hülsmann beschreibt: Wer über Geld und Kredit verfügt, verfügt auch über Hebel, aus denen andere Spekulationschancen oder Risiken machen.
Photo: DestinaDesign, Shutterstock
Hülsmann, ein deutschsprachiger Ökonom in der Tradition der Österreichischen Schule, verlegt den Streit um Geld weg von der Zinsfrage hin zum Rechtsrahmen. Ihn interessiert weniger, ob der Leitzins 3 oder 4 Prozent betragen sollte, als wer überhaupt das Privileg erhält, Geld zu schaffen, und welche rechtlichen Asymmetrien dieses Privileg absichern.
In seiner Lesart ist das heutige Zentralbanksystem keine neutrale Infrastruktur, sondern ein Geflecht von Sonderrechten: Monopol- oder QuasiMonopolpositionen, privilegierte Schnittstellen zum Staat, Rettungsfunktionen für Banken in einer Ordnung, deren Risikostruktur dadurch tiefgreifend verändert wird.
Der moralische Kern seiner Diagnose lautet: Inflation – insbesondere in fiat-basierten Systemen – ist eine institutionalisierte Umverteilung. Früh-Empfänger neu geschaffenen Geldes – Staat, Banken, große Finanzakteure – profitieren, weil sie zusätzliche Kaufkraft nutzen, bevor sich das allgemeine Preisniveau angepasst hat.
Spät-Empfänger, Lohnabhängige und Sparer tragen die Last, indem ihre nominalen Ansprüche real entwertet werden. Hinter der scheinbar technokratischen Kurve der Geldmenge verbirgt sich so eine unbequeme Frage: Wer gewinnt, wer verliert – und wer hat diese Ordnung legitimiert?
Foto: DoD/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain
Seit Anfang 2026 berichten Agenturen von der offenen Eskalation zwischen Iran und Israel, von Angriffen auf Ziele in und um Teheran, von Störungen von Transportwegen und den Risiken neuer Energiepreisschocks. Kriege sind, so nüchtern es klingt, Finanzierungsschocks. Sie erzwingen gewaltige zusätzliche Staatsausgaben und erzeugen gleichzeitig Preisrisiken an den Energie und Finanzmärkten.
Im Hintergrund verlaufen zwei Prozesse, die sich heute enger verschränken als früher: die klassische Kriegsfinanzierung – über Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation – und die Finanzialisierung der Außenpolitik. Wenn eine US-Regierung über Sanktionen, Flottenbewegungen oder Waffenlieferungen entscheidet, verschiebt sie zugleich Erwartungen an den Märkten.
Öl-Terminkontrakte, Rüstungswerte und Währungen werden zum Ausdruck von Spekulation. In dem Maß, in dem die Trump-Administration Konflikte rhetorisch zuspitzt oder beruhigt, entstehen kurzfristige Kursbewegungen, aus denen sich Gewinne und Verluste ziehen lassen – legal, halblegal oder jenseits der Grenze.
Hülsmanns Blick auf Geldproduktion als moralisches Institutionenproblem erlaubt, diese Konstellation nicht nur als „Informationsasymmetrie“ zu lesen, sondern als Test für die Integrität der Ordnung.
Wenn Regierungen – sei es in Washington oder Teheran – fiskalische Löcher über Zentralbanknähe finanzieren und zugleich durch ihre Politik Märkte in Bewegung setzen, verschränken sich Staatsfinanzierung, Geldordnung und Spekulation. Die Frage lautet dann nicht nur: Wer zahlt den Krieg? Sondern auch: Wer verdient an seinen Ankündigungen?

Foto: The White House
Die Diskussion um Insiderhandel in Zentralbanken hat bereits gezeigt, wie eng geldpolitische Entscheidungen und Finanzmärkte verknüpft sind: Wer vorab weiß, wie ein Zinsentscheid ausfällt oder welche Formulierung in einem Statement steht, kann auf Anleihe, Aktien oder Devisenmärkten profitieren.
Übertragen auf den Golfkonflikt stellt sich eine parallele Frage: Was bedeutet es für die Moral der Geldordnung, wenn außen und sicherheitspolitische Entscheidungen vorhersehbare Kursmuster erzeugen – und Teile der politischen oder ökonomischen Elite darüber besser informiert sind als der Rest?
Hier geht es weniger um spektakuläre Verschwörungstheorien – „die Regierung führt Krieg, um Börsenfreunden Gewinne zu verschaffen“ – als um eine strukturelle Asymmetrie: In einem System, in dem wenige Akteure zugleich Zugang zu Informationen, Einfluss auf Politik und Nähe zur Geldproduktion haben, vervielfachen sich die Chancen, geopolitische Spannungen in Finanzgewinne zu übersetzen.
Ob einzelne Mitglieder der Trump-Administration, verbündete Fonds oder staatsnahe Akteure in anderen Ländern solche Chancen nutzen, ist empirisch schwer zu zeigen. Moralisch relevant bleibt die Frage dennoch: Wie viele Grauzonen lässt eine Ordnung zu, in der Kriegssignale und Kursbewegungen so dicht beieinanderliegen?
Hülsmanns Diagnose, wonach Zentralbanken Träger und Verteiler rechtlicher Sonderrechte sind, lässt sich hier erweitern: Auch Regierungen, die über Sanktionen, Militäreinsätze und Narrative entscheiden, sitzen an Hebeln, die Marktpreise bewegen – und damit Verteilungseffekte erzeugen.
Die Ethik der Geldproduktion verschmilzt mit der Ethik der Außenpolitik: Beide entscheiden darüber, wer Gewinne und Verluste aus den Spannungen am Golf zieht.
Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ hat einen gewissen Reiz. Sie verspricht ein klares Rezept: Drehen wir den Geldhahn zu, und die Kanonen schweigen. Doch gerade hier droht durch eine simple Gleichung eine moralische Verkürzung. Über die Faktenlage streiten die Wissenschaftler seit Jahrzehnten.
Historisch lassen sich Kriege nicht auf Geldmengen zurückführen; sie sind Entscheidungen politischer Akteure, die ihre Finanzierung dann über ein Bündel von Instrumenten organisieren – Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation.
Was sich belastbarer sagen lässt, ist nüchterner: Große Kriege erzeugen Finanzierungsdruck, und Staaten reagieren typischerweise mit einem Mix aus Steuern, Verschuldung und monetärer Maßnahmen. Die Gleichung lautet daher weniger „viel Geld = viel Krieg“ als „Krieg = Druck auf die Geldordnung“ – und die Moralfrage lautet: Wer trägt diesen Druck und wer profitiert davon?
Vor diesem Hintergrund wirkt der Ruf nach dem Goldstandard wie eine moralische Gegenofferte: Zurück zur Härte, zurück zur Disziplin, zurück zu einer Ordnung, in der Politik sich ihre Kriege nicht mehr so leicht über die Notenpresse leisten kann. Es erscheint als metaphysischer Anker einer aus den Fugen geratenen Geldwelt – als externer Richter, der „Nein“ sagt, wo Regierungen „Mehr“ rufen.
Doch die Geschichte verweigert auch hier die einfache Erlösungserzählung. Ein Goldstandard ist nicht per se deflationär, aber er erhöht die Wahrscheinlichkeit deflationärer Phasen, wenn reale Produktion schneller wächst als die Goldbasis und Kredit oder Umlaufgeschwindigkeit dies nicht kompensieren. Vor dem Ersten Weltkrieg fielen Preisniveaus in vielen Ländern ebenso oft, wie sie stiegen, ohne dass dies zwangsläufig Depression bedeutete.
Foto: Dreamstime
Deflation konnte Ausdruck von Produktivitätsfortschritt sein. In der Zwischenkriegszeit hingegen wurde Deflation unter den Zwängen des Goldstandards zum Brandbeschleuniger von Bankenpaniken und realwirtschaftlichen Einbrüchen.
Hinzu kommt: Der Goldstandard war historisch eine „kontingente Regel“. In klar verstandenen Notlagen – und dazu zählen Kriege – wurde die Bindung an Gold suspendiert: Die britische Suspendierung von 1797 bis 1821 zur Finanzierung der Napoleonischen Kriege oder der Bruch der Goldeinlösung 1914 im Deutschen Reich illustrieren, dass gerade im Ernstfall die Fesseln gelöst wurden. Die Hoffnung, Gold als endgültigen Friedensanker zu installieren, kollidiert damit mit einer politischen Realität, in der Ausnahmezustände zur Regel werden.
Goldstandard, Fiatgeld und Quantitative Easing erscheinen als Gegenspieler, erzählen aber dieselbe Geschichte: Wie bindet eine Gesellschaft ihre Geldordnung moralisch ein? Gold setzt auf externe Bindung – mit dem Preis höherer Deflations- und Krisenrisiken.
Das moderne Zentralbanksystem setzt auf interne Regeln und Vertragsrechte – etwa Preisstabilität als Primärziel und das Verbot monetärer Staatsfinanzierung in den europäischen Verträgen – und verlagert die moralische Debatte in juristische und technokratische Gremien. QE schließlich macht Verteilungseffekte sichtbarer: Asset-Käufe stützen Vermögenspreise, begünstigen damit Asset-Halter und sollen zugleich Beschäftigung und Einkommen stabilisieren.
In allen drei Varianten taucht dieselbe Dreifachfrage auf: Wer zahlt? Wie sichtbar zahlt er? Wichtig ist auch zu verstehen, dass alle Staaten – ob sie sich religiös verklären oder nicht – heute der gleichen ökonomischen Dynamik unterliegen. Die Frage ist überall dieselbe: wer verantwortet diese Lastverteilung?
Der Internationale Währungsfonds spricht von einer „financial repression tax“, einer weniger sichtbaren Form der Abgabenlast durch regulierte Zinsen und Inflation. Die Bank of England betont die Gegenfaktizität („ohne Assetkäufe wäre es vielen schlechter ergangen“), während die Deutsche Bundesbank zur Vorsicht in der Bewertung dauerhafter Verteilungseffekte mahnt.
Vielleicht liegt die eigentliche Pointe von Hülsmanns „Ethik der Geldproduktion“ darin, dass sie uns keine einfache Reformformel anbietet – kein „Zurück zu Gold“ und kein „Mehr QE“, sondern eine Verschiebung des Blicks. Geldproduktion wird als moralisches Institutionenproblem sichtbar: als Frage nach Regeln und Ausnahmen, nach Transparenz und Verteilung, nach demokratischer Kontrolle und technokratischer Macht.
Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ kann als Titel provozieren, doch ihr Wert liegt darin, Leserinnen und Leser in eine offene Reflexion zu ziehen. Sind wir bereit, Kriege zu führen, wenn ihre Kosten vollständig über sichtbare Steuern ausgewiesen werden? Oder brauchen wir die Verschleierung über Inflation und negative Realzinsen, um politischen Konsens zu halten? Wie viel Disziplin wollen wir der Politik zumuten, wie viel Flexibilität der Geldpolitik zugestehen?
Wer die nächste Pressekonferenz einer Zentralbank verfolgt, könnte sie mit diesen Fragen im Hinterkopf hören – nicht nur als Zahlenspiele, sondern als moralisches Dokument einer Gesellschaft, die darüber entscheidet, wie sie Krieg, Krise und Zukunft über ihr Geld verteilt.
Die Debatte beginnt nicht mit der nächsten Zinssitzung, sondern mit der Bereitschaft, Geld nicht länger nur als technisches, sondern als moralisches Problem zu denken. Nur wer hier eine starke Argumentation abliefert, wird sich in den abzeichnenden Verteilungskämpfe der Bundesrepublik sinnvoll positionieren können.
In unserer letzten Ausgabe haben wir den ersten Teil eines längeren Textes von Robert Rigney über Sarajevo und Bosnien in der osmanischen und frühen österreichischen Zeit veröffentlicht. (iz). Was folgt, […]
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(The Conversation). Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif gab bekannt, dass in den frühen Morgenstunden des 8. April ein zweiwöchiger Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran vereinbart worden sei. Vertreter beider Seiten nahmen an weiteren Unterhandlungen in der Hauptstadt Islamabad teil. Von Natasha Lindstaedt
Dies geschah weniger als zwei Wochen, nachdem Pakistan Gespräche mit Saudi-Arabien, Ägypten und der Türkei ausgerichtet hatte, bei denen die vier Länder ein Ende der Feindseligkeiten am Golf forderten.
Das Treffen etablierte das Quartett als primären Verhandlungskanal zwischen Teheran und Washington und könnte den Beginn einer neuen regionalen Ordnung signalisieren, die darauf abzielt, die Dominanz Israels und des Iran nach dem Krieg einzudämmen.
Schon vor Kriegsbeginn Ende Februar waren sowohl Tel Aviv als auch Teheran in der Region isoliert. Eine Annäherung von Israel an Saudi-Arabien, die das ursprüngliche Ziel der Abraham-Abkommen von 2020 war, ist ausgeschlossen. Sie zielten darauf ab, die Beziehungen zwischen Israel und anderen Staaten im Nahen Osten zu normalisieren.
Die VAE und Bahrain unterzeichneten im Rahmen der Abkommen Verträge mit Israel. Die Saudis haben jedoch seit langem erklärt, dass sie ihre Kontakte nicht normalisieren werden, bevor ein palästinensischer Staat gegründet wird, was in der Knesset in einer Abstimmung im Jahr 2024 ausgeschlossen wurde. Berichten zufolge will Saudi-Arabien Israel durch Syrien als Transitland für ein Glasfaserkabel ersetzen, das das Königreich mit Griechenland verbindet.
Die Türkei brach ihre Israelbeziehungen im Jahr 2024 aufgrund des Krieges gegen den Gazastreifen ab. Und die Beziehungen von Tel Aviv zu Katar verschlechterten sich im September 2025 als Folge eines israelischen Angriffs auf Hamas-Führer in Doha. Dieser zog eine einstimmige Verurteilung durch den UN-Sicherheitsrat nach sich.
Die einzigen wichtigen Verbündeten des Iran sind Russland und, in weitaus geringerem Maße, China sowie die Houthi-Rebellen im Jemen. Seit Beginn des Irankriegs hat sich Peking von Teheran distanziert. Die Huthi haben sich kürzlich zur Unterstützung des Iran in den Krieg eingeschaltet, wurden jedoch in den letzten Jahren durch israelische Angriffe geschwächt.
Die soliden Beziehungen von Katar und Teheran sind zerbrochen, nachdem seine Raketen am 18. März die wichtigste Gasanlage des Landes, Ras Laffan, getroffen hatten. Und die teilweise Entspannung zwischen ihm und Saudi-Arabien, die 2023 nach Jahren der Feindseligkeiten durch China vermittelt wurden, ist nun infolge der einseitigen Angriffe auf saudische Energieanlagen zunichte gemacht worden.
Vor diesem Hintergrund, in dem sowohl der Iran wie Israel als regionale Paria gelten, haben Pakistan, Saudi-Arabien, die Türkei und Ägypten ihre Bemühungen um Stabilität im Nahen Osten verstärkt.
Diese vier Länder haben einige gemeinsame Interessen, die ihren Wunsch erklären, die Region neu zu gestalten. Sie alle unterhalten politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den USA und sind Mitglieder von Donald Trumps „Board of Peace“. Das 2026 gegründete Gremium hat sich zum Ziel gesetzt, globale Konflikte zu bewältigen und dauerhaften Frieden sowie den Wiederaufbau in Gaza zu erreichen.
Foto: OrangeSalt, Shutterstock
Jedes Land leistet zudem wichtige Beiträge zu ihrem aufstrebenden Bündnis. Pakistan besitzt Atomwaffen, Saudi-Arabien besitzt die weltweit zweitgrößten Ölreserven, Ägypten kontrolliert den Zugang zur lebenswichtigen Wasserstraße des Suezkanals und die Türkei ist Mitglied der NATO.
Alle verfügen über eine recht fortschrittliche Rüstungsindustrie und haben zusammen eine Bevölkerung von 500 Millionen Menschen. Zusammengenommen stellen sie die politisch und militärisch einflussreichsten Länder mit muslimischer Mehrheit weltweit dar.
Doch diese vier Nationen sind nicht unbedingt natürliche Verbündete, und ihre Beziehungen waren im Laufe der Jahre von Turbulenzen geprägt. Ägyptens Verhältnis zu Saudi-Arabien beispielsweise wurde oft als „schwierige Ehe“ beschrieben.
Foto: Daniel Torok | Lizenz: gemeinfrei
Kairo war einst die treibende Kraft des panarabischen Nationalismus, einer Ideologie, die eine säkulare und einheitliche arabische politische Identität fördert.
Das Königreich hat diese Bewegung historisch gesehen als Bedrohung angesehen. Doch seit Abdel Fattah el-Sisi 2014 als ägyptischer Präsident an die Macht kam, wurden ihre Differenzen überwunden. Er bot 2015 staatliche und militärische Unterstützung für die saudische Operation gegen die Huthi an, woraufhin beide ihre Verteidigungsbeziehungen vertieften.
Insbesondere unter der Führung von Recep Tayyip Erdoğan hat sich Ankara als regionale Führungsmacht und Problemlöser positioniert. Doch auch die Türkei hat Phasen angespannter Beziehungen zu anderen regionalen Mächten durchlebt. Die von Ankara zu Kairo verschlechterten sich drastisch, nachdem der ägyptische Präsident Mohammed Mursi, ein enger Verbündeter, 2013 durch einen Staatsstreich gestürzt worden war.
2022 kam es zu einem Annäherungsprozess der beiden Ländern, gefolgt von einer Annäherung zwischen der Türkei und Ägypten im Jahr 2025. Erdoğan besuchte im Februar 2026 Kairo und Riad und hat verschiedene geo-ökonomische Rahmenkonzepte vorgeschlagen, um Asien mit Europa zu verbinden.
Dazu gehört der sogenannte Nahost-Korridor, ein geplanter Wirtschaftskorridor, der die wirtschaftliche Integration zwischen Asien, dem Persischen Golf und Europa fördern soll.
Pakistan hat Saudi-Arabien hingegen bislang nicht zu Hilfe gekommen, als es im aktuellen Konflikt von Iran angegriffen wurde. Und das trotz der Unterzeichnung eines strategischen gegenseitigen Verteidigungsabkommens zwischen den beiden Ländern im Jahr 2025.
Saudi-Arabien, Ägypten, Pakistan und die Türkei waren nicht immer einer Meinung. Doch ihre Zweckbündnisse gewinnen nun zunehmend an Bedeutung, da die regionale Isolation Israels und Irans zunimmt.
* Im Rahmen einer CC-Lizenz übersetzt und veröffentlicht.
Die Gesundheitsinfrastruktur des Sudan ist unter dem Druck des Konflikts zusammengebrochen. (IPS). Über 70 Prozent der Gesundheitseinrichtungen sind nicht funktionsfähig. Krankenhäuser wurden bombardiert, geplündert oder besetzt. Von Sania Farooqui Das […]
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Der Papst erachtet die weltpolitische Lage offenbar für so dramatisch, dass er zu einem weltweiten Friedensgebet aufrief. (KNA/IZ). Überraschung am 11. April vor dem Petersdom: „Wir wollen der ganzen Welt […]
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(KNA/iz). Wer die Rhetorik der politischen Akteure verfolgt, bemerkt, wie religiöse Vorstellungen den Konflikt aufladen sollen. Das hat eine lange Tradition. Von Christoph Arens und Christoph Schmidt
Enthemmte Tiraden gehören zu seinem Standardrepertoire: Pete Hegseth, US-Verteidigungsminister und selbsternannter Kriegsminister, verbindet aggressive Rhetorik gern mit christlichen Bildern und Inhalten.
Der 45-Jährige trägt ein Tattoo des Jerusalemkreuzes auf der Brust, ein Symbol aus der Zeit der Kreuzzüge. Auf seinem imposanten Bizeps steht „Deus Vult“, lateinisch für „Gott will es“ – ein historischer Schlachtruf der Kreuzritter.
Den Krieg gegen den Iran beschreibt der Pentagon-Chef als eine Art heiligen Krieg und Kreuzzug. Laut Medienberichten betete Hegseth bei einem Gottesdienst im Pentagon für „überwältigende Gewalt gegen diejenigen, die keine Gnade verdienen“. Und er bat Gott: „Lass jede Kugel gegen die Feinde der Gerechtigkeit und unserer großen Nation ihr Ziel finden.“
Foto: Marco Iacobucci Epp/Shutterstock
Papst Leo XIV. widersprach in aller Deutlichkeit: Gott dürfe nicht dazu missbraucht werden, Krieg zu rechtfertigen. Er sei „ein Gott, der den Krieg ablehnt“, sagte der aus den USA stammende Pontifex. Gott erhöre nicht das Gebet jener, die Krieg führten.
Der Münchner Kardinal Reinhard Marx fand am Osterfest noch deutlichere Worte: Es sei eine „schamlose Gotteslästerung“, wenn Hegseth dafür bete, dass jede Kugel im Iran-Krieg ihr Ziel treffe.
Gleiches gelte für die Aussage des orthodoxen Patriarchen von Moskau, Kyrill, der den von Russland begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine als einen „Heiligen Krieg“ bezeichne.
Zwar sind die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine eindeutig geopolitische Machtkämpfe. Doch Endzeitvisionen und religiöse Sprache tauchen immer wieder auf.
Religion verdichtet komplexe politische Zusammenhänge in einfache Erzählungen von einem göttlichem Plan. Religion soll im Kampf zwischen Gut und Böse mobilisieren und Widerstand zum Schweigen bringen:
Israel greift bei seinen Angriffen auf den Iran auf alttestamentliche Bezeichnungen zurück: Der 12-Tage-Krieg im Juni 2025 wurde unter dem Codenamen „Rising Lion“ geführt, der jetzige Krieg firmiert unter „Roaring Lion“. Beide spielen auf das vierte Buch Mose an: „Ein Volk, das sich erhebt wie ein Löwe.“
Foto: khamenei.ir
Der Iran lädt den Konflikt mit dem Westen schon seit der Islamischen Revolution von 1979 religiös auf: Die USA werden als „Großer Satan“ und Israel als „kleiner Satan“ bezeichnet. Der Kampf mit dem ungläubigen Westen wird als endzeitlicher Konflikt zwischen Gut und Böse dargestellt.
Gehören solche Denkschemata vielleicht sogar zur DNA von Christentum, Judentum und Islam? In den 1990er Jahren hat der Ägyptologe Jan Assmann die umstrittene These aufgestellt, der Glaube an den einen Gott habe Unterscheidungen wie Freund und Feind oder wahr und falsch zugespitzt – Denkmuster, die dann oft zu Gewalt gegen Andersgläubige führten.
Andererseits sind Gewaltlosigkeit und Frieden Kernbotschaften der monotheistischen Religionen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ – das Lukas-Evangelium etwa macht Weihnachten zum Friedensfest, und Jesus wird als „Friedensfürst“ bezeichnet.
Es lässt sich nicht bestreiten: In der Geschichte des Christentums findet sich eine Blutspur von Intoleranz und Grausamkeit – von der Zwangsmissionierung der Sachsen bis zu Ketzerverfolgung, Kreuzzügen und Religionskriegen, wie der Mittelalter-Experte Philippe Buc in seiner 2015 erschienenen Studie „Heiliger Krieg. Gewalt im Namen des Christentums“ darstellt.
Auch die Neuzeit kennt Beispiele für die Rechtfertigung der Gewalt durch die christliche Religion. Der frühere US-Präsident George W. Bush etwa rief nach dem 11. September 2001 den „Krieg gegen den Terror“ aus und bezeichnete ihn als „Kreuzzug“.
Wenn heutzutage „Dschihadisten“ Unbeteiligte ermorden, können sie sich nicht auf die klassische Lehre berufen. Ohnehin deutet die Mehrheit der islamischen Rechtsgelehrten den Dschihad heute als reinen Verteidigungskrieg.

(iz). Etwa vierzig Kilometer an der engsten Stelle breit, flankiert von iranischen Küstenbergen im Norden und der kahlen Felsküste Omans im Süden, verbindet sie den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit mit dem offenen Indischen Ozean.
Durch diesen Schlund fließen an normalen Tagen etwa zwanzig Prozent des weltweiten Erdöls und ein Viertel des globalen Flüssigerdgases. Es ist, als hätte die Erdgeschichte ein Nadelöhr in den Planeten gestanzt, durch das sich die Lebensadern der industrialisierten Welt zwängen müssen.
Seit dem 28. Februar 2026 ist dieses Nadelöhr verstopft. Nach amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf iranische Atomanlagen hat Teheran die Straße von Hormus blockiert – mit Seeminen, bewaffneten Schnellbooten, Drohnenschwärmen und der schlichten physischen Präsenz einer Flotte, die zwar keinen Vergleich mit der US Navy aushält, aber an dieser einen Stelle nicht siegen muss, sondern nur stören.
Am 13. April 2026 verkündete Präsident Trump seinerseits eine Seeblockade iranischer Häfen. Zwei Blockaden, ein Chokepoint. Der Ölpreis kletterte über 103 Dollar pro Barrel. Vor Hormus stauen sich mehr als zweihundertdreißig Tanker, eine Armada des Wartens, beladen mit Öl, das nirgendwo hinfließen kann.
Man kann diese Krise lesen als das, was sie vordergründig ist: ein geopolitischer Konflikt um Irans Atomprogramm, eine Eskalationsspirale zwischen Washington und Teheran, ein Schock für die Weltwirtschaft. Man kann sie aber auch lesen als Bestätigung eines Satzes, den ein amerikanischer Marineoffizier vor vielen Jahren formulierte:
Wer die Seewege beherrscht, beherrscht den Welthandel –und damit die Weltpolitik. Der Mann hieß Alfred Thayer Mahan. Seine Ideen sind so alt wie das Dampfschiff und rufen angesichts des Drohnenschwarms über Hormus nach einer Aktualisierung.

Alfred Thayer Mahan wurde 1840 in West Point geboren, wo sein Vater Dennis Hart Mahan als legendärer Professor für Militärtechnik lehrte – ein Mann, der noch den Geist Napoleons in die amerikanischen Kadettenköpfe pflanzte.
Der Sohn wählte nicht die Armee, sondern die Marine, diente im Bürgerkrieg auf der Seite der Union und verbrachte danach Jahrzehnte als wenig begeisterter Seeoffizier auf verschiedenen Schiffen. Das Denken über das Meer –machte ihn zum wirkungsmächtigen Marinetheoretiker der Neuzeit.
1885 wurde er Dozent, bald darauf Präsident des Naval War College in Newport, Rhode Island. Dort verfasste er sein Hauptwerk: The Influence of Sea Power upon History, 1660–1783, erschienen 1890. Das Buch ist eine historische Studie über den Aufstieg des britischen Empire, aber sein eigentlicher Gehalt ist strategisch.
Mahan identifizierte sechs Elemente der Seemacht: geografische Lage, Küstengestalt, Ausdehnung des Territoriums, Bevölkerungszahl, Nationalcharakter und Regierungsform. Aus diesen Faktoren destillierte er eine zentrale These von betörender Schlichtheit:
Die See ist die große Verbindungsfläche der Welt. Wer sie kontrolliert, kontrolliert den Handel. Wer den Handel kontrolliert, kontrolliert den Reichtum. Und wer den Reichtum kontrolliert, kontrolliert die Macht.
Das Buch schlug ein wie eine Breitseite. Kaiser Wilhelm II. befahl, es auf jedes Schiff der deutschen Flotte zu legen. Die japanische Marine übersetzte es umgehend. Was Clausewitz für den Landkrieg formuliert hatte – den Krieg als Fortsetzung der Politik –, leistete Mahan für die See: Er gab der Seemacht eine Theorie, eine Sprache und eine Rechtfertigung.
Doch das vielleicht atemberaubendste Vermächtnis Mahans liegt nicht in der Strategie, sondern in der Kartografie des Geistes. Im September 1902 veröffentlichte er in der Londoner „National Review“ einen Aufsatz mit dem Titel „The Persian Gulf and International Relations“.
Darin verwendete er einen Begriff, der bis dahin nicht existiert hatte: the Middle East. Mahan meinte damit nicht eine Kultur, nicht eine Zivilisation oder ein Volk. Er bescheibt eine maritime Lage – jene Zone zwischen dem Suezkanal und Singapur, in der sich die britischen Seewege nach Indien kreuzten und in der Russlands Expansion nach Süden aufgehalten werden musste.
Der „Middle East“ entstand nicht aus Ethnografie, sondern aus einer Seekarte. Es war ein strategischer Imperativ, bevor es ein geografischer Name wurde. Bis heute leben Hunderte Millionen Menschen in einer Region, deren Name von einem Mann stammt, der sie nie besucht hat.
Foto: GRAPHIC DESIGN BLOG
Mahan sah den Persischen Golf, wie er alles sah: als Geometrie. Der Golf war für ihn das Schlüsselbecken der eurasischen Seekontrolle, ein Gewässer, das in seiner strategischen Bedeutung Gibraltar und Malta entsprach – das „Malta und Gibraltar“ des Indischen Ozeans, wie er es nannte.
Sein Blick war imperial und naval zugleich. Der Golf interessierte ihn nicht als Heimat von Fischern, Perlentauchern und Beduinen, sondern als Verlängerung des britischen Seekorridors nach Indien, als Gegengewicht zu russischer Expansion, als Drehscheibe einer Weltordnung, die auf offenen Seewegen beruhte.
In Mahans Logik war die Straße von Hormus das, was er einen „Chokepoint“ nannte – eine jener engen Stellen, an denen Geschichte entschieden wird. Chokepoints sind die Engpässe der Weltpolitik: der Suezkanal, die Straße von Malakka, der Panamakanal, die Dardanellen, und eben Hormus.
An diesen Orten schrumpft der Ozean zum Korridor, und wer den Korridor hält, hält den Schlüssel. Mahan dachte nicht ethnisch, nicht kulturell oder religiös. Er dachte geometrisch, definierte Positionen, Distanzen, Strömungen, Tiefenwasser und Ankergründe. Der Nahe Osten war in seiner Vorstellung ein Schachbrett, kein Teppich aus Geschichten.
Diese Reduktion war zugleich seine Stärke und seine Blindheit. Sie erlaubte ihm, Zusammenhänge zu sehen, die kulturell denkenden Zeitgenossen entgingen – etwa die Verbindung zwischen der Transsibirischen Eisenbahn und der britischen Flottenstation in Aden.
Aber sie machte ihn auch taub für alles, was sich nicht in Seemeilen messen ließ: die religiöse Dynamik der Region, den arabischen Nationalismus, der gerade erwachte, die soziale Sprengkraft des Öls, das man damals erst zu ahnen begann. Mahan lieferte eine Grammatik der Macht – aber keine Semantik der Lebenswelt.
Kein Denker steht allein. Mahans eigentlicher Gegenspieler betrat vierzehn Jahre nach dem Erscheinen von „The Influence of Sea Power“ die Bühne: Halford Mackinder, ein britischer Geograf, der 1904 vor der Royal Geographical Society seine berühmte „Heartland“-These vortrug.
Mackinder argumentierte, dass die Ära der Seemacht zu Ende gehe. Die Eisenbahn, so seine Überlegung, verwandle das eurasische Kernland– jenen riesigen Raum von der Wolga bis zum Jangtsekiang, unzugänglich für Seeflotten – in eine Festung, die von innen heraus die Welt beherrschen könne.
Die Spannung zwischen Mahan und Mackinder wurde zum strukturierenden Dualismus des zwanzigsten Jahrhunderts. Seemacht gegen Landmacht, das angloamerikanische Modell offener Meere gegen das russisch-deutsche Modell der Binnenherrschaft.
Der Erste Weltkrieg, der Zweite, der Kalte Krieg– sie alle lassen sich entlang dieser Achse lesen. Die USA und Großbritannien als Seemächte, die ihre Herrschaft durch Flottenbasen, Handelsrouten und maritime Allianzen projizieren. Russland und –zeitweise – Deutschland als Landmächte, die den eurasischen Kontinent als strategische Tiefe nutzen.
Carl Schmitt, der brillante und kompromittierte Kronjurist des zwanzigsten Jahrhunderts, erhob diesen Dualismus in den Rang der Politischen Theologie. In „Der Nomos der Erde“ (1950) und in seiner kurzen, dichten Schrift „Land und Meer“ (1942) deutete Schmitt die Unterscheidung von See- und Landmacht als politisch-metaphysische Grundspannung.
Das Land, so Schmitt, ist der Ort der Ordnung, der Grenze, des Nomos – das Gesetz wächst aus dem Boden. Das Meer dagegen ist der Ort der Freiheit, aber auch der Gesetzlosigkeit, des Piraten und des Händlers, die im selben Wasser fahren. Die Weltgeschichte, in Schmitts Lesart, ist ein Kampf zwischen der Ordnung des Festen und der Fluidität des Meeres.
Schmitt geht jedoch weiter als eine bloße Metaphysik der Elemente. In seiner Analyse ist jede der drei klassischen Domänen – Land, See, Luft – nicht nur ein Kriegsschauplatz, sondern eine eigene Rechtsordnung. Das Land erzeugt Grenze und Besitz, Eigentum und Souveränität; es ist der Ursprung des Nomos als Landnahme, als konkrete Ordnung.
Das Meer dagegen kennt keine feste Grenze, keinen Nomos im Sinne des Bodens – es ist der Raum der freien Bewegung, des Handels, aber auch des Kaperns, des Piraten, der keiner staatlichen Ordnung untersteht. Schmitt beschreibt die Weltgeschichte des Rechts deshalb als permanenten Kampf um die Frage: Welche Ordnung – die des Landes oder die des Meeres – soll gelten?
Das Common Law, so Schmitt, ist im Kern ein maritimes Recht, während das kontinentaleuropäische Recht Landrecht ist, verwurzelt in Boden, Grenze und staatlichem Monopol. Der Erste Weltkrieg war für Schmitt auch ein Krieg dieser Rechtsordnungen: die Seeblockade Englands gegen das Landrecht Deutschlands.
Dann kam das Flugzeug – und es fügte eine dritte Rechtsordnung hinzu, die keine der beiden alten akzeptierte. Die Luft kennt keine Grenzen, keine Küstenlinien und keine Hoheitsgewässer: Sie ist der absolute Bewegungsraum.
Giulio Douhet, ein italienischer General, veröffentlichte 1921 sein Werk „Il dominio dell’aria“ – Die Luftherrschaft – und argumentierte, dass das Flugzeug alle bisherigen Strategien entwerte. Wer die Luft beherrsche, könne sowohl Land als auch See von oben kontrollieren. Das Vertikale trat gleichberechtigt neben das Horizontale. Der Krieg wurde dreidimensional.
Der Philosoph Martin Heidegger hätte diese Entwicklung vermutlich als Ausdruck des „Ge-stells“ gedeutet – jener technischen Verfassung der Moderne, die das Seiende nicht mehr als konkreten Ort erschließt, sondern als abstrakte Ressource.
Das Flugzeug ist Symbol des Ge-stells im reinsten Sinne: Es löst den Menschen vom Boden, verwandelt die Landschaft in eine Karte, den Ort in eine Koordinate. Die Welt wird zur Vogelperspektive.
Was Mahan noch als physische Geografie dachte – die Küste, die Meerenge, der Hafen –, wird aus der Luft zur abstrakten Fläche, zum Planquadrat. Die „Entbergung“ des Raums durch das Flugzeug ist die technische Verwandlung von Ort in Position.
Und heute? Heute ist die Drohne die Vollendung und zugleich die Auflösung von Mahans Welt. Iran, so berichten westliche Geheimdienste, kann zehntausend Drohnen pro Monat produzieren – billige, schwarmfähige, präzise Waffen, die keine Piloten brauchen und die teuren Flugzeugträger und Kampfflugzeuge der fünften Generation herausfordern.
Die asymmetrische Kriegsführung, die Iran im Persischen Golf betreibt, ist eine Anti-Mahan-Strategie in Reinform. Mahan glaubte an die „decisive battle“– die entscheidende Seeschlacht, in der eine überlegene Flotte die feindliche vernichtet und damit die Seeherrschaft erringt. Iran verweigert diese Schlacht.
Statt die US-Flotte in offener See herauszufordern, setzt Teheran auf permanente Erosion: Seeminen in den Fahrrinnen, Schnellboote mit Raketen, Drohnenschwärme, die zu klein sind für konventionelle Flugabwehr, Störsender, die Navigationsgeräte in die Irre führen, und die schiere Geografie einer Meerenge, in der ein Flugzeugträger so verwundbar ist wie ein Elefant in einer Gasse.
Die Kontrolle erfolgt nicht durch Präsenz, sondern durch Sperrung. Das Ziel ist nicht die Beherrschung des Meeres, sondern die Verweigerung des Meeres.
Foto: Defense.gov Photos | Lizenz: Public Domain
Die Fakten: Nach den amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf iranische Atomanlagen blockierte Iran die Straße von Hormus. Teherans Kalkül war simpel und brutal: Wenn ihr unsere Souveränität angreift, schneiden wir die Lebensader der Weltwirtschaft durch.
Es ist die Logik des Schwächeren, der seinen einzigen Trumpf ausspielt – die Geografie. Die Straße ist eng genug, dass sie sich mit begrenzten Mitteln sperren lässt, und wichtig genug, dass ihre Sperrung die ganze Welt betrifft.
Am 13. April 2026 reagierte US-Präsident Trump mit einer Gegenblockade: amerikanische Kriegsschiffe vor iranischen Häfen, ein Embargo auf iranische Öl- und Gasexporte, durchgesetzt mit der Feuerkraft einer Trägerkampfgruppe.
Irans Armee nannte dies „Piraterie“ – ein Wort, das Carl Schmitt gefallen hätte, denn es verweist auf genau jene Gesetzlosigkeit des Meeres, die er beschrieben hatte. Wie dieses Problem zu lösen ist, beschäftigt nun die ganze Welt.
Sicher ist heute nur, dass die ökonomischen Folgen der Blockaden verheerend sind. Der Ölpreis durchbrach die Hundert-Dollar-Marke und pendelt sich bei über hundertdrei Dollar ein. Banken warnen vor einem „geopolitischen Inflationsschock“. Europäische Industrien, die auf Flüssigerdgas aus Katar angewiesen sind, suchen hektisch nach Alternativen.
Raffinerien in Indien und Südkorea fahren die Produktion herunter. Die Versicherungsprämien für Tanker im Golf haben sich verfünffacht. Es ist, als hätte jemand den Wasserhahn der Weltwirtschaft zugedreht – nicht ganz, aber genug, dass überall der Druck sinkt.
Mahan würde diese Situation mit grimmiger Zufriedenheit betrachten. Alles, was er beschrieben hat, stimmt: Der Chokepoint ist real, die Seeherrschaft entscheidend, die Geografie unbarmherzig.
Aber er hätte vermutlich einen entscheidenden Aspekt nicht vorhergesehen: dass der Unterlegene – Iran, ohne Flugzeugträger, ohne Hochseeflotte, ohne globales Bündnissystem – durch Minen, Drohnen, Satellitenstörsender und asymmetrische Guerillataktik den Chokepoint genauso effektiv sperren kann wie eine konventionelle Großmachtflotte.
Die decisive battle, auf die Mahan alles setzte, findet nicht statt. Stattdessen ein zähes, nervenaufreibendes Ringen um jeden Kilometer Fahrrinne, ein Krieg der tausend Nadelstiche. Mahan hat die Bühne richtig beschrieben – aber das Stück, das darauf gespielt wird, hätte er nicht erkannt.
Die Frage, die sich nach Hormus stellt, ist nicht, ob Mahan recht hatte, sondern ob seine Beschreibung noch ausreicht, um die Welt zu lesen. Denn seit Mahan hat sich die Dimensionalität der Macht vervielfacht.
Zur See, zum Land, zur Luft sind der Weltraum und der Cyberraum getreten – die vierte und fünfte Dimension der Kriegsführung. Über der Straße von Hormus tobt ein unsichtbarer Krieg um Navigationssatelliten: Störsender verwirren die GPS-Signale der Tanker, neue Technologie gaukelt ihnen falsche Positionen vor, elektronische Kriegsführung blendet Radarsysteme.
Die Kontrolle über Kommunikations- und Navigationssysteme wird zur neuen Seekontrolle – wer die Signale beherrscht, beherrscht die Fahrrinne, auch ohne ein einziges Schiff darin. Es ist eine Machtform, die Mahan nicht kannte: die Herrschaft über das Unsichtbare.
Künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme verschieben die Gleichung weiter. Die Europäische Union legte 2026 einen Plan vor, der die Entwicklung autonomer Kampfsysteme beschleunigen soll.
Drohnenschwärme, die nicht von Menschen gesteuert werden, sondern von Algorithmen, die in Millisekunden über Angriff oder Ausweichen entscheiden – das ist die Vollendung von Douhets Luftherrschaft und zugleich ihre Transzendenz. Die decisive battle wird zur algorithmischen Entscheidung, schneller als jeder Admiral denken kann, unsichtbar, unpersönlich, unwiderruflich.
Und doch: Der Chokepoint bleibt. Das ist die hartnäckige Wahrheit, die sich allen technologischen Revolutionen widersetzt. Man kann den Cyberraum hacken, man kann Satelliten stören, man kann mit Algorithmen Systeme überfluten – aber die Straße von Hormus kann man nicht digitalisieren.
Sie ist da, physisch, geologisch und unwiderruflich. Vierundfünfzig Kilometer Wasser zwischen zwei Felswänden. Kein Code der Welt macht sie breiter, kein Algorithmus macht sie unnötig, solange die Welt auf Öl und Gas angewiesen bleibt. Die physische Geografie ist hartnäckiger als jede Technologie. Darin hat Mahan recht behalten, über alle Revolutionen hinweg.
Die Grammatik der Macht hat sich verändert – ihre Topografie nicht. Wir leben in einer Welt, die Mahan verstehen würde, auch wenn er ihre Werkzeuge nicht kennt. Er würde die Drohnen nicht begreifen, aber er würde die Karte begreifen. Er würde den Cyberkrieg nicht fassen, aber die Blockade.
Nur: In seinen Seekarten kamen keine Menschen vor – nur Flotten, Häfen und Distanzen. Der Nahe Osten war ein Schachbrett. Die Perlentaucher von Bahrain, die Fischer von Bandar Abbas, die Händler von Maskat – sie existierten in seiner Theorie nicht, weil sie damals strategisch irrelevant waren.
Diese Blindheit ist nicht nur ein persönliches Versäumnis, sondern ein strukturelles Problem jeder geopolitischen Theorie, die den Raum nur als Machtraum denkt und nicht als Lebensort verschiedener Zivilisationen.
Und noch eine Frage wirft das Drohnenzeitalter auf, die Mahan und Schmitt gleichermaßen überfordert hätte: Wann ist Frieden? Die klassischen Rechtsordnungen kannten eine klare Schwelle – Kriegserklärung, Waffenstillstand und Friedensvertrag.
Die Grenze zwischen Krieg und Frieden war eine juristische Linie, auch wenn die Realität sie oft überschritt. Im Zeitalter der Drohne ist diese Linie verschwunden. Eine Drohne, die jeder aus handelsüblichen Komponenten zusammenbauen kann, die keiner offiziellen Armee angehört, die per Telemetrie aus einem Container in einer Industriestadt gesteuert wird – sie kennt keine Kriegserklärung.
Sie tötet in Friedenszeiten, sie zerstört Infrastruktur ohne den formalen Akt des Krieges, sie macht aus dem Friedenszustand einen Graubereich, den das Völkerrecht noch nicht begriffen hat. Was bedeutet diese Innovation für unsere künftigen Vorstellungen von Krieg und Frieden, als unterscheidbaren Gegensätzen?
Frieden, so scheint es, ist heute weniger ein rechtlicher Zustand als ein temporäres Ausbleiben von Eskalation. Schmitt hätte diese Erosion des Freund-Feind-Schemas als das Ende des Politischen als solchem beschrieben – jenen Zustand, in dem nicht mehr erkennbar ist, wer mit wem im Krieg ist und wer es nicht ist. Mahan hätte nach der feindlichen Flotte gesucht und keine gefunden. Nur Schwärme. Nur Signale. Nur Störungen.
Vor Hormus, in den dunklen Gewässern des Persischen Golfs, liegen zweihundertdreißig Schiffe vor Anker. Ihre Lichter spiegeln sich im Wasser. Unter ihnen der Meeresboden, unbewegt seit Jahrmillionen.Über ihnen die Drohnen, summend wie mechanische Insekten.
Und irgendwo, in der Logik dieses Bildes, der Schatten eines Mannes, der vor über einem Jahrhundert eine Idee hatte, die sich bis heute nicht vollständig leugnen lässt: dass die Geometrie der Erde die Grenzen der Macht vorgibt.
Alfred Thayer Mahan hat in einer Sprache geschrieben, die uns bekannt vorkommt. Das humanitäre Desaster, das jeden Krieg begleitet und das Schicksal der Zivilbevölkerung kümmerte ihn wenig. Er hat vergessen, dass in den Räumen, die er definierte, auch Menschen vorkommen. Das ist sein Erbe – und seine Grenze.
(The Conversation). Am Morgen, als die Angriffe begannen, schrieb der amerikanische Evangelist Franklin Graham auf X: „Betet für unser Militär bei der Operation gegen den Iran, für Präsident @realDonaldTrump und dafür, dass das iranische Volk von den Fesseln des Islam befreit wird.“ Mehr als 1.000 Zivilisten wurden seitdem getötet. Von André Gagné
In meinem Buch „American Evangelicals for Trump“ erkläre ich, wie eine der zeitgenössischen Interpretationen der „Endzeit“, der prämillennialistische Dispensationalismus, unter US-Evangelikalen nach wie vor großen Einfluss hat. Dispensationen werden als unterschiedliche Zeitabschnitte in der Geschichte angesehen, von denen man glaubt, dass sie von Gott bestimmt wurden, um die Angelegenheiten der Welt zu regieren und zu ordnen.
Diese Ideologie dient sowohl als Methode zur Auslegung der Bibel wie als Rahmen zum Verständnis ihrer Geschichte. Er lehrt, dass Christus vor der Endzeit wiederkehren und eine tausendjährige Herrschaft des Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden einleiten wird, die gemeinhin als das Millennium bezeichnet wird.
Seit dem US-Angriff auf den Iran hat Greg Laurie, Gründer und Pastor der Harvest Christian Fellowship in Kalifornien, eine Reihe von Videos veröffentlicht, in denen er seine dispensationalistische Auslegung der aktuellen Events propagiert. Für ihn ist das nächste Ereignis auf „Gottes Kalender“ als die „Entrückung“ der Gemeinde bekannt, bei der „wiedergeborene“ Gläubige in den Himmel aufgenommen werden.
Foto: US-DoD/gemeinfrei
In manchen Auslegungen biblischer Prophezeiungen folgt auf sie die „Große Trübsal“, eine siebenjährige Zeit des Aufruhrs. Man glaubt, dass währenddessen das jüdische Volk seinen Tempel in Jerusalem wiederaufbauen wird, göttliche Gerichte die Erde heimsuchen werden und eine politische Figur namens Antichrist an die Macht gelangen wird.
Diese Zeit gipfelt bei dieser Weltanschauung in einer endgültigen Konfrontation zwischen Jesus und den vom Antichristen gegen Israel versammelten Völkern, genannt Armageddon. Danach soll Jesus sein tausendjähriges Reich von Jerusalem aus errichten, wobei die Nationen der Welt letztlich unter seine Herrschaft gebracht werden. Einige Evangelikale interpretieren den Konflikt von Iran und Israel durch dieselbe eschatologische oder „Endzeit-/Ende der Geschichte“-Brille.
Ihrer Auslegung zufolge werde der Iran in einigen prophetischen Auslegungen als eines der Länder identifiziert, die dazu bestimmt seien, eine Rolle in einem Konflikt zu spielen, der in Hesekiel 38–39 beschrieben wird und oft als die Schlacht von Gog und Magog bezeichnet wird.
Die evangelikale Influencerin Traci Coston bediente sich zudem einer numerologischen Wendung, um Darstellungen von Trump als neuen König Cyrus zu untermauern – eine Vorstellung, die von Lance Wallnau, einem einflussreichen Unternehmer aus der Pfingstbewegung, populär gemacht wurde.
Trump machte sich solche Ansichten über sich selbst zunutze und teilte am 9. März auf seinem Truth-Social-Account eine Prophezeiung aus dem Jahr 2007 von Kim Clement, einem Musiker, Pastor und beliebten Propheten, der 2016 verstorben ist.
Unter einigen Trump-nahen Führern in neopfingstlichen und -charismatischen Kreisen wird der Konflikt mit dem Iran als geistlicher Kampf interpretiert. Sie betrachten das Weltgeschehen als Teil eines andauernden Kampfes zwischen göttlichen und dämonischen Mächten und glauben, dass die Gebete der Christen dazu beitragen, das, was sie als böse Mächte ansehen, zurückzudrängen.
Foto: rawf8, Shutterstock
Lou Engle, ein US-amerikanischer neo-charismatischer Prophet, schrieb einen Tag vor dem Angriff, dass sich im Jahr 2006 eine Gruppe von 70 Gläubigen in Boston zu einer 40 Tage und Nächte dauernden Gebetszeit versammelt habe.
Er bezog sich dabei auf die Prophezeiung aus Jeremia 49,34–38, in der das Gericht über Elam – eine antike Region im heutigen Süden des Iran – angekündigt wird. Unter Berufung auf diesen Text sagte er, die Gläubigen hätten gebetet, „Gott möge den Bogen des Islam zerbrechen und seinen Thron im Iran errichten“.
Das jüdische Purimfest, das am 2. und 3. März gefeiert wurde, wurde herangezogen, um den aktuellen Krieg als geistliche Auseinandersetzung zu erklären. Diese Sichtweise gründet sich darauf, dass einige dieser pro-Trump-Pfingstführer Beispiele für kosmische Kämpfe in biblischen Texten sehen.
Die Vorstellung von einem weltweiten Erwachen in der Endzeit ist nicht neu. Die frühen Pfingstler glaubten ursprünglich, sie lebten in dieser Phase und dass die Gabe der Zungenrede für die Mission gegeben worden sei. Ausgestattet mit der übernatürlichen Fähigkeit, nicht erlernte Sprachen zu sprechen, konnten sie nun in die ganze Welt hinausgehen und das Evangelium vor der Wiederkunft Christi verkünden.
Später vertrat die Bewegung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, bekannt als New Order of the Latter Rain, eine Gruppe, die 1948 in North Battleford, Saskatchewan, eine Erweckung erlebte, eine ähnliche Sichtweise.
Foto: The White House | gemeinfrei
Ihre Ansichten hatten letztlich einen tiefgreifenden Einfluss auf die charismatische Bewegung weltweit. Die „New Order“ spaltete sich von den klassischen Pfingstlern in Kanada ab, da sie unter den Pfingstlern eine „geistliche Dürre“ empfanden und nun nach einer neuen geistlichen Erfahrung suchten.
Wenn US-Außenminister Marco Rubio sagt, dass das iranische Regime „Entscheidungen auf der Grundlage von Theologie trifft, und zwar ihrer eigenen, apokalyptischen Auslegung der Theologie“, und Kriegsminister Pete Hegseth erklärt, dass „verrückte Regime wie der Iran, die von prophetischen islamistischen Wahnvorstellungen besessen sind, keine Atomwaffen besitzen dürfen; das ist gesunder Menschenverstand“, dann stellt diese Rhetorik Teheran als ein Land dar, das in einzigartiger Weise von religiösem Extremismus getrieben wird.
Dennoch wurden trumpistisch-orientierte christliche Führer im Oval Office willkommen geheißen, um dem Präsidenten im Gebet die Hände aufzulegen, während Trump prophetische Botschaften über seinen Aufstieg zur politischen Macht verstärkt hat und seinen Anhängern damit signalisierte, dass seine Präsidentschaft göttlich vorherbestimmt sei.
Der Kontrast ist auffällig. Wenn religiöser Glaube die Politik von Rivalen prägt, wird er als gefährliche Theologie abgestempelt. Tritt er jedoch in Washington auf, wird er als göttliche Vorsehung dargestellt.
* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.

(iz). Zwischen Explosionen von Energieinfrastruktur, zeitweiligen Produktionsstopps und der lähmenden Dauerpräsenz von Kriegsbildern erlebten viele Gläubige einen Monat des Fastens, der zugleich Rückzug und Besinnung bedeutete. Denn gerade im Moment, in dem das Äußere unruhig wird, verdichtet sich die innere Erfahrung zu etwas Einfachem und Wesentlichem: dem Loslassen des eigenen Willens.
Wer fastet, erfährt das Fließende der Identität: Hunger und Durst lösen jene starre Vorstellung des Selbst auf, die sonst das Zentrum unserer Wahrnehmung bildet. Mit dem Verzicht entsteht kein Mangel, sondern eine andere Form von Gegenwart – das, was der Soziologe Hartmut Rosa die „Unverfügbarkeit des Weltbezugs“ nennt. Man kann die Erfahrung nicht erzwingen, sie bleibt Gabe.

Foto: PlanetZ/Adobe Stock
Dieses Nichtwollen, das sich im Verzicht formt, schafft Raum für Hoffnung: auf ein gutes Schicksal für uns selbst und andere. Und darin öffnet sich die Nähe zum Wort der Offenbarung, das den Menschen nicht als Herren, sondern als Hörenden begreift. So zeigt sich, dass der Islam keine Ideologie, keine Weltanschauung im säkularen Sinn ist, sondern eine fortwährende Übung im Hören und Erkennen – eine spirituelle Anthropologie.
Ramadan ist keine Flucht aus der Welt. Das Fasten, das Gebet und der nächtliche Dialog mit dem eigenen Gewissen sind keine asketischen Praktiken zur Abschottung, sondern Formen der Resonanz.
Im Zustand des Gebetes entstehen Mitgefühl und Bewusstsein für das Elend anderer; insbesondere für diejenigen, die in den brennenden Zonen rund um die angegriffenen Städte und Energieanlagen leben und deren Lebensgrundlagen – Arbeit, Wasser, Luft – in Mitleidenschaft gezogen werden.
Viele Muslime erinnerten in diesem Monat an die Namen der Kriegsopfer. Sie taten es nicht, um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen. Innen und außen geraten in Balance: das Innerliche dient als sensorische Verfeinerung des Blicks in die Welt.
Aus diesem Ramadan ergibt sich eine doppelte Lehre. Zum einen müssen wir unsere Erkenntnisverfahren überdenken – in einer Zeit, in der Bilder dominieren und Worte schwinden. Zum anderen verlangt das Politische eine neue Form des Denkens, die Identität nicht als Abgrenzung, sondern Identität als Durchlässigkeit vorstellt.
Und schließlich zwingen uns die zivilen Opfer, die Angriffe auf Energieinfrastruktur, die massiven Brände und die ökologischen Folgeschäden zu einer unbequemen Frage: Wie lässt sich politisch handeln, ohne in eine Logik abzurutschen, in welcher „der Zweck alle Mittel heiligt“?
Es war in diesem Monat leichter, auf Essen und Trinken zu verzichten, als das Handy aus der Hand zu legen. Jeden Abend fluteten neue Bilder aus der Golfregion durch die Feeds: Angriffe auf Israel, Feuerbälle über Öl- Terminals, zerstörte Anlagen in Saudi-Arabien, den Emiraten, Katar; die Medien versorgten uns mit Karten, Pfeildiagrammen und Expertenpanels. Die Wucht dieser Bilder lähmt mehr, als sie aufrüttelt.
Susan Sontag schrieb in „Über Fotografie“, dass Bilder zwar das Gewissen anstacheln, aber selten ethische Erkenntnis hervorrufen. „Fotos, die von sich aus nichts erklären können,“ schreibt sie, „fordern unwiderstehlich zu Deduktion, Spekulation und Phantastereien auf“. Der entscheidende Punkt: Ohne ein politisches Bewusstsein führen Bilder ins moralische Nichts. Heute, da jede Ideologie ihre eigene Bildwelt erschafft, gilt dies mehr denn je.
Foto: cendhika/Adobe Stock
Fotos, einst Ersatz für Lesen, sind vielfach zum Ersatz für Denken geworden. Jede Bewegung, jede Nation bastelt aus Millionen von Motiven ihr eigenes Puzzle der Wahrheit. Das Resultat: eine überreizte Wahrnehmung, die innerlich abstumpft.
Der Ausweg führt nicht über visuelle Askese, sondern über Sprache – über Worte, die Bedeutung freilegen, statt bloß zu beeindrucken. Unser Anspruch muss sein, inhaltlich Beiträge zu schaffen, die nicht nur schockieren wollen, sondern Bedeutung vermitteln und uns verstehen lehren.
Als Gläubige wissen wir: Rituale verändern uns. Doch in einer Zeit, in der Religion als politisches Symbol missbraucht wird, droht diese Kraft sich zu verkehren. Identitätspolitik definiert, „wer wir sind“, über Abgrenzung und Konflikt, nicht über Glauben.
Dagegen lässt sich der Ramadan als transversale Praxis verstehen – nicht als Manifestation einer Gruppe, sondern als Übung, das Eigene zu relativieren und den anderen einzubeziehen. Der Verzicht öffnet den Blick, um im Nächsten nicht die Differenz, sondern das Gemeinsame zu erkennen.
Byung-Chul Han hat in seinem neuen Buch „Ohne Respekt. Eine soziale Krise“ (2026) eine scharfe Diagnose gestellt: Meinung darf nicht Identität werden; Respekt setzt Distanz voraus. „Wer sich zu einer Meinung als Identität bekennt“, lautet sein programmatischer Gedanke, „verliert die diskursive Freiheit, die Distanz zur eigenen Meinung voraussetzt“.
Diese Einsicht trifft das Herz unserer gegenwärtigen Krise. Wenn politische Ansichten zu Selbstausdrücken werden, verschwindet die Bereitschaft zum Dialog. Die religiöse Praxis – vom Gebet bis zur Fastenzeit – erlangt hier eine ungeahnte, andere politische Bedeutung: Sie lehrt uns, Distanz zu uns selbst zu wahren. Han fasst die Argumentation wie folgt zusammen: „Das Politische beginnt nicht mit der Feinderklärung, sondern mit dem Respekt als Aufmerksamkeit für den anderen. Fehlender Respekt führt zum Verfall des Politischen.“
Nikolaus von Kues sprach einst von der „Einheit in der Vielfalt“; der Fähigkeit, Differenzen zu denken, ohne sie zu verabsolutieren. In diesem Sinn bewahrt Religion ihre kritische Kraft gerade dann, wenn sie Macht, Nation und Ideologie gegenüber skeptisch bleibt. Für Muslime heißt das: Politik darf nicht zum festen Bestandteil des eigenen Ichs werden, sonst verliert man die Freiheit zur Prüfung, eine Fähigkeit, die jede Dogmatik übersteigt.
Gerade die aktuelle Golfkrise stellt uns vor eine doppelte Herausforderung. Einerseits sehen wir, wie Konfliktparteien Energieanlagen, Häfen, Exportterminals zu strategischen Zielen machen und damit nicht nur militärische, sondern zivile Lebensadern treffen – mit langfristigen Folgen für Versorgung, Umwelt und globale Stabilität.
Andererseits wissen wir, dass kein Krieg – weder der Angriffskrieg noch der Verteidigungskrieg – sich auf einen moralischen Blankoscheck berufen darf, in dem der Zweck alle Mittel heiligt. Weder Religion noch Recht können der Maxime zustimmen, dass jedes Mittel erlaubt sei, wenn das Ziel nur hoch genug erscheint.
Aus islamischer, christlicher und säkular-rechtlicher Perspektive gilt: Es gibt Tabus, die nicht überschritten werden dürfen – die bewusste Tötung von Zivilisten, der Angriff auf elementare Lebensgrundlagen, die mutwillige Zerstörung der Umwelt, der Einsatz von Waffen, deren Wirkung sich nicht auf Kombattanten begrenzen lässt.
Das humanitäre Völkerrecht ist, bei all seinen Defiziten, der Versuch, diese Einsicht in Normen zu fassen; es verbietet etwa unterschiedslose Angriffe und verpflichtet zur Schonung von Zivilpersonen und kritischer Infrastruktur, soweit militärisch verantwortbar. Ohne diese Bindung verlieren wir die Fähigkeit Krieg und Frieden zu unterscheiden.
Gleichzeitig wäre es weltfremd, die Frage zu verdrängen, wie man auf Regime reagiert, die offen nach Langstreckenwaffen und Atomwaffen streben und ihre Nachbarschaft bedrohen. Wer nur auf ein abstraktes Ideal der Reinheit verweist, ohne die Sicherheitsinteressen der bedrohten Gesellschaften ernst zu nehmen, riskiert eine Hypermoral, die im Ernstfall handlungsunfähig macht.
Die schwierige Aufgabe politischer Ethik besteht darin, zwei Sätze gleichzeitig wahr sein zu lassen: Erstens, dass es absolute Grenzen der Mittel gibt, die auch im Namen der Selbstverteidigung nicht überschritten werden dürfen; zweitens, dass Untätigkeit gegenüber einem Regime, das nach Vernichtungswaffen strebt, selbst moralisch fragwürdig sein kann.
Eine verantwortliche politische Theologie wird daher fragen: Welche Formen der Abschreckung, der Diplomatie, der Sanktionen, der begrenzten militärischen Intervention sind mit diesen Tabus vereinbar – und wo beginnt die Grenzüberschreitung, in der wir das, was wir schützen wollen, selbst untergraben?
Sie wird weder den Präventivkrieg leichtfertig legitimieren noch sich in einem moralischen Rigorismus einrichten, der reale Gefahren ignoriert. Zwischen Zynismus („alles ist erlaubt“) und Hypermoral („handeln ist immer schuldhaft“) entsteht ein schmaler Korridor verantwortlicher Politik.
Europa ist der Raum, in dem wir frei reden, denken und zweifeln dürfen. Diese Freiheit ist kein Gegensatz zur Religiosität, sondern ihr Komplement: Nur, wer frei ist, kann auch wahrhaft glauben. Religion kann – und muss – ein Korrektiv politischer Meinung sein, indem sie auch die eigenen Handlungen kritisch befragt. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Prinzipien wie das Völkerrecht nicht selektiv angewendet, sondern universell gelten – auf „uns“ ebenso wie auf „die anderen“.

Screenshot: Vatican News
Der Papst erinnerte jüngst daran, wie dünn die Linie zwischen Information und Propaganda geworden ist. In einer Botschaft an Journalistinnen und Journalisten mahnte Leo XIV. am 16. März 2026, die Medien müssten in Kriegszeiten besonders wachsam gegenüber der Gefahr sein, zum „Megafon der Macht“ zu werden, und hätten die Pflicht, Leid sichtbar zu machen und den Krieg „durch die Augen der Opfer“ zu erzählen.
Diese Worte enthalten eine einfache Wahrheit: Je weniger ein Krieg sich moralisch rechtfertigen lässt, desto stärker der Drang, ihn religiös oder schicksalhaft zu überhöhen. Eine verantwortliche politische Theologie aber erkennt: Gott ist nicht verfügbar als Legitimationsquelle für sinnlose Gewalt.
Je weniger Krieg sich moralisch und rechtlich rechtfertigen lässt, desto größer die Versuchung, ihn in einen quasitranszendenten Rahmen zu heben, in dem das Unvertretbare als notwendig, schicksalhaft oder heilig erscheint. Eine Religion, die ihre eigene Botschaft ernst nimmt, wird hier widersprechen: Sie besteht auf der Begrenztheit jeder Macht und auf der Unverfügbarkeit Gottes für Kriegspropaganda.
Genau darin liegt auch ein europäischer Standortvorteil: In offenen Gesellschaften können religiöse Stimmen, rechtliche Argumente und philosophische Kritik zusammenwirken, um diese Verklärungen zu entlarven – auch dann, wenn sie aus dem eigenen Feld kommen.
Ramadan hat uns gelehrt, was Verzicht bedeutet – nicht nur auf alltägliche Speisen, sondern auf gewohnte Gewissheiten. Er hat gezeigt, dass Erkenntnis aus Unterbrechung erwächst, nicht aus dem Aufenthalt im Dauerrauschen der Medien. Inmitten der Bilderflut brauchen wir wieder Worte, die verbinden, statt zu spalten. Und im politischen Diskurs brauchen wir Formen der Distanz, die uns ermöglichen, zuzuhören, ohne uns selbst zu verlieren.
Die Golfkrise zwingt uns, die Frage nach legitimen Mitteln im Konflikt neu zu stellen: Weder religiös noch rechtlich dürfen wir eine Politik akzeptieren, die behauptet, „der Zweck heilige alle Mittel“, aber wir dürfen uns auch nicht in eine Moral flüchten, die jede verantwortliche Reaktion auf reale Bedrohungen blockiert.
Zwischen beiden Extremen könnte ein neues, vom Geist des Ramadan geprägtes Politisches entstehen: kritisch, selbstreflexiv – und dennoch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht beginnt genau hier die Wiedergewinnung des Politischen – jenseits von Meinungskult und Identitätskampf –, als eine Praxis des Hörens, des Maßhaltens und des Hoffens.
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