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Lifecoach Rishad Ahmed: „Einfach mal in Ruhe sitzen“

Ausgabe 315

Foto: Aleksandra Suzi, Adobe Stock

Insbesondere die Erfahrung in der Pandemie und ihre Einschränkungen haben viele Menschen vor existenzielle Momente in ihrem Leben gestellt. Viele fragen sich jetzt, ob sie nicht etwas anderes sollten.

Im folgenden Interview spricht der Lifecoach Rishad Ahmad über die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis, der Befreiung von inneren Zwängen und darüber, warum Verlernen eine wichtige Eigenschaft ist.

Frage: Rishad Ahmad, Sie widmen Ihr berufliches Leben, anderen zu mehr Selbstwahrnehmung und -erfahrung zu verhelfen. Vielleicht können Sie uns kurz in die Tätigkeit eines Lebensberaters oder Lifecoaches einführen.

Rishad Ahmad: Weisheit muss befolgt werden, selbst wenn das unseren rationalen Verstand übersteigt. Der Grund, warum die meisten unsicher sind, wenn es um Qualität des Lebens geht, ist, dass es im herkömmlichen Maße keinen Sinn ergibt. Es ist für mich essenziell keine rationale Erforschung.

Meine Herkunft liegt in einer traditionell muslimisch-indischen Familie. Ich musste erst den Sinn entdecken. Uns wurde gelehrt, gute Väter zu sein. Und dass der Zweck unserer Existenz darin bestünde, Geschäftsmann, reich, bekannt und erfolgreich zu sein. Das hatte ehrenhafte Seiten wie: In der Moschee zu sein, zu beten oder Zakat zu bezahlen. Und all das war großartig. Aber warum machte ich diese Dinge? Diese Fragen stellten wir nicht.

Frage: Wir akzeptieren die Sachen, wie sie sind. Blicken wir in die Geschichte, dann geschieht Veränderung immer durch Menschen. Nützlicher Wandel zu Gerechtigkeit und positiven Dingen wird von aktiven Charakteren geführt; ob das der Prophet, möge Allah ihn segnen und Frieden geben, seine Gefährten oder andere sind. Das müssen aber nicht immer die Großen sein. David gegen Goliath, Johanna von Orleans oder Wilhelm Tell waren normale Menschen.

Rishad Ahmad: Es gibt einen anderen Aspekt des Helden. Wenn wir auf seinen Weg blicken, ist das die Reise des Individuums zum inneren Helden und zu seiner Entdeckung. Natürlich braucht es Vorbilder dafür. Der nötige Raum dafür kann sich im Lärm des rein rationalen Denkens nicht entfalten. Wir müssen diesen in uns eröffnen und entdecken, wer wir sind.

Ohne Kenntnis des eigenen Selbst gibt es keine Möglichkeit, das Göttliche zu erkennen.

In diesem Moment ist der Held jede einzelne Person. Finden wir heraus, was und wer wir sind, nähern wir uns den Menschen an, die ihr Selbst gefunden haben. Und gemeinsam kann etwas Gutes entstehen. Dann entstehen organisch harmonische Muster.

Frage: Es handelt sich um eine Entdeckungsreise. Darauf aufbauend möchte ich zwei Fragen stellen. Was ist mit jemandem, der sagt, dass die Dinge so sind? Und was ist mit der Person, die nicht an der Beschäftigung mit ihren Ängsten interessiert ist?

Rishad Ahmad: Kein Interesse zu haben an der Bewältigung von Angst ist tatsächlich die Übernahme persönlicher Verantwortung. In dieser Formulierung ist das eine selbst-ermächtigte Aussage. Wenn jemand von dem Entschluss spricht, etwas nicht tun zu wollen, ist das eine Entscheidung.

Es gibt im Coaching und in der Psychologie etwas, das wir erlernte Hilflosigkeit nennen. Erziehung und Gesellschaft lehren uns, manchmal die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Und  dies wächst sich zu einem Glaubenssystem aus. Das ist ein Zustand, der in vielen von uns herrscht, wenn wir meinen, wir könnten eine Sache nicht ändern.

Sich hinzusetzen, eine Sache zu erkennen, sie festzuhalten und sich dann zu sagen, ich suche mir die nötige Hilfe, ist ein zu großer Schritt für viele. Wir haben Hilflosigkeit erlernt und Gesellschaft hat daran einen großen Anteil. Einerseits denken sie, dass man für alles kämpfen sollte, woran man glaubt. Das ist es, was sie dir sagen. Dein Glück ist das Wichtigste. Kämpfe dafür. Das ist definitiv nicht der Fall.

Aber was man uns nicht sagt, ist, dass der Grund, warum wir überhaupt nach Glück suchen, der ist, dass dieses ganze System auf einer kapitalistischen oder konsumistischen Ideologie basiert. Sie besagt, dass wir nie genug haben werden. Wir werden immer über unsere Schulter auf denjenigen schauen, der mehr leistet. Diese Psychose bestätigt nur den Glauben, dass man nicht gut genug ist. Und dann sagen sie: Aber du bist stark genug, um zu tun, was du willst.

Dank all der Unterhaltung sitzen wir im Sessel, ohne einen Finger zu rühren. Der Bildschirm ist eine Hauptursache, denn wir erfahren dank ihm ein Leben, als hätten wir es tatsächlich geführt. Wir sitzen aber weiterhin vor dem Schirm. So verlieren wir weitere Handlungsfähigkeit. Was angesichts der Wahlfreiheit recht ironisch ist und uns weiter verwirrt. Das ist eine Sache, die sich Analyselähmung nennt.

Frage: In der Welt der sozialen Medien postet jede/r ihre/seine Meinung; allen voran Influencer. Jeder richtet sich dort in der eigenen Nische ein. Nach welcher Meinung sollen wir uns richten?

Rishad Ahmad: Wenn es um Meinungen geht, ist das Ganze offenkundig subjektiv und richtet sich nach dem eigenen Kenntnisstand.

Frage: Viele sind mit Marketing verbunden und erhalten Zahlungen für Meinungen. Geht es nur um die jeweilige Meinung oder darum, welcher Person man vertraut?

Rishad Ahmad: Das ist ein guter Punkt. Was wir tun müssen, ist, zuerst das Denken zu lernen. Warum suchen wir draußen nach Informationen? Eine Sache, vor der viele meiner Klienten stehen, ist die große gesellschaftliche Verwirrung. Auf der einen Seite haben sie all die Wahlmöglichkeiten. Und auf der anderen gibt es Phänomene wie Amazon, die unsere Entscheidung vorformatieren.

Wir kommen wieder zum Punkt der richtigen Entscheidung zurück. Wenn wir ihn begreifen, verstehen wir das Leben. Wenn wir den rationalen analytischen Rahmen auf alles anwenden, gibt es keine Garantie, dass unsere Entscheidung richtig sein wird. Viele meiner Klienten verwenden viel Zeit auf das Gefühl, dass ihnen die nötige Klarheit fehlt. Wie weiß ich, was ich tun soll? Was ist die richtige Entscheidung? Sie fühlen sich so gelähmt. Und was passiert dann? Meistens setzen sie sich aufs Sofa zurück.

Beispielsweise hatte ich mich entschieden, nach Kapstadt zu ziehen, um was Neues anzufangen. Ich stand vor der Wahl, entweder eine mittelmäßige Wohnung anzumieten, die ich mir knapp leisten konnte, oder eine schöne, die mein Budget überspannte. Als ich nicht weiter wusste, rief ich meine Mutter an. Sie riet mir, diejenige zu nehmen, die mir gefiel. Bei der richtigen Wahl werde das Geld kommen. Und was ist passiert? Ich nahm die Bessere und am Ende des Monats kam das Geld; ich weiß nicht einmal woher. Die rein rationale Entscheidung mit Für und Wider hätte zu einem anderen Ergebnis geführt.

Eine Sache, zu der ich rate, um die Analyselähmung zu überwinden: gehen Sie in ein Restaurant und bestellen Sie das Erste, was sie auf der Speisekarte finden. So lernen Sie, Ihrer Intuition zu vertrauen.

Frage: Das erinnert mich an die Dada-Bewegung. Sie war ein wichtiger Einfluss auf das, was später der Surrealismus mit beispielsweise Max Ernst oder Salvador Dali werden sollte. Eine ihrer Techniken war der Automatismus, mit der Sie Kunst unter Umgehung der bewussten Kontrolle schufen.

Rishad Ahmad: Man geht über Logik hinaus. Wir dürfen nicht missverstehen, dass unser Verstand, unser Gehirn sowie unsere Fähigkeit, zu denken, wahrzunehmen und durch die Welt zu gehen, wunderbare, uns zur Verfügung stehende Werkzeuge sind. Es geht nicht darum, den Verstand abzuschalten, sondern vom Herzen aus zu führen. Es geht darum, dieses kraftvolle Organ der Schlussfolgerung zu nutzen, auf jene Entscheidung zu kommen, die das Herz angedeutet hat.

Frage: Sie erwähnten das Verlernen. Und meine Frage an Sie lautet: Müssen wir nicht lernen, uns selbst zu finden, sondern vielmehr all den Ballast loswerden, der uns daran hindert zu wissen, wer wir sind?

Rishad Ahmad: Ja. Wenn jemand sagt, ich muss herausfinden, wer ich bin, dann kannst du das nur tun, indem du zuerst herausfindest, wer du nicht bist. Denn wenn man das, was man nicht ist, aus dem Weg räumt, wird man mit leuchtenden Augen auf das starren, was bleibt. Und die Essenz der Selbstentdeckung ist der Prozess des Verlernens all dessen, was du gedacht hast und was du dachtest, dass du bist. Diese Gedanken werden zu Dingen, die uns zu Glaubenssätzen führen. Und dann wird der Glaube zu etwas, an dem wir festhalten. Aber warum glaubst du das?

Der Entdeckungsprozess ist im Grunde genommen immer derselbe. Es handelt sich nicht um eine Lehre, die so vielfältig und unterschiedlich ist. Es ist die Essenz des Lebens. So gibt es eine Technik, die die Yogis praktizieren, die Vipassana heißt. Das ist ein Prozess des Sitzens in Stille. Mit anderen Worten: Sitzen, Schweigen und nicht reden. Ein Teil eines Rückzugs besteht darin, dass man zehn Tage lang zehn Stunden am Tag nicht spricht, nichts tut, sondern mit geradem Rücken in einer Haltung sitzt und nur zuhört oder einfach nichts tut.

Wenn du in der Stille sitzen und dir selbst begegnen kannst, entdeckst du dein Selbst. Du bist dieses unglaublich komplexe und illusionäre Ding, das du aus deinen Gedanken, deinen Überzeugungen, deinen Mustern, deinen Schmerzen und deiner gesamten Wahrnehmung konstruiert hast. Und wenn du da sitzt und dich zwingst, zu sitzen und zu beobachten, während du dir bewusst machst: ich bin müde. Nein, du bist nicht müde. Du fühlst dich müde. Das Auge ist dasjenige, das beobachtet, du bist der Beobachter. Ich fühle mich also nicht selbst, wenn wir ein Problem mit Selbstwertgefühl haben. Ich mag nicht, wie ich aussehe. In wessen Augen? Meiner Meinung nach. Mir gefällt nicht, wie ich aussehe. Wer ist also das Ich, das mich anschaut? Wenn man herausfindet, wer das Ich ist, dann gelangt man zur Quelle des Lebens.

Sie ist das Göttliche. Und etwas, zu dem wir streben. Rumi hat das gesagt sowie viele andere vor und nach ihm. Aber es ist der Einzelne, der seine Essenz, Stimme, Weisheit, Intuition und Stimme im Inneren entdecken muss. Wenn man diesen Prozess der Selbstfindung beginnt, kann das sehr schmerzhaft und beunruhigend sein. Ich wusste nicht, wie beunruhigend das ist. Und es erfordert großen Mut. Ich glaube, es war Rumi, der sagte, dass die größte Reise, die man jemals macht, die ins Innere ist.

Frage: Mit was soll man den Anfang machen, um voranzukommen?

Rishad Ahmad: Der erste Schritt besteht darin, die Augen zu schließen, sich an einen Ort der Stille zu begeben und zu beginnen, die Gedanken zu beobachten. Sie bestimmen unser Leben. Wir denken zwischen siebzigtausend und achtzigtausend Mal am Tag. Niemand hat je daran gedacht, sich ihre Quelle anzusehen. Wir beginnen zu erkennen, dass achtzig Prozent die gleichen Muster haben und die gleiche Geschichte darüber wiederholen, wer wir sind. Fangen wir damit an und stellen diese kraftvolle Frage, die den Gedankenprozess ausschaltet, uns aber Zugang zu der wahren Essenz dessen verschafft, was wir sind.

Ich frage mich, was ich als Nächstes denken werde. Wir distanzieren uns augenblicklich, was uns Zugang zu erstaunlichen Entdeckungen verschafft: Dass wir nicht unsere Gedanken sind. Das heißt, wenn du einen Gedanken denkst, wirst du nicht zu ihm. Anstatt also zu sagen, ich bin traurig, sagst du, ich fühle mich traurig. Es findet eine Trennung statt, und wir befinden uns jetzt in einem Zustand der Ermächtigung, weil wir nicht mehr derjenige sind, der reagiert. Wenn man anfängt, die Gedankenmuster zu erkennen, entsteht Klarheit und Frieden. Die Menschen wollen dieses Glück. Und ich sage: Nein. Glück wird man niemals außerhalb von einem selbst finden.

Es gibt kollektive Gedankenmuster. Wir halten uns für originell, aber jeder auf dem Planeten meint das Gleiche. Sie nehmen nur unterschiedliche Formen bei verschiedenen Punkten an. Aber kaum jemand denkt selbst und eigenständig. Der einzige Weg zu einer Antwort besteht darin, aus diesem Gedankenspiel herauszutreten.

Tuisa Hilft - Kurban

Das Interview wurde erstmals von Abdullah Dutton im Podcast „In Search of a Mulim Hero“ im Mai 2021 veröffentlicht.