Ohne den Islam lässt sich Europa gar nicht erzählen
Europas Herkunft neu zu denken gehört zum deutschen geistigen Erbe. Das zeigt ein überraschender Blick auf Johann Gottfried Herder.
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(iz). Der christliche Theologe und Philosoph würdigte, wie viel Europa der islamisch geprägten Welt verdankt. Ahmet Aydin greift in seinem Essay ausgewählte Aspekte seiner Masterarbeit auf und zeigt, wie Herders Gedanken vertraute Vorstellungen von Europas Wurzeln hinterfragen.
„Man kann also nicht über Europa sprechen, ohne das Christentum zu erwähnen.“ Diesen Satz sagte Papst Leo XIV. am 28. September in Metz. Er verdient Zustimmung – und eine Fortsetzung: Man kann auch nicht über Europa sprechen, ohne den Islam zu erwähnen. Für diese Einsicht gibt es viele Zeugen.
Einem ihrer frühen Vertreter habe ich meine Masterarbeit gewidmet: Johann Gottfried Herder, einem bekennenden Christen und einem der Gründerväter der modernen deutschen Kultur.
Gerade diese Verbindung macht seinen Blick auf Europa aufschlussreich. Hier würdigt ein protestantischer Theologe, der die deutsche Geistesgeschichte entscheidend mitprägte, die Leistungen der islamischen Welt. In seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ beschreibt er, wie viel Europa Muslimen verdankt. Seine Überlegungen berühren eine Frage, die über die Anerkennung einzelner Erfindungen hinausreicht: Wie kann eine Kultur verstehen, was sie ist, wenn sie vergisst, von wem sie gelernt hat?
Der Papst selbst gibt dieser Frage Raum. In derselben Rede nennt er die arabische Kultur auf der Iberischen Halbinsel und beschreibt Europas Entwicklung als eine Geschichte der Begegnungen. Es wäre deshalb falsch, ihm eine ausschließlich christliche Deutung des Kontinents zu unterstellen.
Doch sein prägnanter Satz lädt dazu ein, den Gedanken weiterzuführen. Wenn die Erinnerung an das Christentum zum Verständnis Europas unerlässlich ist, muss auch der Beitrag der islamisch geprägten Welt einen selbstverständlichen Platz in seiner kulturellen Selbsterzählung erhalten. (vatican.va)

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Europas Erbe hat viele Urheber
Wie entschieden sich dieser Anspruch begründen lässt, zeigt ein Blick in Herders Hauptwerk. Dort heißt es: „die ganze Kultur des nord-, öst- und westlichen Europa ist ein Gewächs aus römisch-griechisch-arabischem Samen“. Das ist eine bemerkenswerte Beschreibung europäischer Herkunft. Was später als eigene Tradition erscheint, wächst aus Voraussetzungen, die andernorts geschaffen wurden. Der arabische Anteil gehört für Herder in die Erklärung dessen, was Europa überhaupt werden konnte.
Die Rede vom Islam verlangt dabei Genauigkeit. Herder spricht in den betreffenden Abschnitten vor allem von den Arabern. Arabisch, muslimisch und islamisch sind keine austauschbaren Begriffe. Die von ihm gewürdigte Wissenswelt lässt sich weder auf eine ethnische Herkunft noch auf ein Glaubensbekenntnis ihrer Gelehrten reduzieren. Gemeint ist ein historischer Kulturraum, der vom Islam geprägt wurde und dessen Leistungen durch unterschiedliche Menschen, Sprachen und Überlieferungen zustande kamen. Seine Bedeutung für Europa anzuerkennen heißt, diesen Zusammenhang sichtbar zu machen.
Gerade Herder ist dafür ein überraschender Zeuge. Im Gedächtnis der deutschen Kultur steht er hinter Goethe und Schiller zurück. Wo sein Name fällt, ist häufig von Volk, Sprache und nationaler Eigenart die Rede. Nationalistische Vereinnahmungen haben diese Begriffe gegen seinen weltbürgerlichen Anspruch ausgespielt. Doch wer sein Hauptwerk aufschlägt, begegnet einem Denker, für den Europa seine Bildung anderen verdankt und dessen Vorstellung von Menschlichkeit die Beschäftigung mit fremden Kulturen geradezu verlangt.
Der Schlüssel dazu liegt in seiner Idee der Humanität. Ohne sie bleiben seine Urteile über einzelne Gesellschaften unverständlich. Herder fragt, wie Menschen ihre Fähigkeiten entwickeln, ihre Vernunft gebrauchen und zu einem menschlicheren Leben gelangen. Das ist für ihn die gemeinsame Aufgabe einer vielfältigen Menschheit. Ihre Erfüllung nimmt unterschiedliche Formen an, weil Menschen unter unterschiedlichen Bedingungen leben. Keine einzelne Gesellschaft kann deshalb ihre Gewohnheiten ohne Weiteres zum gültigen Maßstab für alle anderen erklären.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Es wird unbequem, sobald Europa selbst an diesem Maßstab gemessen wird. Wer europäische Kultur zur Definition von Kultur überhaupt erhebt, wird außerhalb Europas hauptsächlich Mängel entdecken. Herder legt diesen Zirkelschluss offen: Setzt man den europäischen Kulturbegriff voraus, findet man die entsprechende Kultur eben in Europa. Über die Fähigkeiten, Erfahrungen und Leistungen anderer Menschen ist damit noch wenig gesagt. Man hat vor allem das eigene Spiegelbild gesucht.
Damit verbindet sich eine weitere Einsicht: Niemand beginnt bei null. „Kein einzelner von uns ist durch sich selbst Mensch worden“, schreibt Herder. Eltern, Lehrende und Freunde, die Sprache und die überlieferten Vorstellungen einer Gesellschaft wirken an unserer Bildung mit. Selbst wer etwas Neues schafft, arbeitet mit Möglichkeiten, die andere eröffnet haben. Die eigene Vernunft entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit fremder Vernunft. Das gilt für einzelne Menschen ebenso wie für ganze Gesellschaften.
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Das Licht, das Europa erhellte
Besonders eindrucksvoll wird das dort, wo er die arabische Welt behandelt. Den vorausgehenden Abschnitt über das mittelalterliche Europa beendet er mit einem Bild: Dem festen Gebäude seiner Ordnung habe noch eines gefehlt, „Licht“. Danach wendet er sich den Arabern zu. Schon dieser Übergang ist eine Aussage. Die Frage lautet, auf welchen Wegen Europa geistige Anregungen empfing. Wer nur auf seine christlichen Institutionen blickt, kann die Antwort, die Herder gibt, nicht vollständig erfassen.
Sein Lob ist konkret. In Mathematik, Chemie und Arzneikunde seien die Araber mit eigenen Erweiterungen der Wissenschaften zu Lehrern Europas geworden. Herder würdigt astronomische Beobachtungen, Tafeln und Instrumente, die Anwendung der Himmelskunde auf die Erdkunde, Landkarten und Kenntnisse für die Seefahrt. Wissenschaftliche Leistungen ermöglichen weitere Leistungen. Mit ihnen verändern sich die Fragen, die Menschen stellen können, und die Mittel, mit denen sie Antworten suchen.
Dabei zählt das Wort „eigene“. Herder beschreibt die arabische Wissenskultur als schöpferisch. Sie hat Erkenntnisse hervorgebracht und vorhandene Kenntnisse vermehrt. Wer ihre Bedeutung darauf beschränkt, antike Texte für Europa aufbewahrt zu haben, erfasst diese Würdigung nicht. In Herders Darstellung begegnet Europa einer Welt, von der es etwas lernen kann, weil dort selbstständig gedacht, geforscht und erfunden wurde. Die Lehrer haben mehr geleistet, als das Wissen anderer weiterzureichen.
Er nennt Städte wie Bagdad und Córdoba als Orte der Gelehrsamkeit und beschreibt eine Ausstrahlung, die weit über Europa hinausreichte. Seine Perspektive macht sichtbar, dass Europa Teil größerer Zusammenhänge war. Wissenschaftliche Entwicklung lässt sich darin nicht als Besitzgeschichte eines einzigen Kontinents erzählen. Menschen übernehmen Erkenntnisse, bearbeiten sie unter neuen Bedingungen und geben sie weiter. Wer empfängt, kann später selbst zum Geber werden. Keine dieser Rollen ist für immer an eine Herkunft gebunden.
Besonders weit geht Herder in den späteren „Briefen zur Beförderung der Humanität“. Dort schreibt er, an den Grenzen des arabischen Gebiets, in Spanien und Sizilien, habe „für ganz Europa die erste Aufklärung“ begonnen. Die Formulierung verdient Aufmerksamkeit. Ein deutscher Denker der Aufklärung erkennt einen Anfang europäischer Aufklärung in der Begegnung mit der arabischen Welt. Das widerspricht einer Geschichte, in der Europa allein die Vernunft hervorbringt und sie anschließend der übrigen Menschheit übergibt.
Aufklärung meint hier die Erweiterung menschlicher Kenntnisse und Fähigkeiten. Herders Verwendung des Begriffs reicht über die Bezeichnung einer bestimmten europäischen Epoche hinaus. Überall, wo Menschen ihre Vernunft ausbilden, Vorurteile überwinden und neue Einsichten gewinnen, wird etwas von der gemeinsamen menschlichen Bestimmung verwirklicht. Mit diesem Verständnis wird es möglich, in außereuropäischen Gesellschaften eigenständige geistige Leistungen anzuerkennen, ohne sie zunächst an europäischen Vorbildern messen zu müssen.
Damit erhält der Satz vom islamischen Anteil an Europa seine eigentliche Bedeutung. Es geht um die Voraussetzungen dessen, worauf Europa selbst stolz ist: wissenschaftliche Neugier, Erkenntnisfähigkeit und geistige Entwicklung. Wer diese Geschichte erzählt, begegnet der islamisch geprägten Welt innerhalb der Entstehung des europäischen Selbstverständnisses. Sie lässt sich nicht dauerhaft auf die Rolle eines Gegenübers reduzieren, an dem Europa lediglich seine Andersartigkeit erkennt.

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Wer seine Lehrer vergisst, verkennt sich selbst
Herders Anerkennung ist umso aufschlussreicher, als sie keineswegs aus vorbehaltloser Zustimmung zur Religion hervorgeht. Er kritisiert religiöse Leichtgläubigkeit und das Aufgeben des eigenen Urteils. Solche Kritik richtet er auch gegen christliche Institutionen. Wo Gehorsam den Gebrauch der Vernunft ersetzt, wird menschliche Entwicklung behindert. Sein Maßstab lässt sich deshalb nicht sauber entlang einer Grenze zwischen christlicher und islamischer Welt verteilen. Er fordert von beiden, was er dem Menschen überhaupt aufgibt.
Sein Blick auf das damalige China verdeutlicht diesen Maßstab. Herder fällt über das Reich harte, zum Teil pauschale Urteile. Das bekannte Bild der „balsamierten Mumie“ beschreibt eine Gesellschaft, der er geistige Erstarrung vorwirft. Gleichzeitig bewundert er die Beständigkeit ihrer Ordnung und ihren kulturellen Einfluss auf benachbarte Länder. Er erkennt also Leistungen an, auch wenn er andere Eigenschaften scharf kritisiert. Seine Darstellung lässt sich nicht auf ein einziges Urteil reduzieren.
Sogar Chinas Zurückhaltung gegenüber europäischen Akteuren hält er angesichts ihres Verhaltens in Asien für politisch verständlich. Wer Begegnung fordert, muss berücksichtigen, wie diejenigen auftreten, die Zugang verlangen. Eroberung, Ausbeutung oder Überheblichkeit werden durch das Versprechen kultureller Bereicherung nicht unschuldig. Herder mahnt sein Europa, sich an jenem Anspruch messen zu lassen, mit dem es andere beurteilt. Humanität verpflichtet gerade diejenigen, die sich für besonders gebildet halten.
Dieser selbstkritische Blick ist für das Verständnis seiner Haltung entscheidend. Herder interessiert sich für andere Kulturen auch deshalb, weil er die eigene weiterentwickeln möchte. Fremde Leistungen kennenzulernen kann helfen, eigene Beschränkungen zu erkennen. Das gilt für politische Einrichtungen ebenso wie für Wissenschaft und Kunst. Eine Gesellschaft verliert nicht ihre Eigenständigkeit, wenn sie lernt. Sie zeigt vielmehr, dass sie imstande ist, Erfahrungen zu prüfen und etwas daraus zu machen.
Für Herder besitzt dieser Zusammenhang eine religiöse Tiefe. Er sieht Natur und Geschichte als Bereiche göttlichen Wirkens. Menschliche Schöpfungskraft erhält dadurch eine Bedeutung, die über den praktischen Nutzen einer Erfindung hinausreicht. Wo Menschen Erkenntnisse gewinnen und Humanität entfalten, verwirklichen sie ihre Bestimmung. Gerade deshalb kann das Wahre und Gute nicht auf ein einziges Volk beschränkt bleiben. Die Leistungen anderer kennenzulernen erweitert auch den Blick auf die Möglichkeiten des Menschseins.
Man muss diese religiösen Voraussetzungen nicht teilen, um die Tragweite seines Gedankens zu erkennen. Allerdings sollte man Herder auch nicht zu einem widerspruchsfreien Zeitgenossen machen. Seine Beschreibungen enthalten stereotype Zuschreibungen und abwertende Rangordnungen. Seine historische Kenntnis war begrenzt. Ein Satz aus dem 18. Jahrhundert ersetzt keine heutige historische Forschung. Doch seine ausdrückliche Anerkennung arabischer Leistungen zeigt, dass eine weiter gefasste europäische Herkunftserzählung längst zum deutschen geistigen Erbe gehört.
Was folgt daraus für die Rede von Europas Wurzeln? Zunächst die Bereitschaft, die eigene Herkunft genauer zu kennen. Christliche Prägungen können gewürdigt werden, ohne andere Beiträge an den Rand zu drängen. Ebenso wenig ersetzt die Anerkennung der islamisch geprägten Wissenswelt die Erinnerung an die jüdischen, griechischen, römischen und weiteren Überlieferungen Europas. Vollständiger wird diese Geschichte dort, wo ihre Verbindungen sichtbar werden und niemand kulturelle Entwicklung ausschließlich für sich beansprucht.
Man kann nicht über Europa sprechen, ohne das Christentum zu erwähnen. Mit Herder lässt sich hinzufügen: Man kann nicht über Europa sprechen, ohne den Islam und die von ihm geprägte Kulturgeschichte zu erwähnen. In der Anerkennung dieser Vergangenheit liegt die Möglichkeit eines aufgeklärteren Selbstverständnisses. Wer Europa verstehen will, muss auch seine Lehrer kennen.
Literaturempfehlungen:
– W. Montgomery Watt: Der Einfluss des Islam auf das Europäische Mittelalter
– Monika Walter: Der verschwundene Islam? Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas
– Abdal Hakim Murad: Heimwärts – Über den Islam in Europa
– Dag Nikolaus Hasse: Was ist europäisch? Zur Überwindung kolonialer und romantischer Denkformen