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Historische US-Midterms 2026: Muslime schreiben Wahlgeschichte

Die amerikanische Wählerschaft hat bei den Midterms 2026 den Republikanern am 3. November die Quittung für zwei Jahre Trump zugestellt: Beide Kammern des Kongresses wechseln in demokratische Hand, Gouverneursposten gehen verloren.

04.11.2026 .Redaktion 14 Min. Lesezeit
USA 2026 Midterms Muslime

Foto: lakshmiprasada/Shutterstock

(iz). Mit Abdul El-Sayed zieht erstmals ein Muslim in den US-Senat ein, im Repräsentantenhaus wächst die muslimische Fraktion auf mindestens sieben Abgeordnete. Der Wahlabend beendet jedoch nicht die Islamfeindlichkeit, die den Wahlkampf bestimmt hat – doch ihre Wirkung hat die Wählerschaft nachdrücklich zurückgewiesen.

Die Ausgangslage: Krieg, Preise, Korruption, Spaltung

Als die Wahllokale am 3. November öffneten, befand sich die USA im achten Monat eines Krieges, den Präsident Donald Trump gemeinsam mit Israel begonnen hatte.

Am 28. Februar hatten amerikanische und israelische Streitkräfte mit fast 900 Angriffen binnen zwölf Stunden iranische Militärziele, die Führung des Landes und nach US-Angaben auch das Atomprogramm getroffen. Getötet wurde dabei auch Revolutionsführer Ali Chamenei. 

Ein Waffenstillstand im April und ein Memorandum im Juni hielten nicht: Es zerbrach im Sommer. Ab September tauschen beide Seiten erneut Schläge aus. Die USA blockieren die Straße von Hormuz, durch die vor dem Krieg etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gasexports lief; Iran greift seinerseits Handelsschiffe an.

Am Vorabend der Wahl bestätigte Trump weitere, als defensiv bezeichnete Angriffe auf die iranische Insel Qeschm. Medienberichten zufolge liegen im Pentagon Pläne für eine neue Großoffensive, die erst nach diesen Zwischenwahlen beginnen soll. Die Treibstoffpreise haben der Bevölkerung den Krieg längst auf die Rechnung geschrieben.

Foto: US-DoD/gemeinfrei | Lizenz: gemeinfrei

Der Konflikt ist nicht vom Himmel gefallen. Er steht in einer Kontinuität, die für viele Wähler zum Kipppunkt wurde: die militärische, finanzielle und politische Bindung Washingtons an die Regierung Netanjahu. In Gaza dauert der Krieg seit Oktober 2023 an, finanziert durch amerikanische Steuergelder, wie muslimische und arabische Verbände in aller Deutlichkeit betonen.

Der Streit darüber lief mitten durch die Parteien: Das pro-israelische Spendenkomitee AIPAC gab in Michigan mehr als 30 Mio. Dollar aus, um bereits im August die Vorwahl des späteren Senatssiegers Abdul El-Sayed zu verhindern – vergeblich.

Hinzu kommen die Sorgen des Alltags. Rund drei Viertel der Wähler bewerteten die wirtschaftliche Lage vor der Wahl als schlecht, fast neun von zehn gaben an, die Lebenshaltungskosten – Benzin, Lebensmittel, Strom, Gesundheitsversorgung – seien ein entscheidender Faktor ihrer Stimme.

Etwa zwei Drittel machten Trumps Politik für die gestiegenen Preise verantwortlich, auch seine Zölle. Die Demokraten machten aus der wirtschaftlichen Not und aus Korruptionsvorwürfen ihr zentrales Wahlkampfthema: Sie verwiesen auf die Milliardengewinne, die Trumps Familie seit der Rückkehr ins Weiße Haus angesammelt haben soll.

Für rund die Hälfte der Wähler war Regierungskorruption ein entscheidender Grund zur Stimmabgabe. Das Land selbst, schließlich, ist gespalten wie selten: Drei Viertel der Stimmberechtigten zeigten sich wütend oder unzufrieden mit der Richtung, in die sich die USA bewegen.

43 % gaben an, mit ihrer Stimme gegen Trump zu stimmen, nur 16 % für ihn. Trump selbst hatte auf dem Höhepunkt dieses Klimas aufgerufen, man solle so wählen, „als stünde ich auf dem Stimmzettel“.

Die Ergebnisse: Eine Abrechnung historischen Ausmaßes

Der Ausgang ist unzweideutig. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten verloren die Republikaner bei einer Halbzeitwahl beide Kammern des Kongresses; Beobachter sprachen von einer der schwersten Niederlagen in der Geschichte amerikanischer Midterms.

In den Senat, in dem nur 35 der 100 Sitze neu vergeben wurden, zogen die Demokraten mit einem Stimmenanteil ein, der am Morgen nach der Wahl bei 54 Sitzen lag, bei zwei noch offenen Rennen.

Sie gewannen sieben Sitze der Republikaner: in Ohio, wo der frühere Senator Sherrod Brown zurückkehrte, in Iowa, in Maine gegen die altgediente Susan Collins, in North Carolina, in South Carolina, in Texas, wo der demokratische Abgeordnete James Talarico den umstrittenen Justizminister Ken Paxton besiegte, und in Kansas, wo mit Adam Hamilton erstmals seit 1932 wieder ein Demokrat zum Senator gewählt wurde.

In Texas endete damit eine 38 Jahre währende republikanische Siegesserie bei Senatswahlen. Der Sitz in Michigan, den der scheidende Demokrat Gary Peters frei machte, blieb in der Hand seiner Partei – und sorgte für das historische Bild des Abends.

Auch das Repräsentantenhaus, in dem alle 435 Sitze neu vergeben wurden, wechselt die Mehrheit. Bis zum Morgen des 4. Novembers waren mehr als 400 Sitze entschieden; die Demokraten lagen bei 228. Nachrichtenredaktionen wie CNBC und NBC projizieren am Ende 245 bis 255 Sitze – eine Mehrheit, wie sie die Partei seit rund zwei Jahrzehnten nicht mehr hatte.

Die Demokraten gewannen dabei Wahlkreise, die Trump 2024 mit bis zu 18 Punkten Vorsprung getragen hatte, und holten neue Sitze in Bundesstaaten wie Kentucky, Missouri, Nebraska, Ohio und Utah.

Zwei Entwicklungen fielen Analysten auf: eine deutlich gestiegene Wahlbeteiligung in überwiegend schwarzen Countys im Süden, die den Demokraten dort mehrere Siege in einst als unverlierbar geltenden Staaten ermöglichte, und die Rückkehr junger sowie hispanischer Wähler von den Republikanern weg.

Bei den Gouverneurswahlen in 36 Staaten, die rund 80 % der amerikanischen Bevölkerung betrafen, verloren die Republikaner vier Posten an die Demokraten – in Texas, Georgia, Ohio und Iowa.

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Foto: The White House | Lizenz: gemeinfrei

In Texas, wo seit 1994 kein Demokrat mehr statewide gewonnen hatte, besiegte die Abgeordnete Gina Hinojosa den dreimal gewählten Amtsinhaber Greg Abbott. Sie wird die erste Latina und die erste demokratische Gouverneurin des Bundesstaates seit 35 Jahren. In Georgia wurde Keisha Lance Bottoms die erste schwarze Frau, die in der Geschichte der USA zur Gouverneurin gewählt wurde; in Ohio besiegte Amy Acton den Tech-Milliardär Vivek Ramaswamy – der erste demokratische Wahlsieg dort seit 20 Jahren –, in Iowa setzte sich Rob Sand durch.

In Kansas und Alaska lagen die demokratischen Kandidaten Cindy Holscher und Jonathan Kreiss-Tomkins bei Redaktionsschluss vorn, ohne dass die Rennen abschließend entschieden waren.

Die Demokraten verteidigten zudem die meisten ihrer Posten, etwa Josh Shapiro in Pennsylvania, Kathy Hochul in New York und Wes Moore in Maryland, und übernahmen frei gewordene Ämter, etwa durch Xavier Becerra in Kalifornien und Deb Haaland in New Mexico, die erste indigene Gouverneurin der USA. Die Republikaner hielten unter anderem Florida, wo Byron Donalds die Nachfolge von Ron DeSantis antritt.

Donald Trump reagierte zwiespältig: auf Truth Social erklärte er, er habe „nicht auf dem Stimmzettel“ gestanden – „und wenn ich darauf gestanden hätte, hätten wir ERDRUTSCHARTIG gewonnen“. Stunden zuvor hatte er noch aufgerufen, so zu wählen, als stünde er selbst zur Wahl.

Gleichzeitig kündigte er in Interviews mit der New York Times und Fox News an, das Ergebnis anzuerkennen und mit den Demokraten zusammenzuarbeiten; im selben Atemzug drohte er mit Vetos. Den Irankrieg räumte er als einen Faktor der Niederlage ein – „ein Stück davon“, wie er sagte –, ohne die militärische Entscheidung zu bereuen.

Was die neue Kongressmehrheit konkret verhindern kann, ist offen: An der Innenpolitik des Weißen Hauses ändert sich formal nichts, doch die Legitimation der zweiten Amtszeit Trumps hat am 3. November einen schweren Riss erhalten.

Milliarden für die Macht

Was am 3. November entschieden wurde, war zuvor auch eine Frage des Geldes geworden – wie nie zuvor in der Geschichte amerikanischer Halbzeitwahlen. Nach Berechnungen von OpenSecrets werden die Midterms insgesamt rund 11,9 Mrd. Dollar kosten: mehr als der Präsidentschaftswahlkampf 2024 und ein Drittel mehr als die Midterms 2022. Fast vier Mrd. davon entfallen auf unabhängige Ausgabengruppen, doppelt so viel wie bei den letzten Halbzeitwahlen.

Ein Rekord betrifft auch die Herkunft der Mittel: Mindestens 1,5 Mrd. Dollar flossen als sogenanntes „Dunkelgeld“ via Organisationen, die ihre Geldgeber nicht offenlegen müssen – mehr als je zuvor in einem Wahlzyklus, bereits jetzt über dem Rekord des Präsidentschaftsjahres 2024.

Die 50 größten Spender, fast durchweg Milliardäre und Firmenverbände, brachten es auf rund 2,8 Mrd. Dollar. 14 der 20 größten Geldgeber unterstützten nur oder fast ausschließlich Republikaner, unter ihnen das Unternehmerehepaar Uihlein, der Trader Jeff Yass und die Casinobesitzerin Miriam Adelson.

An der Spitze steht Elon Musk. Der reichste Mann der Welt investierte nach Unterlagen der Bundeswahlkommission rund 450 Mio. in diesen Wahlzyklus – mehr als jeder andere bekannte Einzelspender der neueren amerikanischen Geschichte; das Brennan Center für Justiz kommt unter Einbeziehung firmenseitiger Leistungen sogar auf 483 Mio Dollar.

Rund 216 Mio. flossen in sein eigenes Super-PAC „America PAC“, das in mehr als 40 Rennen Wahlkämpfer für den Einsatz an Haustüren und Telefonen bezahlte; 158 Mio. gingen an den Senats-Super-PAC der Republikaner, der den größten Teil des Geldes umgehend nach Texas weiterleitete, um Ken Paxton zu retten. Gegen Paxtons demokratischen Gegner James Talarico wurden insgesamt mehr als 200 Mio. Dollar an unabhängiger Angriffswahlwerbung ausgegeben; der Senatssitz in Texas ist mit rund 558 Mio. Dollar Werbeausgaben das teuerste nicht-präsidentielle Rennen der US-Geschichte.

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Foto: The White House | Lizenz: gemeinfrei

Die Bilanz dieser Investitionen fiel ernüchternd aus: Forbes bescheinigte dem reichsten Mann der Welt einen kläglich ausgefallenen Ertrag – Paxton verlor, die Republikaner verloren beide Kammern. Das Geld der Milliardäre kaufte in diesem Jahr Aufmerksamkeit, aber keine Mehrheiten.

Eine Sonderrolle spielt die pro-israelische Lobby AIPAC, die in diesem Zyklus Mio. gegen muslimische Kandidaten aufwandte – und damit erstmals sichtbar scheiterte. Die Organisation hat nach Angaben der New York Times einen Fonds von 233 Mio. aufgebaut. Ihr Netzwerk gab in diesem Zyklus rund 67 Mio. Dollar direkt aus, mehr als doppelt so viel wie 2022. Ihr Super-PAC „United Democracy Project“ legte Geld in 333 von 473 Wahlkreisen an.

Das Rekordinvestment galt Michigan: über 30 Mio. allein in der Vorwahl gegen Abdul El-Sayed, dazu nach Angaben von Senator Bernie Sanders neun Mio. für dessen republikanischen Gegner im Hauptwahlkampf. Angebote von 20 Mio. an Herausforderer von Rashida Tlaib sind dokumentiert; Ziele waren zudem Ilhan Omar, Aisha Wahab in Kalifornien und die Kandidatin Melat Kiros in Colorado. 

Auffällig ist die Tarnung: 13,1 Mio. Dollar leitete ihr Super-PAC via Komitees weiter, deren Namen nichts mit Israel zu tun hatten – über Gruppen, die sich etwa den Namen „Elect Chicago Women“ gaben –, dreimal so viel wie noch 2024.

Doch die Bilanz fiel ernüchternd aus: In den demokratischen Vorwahlen verlor die Lobby so viele Rennen wie nie zuvor; AIPAC kündigte im Oktober an, künftig auf direkte Kandidatenunterstützung zu verzichten. Der erste muslimische Senatssieger der US-Geschichte ist auch das Ergebnis dieser Niederlage.

„Dunkelgeld“ ist dabei keine Erfindung einer Seite: Nach Auswertungen der Rechercheorganisation Issue One pumpten die mit den Führungen beider Parteien verbundenen Dunkelgeld-Organisationen in diesem Zyklus rund 400 Mio. in die großen Super-PACs des Kongresses; bis zum Herbst floss das Geld dort fast gleichauf. Krypto- und KI-Unternehmen gaben allein in Vorwahlen mehr als 127 Mio. Dollar aus.

Die Wurzel dieser Entwicklung ist seit Jahren bekannt: das Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2010 im Fall Citizens United, das Großspenden an politische Komitees nahezu unbegrenzt öffnete. Ob der neue Kongress, den die Wähler gegen genau diese Verhältnisse gestimmt haben, sie begrenzen wird, ist eine der offenen Fragen des 4. Novembers.

Das Abschneiden der Muslime

Der 3. November 2026 ist ein Datum der amerikanisch-muslimischen Geschichte. Abdul El-Sayed, 42, Epidemiologe und früherer Gesundheitsdirektor des Wayne County in Michigan, gewann das Senatsrennen gegen den republikanischen Ex-Abgeordneten Mike Rogers mit 52 zu 46 % der Stimmen und zieht im Januar als erster Muslim überhaupt in den US-Senat ein. Der Sohn ägyptischer Einwanderer, geboren und aufgewachsen in Michigan, hatte die Vorwahl gegen mehr als 30 Mio. Dollar AIPAC-Geld durchgesetzt und danach eine der offen islamfeindlichsten Kampagnen der neueren amerikanischen Geschichte überstanden.

El-Sayed selbst sprach von „einer der hässlichsten Kampagnen, die wir in unserem Leben gesehen haben“. Sein Wahlsieg, den auch der Präsident als Faktum anerkennen muss, wird in muslimischen Gemeinden als Beweis gelesen, dass die Strategie, Kandidaten über ihren Glauben zu diskreditieren, gescheitert ist.

Im Repräsentantenhaus vergrößert sich die muslimische Fraktion deutlich. Die Kongressabgeordneten Rashida Tlaib (Michigan), Ilhan Omar (Minnesota) und André Carson (Indiana) wurden mit deutlichen Ergebnissen wiedergewählt – Tlaib mit rund 84, Omar mit etwa 63 %.

Neu hinzukommen sind unter anderem der Militärchirurg Adam Hamawy in New Jersey, der als Arzt der US-Armee zuvor Verwundete in Gaza behandelt hatte und mit 74 % zum ersten Muslim seines Bundesstaates im Kongress wurde, sowie in New York Darializa Avila Chevalier, Tochter dominikanischer Einwanderer und Muslima, die in Harlem und der Bronx rund 88 % erreichte; sie ist die erste Sozialistin, die den Bezirk seit den 1950er Jahren vertritt.

In Kalifornien verteidigten ihre Sitze Aisha Wahab, die erste Afghanin im Kongress, und Lateefah Simon. Damit kommen auf mindestens sieben muslimische Abgeordnete im Repräsentantenhaus; zusammen mit El-Sayed stellt die Gemeinschaft erstmals acht Mitglieder des Kongresses.

Foto: flickr.com, Lorie Shaull | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Auch unterhalb der Bundesebene gab es Rekorde. In New York zog Aber Kawas als erste palästinensisch-stämmige Muslima in die State Legislature ein, in Georgia gewann die palästinensisch-amerikanische Abgeordnete Ruwa Romman ihren Bezirk im Staatssenat mit 66 %.

Insgesamt waren nach Zählung von CAIR Action mehr als 150 amerikanische Muslime auf den Stimmzetteln des Landes – von Senatssitzen bis zu Stadträten. Die Zahl dieser Amtsträger in den USA lag vor der Wahl nach CAIR-Angaben bei rund 255 in 26 Bundesstaaten.

Hinter diesen Zahlen steht eine Gemeinschaft, die sich politisch neu organisiert. Nach der Umfrage von CAIR und CAIR Action unter registrierten muslimischen Wählern wollten 81 % unbedingt zur Wahl gehen; 63 % nannten die Lebenshaltungskosten als eines ihrer wichtigsten Themen, 89 % die Haltung eines Kandidaten zu Gaza. 87 % lehnten den Krieg gegen Iran ab, 80 % stellten fest, dass Islamfeindlichkeit in den USA zugenommen habe.

Die rund drei Mio. registrierten muslimischen Wähler – von geschätzten acht Mio. Muslimen im Land – gingen diesmal geschlossen zu den Demokraten: 72 % wollten deren Kandidaten wählen, 6 % die Republikaner.

Auch arabischstämmige Amerikaner, die 2024 vielfach aus Protest an der Gaza-Politik der Regierung Biden den Demokraten die Stimme verweigert hatten, kehrten zurück: Laut Arab American Institute wollten 59 % demokratisch, 26 % republikanisch wählen.

Dass muslimische Kandidaten landauf, landab selbst dann gewinnen, wenn die höchsten Ebenen der Regierung sie als Sicherheitsrisiko beschreiben, ist die eigentliche Nachricht dieses Wahlabends.

Mehrheit der jüdischen Stimmen für muslimische Kandidaten

57 bis 60 % der jüdischen Frühwähler Michigans stimmten für El-Sayed, 34 bis 36 % für Rogers, fünf % ließen das Rennen bewusst leer (Erhebung von Mercury Public Affairs unter 482 jüdischen Frühwählern, im Auftrag von The Jewish Majority; Forward, Jewish Insider).

Die Annahme des Trump/Rogers-Wahlkampfs, jüdische Wähler aus Angst vor dem Muslimen zu gewinnen, ist damit gescheitert.

Die Zustimmung war keine Selbstverständlichkeit – 23 % der Slotkin-Wähler von 2024 gingen zu Rogers, El-Sayed lag 21 Punkte hinter Gouverneurskandidatin Benson zurück.

Aber selbst die jüdischen Demokraten, die ihn ablehnten, hätten lieber einen anderen Demokraten gewählt; und über 620 jüdische Wähler, darunter der frühere Kongressabgeordnete Sander Levin, hatten öffentlich für ihn Partei ergriffen.

Jüdische Wähler bildeten laut initialen Exit-Polls eine tragende Säule der siegreichen demokratischen Koalition. Der erste Muslim im Senat wurde auch mit der Mehrheit der jüdischen Stimmen seines Staates gewählt.

Foto: Conlan Houston/via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Islamfeindlichkeit als Wahlkampfmittel

Der Wahlkampf, der diesen Ergebnissen vorausging, war von einer Islamfeindlichkeit geprägt, die ihresgleichen sucht. Trump selbst nannte El-Sayed wiederholt einen „Dschihadisten“ und „Muslimbruder“, sprach verächtlich von „Mohammed“ statt vom Namen des Kandidaten, behauptete, El-Sayed wolle die Scharia in den USA einführen, und fragte bei einer Kundgebung an, ein Muslim werde als einziger Senator „durch einen Metalldetektor müssen“.

Er verglich die Verhinderung von El-Sayeds Einzug in den Senat mit den Passagieren von Flug 93 am 11. September 2001. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy junior hielt auf einer Wahlveranstaltung fest, hunderte Millionen Araber hätten nichts zur Wissenschaft und Literatur beigetragen.

Senator Ted Cruz warnte, El-Sayed im Geheimdienstausschuss sei ein „sehr reales Risiko, dass Amerikaner sterben“. Senator Tommy Tuberville nannte ihn schlicht einen „TERRORISTEN“. Repräsentant Randy Fine hatte im Kongress die Ausbürgerung amerikanischer Muslime gefordert.

Die Kampagne gegen El-Sayed war systematisch. Republikanische Stellen verwendeten konsequent seinen vollen Namen „Abdulrahman Mohamed El-Sayed“, um ihn als fremd erscheinen zu lassen. Sein Gegner Rogers fragte im TV-Duell, ob Angehörige El-Sayeds auf Terrorlisten stünden.

Das Center for the Study of Organized Hate zählte, dass islamfeindliche Beiträge über El-Sayed nach seinem Vorwahlsieg von durchschnittlich 155 pro Tag auf 3.099 täglich anstiegen – eine Steigerung um 1.900 Prozent.

Auf der Straße versammelten sich in Michigan selbsternannte christliche „Kreuzritter“ in Militäraufmachung, die die Deportation des in Michigan geborenen Kandidaten forderten; ein „Crusader March“ in Dearborn brachte es im August auf rund 2.000 Teilnehmer.

Muslime erlebten all dies nicht nur als Stimmung: Laut CAIR verzeichnete die Organisation 2025 mit 8.683 Beschwerden das höchste Jahresergebnis ihrer Geschichte; Angriffe auf Moscheen stiegen zwischen Mai und Juli 2026 um 183 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Staat griff ebenfalls ein – gegen Muslime. Am 12. Oktober, drei Wochen vor der Wahl, durchsuchten Beamte der Einwanderungsbehörde das Wohnhaus Ilhan Omars in Washington und nahmen 17 Gegenstände mit, darunter Telefone und Notizbücher.

Nach Recherchen von Reuters und dem „Wall Street Journal“ zielt die Untersuchung auf den Aberkennung ihrer US-Staatsbürgerschaft und ihre Abschiebung; Trump und sein Heimatministerium hatten beides öffentlich ins Spiel gebracht. Trump hatte zuvor Omars Rücktritt gefordert.

Omar, die als Somaliflüchtling in die USA kam und seit 2019 im Kongress sitzt, sprach von politischer Einschüchterung; wegen Morddrohungen muss sie nun ihre Wohnung in Washington aufgeben.

Gleichzeitig eskalierte der Kampf gegen muslimische Organisationen: In Texas klagte der Justizminister – Paxton, der seinen Senatssitz verlor – gegen CAIR, um dem Verband die Arbeit im Bundesstaat zu unmöglichen; Gouverneur Abbott hatte zuvor angeregt, CAIR Texas als „ausländische Terrororganisation“ einzustufen.

Die Republikaner Texas’ beschlossen ein Parteiprogramm mit dem Titel „Don’t Sharia my Texas“, das Sanktionen, Ausbürgerung und Deportation für Anhänger islamischer Rechtspraxis vorsieht; ein entsprechender „Sharia-Free America Caucus“ im Repräsentantenhaus kommt auf 68 Mitglieder. Der Bundesstaat nahm zudem eine Lehrplanrevision in Kauf, die Islam und den Propheten Muhammad nach Ansicht von Kritikern verzerrt darstellt.

Muslime in den USA haben auf diese Entwicklung nicht mit Rückzug reagiert, sondern mit Mobilisierung. Moscheegemeinden wie die Islamic Society of Greater Houston, die mehr als 30 Moscheen vertritt, dehnten ihre Wählerregistrierungsaktionen aus und riefen in den Freitagsgebeten zur Wahl auf.

CAIR in Kalifornien rief die Community auf, die Stimme als „notwendiges Werkzeug kollektiven Widerstands, des Schutzes der Gemeinschaft und politischer Rechenschaft“ zu begreifen.

Junge Arabischstämmige berichteten zwar, dass sie sich infolge der Hetze unsicher fühlten – in ihrem eigenen Land, wie sie sagten. Doch die Wahlbeteiligung und die Ergebnisse geben ihnen Recht: Die Islamophobie, die diesen Wahlkampf prägte, hat den Muslimen, gegen die sie gerichtet war, nicht geschadet.

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