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Gegenständliches Reisen: Was würde Goethe sagen?

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Reiseblog: Eine goethesche Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Unterwegsseins. Anmerkungen zum Reisen.

(iz). Im Jahr 1823 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe einen Aufsatz „Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort“. Darin beschreibt er das Prinzip des „gegenständlichen Denkens“: Der Mensch kann sich selbst niemals durch reine Nabelschau im stillen Kämmerlein erkennen.

Selbsterkenntnis gelingt nur im lebendigen Austausch mit der Welt. Goethe schreibt: „Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.“

Goethe bekennt sich in seinem Text zu einer Skepsis gegenüber dem antiken Orakelspruch „Gnothi seauton“. Etwas überspitzt bezeichnet er die Forderung nach reiner Introspektion ironisch als eine „List geheim verbündeter Priester“. Reine Nabelschau, argumentiert er, führe den Menschen nur in eine „innere falsche Beschaulichkeit“.

Sein gegenständliches Denken überwindet die Kluft zwischen Geist und Natur, indem es den Beobachter untrennbar mit dem betrachteten Objekt verschmilzt. Für ihn ruht die Idee nicht als abstraktes Konstrukt im Kopf, sondern offenbart sich als lebendige Wirklichkeit direkt im sinnlichen Phänomen.

In dieser Einheit von Erfahrung und Verstand wird das Denken selbst zu einer Anschauung, die das Allgemeine im Besonderen greifbar macht.

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Die Praxis: Die italienische Reise als Ur-Experiment

Dass diese Philosophie keine graue Theorie ist, hat Goethe selbst bewiesen. Im September 1786 floh er – völlig ausgebrannt von seinen Pflichten als Weimarer Minister – mitten in der Nacht heimlich nach Süden.

Seine legendäre italienische Reise war nichts Geringeres als die radikale praktische Umsetzung seines Denkens. Er reiste inkognito als „Filippo Miller“, um seine alte Identität abzustreifen und sich ganz den realen Objekten der Welt auszusetzen.

Um die Reisephilosophie des Dichters zu verstehen, muss man sich die ganzheitliche Konzeption seines Denkens vergegenwärtigen. Goethe sah die Pflanze als ein Gleichnis des Lebens.

In seiner Schrift „Die Metamorphose der Pflanzen“ beschreibt er das Prinzip der Wandlung – die Idee, dass sich aus einer Urform (Blatt) unendliche Vielfalt entwickelt. Goethe erkannte darin ein Naturgesetz: Alles Lebendige ist in Bewegung, in Wandlung – Metamorphose.

Der Mensch als Reisender strebt – wie die Pflanze zur Blüte – zur Selbstbildung durch Weltkontakt. Es geht also in dieser Art des Reisens um Metamorphose, um die eigene Veränderung, ganz im Gegensatz zur Realität des modernen Massentourismus.

Der Publizist Joachim Fest definierte den touristischen Betrieb als eine neuartige Form des Nihilismus: „Die Touristen, die Jahr für Jahr zu Hunderttausenden nach Sizilien übersetzen, sind gerade deshalb eine Gefahr, weil sie nicht bleiben, sondern immer wieder gehen. Das unterscheidet sie von allen Invasoren der Geschichte; sie verwandeln die Insel zwar, entziehen sich selbst aber ihrer verwandelnden Kraft.“

Goethes italienische Reise lässt sich heute nicht wirklich nachreisen; zeitlos wirkt jedoch das angewandte Erkenntnisverfahren. Die Aktualität seiner Erfahrungen ist immer wieder überraschend: So formuliert er bereits im späten 18. Jahrhundert eine Idee, die wir heute als „Slow Travel“ bezeichnen würden.

Die Geschwindigkeit der Pferdekutsche, die er auf seinem Weg benutzt, sei – so stellt er fest – für ein intensives Erfahren der Umwelt bereits zu hoch. Die Zunahme der Beschleunigung in allen Lebensverhältnissen war für Goethe ein wesentliches Kennzeichen der sich abzeichnenden Moderne.

Als Goethe in Venedig zum ersten Mal in seinem Leben am Meer steht, zeigt er ein weiteres für ihn typisches Verhalten. Nach nur kurzer Zeit untersucht er Seeschnecken und Taschenkrebse und ruft begeistert aus: „Was ist doch ein Lebendiges für ein köstlich herrliches Ding! Wie abgemessen zu seinem Zustand, wie wahr! Wie seiend!“

Mit dieser Begeisterungsfähigkeit zeigt sich, dass es bei seinem Reisen nicht nur um das Zurücklegen von Entfernungen geht, sondern darum, den Gegenständen mit offenem Blick zu begegnen.

In Rom unterzieht sich der Dichter – wie man heute sagen würde – einem strengen touristischen Programm. Er erlebt eine „Wiedergeburt“, weil das intensive, unvoreingenommene Betrachten der antiken Kunst und der südländischen Natur ihn tiefgreifend transformiert.

Während ihn in der italienischen Hauptstadt vor allem die Kunst in den Bann zieht, sind es in Neapel die Menschen, die ihn beschäftigen. Energisch weist er den Verdacht zurück, die südliche Lebensweise sei dem Arbeitsethos des Nordens unterlegen.

Seine Beschreibung der Besteigung des Vesuvs gehört zweifellos zu den Höhepunkten der europäischen Reiseliteratur. In Sizilien erfährt er schließlich einen poetischen Widerhall und entdeckt bei seinen Besuchen der berühmten Tempel die Tiefe der Griechenlandsehnsucht seiner Zeit.

Dabei geht es ihm nie nur um einen romantisierenden Blick zurück, sondern stets um die Frage, wie sich antikes Wissen im Hier und Jetzt aktualisieren lässt.

Wer heute nach dem Sinn des Reisens fragt, empfängt auf Goethes Spuren entscheidende Impulse. Reisen erscheint nicht mehr als Konsum von Orten oder als bloßes Sammeln von Kulissen, sondern als existentielle Notwendigkeit des Geistes, sich durch Weltkenntnis selbst zu finden.

Gegenständliches Reisen – so zeigt es die Lektüre wie auch die eigene Erfahrung – verankert den Sinn der Bewegung in vier unumstößlichen Grundsätzen:

  1. Das neue Organ: Sinn durch die Erweiterung des Geistes
    Der Geist stagniert in der Routine des Bekannten. Der Sinn des Reisens liegt darin, diese Starre zu durchbrechen. Die intensive Konfrontation mit einer neuen Kultur, einer fremden Sprache oder einer unvertrauten Landschaft zwingt zur inneren Transformation. So wie Goethe in Italien durch das Studium der Pflanzen die „Urpflanze“ erkannte, erschließt jede unvoreingenommene Reise eine neue Fähigkeit des Sehens.
  2. Die Weltkenntnis: Sinn durch die Begegnung mit sich selbst
    Wer nur in der gewohnten Heimat verweilt, hält seine sozialen Prägungen für seinen wahren Charakter. Der Mensch erfährt erst, wer er wirklich ist, wenn er sich im Spiegel des Fremden betrachtet. Goethe notierte in Italien: „Mein Zweck auf dieser wunderbaren Reise ist nicht, mich selbst zu täuschen, sondern mich an den Gegenständen kennenzulernen.“ In der Fremde fallen die Alltagsmasken.
  3. Das wohl beschaut Reale: Sinn durch das Ende des Autopiloten
    Der moderne Alltag reduziert Wahrnehmung auf Funktionalität. Gegenständliches Reisen holt uns in die Gegenwart zurück. Es bedeutet, Orte „wohl zu beschauen“ – wie Goethe, der Steine klopfte, Pflanzen untersuchte und das Licht des Mittelmeers studierte. Die Wirklichkeit wird wieder unmittelbar erfahrbar.
  4. Der Mitmensch als Spiegel: Sinn durch die heilsame Demut
    Die eigene Lebensrealität ist nicht der Maßstab der Welt. Goethe, der gefeierte Dichter, lebte in Italien unter einfachen Menschen und in Künstlergemeinschaften. Die Begegnung mit anderen wirkt als Korrektiv des eigenen Egos und relativiert Gewissheiten und Privilegien.

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Epilog: Der Gipfel des Reisens und das kosmische Aufjauchzen

Wenn wir diese Grundsätze verwirklichen – wenn wir neu sehen lernen, uns im Fremden begegnen, den Autopiloten verlassen und Demut entwickeln –, dann erreichen wir vielleicht jenen Zustand, den Goethe 1805 in „Winckelmann und sein Jahrhundert“ beschreibt:

„Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.“

Der tiefste Sinn des Reisens ist in diesem Verständnis kein egoistischer. Wenn der Mensch als Reisender im Einklang mit Natur, Kultur und sich selbst steht, erfüllt er einen größeren Zusammenhang. Die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern in ihrer Bedeutung erschlossen.

Zurück in Weimar fremdelt Goethe mit seiner alten Heimat. Im hohen Alter beklagt er gegenüber Eckermann, nie wieder so glücklich gewesen zu sein wie in Rom.

Doch die italienische Reise bleibt keine Episode: Sie wird zum Fundament der Weimarer Klassik und zum Ausgangspunkt seiner Freundschaft mit Friedrich Schiller. Wer Weimar heute besucht, kann noch immer Spuren jener Metamorphose erkennen, die Goethe dort erfahren hat.

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