US-Midterms 2026: Muslime gewinnen gegen Hetze und das große Geld
US-Midterms 2026: Erstmals zieht ein Muslim in den Senat ein. Neue Abgeordnete aus New York und New Jersey verstärken ihre Präsenz im Kongress, während zusätzlich in den Parlamenten der Bundesstaaten weitere Stimmen hinzukommen.
Warren, Michigan, United States - March 8, 2025: Michigan U.S. Senate candidate Abdul El-Sayed addresses a crowd from the podium at the "Fight Oligarchy" rally in Warren, standing beside the American flag and Michigan state flag. The event drew thousands of attendees as part of a series of rallies focused on economic and political reform. Ideal for editorial coverage of U.S. political campaigns, Michigan Senate race news, and grassroots political rallies.
(iz). Die Wahlerfolge vom 3. November sind bemerkenswert: Kandidaten, deren Glaube zum Gegenstand öffentlicher Angriffe gemacht wurde, setzten sich gegen republikanische Gegner und finanzstarke Interessengruppen durch.
Die Ausgangslage war für die Partei unter Präsident Donald Trump ungünstig. Fünf Themen dominierten die Kritik an ihrer Politik: die hohen Lebenshaltungskosten, der Krieg gegen Iran und die fortgesetzte Unterstützung Israels im Gazakrieg, Korruptionsvorwürfe und der Einfluss großer Geldgeber, das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE sowie die gesellschaftliche Polarisierung durch nationalistische und minderheitenfeindliche Rhetorik.
Die Opposition gewann am 3. November die Kontrolle über beide Kammern des Kongresses zurück. Auch mehrere republikanisch regierte Bundesstaaten wechselten die politische Führung. Die Unzufriedenheit mit Trumps Handeln reichte weit über das demokratische Stammpublikum hinaus.
Für US-Muslime hatte dieser Wahlabend eine zusätzliche Bedeutung. Ihre Präsenz beschränkte sich längst nicht mehr auf einige sicher geglaubte Wahlkreise. Kandidaten ihres Glaubens traten für den Senat, das Repräsentantenhaus, regionale Parlamente und kommunale Ämter an.
Ihr Abschneiden zeigt, wie stark eine Gemeinschaft mobilisieren kann, die zugleich zunehmend unter gesellschaftlichem und staatlichem Druck steht.
Foto: Conlan Houston/via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Der erste Muslim im US-Senat
Den bedeutendsten Erfolg erzielte Abdul El-Sayed in Michigan. Der 42-jährige Epidemiologe und frühere Gesundheitsdirektor von Detroit und Wayne County besiegte den Republikaner Mike Rogers im Rennen um den frei werdenden Senatssitz des Demokraten Gary Peters. Mit rund 52 % der Stimmen wurde er zum ersten Muslim gewählt, der dem US-Senat angehören wird.
Der Sohn ägyptischer Einwanderer hatte seine Kampagne auf Gesundheitsversorgung, bezahlbares Leben und die Begrenzung des Einflusses großer Geldgeber ausgerichtet. Er vertritt ein allgemeines staatlich finanziertes Krankenversicherungssystem und lehnt die bedingungslose amerikanische Militärhilfe an Israel ab.
Sein Weg nach Washington war innerhalb der eigenen Partei umstritten. In der demokratischen Vorwahl setzte er sich knapp gegen die vom Parteiestablishment unterstützte Haley Stevens durch.
Im Hauptwahlkampf musste er anschließend nicht nur gegen Rogers, sondern ebenso Zweifel an seiner politischen Durchsetzbarkeit bestehen. Er widerlegte die Annahme, ein offen muslimischer, progressiver Kandidat könne einen umkämpften Bundesstaat wie Michigan nicht gewinnen.
Foto: Dr. Adam Hamwy/Facebook/Wahlkampagne
Neue Gesichter im Repräsentantenhaus
Im Repräsentantenhaus behaupteten Rashida Tlaib aus Michigan, Ilhan Omar aus Minnesota und André Carson aus Indiana ihre Mandate. Tlaib und Omar gehören seit 2019 zu den bekanntesten muslimischen Stimmen im Kongress; Carson vertritt Indianapolis bereits seit 2008. Auch Lateefah Simon aus Kalifornien wurde wiedergewählt.
Neu hinzukommen Adam Hamawy in New Jersey und Darializa Avila Chevalier in New York. Damit waren am Morgen des 4. Novembers zunächst sechs muslimische Mitglieder des Repräsentantenhauses als gewählt gemeldet. Ein weiteres Rennen mit muslimischer Beteiligung war noch nicht abschließend entschieden.
Hamawy, ein ehemaliger Militärarzt und plastischer Chirurg, gewann den zwölften Wahlkreis New Jerseys. Der 56-Jährige war 2024 als freiwilliger Mediziner in Gaza tätig gewesen. Die dortigen Erfahrungen prägten seine politische Kandidatur. Er fordert eine umfassende Reform der Gesundheitsversorgung, ein Ende amerikanischer Militärhilfe an Israel und die Abschaffung der Einwanderungsbehörde ICE.
In New York gewann die Bürgerrechtlerin Darializa Avila Chevalier den 13. Kongresswahlkreis, der Teile von Harlem und der Bronx umfasst. Die zum Islam konvertierte Tochter dominikanischer Einwanderer hatte bereits in der demokratischen Vorwahl den langjährigen Abgeordneten Adriano Espaillat besiegt. Ihr Wahlkampf verband die Verteidigung palästinensischer Rechte mit Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum und sozialer Gerechtigkeit.
Foto: Nabeela Syed for State Senate/FB/Wahlkampagne
Auch die Parlamente der Bundesstaaten verändern sich
Unterhalb der Bundesebene gab es weitere Erfolge. In Illinois gewann Nabeela Syed einen bislang republikanischen Sitz im Staatssenat. Die Tochter indischer Einwanderer war 2022 mit 23 Jahren erstmals ins Repräsentantenhaus des Staates gewählt worden. Im diesjährigen Wahlkampf machte sie unter anderem den steigenden Stromverbrauch großer KI-Rechenzentren und dessen Folgen für die Verbraucher zum Thema.
In New York wurde die palästinensisch-amerikanische Aktivistin Aber Kawas im zwölften Senatswahlkreis von Queens gewählt. Sie hatte mit Forderungen nach Mieterschutz, bezahlbarem Wohnraum und Einwandererrechten Wahlkampf gemacht. In Georgia lag Ruwa Romman, die erste muslimische Frau im dortigen Repräsentantenhaus, am Wahlabend bei ihrem Wechsel in den Staatssenat mit rund 66 Prozent der Stimmen deutlich vorn.
Die Wahlerfolge stehen nicht isoliert. Nach einer im August veröffentlichten Erhebung von CAIR und CAIR Action gab es bereits vor der Abstimmung 255 muslimische Amtsträger in 26 Bundesstaaten. Fast hundert von ihnen gehörten kommunalen Vertretungen an. Gerade in Städten wie Dearborn, Minneapolis, New York und Paterson ist muslimische politische Repräsentation inzwischen Teil des kommunalen Alltags.
Zu den bereits 2025 gewählten Persönlichkeiten gehören New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani, Abdullah Hammoud in Dearborn und die Stadträtinnen Aisha Chughtai und Aurin Chowdhury in Minneapolis.
Ihre Wahlsiege zählen nicht zu den Midterms 2026, zeigen aber einen Trend, auf dem die diesjährigen Kandidaturen aufbauen. Für die noch laufende Auszählung zahlreicher lokaler Ämter liegt bislang keine abschließend bestätigte landesweite Gewinnerliste vor.
Grafik: IZ (Fotos gemeinfrei oder CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) | Lizenz: CC BY-SA 3.0
Millionen gegen muslimische Kandidaten
Die größte finanzielle Auseinandersetzung betraf Michigan. Die pro-israelische Lobbyorganisation AIPAC und verbundene Gruppen investierten nach Recherchen der Associated Press fast 30 Millionen Dollar in die demokratische Vorwahl, um El-Sayeds Konkurrentin Haley Stevens zu unterstützen.
Die Organisation wollte verhindern, dass ein entschiedener Kritiker der amerikanischen Israelpolitik in den Senat einzieht. El-Sayed setzte dem eine auf Freiwillige und Kleinspender gestützte Kampagne entgegen. Der Sieg über Stevens und später über Rogers zeigte zumindest in Michigan die Grenzen dieser finanziellen Einflussnahme.
Auch Aisha Wahab musste sich in Kalifornien gegen finanzstarke Unterstützer ihrer Konkurrentin behaupten. Bei ihrer erfolgreichen Sonderwahl im August finanzierten mit AIPAC verbundene Gruppen millionenschwere Werbung. Am 4. November lag Wahab bei der Auszählung für die neue Amtszeit erneut vorn.
Die Debatte über PAC-Gelder reicht jedoch über AIPAC hinaus. Das amerikanische Wahlkampfsystem erlaubt unabhängigen politischen Komitees enorme Ausgaben. Für Kandidaten ohne vermögende Unterstützer bedeutet dies einen strukturellen Nachteil. Für muslimische Bewerber, die sich gegen etablierte außenpolitische Positionen stellen, kommt eine zusätzliche Hürde hinzu.
Foto: The White House | gemeinfrei
Der Glaube als Wahlkampfwaffe
Besonders deutlich wurde diese Hürde im Senatsrennen von Michigan. Trump und führende Republikaner stellten El-Sayeds Loyalität gegenüber den USA infrage. Rogers’ Wahlkampf verbreitete Behauptungen über angebliche Verbindungen zur Muslimbruderschaft. Belege dafür wurden nicht vorgelegt.
Die Angriffe zielten erkennbar auf mehr als seine politischen Positionen. Sein Name, seine Herkunft und sein muslimischer Glaube sollten Zweifel daran wecken, ob er die amerikanische Bevölkerung vertreten könne. El-Sayed wies diese Vorwürfe zurück.
Auch Ilhan Omar und Rashida Tlaib sehen sich seit Jahren mit einer politischen Rhetorik konfrontiert, die Kritik an ihrer Haltung gegenüber Israel mit Angriffen auf ihre Herkunft und Religion verbindet. Hinzu kommen Bedrohungen und Versuche, muslimische Organisationen politisch unter Druck zu setzen.
Die Wahlergebnisse beseitigen diese Probleme nicht. El-Sayed wird im Senat politische Mehrheiten für seine gesundheitspolitischen Reformen suchen müssen. Diese Abgeordneten des Repräsentantenhauses müssen sich zugleich innerhalb einer Demokratischen Partei behaupten, die bei Israel, Gaza und dem Einfluss großer Spender tief gespalten bleibt.
Am 3. November wurde dennoch eine politische Grenze sichtbar. Ein muslimischer Kandidat gewann einen umkämpften Senatssitz, obwohl seine Religion zum zentralen Angriffspunkt gemacht worden war. Andere errangen Mandate mit Forderungen nach sozialen Reformen, Bürgerrechten und einer anderen Außenpolitik.
Ihre Wähler entschieden sich nicht ausschließlich wegen ihrer Identität für sie. Das ist möglicherweise die politisch wichtigste Erkenntnis dieser Abstimmung: Solche Kandidaten gewinnen zunehmend als Vertreter breiter gesellschaftlicher Interessen – ohne ihren Glauben oder ihre Herkunft aus dem öffentlichen Leben ausklammern zu müssen.