Diaspora? Warum die muslimische Community hier keine ist
Diaspora, muslimisch, Community – diese Begriffe prägen, wie Zugehörigkeit gedacht wird. Doch beschreibt „Diaspora“ muslimisches Leben in Deutschland wirklich treffend?

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(iz). Zur Autonomie und Souveränität des eigenen Denkens und Sprechens gehört zweifellos ein kritischer Blick auf die gewählten Begriffe, hinter denen stets Konzepte verborgen sind. Dies ist kein Hobby von Pseudo-Intellektuellen oder Akademikern, die in der „echten Welt“ zu viel Zeit haben.
Die richtigen Worte erleichtern die Beschreibung der Realität und unseres Ortes in ihr sowie das angemessene Handeln.
Das ist ähnlich wie bei einer Rakete: Schon eine geringe Abweichung genügt und sie landet auf dem Mars statt auf dem Mond. Ein aktuelles Beispiel ist die Bezeichnung dieser Gemeinschaften in diesem Land oder anderen als „Diaspora“.

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Gebräuchlich ist der Begriff u.a. bei manchen muslimischen AktivistInnen, in Forschung und Religionspädagogik sowie in politiknahen Texten zu „Migration“ und „Integration“.
Damit kann er – auch bei gutwilliger Verwendung – eine Vorstellung nahelegen, nach der man als etwas Wesensfremdes erscheint, das hier, wenn überhaupt, nur vorläufig existenzberechtigt ist.
So hält es die Bundeszentrale für politische Bildung grundsätzlich für diskutabel, Menschen außerhalb ihrer „Herkunftsländer“ in dieser Weise zu bezeichnen.
Der klassische Ursprung des Begriffs liegt in der Zerstreuung jüdischer Gemeinschaften außerhalb Israels, die bereits mit den Exilerfahrungen der Antike verbunden ist und sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels sowie den römischen Repressionen weiter verfestigte. Daran verkoppelt ist eine Vergangenheit von Exil und Verlust.
Daran gekoppelt blieb in jüdischen Traditionen eine starke religiöse, kulturelle und historische Bindung, die in diversen Zeiten und Gruppen sehr unterschiedlich als Hoffnung auf Rückkehr verstanden wurde.
In der christlich-europäischen Ideengeschichte erhielt diese Zuschreibung im Laufe ihrer Entwicklung eine andere Gewichtung. Hier bezeichnet „Diaspora“ häufig eine Existenz als religiöse oder konfessionelle Minderheit.
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Das heißt, der Begriff beschreibt Christen in einer anders-religiösen Umgebung, oder Protestanten, die in einer überwiegend katholischen Gegend ansässig sind. Das Moment einer Vertreibung und des Verlusts eines „gelobten Landes“ ist damit nicht bzw. kaum verbunden.
Weltweit lebt mehr als ein Fünftel in Staaten, in denen Islam nicht die Mehrheitsreligion ist. Minderheit zu sein, bedeutet nicht automatisch, Diaspora zu sein.
Für die große Mehrheit der hiesigen Muslime beschreibt der Begriff weder eine gemeinsame Vertreibung aus einem „gelobten Land“ noch eine einheitliche kollektive Rückkehrerwartung.
Gerade im Kontext islamischen Lebens in Deutschland kann „Diaspora“ eine Deutung nahelegen, nach der Zugehörigkeit immer nur zeitweise und an ein vermeintliches Außen gebunden bleibt.
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Das ist keine zwingende Bedeutung des Wortes. Es ist aber eine politische und mentale Nebenwirkung, die man ernst nehmen sollte.
Wer sich dauerhaft als bloß verstreut, vorläufig oder anderswohin orientiert versteht, läuft Gefahr, den realen Lebensort weniger selbstverständlich als gestaltbare Heimat zu begreifen.
Es ist ärgerlich genug, sollten Außenstehende und Nichtbetroffene so sprechen. Diskussionswürdig wird es jedoch, wenn diese Begrifflichkeit von muslimischer Seite selbst kommt.
Was sagt es über das Selbstverständnis derjenigen aus, die diese Begrifflichkeit übernehmen, obwohl Allah der Erhabene, es zu unserem Geschick gemacht hat, hier zu sein? Die richtige Antwort könnte den einen oder anderen verunsichern.
