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Höchststrafe für den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt

magdeburg weihnachtsmarkt

Das Urteil ist gesprochen: Lebenslang für den Todesfahrer des Magdeburger Weihnachtsmarkts. Für viele Opfer endet damit nur der Prozess, nicht das Leid. Wut, Tränen, Solidarität – Eindrücke vom Tag der Urteilsverkündung.

(KNA). Höchststrafe für den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt – wegen mehrfachen Mordes und weiterer Delikte muss er lebenslang hinter Gitter.

Bei der Schreckenstat 2024 starben sechs Menschen, über 300 wurden teils schwer verletzt. Als die Richter des Landgerichts Magdeburg am 26. Juni ihr Urteil verkünden, atmet Anne-Kathrin Hollburg, eines der Opfer, tief durch.

Sie lächelt verhalten, die Anspannung ist ihr weiter anzusehen. Mehrere Hundert Betroffene, darunter auch Kinder, und Zuschauer hören den Ausführungen des Gerichts zu: lebenslange Haft und Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Zudem behält sich das Gericht die spätere Anordnung einer Sicherungsverwahrung vor.

„Ich bin erleichtert“, sagt Hollburg. Die vergangenen Tage sei es ihr schlecht gegangen: „Ich konnte kaum schlafen oder essen. Es war eine permanente Anspannung.“ Hollburg war am Abend des 20. Dezember 2024 mit ihrem Ehemann zum Grünkohl-Essen auf dem Weihnachtsmarkt, als der Täter plötzlich mit einem schweren SUV durch die Menschenmenge raste. Magdeburg stand unter Schock.

Sachsen-Anhalt

Foto: Stockfotos-MG/Adobe Stock

Bis heute sind bei vielen die Wunden nicht verheilt. „Mein Mann hat noch Probleme mit seinem Bein. Mir geht es körperlich wieder gut, aber die Seele… mir ist die Lebensfreude abhanden gekommen“, sagt Hollburg gepresst.

Sie nimmt Marco Gleißner in den Arm: „Was für ein Tag heute.“ Gleißners neunjähriger Sohn André starb bei dem Anschlag. „Irgendwie ist da jetzt eine Erleichterung, aber ich habe auch noch so viel Wut…“, sagt er. „Das Schlimmste war, dass der keinen Funken Reue gezeigt hat.“ Schlimm sei auch gewesen, als der Täter im Prozess die Todesfahrt geschildert habe: „Wie der von dem Blut an der Scheibe erzählt hat, von den Menschen, die durch die Gegend flogen.“ Gleißner ringt mit den Tränen.

Der Angeklagte selbst kann aufgrund einer technischen Panne die Verkündung des Urteils in seinem Hochsicherheits-Glaskasten, umstellt von maskierten Wachleuten, zunächst nicht hören. Nach einer halbstündigen Unterbrechung verliest der Richter das Ganze noch einmal.

Der aus Saudi-Arabien stammende Täter, bis zur Todesfahrt als Psychiater im Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter in Sachsen-Anhalt tätig, hört es ruhig, mit gefalteten Händen an. Während der vorangegangenen 40 Prozesstage hatte er mehrfach Wutausbrüche.

„Es gab im Prozess viele sehr belastende Situationen. Wenn etwa der Angeklagte ausgerastet ist, getobt und gebrüllt hat – das waren richtige Schreckensmomente und für einige Betroffene schwer auszuhalten“, berichtet Doreen Rosenbaum.

Die Sozialpädagogin mit Zusatzausbildung in psychosozialer Prozessbegleitung koordiniert die Zeugenbetreuung in dem im vergangenen November begonnenen Mammutprozess mit über 200 betroffenen Nebenklägern.

„Immer wieder flossen auch Tränen, wenn andere Betroffene im Zeugenstand von ihren Erlebnissen und Schicksalen erzählten“, so Rosenbaum. „Für viele war es schlimm zu erleben, dass der Angeklagte keinerlei Reue zeigte, teils stundenlang wirre, unverständliche Dinge sagte und immer nur von einem ‘Eingriff’ statt von einer Tat sprach.“ Rosenbaums Team mit gut 30 Kolleginnen und Kollegen betreute 92 der insgesamt 117 Zeugen.

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Menschen legen aus Trauer um die Getöteten und Anteilnahme für die Verletzten Blumen nieder. (Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

„Bewegend und schön war die Solidarität der Betroffenen untereinander“, sagt Rosenbaum. „Das war eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich gegenseitig gestützt hat. Da gab es zum Beispiel von den anderen kurzen Applaus, wenn jemand eine schwierige Aussage hinter sich gebracht hat. Viele fühlten sich dadurch getragen.“

Mit dem Urteil kommt der Prozess nun an ein Ende. Aber für die Betroffenen sei damit noch längst nicht alles vorbei und leichter, sagt Rosenbaum, die schon Zeugenbetreuerin im Prozess um den Halle-Attentäter war, der 2019 versuchte, ein Blutbad in einer Synagoge anzurichten. „Es gibt die Gefahr, jetzt in ein Loch zu fallen.“

Bei vielen habe sich das Leben in den vergangenen Monaten komplett um den Prozess gedreht. Jetzt müssten sie schauen, wie es in ihrem Leben weitergeht – psychisch, finanziell und beziehungsmäßig.

„Seit der Tat ist auch viel in den Familien passiert. Es kam zu Trennungen, teils weil bei Partnern irgendwann Verständnis fehlte“, schildert Rosenbaum. „Manche Betroffene trauen sich gar nicht mehr, sich noch zu öffnen – weil sie immer wieder zu hören bekommen: ‘Jetzt muss es doch auch mal wieder gut sein.’“

Aber für sie ist nichts gut. „Sie fühlen sich alleingelassen.“ Zumindest die Opferberatung ist weiter kostenlos für sie da, manchmal sogar noch über Jahre.

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Zwischen Hilfe und Hass: Was über den Magdeburg-Attentäter bekannt ist

Prediger solingen magdeburg

Er galt bei den Behörden nicht als „Islamist“ und präsentierte sich als scharfer Kritiker des Islams. Die dunkle Seite wurde nicht gesehen.

Magdeburg (dpa). Der Attentäter von Magdeburg passt für Behörden und Sicherheitsexperten in kein gängiges Schema. In den sozialen Netzwerken präsentierte er sich als vehementer Kritiker des Islams und Saudi-Arabiens, engagierte sich aus dem Exil für Frauenrechte in seiner Heimat. Von Simon Kremer und Iris Leithold

Aber er hat auch eine andere Seite, und das offenbar schon lange – das wird nun immer deutlicher, nachdem Taleb A. auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mindestens fünf Menschen tötete und 200 weitere zum Teil schwer verletzte.

Viele rätseln vor allem über das Motiv des Mannes, der sich zuletzt immer kritischer auch zu deutschen Behörden und ihnen „geheime Operationen“ vorwarf. Seine teils wirren Äußerungen etwa in sozialen Netzwerken bieten Spielraum für Interpretationen. Die Behörden sind sich immer noch nicht im Klaren, ob sie die Tat als politisch motiviert einstufen.

Taleb A. kam nach Behördenangaben bereits 2006 nach Deutschland. Von 2011 bis Anfang 2016 habe er zunächst in Mecklenburg-Vorpommern gelebt und in Stralsund einen Teil seiner Facharzt-Ausbildung absolviert, erklärte der Innenminister des Bundeslandes, Christian Pegel (SPD). Schon damals wurde er bei den Behörden mehrfach auffällig – mit der Androhung von Straftaten.

In einem Streit um die Anerkennung von Prüfungsleistungen habe er gegenüber Vertretern der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern mit einer Tat gedroht, die internationale Beachtung bekommen werde.

Im Zuge von Ermittlungen habe es auch eine Durchsuchung bei Taleb A. gegeben, dabei seien aber keine Hinweise auf eine reelle Anschlagsvorbereitung gefunden worden. Im Jahr 2013 sei Taleb A. vom Amtsgericht Rostock wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten zu 90 Tagessätzen verurteilt worden.

In der Folge gab es weitere Auffälligkeiten. Den Verdacht der Nötigung im Januar 2014 etwa, der zu einer Gefährderansprache der Polizei geführt habe, wie Innenminister Pegel sagte. Der Mann sei auf Konsequenzen solcher Taten hingewiesen worden und ihm sei gesagt worden, dass man einen sehr viel genaueren Blick auf ihn haben werde.

Die Richter, die ihn 2013 verurteilt hatten, habe er später in einer Petitionshotline der Bundesbehörden außerdem als Rassisten bezeichnet. Er habe dabei Überlegungen angedroht, sich eine Pistole zu besorgen und im Zweifel Rache an den Richtern nehmen, sagte Pegel. Als Gefährder sei der Mann aber nicht eingestuft worden.

Magdeburg-Attentäter: als Arzt im Maßregelvollzug

Auch nicht von den Behörden in Sachsen-Anhalt, wo Taleb A. anschließend lebte. Im Februar 2016 beantragte er nach Informationen der dpa einen Asylantrag, über den im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Der saudische Staatsbürger erhielt Asyl als politisch Verfolgter.

Er wohnte zuletzt in Bernburg, einer kleinen Stadt knapp 50 Kilometer von Magdeburg, entfernt. Dort arbeitete er als Facharzt für Psychiatrie im Maßregelvollzug und kümmerte sich um suchtkranke Straftäter. Das teilte das Gesundheitsunternehmen Salus mit. Seit März 2020 sei er in der Einrichtung tätig gewesen. „Seit Ende Oktober 2024 war er urlaubs- und krankheitsbedingt nicht mehr im Dienst“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens, das in Bernburg ein Fachklinikum für Psychiatrie und Suchtmedizin betreibt.

Doch in der Belegschaft gab es offenbar Misstrauen an dem Arzt und Zweifel an seinen Kompetenzen. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ zitiert einen Mitarbeiter: „Er heißt bei uns «Dr. Google».“ Vor jeder gestellten Diagnose habe er im Internet nachschauen müssen. Es habe auch Hinweise an die Klinikleitung gegeben. Die Klinik wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Neben seiner Tätigkeit als Arzt ist Taleb A. als Aktivist und vehementer Islamkritiker unterwegs – vor allem in den sozialen Netzwerken, wo ihm schon vor dem Anschlag mehr als 40.000 Menschen folgen. Im Juni 2019 erschien ein Interview mit Taleb A. in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Ich bin der aggressivste Kritiker des Islams in der Geschichte“, sagte er damals.

Neben seinen Beiträgen in den sozialen Netzwerken beriet Taleb A. nach eigenen Aussagen Frauen unter anderem aus Saudi-Arabien bei Asylfragen und vermittelte deren Kontakt auch an internationale Medien.

Streit mit Flüchtlingshilfe: „Er wird schnell aggressiv.“

Dabei legt er sich auch mit der Säkularen Flüchtlingshilfe Deutschland an, einem Verein, der sich um die Interessen atheistischer Flüchtlinge kümmert. Seit 2019 habe es Kontakt mit Taleb A. nur noch über Anwälte und Gerichte gegeben, hieß es in einem Statement des Vereins. Nach „übelsten Verleumdungen und verbalen Angriffen“ hätten Mitglieder der Flüchtlingshilfe Anzeige gegen Taleb A. bei der Polizei erstattet. In diesem Zusammenhang gab es demnach auch einen Prozess vor dem Landgericht Köln, in dem es um die Löschung von Social-Media-Posts ging.

Mitglieder des Vereins beschreiben die zwei Seiten des Mannes. „Er hat zwei Leben gehabt“, sagte die iranische Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime der Deutschen Presse-Agentur. Wenn man länger mit ihm zu tun gehabt habe, habe man ein komisches Gefühl gehabt. Er habe Mitglieder des Vereins regelrecht terrorisiert, sagt Ahadi.

Vor einem Jahr habe es eine Strafanzeige gegen den heute 50-Jährigen gegeben, bestätigte die Staatsanwaltschaft Magdeburg. Eine Gefährderansprache sei auch hier geplant gewesen, sei aber nicht durchgeführt worden. Auch Menschenrechtsaktivistin Ahadi spricht von Drohungen, die Taleb A. während des Prozesses ausgestoßen habe. „Er wird schnell aggressiv.“

Beiträge in den sozialen Medien werden radikaler

Auch in den sozialen Medien werden seine Beiträge wirrer und radikaler. „Ich erwarte ernsthaft, dieses Jahr zu sterben“, hieß es auf X-dem Account von Taleb A. im Mai dieses Jahres. „Ich werde Gerechtigkeit um jeden Preis herbeiführen.“ Die deutschen Behörden würden alle Wege zur Gerechtigkeit blockieren. Ob der Saudi die Beiträge wirklich alle selbst verfasste, war zunächst nicht klar. Für Irritation sorgte etwa ein Post, der wenige Minuten nach dem Anschlag von Magdeburg veröffentlicht wurde.

Saudi-Arabien hatte Deutschland saudischen Sicherheitskreisen zufolge vor dem Mann gewarnt. Das Königreich habe seine Auslieferung beantragt. Darauf habe Deutschland nicht reagiert, hieß es. Den Sicherheitskreisen zufolge stammt er aus der Stadt Al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens und war Schiit. Nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in dem mehrheitlich sunnitischen Land sind schiitisch. Es gibt immer wieder Berichte von Diskriminierungen gegenüber Schiiten im Land.

Erst vor rund zehn Tagen veröffentlichte die amerikanische Plattform RAIR, die sich selbst als antimuslimische Graswurzel-Organisation beschreibt, ein mehr als 45 Minuten langes Interview mit dem Arzt. Darin wirft er unter anderem der deutschen Polizei vor, „geheime Operationen“ durchzuführen und das Leben von saudischen Asylsuchenden, die sich vom Islam losgesagt hätten, gezielt zu zerstören.

Zudem äußerte er sich als Fan von X-Inhaber Elon Musk und der AfD, die die gleichen Ziele wie er verfolge. Gleichzeitig bezeichnete er sich aber politisch als links. „Ich bin nicht rechts, ich bin ein Linker.“

Ein Täter, der in kein Schema passt

Der Leitende Oberstaatsanwalt von Magdeburg, Horst Walter Nopens, sagte am Samstag, das Motiv des Täters könnte Unzufriedenheit über den Umgang mit Flüchtlingen aus Saudi-Arabien in Deutschland gewesen sein. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte am Sonntag, die Äußerungen des Mannes zur Motivlage hätten eher wirr geklungen.

Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London betonte im ZDF, wie schwierig es sei, den Attentäter ideologisch einzuordnen. Er habe nicht in ein bestimmtes Raster gepasst. „Er war eben kein typischer Islamist. Er war ein Saudi, der sich gegen den Islam gewendet hat.“ Das passe für Behörden nicht so richtig in die gängigen Schemas rein.

Man wissen aus Studien, dass sich solche Einzeltäter in vielen Fällen mitteilten gegenüber Bekannten, Freunden, Außenstehenden. „Auch das hat hier stattgefunden“, sagte Neumann. „Er hat das mitgeteilt. Er hat gesagt, er möchte gegen Deutschland Krieg führen.“

Das sei allerdings auch das Problem, wie solche schwachen Signale einzuordnen seien. Heute habe man eine Flut von Informationen von Tausenden von Leuten, die im Internet ähnliche Botschaften sendeten. „Und es ist ganz, ganz schwierig zu unterscheiden: Wer meint es ernst, und wer ist nur auf dem Internet und macht Sprüche?“

Magdeburg trauert am Tag nach dem Anschlag

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Ein Anschlag, der international für Entsetzen sorgt. Am Tag, nachdem ein Mann mit dem Auto in den Magdeburger Weihnachtsmarkt fuhr, fünf Menschen tötete und über 200 verletzte, ist die Stadt geschockt. Ein Ortsbesuch.

Magdeburg (KNA) Vor der Johanniskirche in Magdeburg legen an diesem kalten Samstag immer mehr Menschen Blumen und Kuscheltiere nieder, zünden Kerzen an, verharren stumm, weinen. Auf ein Pappschild mittendrin hat jemand geschrieben: „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Von Karin Wollschläger

Nur drei Minuten zu Fuß von hier raste am Vorabend ein 50-jähriger islam-kritischer saudischer Arzt, der seit 2006 in Deutschland lebt und arbeitet, mit dem Auto in den Weihnachtsmarkt. Mindestens fünf Menschen starben, darunter ein Kind. Mehr als 200 wurden verletzt, rund 40 davon sehr schwer. Am Tag danach trauert Magdeburg. Auch international löst die Tat Entsetzen aus, Journalisten aus ganz Europa sind angereist.

„Es ist fürchterlich, man kann das gar nicht begreifen. Diese Tat wird immer bleiben“, sagt eine 84-jährige gebürtige Magdeburgerin und beobachtet, wie der schwarze Autokorso mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Alten Markt ankommt, wo die leeren Weihnachtsmarktbuden stehen. Am Straßenrand und auf dem Markt liegen noch überall Überreste des Notfalleinsatzes: blaue Einweghandschuhe, Rettungsdecken, Infusionsschläuche, Kanülen.

Notfallseelsorgerin Corinna Pagels war am Tatabend direkt vor Ort im Einsatz. Jetzt steht sie vor der Johanniskirche und betreut die Trauernden, die an den Gedenkort kommen, auch beim Gedenkgottesdienst am Abend im Magdeburger Dom ist sie im Einsatz. „Zuhören, in den Arm nehmen, trösten“, beschreibt sie ihr Tun in dieser Situation.

Seit dem Abend sind alle verfügbaren Notfallseelsorger und Kriseninterventionsteams aus ganz Sachsen-Anhalt in Magdeburg im Einsatz: „Wir sind jetzt in den Kliniken, auf den Kinderstationen und hier am Ort des Geschehen – bei vielen Menschen kommt der Schock jetzt erst richtig an. Viele sind traumatisiert.“

Auch Pagels nimmt ein Bild von der Tatnacht mit, das sie nicht mehr los lässt: „Da lag eine tote Frau. Und ihr trauernder Ehemann lag über ihr und wollte einfach nicht mehr aufstehen und seine Frau loslassen.“ Nur vier Tage vor Heiligabend passierte das alles. „Ich glaube nicht, dass wir dieses Jahr einen Baum aufstellen. Das Weihnachtsfest hat jetzt eine andere Bedeutung bekommen“, sagt Pagels.

Kanzler Scholz zeigt sich sehr berührt nach Gesprächen mit Einsatzkräften und Ersthelfern. Er dankt ihnen. Mit ihrer Professionalität hätten sie Schlimmeres verhindert: „Wir wissen aber auch, dass das etwas ist, das auch diejenigen, die hier geholfen haben, früher oder später umtreiben wird, und sie werden damit zu kämpfen haben.“ Er sicherte Unterstützung für alle zu, die Opfer dieser „furchtbaren, wahnsinnigen Tat“ geworden sind.

Und er verspricht maximale Aufklärung: Gegen den oder die Täter werde mit aller Härte des Gesetzes vorgegangen. Zugleich ruft er zu Zusammenhalt gegen Hass und Gewalt auf. Es sei wichtig, „dass wir zusammenhalten und uns unterhaken, dass nicht Hass unser Miteinander bestimmt“, so Scholz. „Und dass wir diejenigen nicht durchkommen lassen, die Hass säen wollen.“

Fast grotesk mutet es an, als um 12 Uhr – unmittelbar bevor Scholz an die Mikrofone tritt – das Rathaus-Glockenspiel direkt am Weihnachtsmarkt „Fröhliche Weihnacht’ überall“ spielt. Ansonsten hat die Stadt fast alles heruntergefahren. An diesem Wochenende bleiben die Kultureinrichtungen geschlossen, die Tourist-Information hat alle Angebote abgesagt. Stattdessen sind der evangelische Dom und die katholische Kathedrale geöffnet und bieten Orte für Trauer und Gedenken.

Im Dom zünden immer mehr Menschen kleine Teelichte mit der Aufschrift „O Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens“ an und verharren im stillen Gebet. „Wir können noch gar nicht darüber sprechen“, sagt ein Paar: „Aber es ist ein tröstliches Ritual, jetzt hier eine Kerze aufstellen zu können.“

Um 19 Uhr beginnt der Gedenkgottesdienst im Dom. „Traurig und wütend, ratlos und ängstlich, unsicher und verzweifelt, sprach- und fassungslos und tief betroffen lässt uns der brutale Anschlag vom gestrigen Abend zurück. Mit Gefühlen, die sich nicht greifen lassen, sind wir heute Abend hier im Dom“, fasst der katholische Bischof Gerhard Feige zum Auftakt des Gottesdienstes die Stimmung zusammen. In der ersten Reihe sitzen Kanzler Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dahinter Betroffene, Angehörige, Rettungskräfte und Ersthelfer.

„Gemeinsam sind wir heute Abend hier, um uns gegenseitig Halt zu geben, um auszuhalten, was nicht zu begreifen ist“, so Feige. Und Landesbischof Friedrich Kramer ergänzt in der Predigt: „Lasst uns diesem Gewalttäter keinen Raum geben.“ Trotz aller Gefühle, die man angesichts der Tat verspüre, sei eines wichtig: „Wir werden dem Gewalttäter nicht unseren Hass geben, sondern wir bleiben bei dem, was Frieden und Zusammenhalt gibt.“

Hunderte Menschen harrten bei Kälte und Regen auf dem Domplatz aus und verfolgten den Gottesdienst über Leinwände. Um 19.04 Uhr läuteten in Magdeburg alle Glocken – exakt 24 Stunden nach der unfassbaren Tat.

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Erneuter Anschlag auf Weihnachtsmarkt

Hassverbrechen kurzmeldungen Weihnachtsmarkt

Vier Tage vor Weihnachten rast ein Autofahrer in Magdeburg über den Weihnachtsmarkt. Der Mann wird festgenommen. Es gibt mindestens zwei Tote. 

Magdeburg (dpa/KNA). Bei einem Anschlag mit einem Auto auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg sind mindestens zwei Menschen getötet worden. Das sagte die Magdeburger Bürgermeisterin Regina-Dolores Stieler-Hinz. Mehr als 50 Menschen seien verletzt. Ein Autofahrer war in eine Menschengruppe gefahren.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte am Abend, die Vorfreude auf ein friedliches Weihnachtsfest werde durch die Meldungen aus Magdeburg jäh unterbrochen. „Noch sind nicht alle Hintergründe der schrecklichen Tat aufgeklärt. Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Ich danke allen Rettungskräften für ihren Einsatz.“

Der Mann sei festgenommen worden, erfuhr man am Abend aus Regierungskreisen in Sachsen-Anhalt. Nach Angaben von Regierungssprecher Matthias Schuppe handelt es sich „vermutlich um einen Anschlag“. Auch Stadtsprecher Michael Reif sagte, nach erstem Stand sei es ein Anschlag. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) geht nach jetzigem Stand von einem Einzeltäter aus. Der Mann sei gefasst, so Haseloff.

Der festgenommene Verdächtige ist den deutschen Behörden nach Informationen aus Sicherheitskreisen bislang nicht als Extremist bekannt gewesen. Der Mann soll nach ersten Erkenntnissen etwa 50 Jahre alt sein und aus Saudi-Arabien stammen.

Warum das Fahrzeug trotz Absperrungen und Sicherheitskonzept auf den Weihnachtsmarkt gelangen konnte, ist unklar. Der Weihnachtsmarkt wurde geschlossen. Die Polizei sperrte die Innenstadt ab. Rettungskräfte und Feuerwehr sind mit einem Großaufgebot im Einsatz.

Sirenen überall, Blaulicht, Feuerwehr: Eine Reporterin berichtete, es wimmele auf dem Weihnachtsmarkt von Rettungswagen und Sanitätern. Es gebe eine deutlich zweistellige Zahl von Opfern. An einer großen Weihnachtspyramide wurden demnach Verletzte versorgt. Mehrere Verletzte wurden weggetragen.

Intensivbetten in Krankenhaus stehen bereit 

Ein Sprecher des Universitätsklinikums sagte, die ersten 10 bis 20 Patienten würden aktuell versorgt. Man stelle sich jedoch auf deutlich mehr Verletzte ein. „Wir rüsten gerade auf“, sagte der Sprecher. „Intensivbetten stehen bereit.“ Sämtliche Krankenhäuser in Halle bereiten sich auf einen Massenunfall mit Verletzten vor, sämtliche Rettungshubschrauber im Großraum Halle fliegen in Richtung Magdeburg. 

„Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt ist geschlossen“, teilte die Polizei mit. Er befindet sich auf dem Alten Markt, direkt am Rathaus in der Nähe der Elbe. Unweit davon liegt ein großes Einkaufszentrum. Auf der Plattform X wurden am Abend Videos veröffentlicht, in denen zahlreiche Einsatzfahrzeuge zu sehen waren. 

Haseloff: Das ist ein furchtbares Ereignis 

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) reagierte mit Entsetzen auf das Geschehen. „Das ist ein furchtbares Ereignis, gerade jetzt in den Tagen vor Weihnachten“. Er wolle sich jetzt selbst ein Bild von der Lage vor Ort machen und sei im Auto auf dem Weg nach Magdeburg. Zu Opfern und Hintergründen des Geschehens konnte Haseloff zunächst keine Angaben machen.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte zuletzt wiederholt zu Wachsamkeit bei Weihnachtsmarktbesuchen aufgerufen. Konkrete Gefährdungshinweise gebe es zwar aktuell nicht, sagte die SPD-Politikerin Ende November. „Aber wir haben angesichts der abstrakt hohen Bedrohungslage weiter Grund zu großer Wachsamkeit und konsequentem Handeln für unsere Sicherheit.“ 

Bundeskanzler Olaf Scholz hat (SPD) schrieb auf der Plattform X: „Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir stehen an ihrer Seite und an der Seite der Magdeburgerinnen und Magdeburger. Mein Dank gilt den engagierten Rettungskräften in diesen bangen Stunden.“ Scholz will am Samstag nach Magdeburg fahren. Er plane im Laufe des Tages vor Ort gemeinsam mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Ministerpräsident Haseloff ein Statement, berichtet das Nachrichtenportal t-online.

Der Kanzlerkandidat der Grünen, Robert Habeck, äußerte sich ebenfalls auf der Plattform:. „Welch furchtbare Nachrichten aus Magdeburg, wo Menschen die Adventszeit in Frieden und Gemeinschaft verbringen wollten.“ 

Auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner ist bestürzt über den mutmaßlichen Anschlag. „In Magdeburg wurden viele Menschen Opfer eines tödlichen Anschlags“, schrieb Lindner bei X. „Die Bilder haben mich schockiert. Ich denke an die Opfer, ihre Familien und die Einsatzkräfte vor Ort.“ 

Rund acht Jahre nach Berliner Weihnachtsmarktanschlag 

Fast auf den Tag genau vor acht Jahren, am 19. Dezember 2016, war in Berlin ein muslimischer Terrorist mit einem entführten Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Dabei wurden zwölf Menschen getötet, das 13. Opfer starb 2021 an den Folgen. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt. Der Attentäter floh nach Italien, wo er von der Polizei erschossen wurde. 

Nach dem mutmaßlichen Anschlag in Magdeburg ist die Polizei in anderen Städten mit Weihnachtsmärkten besonders achtsam. In Stuttgart sagte ein Polizeisprecher, die Polizeikräfte seien vor Ort sensibilisiert worden. In Berlin sagte ein Sprecher, man habe die Beamten aufgerufen, ein erhöhtes Augenmerk auf Weihnachtsmärkte zu richten.

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Attentäter von Halle nahm zeitweise Geiseln im Gefängnis

Burg (dpa/iz). Nach der Geiselnahme im Gefängnis in Burg in Sachsen-Anhalt laufen die Ermittlungen zu den Hintergründen. Es würden Spuren gesichert auf dem Weg, den der Geiselnehmer mit den Bediensteten des Gefängnisses am Montagabend nahm, erklärte ein Sprecher des Landeskriminalamts am Dienstag in Magdeburg.

Zudem muss ermittelt werden, welches Tatmittel der 30-Jährige einsetze und wie er daran kam. Videomaterial werde ausgewertet. Spezialkräfte des LKA waren in Burg im Einsatz.

Dort hatte der rechtsextreme Halle-Attentäter Stephan B. zeitweise zwei Bedienstete in seine Gewalt gebracht. Der 30-Jährige wurde durch weitere Justizvollzugsbedienstete im Innenbereich des Gefängnisses überwältigt, wie es aus dem Justizministerium hieß. Die Tat dauerte weniger als eine Stunde.