Welterbestatus von Sebastia: Ein Dorf fürchtet die Enteignung
In Sebastia geht ein Streit um Archäologie, um Land und um Rechte. Die Unesco, die über die Aufnahme der Stätte in die Welterbeliste berät, ist nun die Hoffnung der Palästinenser.

Foto: <a href=https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Ovedc>Ovedc</a>/Wikimedia Commons | Lizenz: <a href=https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en>CC BY-SA 4.0</a>
(KNA). Das biblische Samaria – seit tausenden von Jahren ist das heutige palästinensische Dorf Sebastia im Norden des Westjordanlands besiedelt. In den Augen der Unesco steht es beispielhaft für kulturelle Kontinuität und Vielfalt. Wenn das zuständige Gremium über Neuaufnahmen ins Welterbe-Verzeichnis debattiert, hofft man in Sebastia.
Denn Israels Besatzungsbehörden haben Enteignungen angekündigt. Sie führen Vernachlässigung, Plünderung und mangelnden Schutz jüdischen biblischen Erbes ins Feld. Kritiker sehen den Versuch einer archäologischen Säuberung Palästinas.
Der Parkplatz, vor ein paar Jahren frisch angelegt, geht nahtlos ins Forum Romanum über. Bis vor ein paar Jahren spielte die Dorfjugend hier Fußball, das windschiefe Tor zwischen den römischen Säulen. Kein Zaun um die Ausgrabungen, kein Kassenhäuschen. Einfache Drahtseile markieren den unebenen Weg durch die Olivenhaine, in denen die Ruinen liegen. Grillen zirpen.
Hier stand das alttestamentliche Samaria, Hauptstadt des Nordreichs Israel. Im 9. Jahrhundert v. Chr. von König Omri gegründet, wurde der Ort belagert, erobert, zerstört, verschenkt, wieder aufgebaut. Als Sebaste erreichte er unter Herodes dem Großen (73-4 v. Chr.) neue Blüte.
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Für Jahrhunderte wurde Sebastia Bischofssitz. Christen verehren seit frühester Zeit den Ort, an dem der abgeschlagene Kopf des Johannes des Täufers begraben sein soll. Reste einer byzantinischen Kirche, einer Kreuzfahrerbasilika und einer Moschee zeugen von dieser Tradition.
Das Friedensabkommen von Oslo teilte das Dorf. Der obere Teil, einschließlich der antiken Stätte, steht als C-Gebiet vollständig unter israelischer Kontrolle. Der untere Teil mit dem heutigen Dorfkern gehört zu den B-Gebieten, in denen die Palästinensische Behörde in zivilen Verwaltungsdingen das Sagen hat.
Etwa 4.000 Einwohner zählt Sebastia. Seine engen Gassen ziehen sich malerisch den Hügel hinauf, um dessen Kuppe sich die archäologische Stätte ausbreitet.
Um sie dreht sich der Kampf zwischen Israel und den Palästinensern um Land, um Kulturerbe und um das Narrativ in der konfliktreichen Region. Im November enteignete die israelische Koordinationsstelle für Regierungsaktivitäten in den besetzten Gebieten 180 Hektar in Sebastia.
Die israelische Organisation Peace Now sieht darin eine Methode – palästinensisches Land unter dem Vorwand des Schutzes von Altertümern in Besitz zu nehmen.
Der Fall von Sebastia war laut Peace Now die bislang größte archäologisch begründete Landenteignung. Auch die Europäische Vereinigung der Archäologen äußert Sorge. Sie warnt vor einer Politisierung der Altertumswissenschaft in einer Weise, „die gegen das Völkerrecht verstößt und den Osloer Abkommen zuwiderläuft“.
Seit 2012 läuft der palästinensische Antrag auf Aufnahme Sebastias in die Welterbeliste. Der Hügel mit seinen Ruinen, seinen Obst- und Olivenbäumen ist Teil des aktiven Dorflebens. In einem Unesco-Exposé ist von „starker kultureller Kontinuität“ die Rede.
Der Bogen reicht von der israelitischen Eisenzeit über die Perser, die hellenistische und römische Zeit, Byzanz, die islamische Herrschaft bis heute; eine Geschichte, so vielfältig wie vital.
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Doch die Tische in den kleinen Cafés rund um die archäologische Stätte sind hochgeklappt. Seit Jahren verirrt sich vielleicht ein Besucher täglich nach Sebastia, an guten Tagen auch zwei, sagt Soher Abadi. Hinter ihm liegen die rußigen Wellblechreste seines Kiosks. Jemand, „wahrscheinlich ein israelischer Siedler“, hat sein kleines Geschäft in Brand gesteckt, sagt er.
Der 70-Jährige sitzt auf einem Plastikstuhl im Schatten einer stattlichen Olive. Daneben döst sein Esel in der Sonne. Kommt ein Besucher, breitet Soher den Inhalt eines Plastikbeutels auf der steinernen Mauer des Olivenhains aus: hausgemachtes Olivenöl, die typische Thymian-Sesam-Mischung namens Za’atar, Johannisbrot und Eingelegtes.
Mit den antiken Münzen, die er sorgsam in ein Tuch geschlagen aus seiner Hosentasche zieht, kann er die Universität für den ältesten Sohn nicht finanzieren. „Ich sitze hier, weil ich nichts anderes zu tun habe. An manchen Tagen verkaufe ich gar nichts.“
Abu Ayyad hat nichts zu verkaufen. Sein Café am Rundweg durch die Ausgrabungen ist seit Beginn des Gaza-Kriegs geschlossen, „wie fast alle Restaurants und Souvenirläden hier“. Vorher, so erzählt er, kamen jedes Wochenende über tausend Palästinenser aus dem ganzen Westjordanland.
„Sebastia war der Ort, an dem sie durchatmen konnten.“ Jetzt kommen weder Touristen noch Einheimische, nicht einmal mehr Pilger. Bei einer Razzia der israelischen Armee wurde ein Besucher schwer verletzt, berichtet Abu Ayyad. Solche Geschichten schreckten die Menschen ab. Nur nicht die israelischen Siedler.
Allein an diesem Morgen seien sie mit rund 50 Fahrzeugen nach Sebastia gekommen, sagt Abu Ayyad. Sollte Israel seine Pläne für eine Erschließung Sebastias umsetzen, würden die Palästinenser abgeschnitten, fürchtet er – ebenso wie die israelische Archäologen-Organisation Emek Shaveh, die sich gegen eine siedlungspolitische Instrumentalisierung ihres Fachs wendet.
Sie warnt, die symbolträchtige frühere Reichshauptstadt Samaria könne eine von Siedlern betriebene Touristenattraktion ähnlich der Davidstadt in Ostjerusalem werden.
Abu Ayyad denkt nicht nur an die Zukunft seines Cafés oberhalb des Forum Romanum und die Einkünfte aus dem Tourismus. Seit Generationen lebt seine Familie in Sebastia.
Das historische Erbe gehört für ihn zum Dorf wie die traditionelle Landwirtschaft, das eigentliche wirtschaftliche Standbein der Einwohner. Ein Großteil ihrer Obst- und Olivengärten liegt auf den enteigneten 180 Hektar. Nicht nur der Einsatz von Traktoren und Ackergerät könnte verboten werden, befürchtet er – auch der Zugang der Palästinenser zu weiteren Teilen ihres Landes.