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Religionsgipfel in München: Dialogforum setzt Zeichen gegen Hass & Hetze

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Foto(s): Benjamin Idriz

In München haben führende Vertreter von Religionsgemeinschaften eine gemeinsame Erklärung des bayerischen Dialogforums „Religion und Integration“ vorgestellt. Es sendet ein Signal gegen Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit und Polarisierung, das Imam Benjamin Idriz in seinem Plädoyer als „Manifest des Vertrauens“ deutete.

(iz). Im Bayerischen Innenministerium in München ist ein Projekt sichtbar geworden, das bereits seit Herbst 2025 im Hintergrund gewachsen ist: das „Dialogforum Religion und Integration“. Es ist eine vom Innen- und Integrationsministerium initiierte Plattform, auf der sich Vertreter nahezu aller großen Religionsgemeinschaften, Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Akteure vernetzen.

Ein neues Forum für Religion und Integration

Unter Federführung von Innenminister Joachim Herrmann erarbeiteten die Beteiligten in mehreren, zunächst nicht-öffentlichen Sitzungen einen Text, der als „Gemeinsame Erklärung des Bayerischen Dialogforums Religion und Integration“ vorgestellt und von über zwei Dutzend führenden Persönlichkeiten unterzeichnet wurde.

Die Unterzeichnerliste reicht von den Spitzen der katholischen und evangelischen Kirche in Bayern über Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinden und der Europäischen Rabbinerkonferenz bis hin zum Landesverband des Zentralrats der Muslime, orthodoxen Kirchen, der Deutschen Buddhistischen Union, alevitischen Organisationen, Forschungszentren und dem Bayerischen Bündnis für Toleranz. 

Die Islamische Gemeinde Penzberg und das Münchner Forum für Islam sind über Imam Benjamin Idriz und Gönül Yerli sichtbar eingebunden. Das gilt als Hinweis, dass das Forum ausdrücklich auch muslimische Akteure mit lokaler Verankerung und interreligiöser Erfahrung adressiert.

Foto(s): Benjamin Idriz

Kernaussagen der gemeinsamen Erklärung

Die gemeinsame Erklärung ordnet Religion ausdrücklich in den Rahmen der freiheitlich‑demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung ein und spricht den Religionsgemeinschaften eine Schlüsselrolle für ein friedliches Miteinander, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Integration zu.

Hervorgehoben werden Werte wie Menschenwürde, Solidarität, Demokratie und Gleichberechtigung, die nach Auffassung der Unterzeichner von Religionen in die Gesellschaft getragen und in ihrem verbindenden Potential sichtbar gemacht werden sollen.

Konkreter wird die Erklärung dort, wo sie Sicherheit und Freiheit spirituellen Lebens miteinander verschränkt: Der Schutz von Gotteshäusern, Gebetsstätten, religiösen Einrichtungen und Symbolen wird als gemeinsames Anliegen benannt, weil sie als Orte des Gebets, des Friedens und des Austausches verstanden werden.

Gleichzeitig verpflichten sich die Unterzeichner, Wissen übereinander zu fördern, Räume für konstruktive Begegnung zu schaffen und über Vernetzung und Dialog Religionsfreiheit wie Integration zu stärken.

Pointiert ist der fünfte Absatz, in dem die Religionsvertreter sich gemeinsam gegen Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Rassismus und jede Form von Diskriminierung stellen und zugleich das Ziel formulieren, extremistische Ideologien, religiösen Fundamentalismus sowie Hass und Hetze zu bekämpfen. 

Damit erfolgt nicht nur eine abstrakte Distanzierung, sondern es wird ein kollektiver Handlungsanspruch formuliert: Das Forum versteht sich als moralischer und politischer Akteur im Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Religion, Vielfalt und Demokratie.

Benjamin Idriz’ Deutung: Dialog als moralische Verpflichtung

Im Zentrum der Vorstellung der Erklärung stand das Wort von Imam Benjamin Idriz, der die Initiative des Innenministers in ihrer Form als „einzigartig in Deutschland“ würdigte und dem politischen Raum ausdrücklich die Rolle des Brückenbauers zusprach.

Während vielerorts Gräben vertieft und Ängste politisch instrumentalisiert würden, so Idriz, habe das Ministerium „Räume der Begegnung“ geschaffen. Das sei ein Kontrast, der den Charakter des Forums als Gegenentwurf zur Polarisierung deutlich macht.

Er bezeichnet die Erklärung als „Manifest des Vertrauens“ und „Meilenstein für den interreligiösen Dialog in Bayern“, zugleich aber auch als Signal mit Ausstrahlung über die Landesgrenzen hinaus.

Seine Argumentation baut eine innere Logik auf, die vom gesellschaftspolitischen Problem – der Tendenz zur Konfrontation, dem Schüren von Ängsten, der medialen Logik der Zuspitzung – hin zu einer religiös begründeten Ethik des Dialogs führt, die Konflikte nicht leugnet, sondern gerade im Streitfall Verantwortung einfordert.

Ein Bezugspunkt ist dabei das Gedenken an den Genozid von Srebrenica, den Idriz als Mahnung liest, wie Vorurteile, Hass und Entmenschlichung zu Gewalt eskalieren, lange bevor die ersten Waffen eingesetzt werden.

Daraus leitet er eine doppelte Warnung ab: Demokratien zerbrechen nicht an Meinungsverschiedenheiten, sondern daran, dass Menschen aufhören, miteinander zu sprechen; und Identitätspolitik wird dort gefährlich, wo sie Menschlichkeit verdrängt.

Foto(s): Benjamin Idriz

Theologische Fundierung und Kritik der Debattenkultur

Die theologische Achse seiner Rede bildet eine qur’anische Perspektive auf Vielfalt: Gott habe die Menschen zu verschiedenen Völkern und Gemeinschaften gemacht, „damit sie einander kennenlernen“ – Diversität ist somit keine Störung, sondern gottgewollte Wirklichkeit und gemeinsame Verantwortung.

Aus dieser Einsicht entwickelt der Imam eine Ethik des Dialogs, die ausdrücklich nicht auf Nivellierung zielt: Unterschiede sollen nicht beseitigt, sondern in ihrer Spannung ausgehalten werden, ohne die Würde des anderen in Frage zu stellen.

Scharf kritisierte er die gängige Debattenkultur, in der Diskussionen weniger dem gegenseitigen Verstehen dienen als dem moralischen Besiegen des Gegenübers. Wer nur noch überzeugen wolle, höre irgendwann nicht mehr zu; wer nicht mehr zuhöre, könne nichts mehr lernen – und dort, wo niemand mehr lerne, entstehe gesellschaftlicher Stillstand.

Dem setzt er das Leitmotiv der Demut entgegen: Echten Dialog beginnt er mit dem Eingeständnis, dass niemand die ganze Wahrheit besitzt. Ebenso werde der Andere benötigt, um den eigenen Horizont zu erweitern – eine Haltung, die religiöse Menschen nach seiner Deutung eher verbindet, als es politische und weltanschauliche Bruchlinien trennen.

Seine zentrale Formel lautet deshalb: „Dialog ist keine Strategie. Dialog ist eine moralische Verpflichtung.“ Damit löst Idriz das Thema aus der Sphäre der taktischen Krisenkommunikation und verankert es als dauerhafte, geistlich wie bürgerrechtlich begründete Aufgabe der Religionsgemeinschaften in einer pluralen Demokratie.

Offene Prozesslogik und Perspektive für Bayern

Für den Imam sei die Erklärung kein Endpunkt, sondern Beginn eines Prozesses. Aus Worten müssten Begegnungen werden, aus jenen Vertrauen und daraus eine „widerstandsfähige Gesellschaft“ wachsen, die auch in schwierigen Zeiten zusammenhalte. Damit formuliert er eine Resilienz‑Perspektive, die sich mit den Zielen des Innenministeriums deckt, religiöse Vielfalt als Ressource für Integration und demokratische Stabilität zu nutzen.

Medienberichte betonen, dass das Dialogforum ausdrücklich den Anspruch erhebt, neue Impulse für interreligiösen Austausch in ganz Bayern zu setzen und neben institutionellen Spitzen – Kirchenleitungen, Rabbinerkonferenz, muslimische Verbände – auch Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Netzwerke systematisch einzubinden.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die Rede von Idriz und die von ihm eingeforderte moralische Verbindlichkeit des Dialogs über den Tag der Unterzeichnung hinaus Bedeutung – hin zu einer langfristigen, praktischen Verantwortung in Gemeinden, Bildungseinrichtungen und kommunalen Räumen.

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