Höchststrafe für den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt

Das Urteil ist gesprochen: Lebenslang für den Todesfahrer des Magdeburger Weihnachtsmarkts. Für viele Opfer endet damit nur der Prozess, nicht das Leid. Wut, Tränen, Solidarität – Eindrücke vom Tag der Urteilsverkündung.

28.07.2026 Karin Wollschläger 4 Min. Lesezeit
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Foto: <a href=https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Olaf2>Olaf2</a>/Wikimedia Commons | Lizenz: <a href=https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de>CC BY-SA 4.0</a>

(KNA). Höchststrafe für den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt – wegen mehrfachen Mordes und weiterer Delikte muss er lebenslang hinter Gitter.

Bei der Schreckenstat 2024 starben sechs Menschen, über 300 wurden teils schwer verletzt. Als die Richter des Landgerichts Magdeburg am 26. Juni ihr Urteil verkünden, atmet Anne-Kathrin Hollburg, eines der Opfer, tief durch.

Sie lächelt verhalten, die Anspannung ist ihr weiter anzusehen. Mehrere Hundert Betroffene, darunter auch Kinder, und Zuschauer hören den Ausführungen des Gerichts zu: lebenslange Haft und Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Zudem behält sich das Gericht die spätere Anordnung einer Sicherungsverwahrung vor.

„Ich bin erleichtert“, sagt Hollburg. Die vergangenen Tage sei es ihr schlecht gegangen: „Ich konnte kaum schlafen oder essen. Es war eine permanente Anspannung.“ Hollburg war am Abend des 20. Dezember 2024 mit ihrem Ehemann zum Grünkohl-Essen auf dem Weihnachtsmarkt, als der Täter plötzlich mit einem schweren SUV durch die Menschenmenge raste. Magdeburg stand unter Schock.

Sachsen-Anhalt

Foto: Stockfotos-MG/Adobe Stock

Bis heute sind bei vielen die Wunden nicht verheilt. „Mein Mann hat noch Probleme mit seinem Bein. Mir geht es körperlich wieder gut, aber die Seele… mir ist die Lebensfreude abhanden gekommen“, sagt Hollburg gepresst.

Sie nimmt Marco Gleißner in den Arm: „Was für ein Tag heute.“ Gleißners neunjähriger Sohn André starb bei dem Anschlag. „Irgendwie ist da jetzt eine Erleichterung, aber ich habe auch noch so viel Wut…“, sagt er. „Das Schlimmste war, dass der keinen Funken Reue gezeigt hat.“ Schlimm sei auch gewesen, als der Täter im Prozess die Todesfahrt geschildert habe: „Wie der von dem Blut an der Scheibe erzählt hat, von den Menschen, die durch die Gegend flogen.“ Gleißner ringt mit den Tränen.

Der Angeklagte selbst kann aufgrund einer technischen Panne die Verkündung des Urteils in seinem Hochsicherheits-Glaskasten, umstellt von maskierten Wachleuten, zunächst nicht hören. Nach einer halbstündigen Unterbrechung verliest der Richter das Ganze noch einmal.

Der aus Saudi-Arabien stammende Täter, bis zur Todesfahrt als Psychiater im Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter in Sachsen-Anhalt tätig, hört es ruhig, mit gefalteten Händen an. Während der vorangegangenen 40 Prozesstage hatte er mehrfach Wutausbrüche.

„Es gab im Prozess viele sehr belastende Situationen. Wenn etwa der Angeklagte ausgerastet ist, getobt und gebrüllt hat – das waren richtige Schreckensmomente und für einige Betroffene schwer auszuhalten“, berichtet Doreen Rosenbaum.

Die Sozialpädagogin mit Zusatzausbildung in psychosozialer Prozessbegleitung koordiniert die Zeugenbetreuung in dem im vergangenen November begonnenen Mammutprozess mit über 200 betroffenen Nebenklägern.

„Immer wieder flossen auch Tränen, wenn andere Betroffene im Zeugenstand von ihren Erlebnissen und Schicksalen erzählten“, so Rosenbaum. „Für viele war es schlimm zu erleben, dass der Angeklagte keinerlei Reue zeigte, teils stundenlang wirre, unverständliche Dinge sagte und immer nur von einem ‘Eingriff’ statt von einer Tat sprach.“ Rosenbaums Team mit gut 30 Kolleginnen und Kollegen betreute 92 der insgesamt 117 Zeugen.

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Menschen legen aus Trauer um die Getöteten und Anteilnahme für die Verletzten Blumen nieder. (Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

„Bewegend und schön war die Solidarität der Betroffenen untereinander“, sagt Rosenbaum. „Das war eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich gegenseitig gestützt hat. Da gab es zum Beispiel von den anderen kurzen Applaus, wenn jemand eine schwierige Aussage hinter sich gebracht hat. Viele fühlten sich dadurch getragen.“

Mit dem Urteil kommt der Prozess nun an ein Ende. Aber für die Betroffenen sei damit noch längst nicht alles vorbei und leichter, sagt Rosenbaum, die schon Zeugenbetreuerin im Prozess um den Halle-Attentäter war, der 2019 versuchte, ein Blutbad in einer Synagoge anzurichten. „Es gibt die Gefahr, jetzt in ein Loch zu fallen.“

Bei vielen habe sich das Leben in den vergangenen Monaten komplett um den Prozess gedreht. Jetzt müssten sie schauen, wie es in ihrem Leben weitergeht – psychisch, finanziell und beziehungsmäßig.

„Seit der Tat ist auch viel in den Familien passiert. Es kam zu Trennungen, teils weil bei Partnern irgendwann Verständnis fehlte“, schildert Rosenbaum. „Manche Betroffene trauen sich gar nicht mehr, sich noch zu öffnen – weil sie immer wieder zu hören bekommen: ‘Jetzt muss es doch auch mal wieder gut sein.’“

Aber für sie ist nichts gut. „Sie fühlen sich alleingelassen.“ Zumindest die Opferberatung ist weiter kostenlos für sie da, manchmal sogar noch über Jahre.