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Höchststrafe für den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt

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Das Urteil ist gesprochen: Lebenslang für den Todesfahrer des Magdeburger Weihnachtsmarkts. Für viele Opfer endet damit nur der Prozess, nicht das Leid. Wut, Tränen, Solidarität – Eindrücke vom Tag der Urteilsverkündung.

(KNA). Höchststrafe für den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt – wegen mehrfachen Mordes und weiterer Delikte muss er lebenslang hinter Gitter.

Bei der Schreckenstat 2024 starben sechs Menschen, über 300 wurden teils schwer verletzt. Als die Richter des Landgerichts Magdeburg am 26. Juni ihr Urteil verkünden, atmet Anne-Kathrin Hollburg, eines der Opfer, tief durch.

Sie lächelt verhalten, die Anspannung ist ihr weiter anzusehen. Mehrere Hundert Betroffene, darunter auch Kinder, und Zuschauer hören den Ausführungen des Gerichts zu: lebenslange Haft und Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Zudem behält sich das Gericht die spätere Anordnung einer Sicherungsverwahrung vor.

„Ich bin erleichtert“, sagt Hollburg. Die vergangenen Tage sei es ihr schlecht gegangen: „Ich konnte kaum schlafen oder essen. Es war eine permanente Anspannung.“ Hollburg war am Abend des 20. Dezember 2024 mit ihrem Ehemann zum Grünkohl-Essen auf dem Weihnachtsmarkt, als der Täter plötzlich mit einem schweren SUV durch die Menschenmenge raste. Magdeburg stand unter Schock.

Sachsen-Anhalt

Foto: Stockfotos-MG/Adobe Stock

Bis heute sind bei vielen die Wunden nicht verheilt. „Mein Mann hat noch Probleme mit seinem Bein. Mir geht es körperlich wieder gut, aber die Seele… mir ist die Lebensfreude abhanden gekommen“, sagt Hollburg gepresst.

Sie nimmt Marco Gleißner in den Arm: „Was für ein Tag heute.“ Gleißners neunjähriger Sohn André starb bei dem Anschlag. „Irgendwie ist da jetzt eine Erleichterung, aber ich habe auch noch so viel Wut…“, sagt er. „Das Schlimmste war, dass der keinen Funken Reue gezeigt hat.“ Schlimm sei auch gewesen, als der Täter im Prozess die Todesfahrt geschildert habe: „Wie der von dem Blut an der Scheibe erzählt hat, von den Menschen, die durch die Gegend flogen.“ Gleißner ringt mit den Tränen.

Der Angeklagte selbst kann aufgrund einer technischen Panne die Verkündung des Urteils in seinem Hochsicherheits-Glaskasten, umstellt von maskierten Wachleuten, zunächst nicht hören. Nach einer halbstündigen Unterbrechung verliest der Richter das Ganze noch einmal.

Der aus Saudi-Arabien stammende Täter, bis zur Todesfahrt als Psychiater im Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter in Sachsen-Anhalt tätig, hört es ruhig, mit gefalteten Händen an. Während der vorangegangenen 40 Prozesstage hatte er mehrfach Wutausbrüche.

„Es gab im Prozess viele sehr belastende Situationen. Wenn etwa der Angeklagte ausgerastet ist, getobt und gebrüllt hat – das waren richtige Schreckensmomente und für einige Betroffene schwer auszuhalten“, berichtet Doreen Rosenbaum.

Die Sozialpädagogin mit Zusatzausbildung in psychosozialer Prozessbegleitung koordiniert die Zeugenbetreuung in dem im vergangenen November begonnenen Mammutprozess mit über 200 betroffenen Nebenklägern.

„Immer wieder flossen auch Tränen, wenn andere Betroffene im Zeugenstand von ihren Erlebnissen und Schicksalen erzählten“, so Rosenbaum. „Für viele war es schlimm zu erleben, dass der Angeklagte keinerlei Reue zeigte, teils stundenlang wirre, unverständliche Dinge sagte und immer nur von einem ‘Eingriff’ statt von einer Tat sprach.“ Rosenbaums Team mit gut 30 Kolleginnen und Kollegen betreute 92 der insgesamt 117 Zeugen.

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Menschen legen aus Trauer um die Getöteten und Anteilnahme für die Verletzten Blumen nieder. (Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

„Bewegend und schön war die Solidarität der Betroffenen untereinander“, sagt Rosenbaum. „Das war eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich gegenseitig gestützt hat. Da gab es zum Beispiel von den anderen kurzen Applaus, wenn jemand eine schwierige Aussage hinter sich gebracht hat. Viele fühlten sich dadurch getragen.“

Mit dem Urteil kommt der Prozess nun an ein Ende. Aber für die Betroffenen sei damit noch längst nicht alles vorbei und leichter, sagt Rosenbaum, die schon Zeugenbetreuerin im Prozess um den Halle-Attentäter war, der 2019 versuchte, ein Blutbad in einer Synagoge anzurichten. „Es gibt die Gefahr, jetzt in ein Loch zu fallen.“

Bei vielen habe sich das Leben in den vergangenen Monaten komplett um den Prozess gedreht. Jetzt müssten sie schauen, wie es in ihrem Leben weitergeht – psychisch, finanziell und beziehungsmäßig.

„Seit der Tat ist auch viel in den Familien passiert. Es kam zu Trennungen, teils weil bei Partnern irgendwann Verständnis fehlte“, schildert Rosenbaum. „Manche Betroffene trauen sich gar nicht mehr, sich noch zu öffnen – weil sie immer wieder zu hören bekommen: ‘Jetzt muss es doch auch mal wieder gut sein.’“

Aber für sie ist nichts gut. „Sie fühlen sich alleingelassen.“ Zumindest die Opferberatung ist weiter kostenlos für sie da, manchmal sogar noch über Jahre.

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Erneuter Anschlag auf Weihnachtsmarkt

Hassverbrechen kurzmeldungen Weihnachtsmarkt

Vier Tage vor Weihnachten rast ein Autofahrer in Magdeburg über den Weihnachtsmarkt. Der Mann wird festgenommen. Es gibt mindestens zwei Tote. 

Magdeburg (dpa/KNA). Bei einem Anschlag mit einem Auto auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg sind mindestens zwei Menschen getötet worden. Das sagte die Magdeburger Bürgermeisterin Regina-Dolores Stieler-Hinz. Mehr als 50 Menschen seien verletzt. Ein Autofahrer war in eine Menschengruppe gefahren.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte am Abend, die Vorfreude auf ein friedliches Weihnachtsfest werde durch die Meldungen aus Magdeburg jäh unterbrochen. „Noch sind nicht alle Hintergründe der schrecklichen Tat aufgeklärt. Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Ich danke allen Rettungskräften für ihren Einsatz.“

Der Mann sei festgenommen worden, erfuhr man am Abend aus Regierungskreisen in Sachsen-Anhalt. Nach Angaben von Regierungssprecher Matthias Schuppe handelt es sich „vermutlich um einen Anschlag“. Auch Stadtsprecher Michael Reif sagte, nach erstem Stand sei es ein Anschlag. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) geht nach jetzigem Stand von einem Einzeltäter aus. Der Mann sei gefasst, so Haseloff.

Der festgenommene Verdächtige ist den deutschen Behörden nach Informationen aus Sicherheitskreisen bislang nicht als Extremist bekannt gewesen. Der Mann soll nach ersten Erkenntnissen etwa 50 Jahre alt sein und aus Saudi-Arabien stammen.

Warum das Fahrzeug trotz Absperrungen und Sicherheitskonzept auf den Weihnachtsmarkt gelangen konnte, ist unklar. Der Weihnachtsmarkt wurde geschlossen. Die Polizei sperrte die Innenstadt ab. Rettungskräfte und Feuerwehr sind mit einem Großaufgebot im Einsatz.

Sirenen überall, Blaulicht, Feuerwehr: Eine Reporterin berichtete, es wimmele auf dem Weihnachtsmarkt von Rettungswagen und Sanitätern. Es gebe eine deutlich zweistellige Zahl von Opfern. An einer großen Weihnachtspyramide wurden demnach Verletzte versorgt. Mehrere Verletzte wurden weggetragen.

Intensivbetten in Krankenhaus stehen bereit 

Ein Sprecher des Universitätsklinikums sagte, die ersten 10 bis 20 Patienten würden aktuell versorgt. Man stelle sich jedoch auf deutlich mehr Verletzte ein. „Wir rüsten gerade auf“, sagte der Sprecher. „Intensivbetten stehen bereit.“ Sämtliche Krankenhäuser in Halle bereiten sich auf einen Massenunfall mit Verletzten vor, sämtliche Rettungshubschrauber im Großraum Halle fliegen in Richtung Magdeburg. 

„Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt ist geschlossen“, teilte die Polizei mit. Er befindet sich auf dem Alten Markt, direkt am Rathaus in der Nähe der Elbe. Unweit davon liegt ein großes Einkaufszentrum. Auf der Plattform X wurden am Abend Videos veröffentlicht, in denen zahlreiche Einsatzfahrzeuge zu sehen waren. 

Haseloff: Das ist ein furchtbares Ereignis 

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) reagierte mit Entsetzen auf das Geschehen. „Das ist ein furchtbares Ereignis, gerade jetzt in den Tagen vor Weihnachten“. Er wolle sich jetzt selbst ein Bild von der Lage vor Ort machen und sei im Auto auf dem Weg nach Magdeburg. Zu Opfern und Hintergründen des Geschehens konnte Haseloff zunächst keine Angaben machen.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte zuletzt wiederholt zu Wachsamkeit bei Weihnachtsmarktbesuchen aufgerufen. Konkrete Gefährdungshinweise gebe es zwar aktuell nicht, sagte die SPD-Politikerin Ende November. „Aber wir haben angesichts der abstrakt hohen Bedrohungslage weiter Grund zu großer Wachsamkeit und konsequentem Handeln für unsere Sicherheit.“ 

Bundeskanzler Olaf Scholz hat (SPD) schrieb auf der Plattform X: „Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir stehen an ihrer Seite und an der Seite der Magdeburgerinnen und Magdeburger. Mein Dank gilt den engagierten Rettungskräften in diesen bangen Stunden.“ Scholz will am Samstag nach Magdeburg fahren. Er plane im Laufe des Tages vor Ort gemeinsam mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Ministerpräsident Haseloff ein Statement, berichtet das Nachrichtenportal t-online.

Der Kanzlerkandidat der Grünen, Robert Habeck, äußerte sich ebenfalls auf der Plattform:. „Welch furchtbare Nachrichten aus Magdeburg, wo Menschen die Adventszeit in Frieden und Gemeinschaft verbringen wollten.“ 

Auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner ist bestürzt über den mutmaßlichen Anschlag. „In Magdeburg wurden viele Menschen Opfer eines tödlichen Anschlags“, schrieb Lindner bei X. „Die Bilder haben mich schockiert. Ich denke an die Opfer, ihre Familien und die Einsatzkräfte vor Ort.“ 

Rund acht Jahre nach Berliner Weihnachtsmarktanschlag 

Fast auf den Tag genau vor acht Jahren, am 19. Dezember 2016, war in Berlin ein muslimischer Terrorist mit einem entführten Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Dabei wurden zwölf Menschen getötet, das 13. Opfer starb 2021 an den Folgen. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt. Der Attentäter floh nach Italien, wo er von der Polizei erschossen wurde. 

Nach dem mutmaßlichen Anschlag in Magdeburg ist die Polizei in anderen Städten mit Weihnachtsmärkten besonders achtsam. In Stuttgart sagte ein Polizeisprecher, die Polizeikräfte seien vor Ort sensibilisiert worden. In Berlin sagte ein Sprecher, man habe die Beamten aufgerufen, ein erhöhtes Augenmerk auf Weihnachtsmärkte zu richten.