Würde: Allah hat die Menschen geehrt

Allah hat den Menschen geehrt: Seine Würde und Menschenwürde gründen nicht in Herkunft, Leistung oder Besitz, sondern in seinem besonderen Sein. Ein Plädoyer für Nächstenliebe und Verantwortung.

29.09.2026 Muhammad Sameer Murtaza 7 Min. Lesezeit
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(iz). Ein alter englischer Kinderreim fragt, woraus denn eigentlich kleine Jungen und kleine Mädchen gemacht seien. Die Jungs, so der Reim, aus Schnipseln, Schnecken und Welpenschwänzen. Die Mädels aus Zucker, Gewürz und natürlich allem, was schön ist. 

Der Mensch wird hier als etwas verstanden, das lediglich aus materiellen Bausteinen besteht. Das Problem einer solchen Betrachtungsweise: Die Würde eines jeden Menschen kann man weder sehen noch anfassen.

Die abrahamischen Religionen, das Judentum, das Christentum und der Islam, haben einer rein materialistischen Sicht auf den Menschen stets widersprochen. Wer dem Menschen eine Würde zuspricht, der muss auch anerkennen, dass es eben mehr als lediglich die materielle Sichtweise gibt. Für Juden, Christen und Muslime ist der Mensch zwar auch Materie. Aber eben nicht nur Materie.

Um diese Sicht auf den Menschen zu bestärken, lädt der muslimische Philosoph Ibn Sina (gest. 1037) uns zu einem Gedankenexperiment ein:  Stelle dir einen körperlich und geistig gesunden Menschen vor, der plötzlich in der Luft schwebt.

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Ihm wird die Möglichkeit genommen, äußere Sinnesreize wahrzunehmen: Er sieht nichts. Er hört nichts. Er riecht nichts. Er fühlt nichts. Er verliert auch jeglichen Körperbezug, da seine Glieder sich nicht mehr bewegen und nicht mehr einander berühren können. Dieser Mensch macht folglich nicht die Erfahrung von Raum, Zeit, Gewicht oder Bewegung. 

Würde ein solcher Mensch sich dennoch seiner eigenen Existenz bewusst sein, oder nicht? Der Philosoph beantwortet die Frage mit einem eindeutigen Ja: Dieser Mensch wäre sich der Existenz seines Selbst weiterhin bewusst. Ein jeder von uns kann versuchen, dieses Gedankenexperiment nachzuvollziehen, indem man die Augen schließt und sich eine solche Situation versucht vorzustellen.

Wir würden weiterhin eine unmittelbare, selbstgegenwärtige Gewissheit spüren. Sie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Ich bin mir meiner bewusst, bevor ich denke.“

Dieses präreflexive Selbstbewusstsein geht jedem Ich-Konzept vor. Es ist ein unmittelbares Erleben. Dass ein Baby auf seine Mutter ausgerichtet ist, sowie Hunger, Nähe, Angst oder Schmerz empfindet, wäre z.B. im Lichte dieser Überlegung ein Hinweis auf eine basale Form des Selbst-Erlebens.

Doch wie kommt es zur Entstehung dieses immateriellen Bewusstseins? Muslimische Gelehrte, Philosophen und Sufis leiten aus dem Qur‘an ab, dass der Mensch eine nicht reduzierbare Dimension, eine ontologische Verbindung zu Gott besitzt, der ihn mit seinem Geist (arab. ruḥ) oder in der modernen Lesart des Gelehrten Ghulam Ahmad Parwez (gest. 1985) mit seiner Energie, belebte.

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Dem Gelehrten Abdoldjavad Falaturi (gest. 1996) zufolge, ist allein dem Menschen durch diese Verbindung etwas gegeben worden, das ihn von der restlichen Schöpfung, von Raum und Zeit, unabhängig macht. Das „Wie“ der Erschaffung des Menschen, stellt demnach seine Besonderheit dar und verbindet ihn mit Gott. 

Aufgrund dieses transzendenzoffenen Wesens (arab. fitra) wohnt ihm der Drang inne, nach Antworten auf existentielle Fragen seines Seins zu suchen. Der Mensch ist quasi von Geburt an ein Metaphysiker. Das heißt, er hält es offenbar für angebracht, sich irgendwann mit der Frage zu beschäftigen, warum er überhaupt hier ist.

Ibn Sina möchte mit seinem Gedankenexperiment nicht zeigen, dass der Körper unwichtig ist, aber dass der Mensch mehr als nur ein Erdenkoloss ist. Dem Menschen wird seine Würde nicht aufgrund von Vermögen, Herkunft, Ethnie, Geschlecht oder Äußerlichkeiten zuerkannt.

Auch nicht aufgrund seiner Vernunft, denn was wäre dann mit jenen Menschen, die diesbezüglich eingeschränkt sind? Seine Würde kommt ihm als Menschen zu, der durch die Energie Gottes existiert und der im Weiteren aufgrund seiner Vernunft, seiner Befähigung zu Sprechen und seiner Entscheidungsfreiheit mit der Aufgabe der Stellvertreterschaft Gottes auf Erden geehrt wurde.

Deshalb gilt sie auch dem ungeborenen Leben und endet nicht mit dem Tod, denn selbst Verstorbene besitzen einen Anspruch auf Achtung und Würde.

Für die abrahamischen Religionen ist der Mensch mehr als bloße Biologie. Zugleich ist er ein Mangelwesen, das einer psychischen und ethischen Reifung bedarf. Was braucht es hierzu? Bildung, Gemeinschaft und Verantwortung, die getragen sind von Nächstenliebe. Aber wobei handelt es sich bei ihr?

Nach Ibn Sina ist der Keim jeglicher konstruktiven Weiterentwicklung, die zu einem Einklang des Menschen mit anderen Menschen sowie der Schöpfung als Ganzes führt, die Kraft der Liebe (arab. mahabba), die allem Geschaffenen innewohnt. Er meint damit die spirituelle Liebe zum Schöpfer und Erhalter. 

Liebe ist nach Ibn Sina die treibende, aufwärtsstrebende und lebensbejahende Kraft im Universum. Das Lebensprinzip des Seienden, Selbsterhaltungstrieb der Schöpfung. Ohne Liebe zu einem Ideal kein Universum. Zu Lieben ist ein essenzieller Bestandteil menschlicher Existenz.

Jedes Seiende strebt nach einem Ideal, das es verehrt und begehrt. Das höchste und unerreichbare Ideal allen Seienden ist Gott, zu dem alles im Universum hinstrebt. Im Zuge dieses Strebens wächst die Kraft der Liebe im Einzelnen und übergießt, die ihn umgebende Schöpfung, überwindet horizontale Trennung und verbindet somit alles miteinander. 

Aus dieser Liebesphilosophie lässt sich ein weiterführender Gedanke entwickeln: Liebe ist ein eigenes Erkenntnisvermögen, denn es gibt Wahrheiten, die man nur erkennen kann, wenn man mit ihnen in Beziehung tritt.

Ein Biologe kann an einem Kind biologische Merkmale beschreiben und es etwa nach Geschlecht klassifizieren. Aber eine Mutter oder ein Vater erkennen in einem Kind eine unverwechselbare Person, da sie als Eltern an seinem Sein teilnehmen.

Beides ist korrekt, aber nicht dasselbe. Liebe eröffnet eine Erkenntnis, die reine Analyse nicht erreichen kann. Sie erweitert den Blick vom Einzelnen zum Ganzen. Und wie jedes Erkenntnisvermögen ist auch die Liebe fehlbar. Sie kann blind machen, sie kann eine Projektion sein und somit täuschen.

Liebe ermöglicht es, die eigene Ich-Bezogenheit aufzugeben und zu Erkenntnis zu gelangen. Während die Sinne, der Verstand und die Vernunft einzig ein: „Ich erkenne es“ zulassen, wird der Beobachter durch die Liebe mit dem Erkannten verbunden und verändert sich. Er nimmt an der Wirklichkeit des Erkannten teil.

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Universelle Nächstenliebe ist die gebende Kraft des Gläubigen, die aus der Gottesliebe entspringt. Sie erfüllt die gesamte Schöpfung und verbindet die Menschen sowie die Menschen mit der Tier- und Pflanzenwelt. Für einen Gläubigen gilt: „Ein Fremder ist ein Freund, den man bloß noch nicht getroffen hat.“

Nächstenliebe ist demnach eine Aktivität. Sie ist im Wesentlichen ein Geben, kein Empfangen. Gerade im Akt des Schenkens, der Großzügigkeit und Freigebigkeit erlebt der Gläubige seine Unabhängigkeit von allen Geschöpfen, die Überwindung seiner Selbstbezogenheit und Gier. Hier entdeckt er seine Stärke und seinen Reichtum. Eine einzige Abhängigkeit verbleibt: jene zu Gott, der Quell der Stärke eines Gläubigen ist.

Die Nächstenliebe nimmt in der Gemeinschaft den Ausdruck an von Achtung vor der Würde und Ehre des anderen, der Bereitschaft den anderen in seinem Anderssein anzuerkennen, anstatt ihn zu einem Spiegelbild umformen zu wollen sowie Erkenntnisstreben, Verantwortungsgefühl, Tatendrang und praktische Hilfe, aber wo nötig auch Zurechtweisung.

Nächstenliebe wird damit politisch und ökonomisch, denn sie nimmt Anstoß an Ungerechtigkeiten, die dazu führen, dass Menschen am Wegesrand zurückgelassen werden, und will sie verändern. Nächstenliebe bedeutet die Welt durch die Augen der Waise, des Bettlers, der alleinerziehenden Mutter, des Flüchtlings, des Erkrankten oder des Arbeitssuchenden zu betrachten.

Wer einem am Boden liegenden Menschen aufhilft, verändert zunächst sich selbst. Und vielleicht verändert diese eine Tat auch einen zweiten Menschen. Dann einen Dritten, und dann vielleicht die Welt.

Somit versteht sich die Nächstenliebe als essenzieller Bestandteil des prophetischen Islam, der sich existenzieller Angst, sozioökonomischer, kultureller und politischer Unterdrückung sowie verhärtetem Denken und Handeln entgegenstellt.

Damit wird deutlich: Muslimsein ist nicht einfach eine bestimmte Art „religiös“ zu sein. Muslimsein ist durch den Islam in einer bestimmten Weise weltlich und Mensch zu sein. Kein Rückzug aus der Welt, sondern ein tiefes Verstricktsein in der Welt gehören zum spirituellen Innendienst.

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