Sehnsucht nach „starken Männern“
In aller Welt kommen „starke Männer“ an die Macht. Massenwut, Verarmung und Globalisierung helfen seit mehr als einem Jahrzehnt beim Aufstieg autoritärer Charaktere.
Foto: Isac Nóbrega/PR | Lizenz: CC BY 2.0
(iz). Ob in den Slums von Karatschi, in den demografisch gealterten Kleinstädten Ostdeutschlands, im „Rust Belt“ der USA oder in Argentinien – seit Längerem ist ein anschwellender Chor der Wut zu vernehmen. Begleitet wird dieser immer häufiger von Rufen nach einem „starken Mann“.
Der indische Kritiker Pankaj Mishra deutet den heutigen Populismus als „Politik des Ressentiments“. Wo die Moderne Freiheit, Wohlstand und Anerkennung versprach, aber für viele Menschen Ungleichheit, Prekarität und kulturelle Entwertung produziert, entstehen Wut, Neid und das Gefühl, von Eliten oder fremden Mächten gedemütigt zu werden.
Das gilt in seinen Augen nicht nur in Europa und den USA, sondern auch für postkoloniale Gesellschaften sowie verschiedene Formen des ethnischen, religiösen und autoritären Nationalismus. Dabei nimmt er u.a. extreme muslimische, hindu-nationalistische sowie rechtspopulistische Bewegungen im Westen in den Blick.
„Starke Männer“: Aus Wut entsteht Massen-Sehnsucht
Aus dieser Wut entsteht die Sehnsucht nach einem „starken Mann“. Sie bietet keine Lösungen für soziale und globale Ungleichheit. Allerdings hat sie ein erfolgreiches Narrativ zu bieten, das Menschen auf der ganzen Welt anzieht: „Wir gegen sie“, „nationale Wiedergeburt anstatt komplizierter Politik“ und „Stärke statt Zweifel“.
Die Führungsfigur verwandelt Ohnmacht in geliehene Macht, indem sie Minderheiten, Eliten oder äußere Gegner demütigt. Laut Mishra ist das die gefährliche Attraktion des Autoritarismus im „Zeitalter des Zorns“: Er verspricht Würde, wenn er die Ausgrenzung anderer organisiert.
Die von ihm beschriebenen Mechanismen sind nicht neu. Die Auseinandersetzung mit Tyrannei sowie dem populistischen Zusammenspiel von angehenden Despoten und der instrumentalisierten Masse ist Teil unserer Ideengeschichte. Sie wurde in der europäischen Antike von griechischen Denkern wie Platon thematisiert und von römischen Historikern wie Tacitus im Rückblick auf den Untergang der Republik beschrieben.
Foto: Sushil Nash, Unsplash
An dieser Stelle ist eine Einschränkung nötig. Die Kenntnis von Geschichte, ihren Beispielen und des Handelns früherer Mächtiger ist beim Verständnis hilfreich.
Dabei steht uns einiges zur Verfügung: von Chroniken über Biografien bis zu Warnungen. Allerdings ist Vergangenheit keine Gebrauchsanweisung. Es hilft nichts, bei Oberflächenähnlichkeiten zu bleiben, ohne die Realität der Macht zu begreifen.
Daher können Vergleiche nicht nur falsch, sondern gar gefährlich sein. Donald Trump ist bspw. nicht mit einem Diktator der 1930er Jahre gleichzusetzen. Viktor Orbán ist kein Wiedergänger Miklós Horthys. Heute müssen die „starken Männer“ ihre Schläger nicht mehr zu Veranstaltungen der Opposition auffahren lassen; oft genügt eine Armee von Bots.
Ein Kennzeichen des heutigen Populismus ist, dass er nicht auf die sichtbaren Versatzstücke vergangener Diktaturen angewiesen ist; selbst wenn es bei Anhängern nostalgische Anklänge gibt.
Das Wissen um die Geschichte ist wichtig, um zu verstehen, wie eine extreme Bewegung einen Rechtsstaat ohne Gegenwehr übernehmen kann oder welche Gefahr extrem konzentrierte private Wirtschaftsmacht für den Bestand einer Republik darstellen kann.
Platons Warnung aus der Vergangenheit
Die Furcht vor Populismus, seinen Nutznießern und den Folgen für ein Gemeinwesen ist nicht neu, sondern reicht bis in die Antike zurück. Schon Platon, Philosoph des klassischen Athen, beschäftigte sich mit diesen Fragen.
Selbstredend liefert er uns keine moderne Theorie aber eine der eindruckvollsten Diagnosen von Demagogie, Tyrannei, Gesetzlosigkeit und Verführung durch einen „Freund des Volkes“.
Seine zentrale These in der „Politeia“ lautet: Eine Demokratie kann in Ungerechtigkeit umschlagen, wenn Freiheit zu Maßlosigkeit wird und ein „Volksführer“ soziale Gegensätze und politische Feindschaften ausnutzt.
In einer polarisierten Ordnung, so ein Gedanke, tritt ein „Volksführer“ auf. Dieser gebe sich als Beschützer gegen die Reichen und jene, die er zu Feinden erklärt, fordere Maßnahmen für sie und baue so seine persönliche Anhängerschaft auf. Diese Figur werde dann zum Tyrannen, wenn sie Gewalt, Verfolgung, Verbannung und Enteignung anwendet.
Für ihn wird er von ungeordneten, gesetzlosen Begierden beherrscht. Politische Verhältnisse und seelische Verfassung sind bei ihm eng miteinander verknüpft. Dieser Typus kennt keine innere Ordnung, nimmt sich, was er will, und lebt in ständiger Angst, Misstrauen und Zwang.
Foto: Kosths/Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Was zeichnet diese „starken Männer“ aus?
In der Antike wurde der Tyrann vor allem als politische und moralische Figur beschrieben. Moderne Autoren suchen dagegen nach institutionellen, biografischen und psychologischen Erklärungen für seine Macht. „Wir sind schon immer von starken Führungspersönlichkeiten fasziniert gewesen, ganz gleich, ob es sich dabei lediglich um autoritäre Persönlichkeiten oder um echte Diktatoren handelt.
Sie bestimmen das politische Klima des Landes, das sie regieren, auch wenn es dabei unweigerlich zu Turbulenzen kommt.“ Das schreibt der britische Journalist Iain Dale im Geleitwort des von ihm herausgegebenen Sammelbands „The Dictators“.
In einem einführenden Text stellt der Historiker Peter-Caddick Adams eine wichtige Frage über diesen Typus: „Bevor wir uns mit dem Leben dieser verabscheuungswürdigen Menschen befassen, hielten wir es für sinnvoll, für die Zwecke dieses Bandes den Begriff ‘Diktator’ zu definieren und zu erläutern, wie sich Diktatoren von anderen Arten autoritärer Führer unterscheiden.“
Zunächst versucht er, diese Bezeichnung für das Buch arbeitsfähig zu machen und ihn von zusätzlichen Formen abzugrenzen. Demnach seien „starke Männer“ nur selten Monarchen, die kraft Geburt herrschten.
Typischerweise gelangten sie vielmehr durch politische Verfahren an die Macht: Sie nutzten Parteien, Konflikte zwischen den Lagern oder innerhalb von Clanstrukturen, gründeten Organisationen bzw. bemächtigten sich vorhandener Machtapparate.
Diktaturen unterschieden sich sowohl in ihren Methoden wie in ihrem politischen Erbe. Nicht selten entwickle sich eine zunächst vergleichsweise gemäßigte Herrschaft schrittweise zu einem offenen Terrorregime. Andere Machthaber hätten ihre Macht von Beginn an auf Gewalt und Unterdrückung gegründet und diese später weiter verschärft.
Caddick-Adams hebt den Einparteienstaat als ein häufiges Kennzeichen moderner Diktaturen hervor. Seiner Meinung nach besteht das Wesen einer solchen Herrschaft darin, Macht zu erringen und abzusichern. Dazu wird eine Partei geschaffen, übernommen oder zu einem Herrschaftsinstrument umgebaut.
Nach Einschätzung politischer Analysten sind viele von ihnen narzisstisch geprägt. Sie kombinieren Fantasien grenzenloser Macht, Ruhm, Anerkennung und Dominanz mit einem starken Mangel an Mitgefühl.
Ihre eigene Zielstrebigkeit, Machtwille und Sendungsbewusstsein haben deshalb überproportionale Folgen. Erst in Verbindung mit Narzissmus und fehlender Empathie wird dieser Wille zu einer für demokratische Gesellschaften toxischen und gefährlichen Mischung.
Der Psychologe und Neurowissenschaftler Ian Robertson greift diesen Gedanken auf. Er beschreibt den Diktator als jemanden, der sich über Regeln, Gesetze und soziale Konventionen stellt.
Er diktiert Vorgaben für andere, fühlt sich selbst aber nicht an sie gebunden. Der Autor erklärt diese Haltung in einer bewusst zugespitzten These mit den psychologischen und neurobiologischen Folgen von Macht.
Bereits geringe Machtgewinne können das Selbstvertrauen, die Entscheidungsfähigkeit und die Risikobereitschaft stärken. Über hormonelle und dopaminerge Prozesse kann Herrschaftsgewalt zudem Angst senken, zielgerichtetes Handeln erleichtern und Führungsfiguren überzeugender erscheinen lassen.
Mit wachsender und dauerhaft unkontrollierter Macht kann dieser Effekt jedoch kippen. Laut Robertson schwächt diese die Empathie, fördert eine instrumentelle Sicht auf andere Menschen und macht Machthaber blind für Risiken und korrigierende Einwände. So kann aus Selbstvertrauen Selbstüberschätzung werden und aus politischer Gestaltungskraft können narzisstische Allmachtsfantasien entstehen.
Foto: zabanski, Shutterstock
Ein wichtiger Hinweis von Hannah Arendt
Es gibt ein wiederkehrendes Medienphänomen. In englischsprachigen Formaten werden prominente Gäste häufig nach den schlimmsten Figuren der Geschichte gefragt. Die Antwort lautet bemerkenswert oft: Hitler oder Stalin.
Wenn heute von der Sehnsucht nach „starken Männern“ die Rede ist, sind Herrscher totalitärer Regime wie diese – neben anderen – nicht unmittelbar gemeint. Wege zur Macht und Methoden der Mobilisierung können ähnlich scheinen. Daraus folgt keine Vergleichbarkeit der Herrschaftsformen.
Die Philosophin Hannah Arendt hat einen wesentlichen Teil ihres Werks der Analyse des Totalitarismus gewidmet. Sie arbeitet heraus, worin sich totale Herrschaftsgewalt von Tyrannei, Diktatur und zusätzlichen autoritären Arten der Gewaltherrschaft unterscheidet.
„Wäre totalitäre Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so würde sie sich damit begnügen, die politische Sphäre des Menschen zu zerstören, also Handeln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen“, schreibt Arendt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Für sie geht diese über Tyrannei hinaus.
Sie zielt nicht allein auf Unterwerfung, sondern darauf, Bürger durch Ideologie und Terror bis in ihre sozialen Beziehungen und ihre Fähigkeit zum eigenständigen Handeln hinein zu beherrschen.
Der entscheidende Unterschied zwischen totaler Herrschaftsgewalt und anderen Formen bestehe nach Arendt darin, dass erstere nicht nur ihre Gegner, vielmehr auch Freunde und Anhänger vernichten könne. Terror sei hier nicht bloß ein Mittel, um Widerstand zu brechen, sondern werde zum Prinzip der Herrschaft.
Das ist keine akademische Frage. Seit Jahrzehnten werden autoritäre Machthaber, gegen die sich Kritik richtet, vorschnell zum „neuen Hitler“ deklariert. Wenn es begrifflich und konzeptionell nicht gelingt, ihre Herrschaftsformen und Machtmechanismen zu verstehen, wird angemessenes Handeln schwieriger.
Wer jeden „starken Mann“ zum „neuen Hitler“ erklärt, verharmlost die historische Figur nicht zwangsläufig. Aber er sagt häufig zu wenig über den Machthaber, den er kritisieren will. Und ohne genaue Diagnose gibt es keine präzise Gegenwehr.
Warnsignale
Die politische Theoretikerin Judith N. Shklar erlaubt einen zusätzlichen Blick auf die Frage nach dem „starken Mann“. Eine Bedrohung geht von entschlossener Führung nicht schon deshalb aus, weil sie handlungsfähig auftritt oder den Staat durchsetzungsfähiger machen will. Sie wird gefährlich, wenn Macht nicht mehr vorhersehbar, rechtlich begrenzt und kontrollierbar ist.
Shklar hat dafür keine einfache Checkliste formuliert. Aus ihrem „Liberalismus der Furcht“ lassen sich jedoch deutliche Warnzeichen ableiten: Militär, Polizei oder paramilitärische Gruppen üben Gewalt absichtlich aus. Öffentlicher Widerspruch wird durch Einschüchterung, Demütigung, Drohungen und Angst vor Schaden unterdrückt.
Gerichte verlieren ihre Unabhängigkeit; die Verwaltung handelt parteiisch und willkürlich. Die Betroffenen werden als „Feinde“, „Kriminelle“, „Verräter“ sowie als Menschen ohne Schutzanspruch stigmatisiert. Reale oder behauptete Gefahren dienen dazu, Grausamkeit als notwendig erscheinen zu lassen.
In ihrem Essay „The Liberalism of Fear“ stellt sie die Gnadenlosigkeit ins Zentrum ihrer politischen Theorie. Sie versteht darunter die absichtliche Zufügung körperlichen und – nachrangig – seelischen Schmerzes durch Mächtigere gegenüber einer schwächeren Person bzw. Gruppe, um ein Ziel zu erreichen.
Damit lässt sich eine zentrale Erfahrung tyrannischer Herrschaft beschreiben. Macht nutzt Verletzbarkeit. Die „starken Männer“ erfordern dafür nicht nur loyale Vollstrecker. Sie benötigen auch Narrative, die Gewalt rechtfertigen und als Schutz erscheinen lassen. Dazu gehören Berufungen auf „Sicherheit“, „Volkswillen“ oder den „Ausnahmezustand“ ebenso wie die vorherige Abwertung jener, gegen die sich die Gewalt richtet.
Das Symptom von inneren Widersprüchen?
Die italienische Politikwissenschaftlerin Nadia Urbinati befasst sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Demokratie, Repräsentation und Populismus. Dieser ist für sie keine bloße Ausnahmeerscheinung, die von außen kommt und die Ordnung bedroht. Vielmehr kann er eine Verfallserscheinung aus ihrem Inneren sein.
Seine Akteure berufen sich auf Wahlen und einen „Volkswillen“, verändern jedoch deren Gehalt. An die Stelle der komplexen und oft unübersichtlichen Gesellschaft setzen sie die Vorstellung eines homogenen „wahren Volkes“, das der jeweilige „starke Mann“ zu verkörpern beansprucht.
Ein Beispiel für diese Logik ist die völkisch-exklusive Idee politischer Zugehörigkeit, wie sie teils von der AfD vertreten wird. Nicht alle Staatsbürger erscheinen darin gleichermaßen als Angehörige des „eigentlichen“ Volkes.
Eine ihrer Kernfragen lautet: Wie kann eine repräsentative Demokratie bestehen bleiben, wenn sie einerseits Mehrheitsentscheidungen benötigt und andererseits soziale Vielfalt, Opposition und ihre Einrichtungen bewahren muss? Urbinati sieht die Lösung im Schutz von Minderheiten, Dissidenz und vermittelnden Institutionen.
Populismus verschiebt die Balance zwischen politischem Entscheidungswillen und öffentlicher Meinungsbildung. Populistische Führungsfiguren untergraben das Gleichgewicht, indem sie Mehrheit, Staat und das von ihnen definierte „wahre Volk“ zu einer Einheit verschmelzen lassen. Zugleich stellen sie sich als unmittelbare Verkörperung dieses „Volkswillens“ dar.
Laut Urbinati kann die Demokratie nicht nur durch einen offenen Staatsstreich beschädigt werden. Sie kann ebenso schrittweise durch Technokratisierung, populistische Polarisierung und plebiszitäre Personalisierung der Repräsentation erodieren. Es wird gefährlich, wenn das Handeln einer Regierung oder Führungsfigur als direkter Ausdruck eines einheitlichen Volkswillens dargestellt wird.
In einer repräsentativen Demokratie wählen Bürger Repräsentanten, die sie kritisieren, kontrollieren und abwählen können. In diesem Modell soll die Bevölkerung hingegen die Führungsfigur bestätigen; sie soll das von ihr behauptete „wahre Volk“ verkörpern. Aus aktiver öffentlicher Meinungsbildung wird ein Publikum, dessen Rolle vor allem darin besteht, zu applaudieren, zu klicken, zu wählen und zu bestätigen.
In dieser Logik erscheinen Parteien, Parlamente, freie Medien und unabhängige Gerichte nicht als notwendige Vermittler demokratischer Vielfalt, sondern als Störfaktoren oder gar „Volksfeinde“.
Foto: Paul Wong, Shutterstock
Was folgt daraus?
Nach Einschätzung von Demokratie- und Menschenrechtsbeobachtern geraten liberale Institutionen und gesellschaftliche Freiheiten weltweit unter Druck. Der CIVICUS Monitor dokumentiert eine wachsende Zahl von Ländern, in denen Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt werden.
Für 2025 registrierte das Netzwerk schwere Angriffe auf die Zivilgesellschaft in 122 von 198 Staaten und Territorien. Nur 7 Prozent der Weltbevölkerung lebten in Ländern mit offenem oder relativ freier Öffentlichkeit.
Betroffen seien unterschiedliche politische Systeme: klare Militärregime ebenso wie gewählte Regierungen, die Gerichte, Medien, Opposition und Gesellschaft schrittweise schwächen.
Zu den Stimmen, die in den vergangenen Jahren ein angemessenes Handeln formuliert haben, gehört der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder. Er rät zunächst, autoritärer Macht nicht vorauseilend zu gehorchen.
Viele Freiheiten gingen nicht erst verloren, sobald Verbote erlassen würden, sondern schon, wenn Menschen ihre Sprache, ihr Verhalten und ihre Erwartungen vorsorglich an die vermeintlichen Wünsche der Mächtigen anpassten.
Wer sich aus Angst selbst zensiere, Ausgrenzung schweigend hinnehme oder neue Grenzen des Sagbaren ohne Not akzeptiere, lehre eine autoritäre Führung, wie weit sie gehen könne. Snyders Gegenmittel lautet: Früh widersprechen, sichtbar Haltung zeigen und die eigene berufliche wie persönliche Integrität bewahren.
Zweitens fordert er, demokratische Einrichtungen nicht als Selbstläufer zu behandeln. Gerichte, Parlamente, Wahlregeln, freie Medien, Gewerkschaften, Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen schützten sich nicht von allein.
Sie seien nur dann „unsere“ Institutionen, wenn Menschen sie im konkreten Fall verteidigten: durch Wahlbeteiligung, lokales Engagement, Unterstützung und durch die Bereitschaft, rechtsstaatliche Verfahren selbst dann zu verteidigen, sollten deren Ergebnisse unbequem sein.
Schließlich verbindet Snyder demokratischen Widerstand mit einer Kultur der Wahrheit und persönlichen Beziehungen. Bürger dürften Propaganda nicht gedankenlos übernehmen, sollten Informationen prüfen und ihre Sprache vor politischen Schlagworten schützen.
Er rät dazu, reale soziale Bindungen zu pflegen, Menschen außerhalb der eigenen digitalen Blase zu begegnen, zivilgesellschaftliche Anliegen zu unterstützen und sich nicht allein auf Online-Empörung zu verlassen.
Für Snyder ist das keine private Nebensache: Eine lebendige Öffentlichkeit, belastbare Nachbarschaften und die Bereitschaft, im entscheidenden Moment Mut zu zeigen, wirken der sozialen Isolierung und Angst entgegen, von denen autoritäre Politik lebt.