Die Menschenfalle oder ein Weg jenseits der Furcht
Die Menschenfalle: Unser Identitätsverständnis ist Mulla Sadra zufolge ständig in Bewegung. Ein Essay von Dr. Muhammad Sameer Murtaza.
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(iz). Der Qur’an wird als eine Offenbarung beschrieben, die aus Zeichen besteht. Ein solches Zeichen ist Iblis, bei dem es sich einerseits um ein reales Wesen als auch um einen Zustand handelt.
Der Name ergibt sich aus der arabischen Konsonantenwurzel b-l-s, die im Qur’an in der Bedeutung von verzweifelt werden und hoffnungslos werden verwendet wird. Iblis ist demnach der Verzweifelte, der Hoffnungslose. Fokussieren wir uns auf die erste Bedeutung. Woher rührt die Verzweiflung des Verzweifelten?
Er wird mit einem neuen Geschöpf in Gestalt des Adams konfrontiert und weigert sich, den Fremden in seiner Würde anzuerkennen, zu achten und zu respektieren. Adam kann hier als Platzhalter für den Migranten oder sogar die KI dienen. Es ist der Unbekannte, der Iblis zum Verzweifeln bringt, weil das Neue stets das eigene Identitätsverständnis infrage stellt.
Hier begegnen wir einer Angst vor Veränderung, einer Selbstsucht und einer Weigerung, den Status quo künftig mit dem Neuling zu teilen. Statt die Chancen und Möglichkeiten zu erblicken – mannigfaltige Möglichkeiten in mannigfaltiger Kombination –, vermag er es in Adam bloß, einen Konkurrenten, Gegner und Feind zu erblicken, der ihm seine Position streitig machen will.
Und eine solche Bedrohung muss ausgemerzt werden. Doch auf welcher Grundlage soll dies geschehen? Seine Rechtfertigung ist die Zuflucht in ein falsches Selbstbild. Indem er sich erhöht, kann er Adam herabsetzen.
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Furcht vor den Unbekannten – Festhalten am Bestehenden – Wut über diesen Zustand – Hass auf den Neuankömmling – Gewalt: Dem pakistanischen Gelehrten Ghulam Ahmad Parwez (gest. 1985) zufolge handelt es sich hierbei um einen Urinstinkt entscheidungsfreier Lebewesen.
Doch dieser Instinkt dämpfe den menschlichen Intellekt und die Weiterentwicklung des Menschen in einer Welt, die sich heute darin auszeichnet, dass Menschen miteinander in Symbiose leben.
Das Gewaltfanal, so Parwez, richte sich dabei nicht nur auf die Ursache der eigenen Verzweiflung, sondern würde sich letztendlich nach allen Richtungen Bahn schlagen. Es gebiert eine destruktive Lebensweise, die auf einen zurückschlägt.
Am Ende führe diese Verzweiflung, die in der Anhaftung ihre Wurzeln findet, zu einem verschwendeten Leben, wie es anhand der Geschichte des Iblis anschaulich gelernt werden kann. In der islamischen Lehre werden daher er und somit sein existenzieller Zustand als Feind bezeichnet.
Unser Identitätsverständnis ist dem Philosophen Mulla Sadra (gest. 1640) zufolge ständig in Bewegung Der Mensch wird zu dem, was er durch seine Entscheidungen fortwiegend tut.
Wandel kann eine Veränderung hin zu einem ethischen Aufstieg oder einem ethischen Niedergang bedeuten. Iblis’ Abstieg führt dazu, dass sein Identitätswandel mit einem neuen Namen markiert wird: Schaitan, der (von Gott) weit entfernte.
Nach Parwez sind die Verzweiflung aufgrund von Anhaftung und die Gottesferne, Iblis und Schaitan, zwei Seiten derselben Münze. Anhaftung ist eine Menschenfalle, deren Gitterstäbe aus Gedanken besteht. Wer lange genug in ihnen lebt, hält sie schließlich für die Welt selbst.
Als Leser dieser Urgeschichte bzw. als Beobachter ist es leicht festzustellen, dass er sich aufgrund seiner Selbsterhöhung auf einem katastrophalen Weg befindet, und doch stürzen Menschen in ihren eigenen Geschichten immer wieder in diese Falle.
Sie werden Anhänger von Narrativen und Ideologien und sehen die Welt nur noch so, wie sie diese erblicken wollen. Es wird keinerlei Anstrengung unternommen, die Welt so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich ist.
Zur Tragödie des Menschen gehört es, dass es um unsere Urteilsfähigkeit oftmals schlecht bestellt ist. So manche Philosophen sind daher der Meinung, dass wir Menschen im Zeitalter atomarer, biologischer und chemischer Massenvernichtungswaffen sowie des Klimawandels es nicht schaffen werden. Es läge in unserem Wesen, aufgrund von Bequemlichkeit und Eigensucht die Zerstörung letztlich über uns zu bringen.
Die islamische Weltanschauung teilt diesen Pessimismus nicht. Die Zukunft bleibt offen. Zum Wesen (arab. Fitra) des Menschen gehört sein Wahrheitsstreben: Der Mensch besitzt die intellektuelle Befähigung, sich aus den geschaffenen Illusionen zu befreien.
Dies bedingt jedoch die Bereitschaft zu lebenslanger Neugierde und Lernbereitschaft sowie zu akzeptieren, dass das Leben eben nicht immer so verläuft, wie man es sich vorgestellt hat.
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Welche Alternative hätte Iblis denn gehabt? Nach dem Philosophenzirkel der lauteren Brüder/Geschwister von Basra aus dem 10. Jh. bedeutet ein konstruktiv geführtes Leben, am Leben anderer Anteil zu nehmen, Freundschaften zu entwickeln und zu pflegen, Mitgefühl, Nächstenliebe und Nachsicht zu praktizieren und mit anderen zu lernen und zusammenzuarbeiten.
Mit den Menschen zu sein – offline wohlgemerkt – ist das praktische Feld, auf dem wir uns als Menschheit weiterentwickeln können.
Dies impliziert stets auch das Errichten einer sozial- und ökologieverträglichen Ökonomie und politischen Verfasstheit der Menschen für die Menschen und durch die Menschen, um Abraham Lincoln zu paraphrasieren.
Eine Ökonomie und Politik ohne ethisches Fundament, ist keine menschenfreundliche Ökonomie und Politik. Aber Ethik allein reicht nicht aus, um Ökonomie und Politik menschlich zu machen, hierzu braucht es gerechte Gesetze. Was nichts anderes bedeutet, als Nächstenliebe in ein gesellschaftlich tragfähiges Ideal umzuwandeln.
Hier liegt auch die eigentliche Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Wer sich mit dem Selbstverständnis der muslimischen Gelehrten aus der Frühzeit beschäftigt, kommt nicht umhin festzustellen, dass die Gelehrten sich als Lehrende verstanden, die weniger das Individuum als die Gattung Mensch im Menschsein ausbildet.
Nicht: „Was willst du?“, sondern: „Wer willst du sein?“ lautete ihre Frage. Zwischen diesen beiden Polen entscheidet sich die Zukunft des Menschen und was es bedeutet Mensch zu sein.
Der Essay ist sprachlich anspruchsvoll und enthält zutreffende ethische Gedanken über Hochmut, Verblendung und die Notwendigkeit zur Selbstreflexion. Theologisch ist er jedoch problematisch, weil er die Geschichte von Iblīs weitgehend aus ihrem offenbarten Zusammenhang löst und sie zu einer philosophischen Erzählung über Identität, Angst vor Veränderung und gesellschaftlichen Wandel umdeutet. Die eigentliche Ursache des Falls von Iblīs, nämlich sein Hochmut, sein Neid und sein Ungehorsam gegenüber Allāhs Befehl, tritt zugunsten einer psychologischen Interpretation als „Angst vor Veränderung“ in den Hintergrund.
Hinzu kommt, dass sich der Autor auf Mulla Ṣadrā und insbesondere auf Ġulām Aḥmad Parwez stützt. Beide vertreten Positionen, die von der klassischen sunnitischen ʿAqīda abweichen; Parwez lehnte zudem die verbindliche Autorität der authentischen Sunna weitgehend ab. Dadurch basiert die Argumentation eher auf philosophischen und rationalistischen Ansätzen als auf Qurʾān und Sunna. Dadurch entsteht ein philosophisch-ethischer Essay mit islamischer Begrifflichkeit, dessen zentrale Aussagen aus sunnitischer Sicht methodisch und inhaltlich kritisch zu bewerten sind.