Vom Verlust der Scham – ein Kommentar
Wenn die Scham verschwindet, folgt die Schamlosigkeit: US-Präsidenten, die Begnadigungen verkaufen lassen, Alltagskorruption, die schon vorausgesetzt wird, und „starke Männer", deren Anhänger genau das Gegenteil dessen leben, was sie fordern.
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(iz). Khalil Breuers Kommentar verfolgt diese Entwicklung von der Kriminologie über die Normenerosion bis zur Frage, warum Zwang die junge Generation eher vom Glauben entfernt.
Die Alternative zeigt sich schon in Medina: Als dort der Wein verboten wurde, schütteten ihn die Gläubigen selbst aus – aus Überzeugung, nicht aus Angst.
Einer der schönsten Sätze, die Sigmund Freud wahrscheinlich nie gesagt hat, ist dieser: „Der Verlust der Scham gebiert den Schwachsinn.“ Selbst wenn der Begründer der Psychoanalyse ihn so nie prägte, ist er nur schwer von der Hand zu weisen.
Den Gedanken dahinter kann man bereits im Alltag nachvollziehen: Schon wenn man die kleinen Dinge „schleifen“ lässt, können sich größere Verheerungen leichter einschleichen.

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Eine ähnliche Überlegung liegt der nicht unumstrittenen „Broken-Windows“-Theorie aus der Kriminologie zugrunde.
Sie besagt: Bleibt eine zerbrochene Fensterscheibe in diesem Zustand, vermittelt das den Eindruck, dass sich niemand kümmert und Regeln keine Rolle spielen. Das kann weitere Zerstörung begünstigen – und der Hypothese zufolge selbst schwerere Kriminalität.
In der Politikwissenschaft gibt es einen vielleicht verwandten Begriff: die Normenerosion. Bleibt eine Grenzüberschreitung ohne wirksamen Widerspruch, kann sie zum Präzedenzfall werden.
Wiederholen sich solche Verstöße, kann die betreffende Regel allmählich ihre Verbindlichkeit verlieren. Das gilt etwa für den respektvollen Umgang mit politischen Gegnern ebenso wie für die Anerkennung demokratischer Spielregeln.
Blickt man sich in der Welt um, hat es die Scham an vielen Orten schwer, unabhängig davon, welcher Kultur bzw. Religion die Handelnden angehören.
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Dass Menschen falsch handeln, ist so alt wie die Menschheit. Aber es macht einen Unterschied, ob die Schönen, Reichen und Mächtigen dies offen und stolz oder zumindest noch verschämt tun.
Das Problem ist nicht auf einzelne Länder beschränkt. Es zeigt sich in den Vorwürfen, ein US-Präsident und seine umfangreiche Kamarilla bereicherten sich ungeniert an der Regierungsmacht.
In seinem Umfeld lassen sich Vermittler den Einsatz für Begnadigungen mit Millionensummen bezahlen. Es zeigt sich auch dort, wo Alltagskorruption nicht nur als normal gilt, sondern beinahe vorausgesetzt wird.
Dabei scheint die Scham im Laufe der Moderne zunehmend zur Privatsache geworden und auf das persönliche Verhalten Einzelner verengt worden zu sein. Was aber sagt es über Teile muslimischer Gesellschaften aus, wenn dort ein schon pornographisches Verhältnis zur Gewalt herrscht?
Wieso konnten Akteure der „Achse des Widerstands“ über Jahre weitgehend ungestraft an der Tötung unzähliger Menschen, darunter vieler Muslime, mitwirken?
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Wie sollen wir uns angesichts dessen verhalten? Sicherlich nicht so, wie es sich die Anhänger populistischer oder ideologisch-religiöser Bewegungen und Regierungen wünschen.
Zwar schimpfen die ersten gerne auf eine „korrupte Politik“. Ironischerweise liefern aber gerade die von ihnen gefeierten „starken Männer“ häufig selbst eklatante Beispiele für Korruption.
Und wer meint, ethisches Verhalten ließe sich durch eine „Religionspolizei“ durchsetzen, muss sich eines Besseren belehren lassen. Wo Scham mit Zwang durchgesetzt werden soll, besteht die Gefahr, dass sich gerade junge Menschen vom Din abwenden.
Hier hilft ein Blick auf die erleuchtete Stadt Medina. Als dort das endgültige Alkoholverbot verkündet wurde, schütteten die Gläubigen, wie Anas überliefert, den Wein aus, sodass er durch die Straßen Medinas floss. Die Stärke dieses Bildes liegt in der Bereitschaft, dem Gebot aus eigener Überzeugung zu folgen.