, , ,

Die Mitte: Wenn Abwehr Richtung ersetzt

politisch mitte abwehr

Die politische Mitte verliert an Bindekraft, weil sie immer seltener erklärt, wohin wir gehen sollen. Zwischen Magdeburg, der Abwehr der post-fossilen Umstellung und Muslimdebatten zeigt sich: Wo positive Ziele fehlen, wird Abgrenzung zur Ersatzpolitik.

(iz). Die Wahl eines AfD-Abgeordneten zum Landtagspräsidenten in Magdeburg gestern ist kein „Betriebsunfall“ der Republik. Die jüngsten Urnengänge und die Entwicklung in Sachsen-Anhalt zeigen vielmehr, dass sich etwas Grundsätzlicheres verschoben hat:

Die Mitte verliert nicht nur Stimmen, sondern auch Selbstverständlichkeit. Nach der Landtagswahl in dem Bundesland wurde mit Tobias Rausch erstmals ein AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt. Seine Partei wurde dort zuvor mit 43,8 % stärkste Kraft.

Es wäre dennoch zu einfach, diese Lage nur als Aufstieg der Ränder zu beschreiben. Denn dabei bliebe unberücksichtigt, was in der Mitte selbst geschehen ist. Drei Wahlen in kurzer Folge haben deutlich gemacht, dass die etablierten Akteure immer seltener als Träger überzeugender politischer Ziele wahrgenommen werden.

kurzmeldungen

Foto: Deutscher Bundestag/Thomas Imo/photothek | Lizenz: Deutscher Bundestag

Verlust der Richtung

Die Krise beginnt nicht erst dort, wo radikale Kräfte stark werden. Sie startet früher, nämlich an dem Punkt, an dem die Mitte ihre Fähigkeit einbüßt, Ziele zu definieren und überzeugende Narrative anzubieten.

Über lange Zeit konnte sie von Erfolgen zehren: ökonomische Stabilität, europäische Einbindung und institutionelle Verlässlichkeit.

Doch daraus entstand ein Stil des Regierens, der schrittweise Dauerhaftigkeit mit Zukunft verwechselte. Der Staat moderierte, verwaltete und reagierte. Immer seltener erklärte sie, wohin das Land geführt werden sollte.

Dieser Verlust wiegt umso schwerer, als sich die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen sichtbar verändert haben. Die alte Gewissheit, dass es ausreiche, das Bestehende halbwegs ordentlich fortzuschreiben, ist hinfällig. Darin liegt eine Schwäche der Mitte: nicht in einem Mangel an Popularität, sondern in einem Fehlen an Zielklarheit.

Prediger solingen magdeburg

Symbolfoto: FooTToo, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock

Ordnung ohne Spielraum

Das ist folgenreich, weil viele Menschen den Staat längst nicht mehr als entschlossenen Gestalter erleben. Er erscheint zugleich überpräsent und handlungsfern: Er ist für alles zuständig, aber bei vielen Fragen nicht wirksam.

Schulen verfallen, es fehlt an Wohnraum, die Verkehrsinfrastruktur stockt, Planungen dauern lange, Genehmigungen ziehen sich hin. Bei der Frage, wie industrielle Modernisierung, bezahlbare Energie und regionale Entwicklung zusammengebracht werden sollen, entsteht oft nicht der Eindruck politischer Führung, sondern politischer Erschöpfung.

An dieser Stelle ist Hartmut Rosas Begriff des „schwindenden Spielraums“ hilfreich. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Menschen zunehmend das Gefühl haben, dass formale Abläufe zunehmen, während die Möglichkeiten des vernünftigen, situationsbezogenen Handelns abnehmen.

Zwar ist vieles geregelt, digitalisiert, verrechtlicht und dokumentiert, doch dadurch entsteht nicht automatisch mehr Handlungsfähigkeit. Im Gegenteil: Der Eindruck, dass für das Konkrete vor Ort niemand real zuständig ist oder wirksam eingreifen kann, wächst. Rosa spricht von einem Verlust an „Spielraum“. Für ihn ist das jene Beweglichkeit, die nötig ist, um auf veränderte Situationen angemessen zu reagieren.

Das hat erhebliche politische Folgen. Wenn Bürger nicht mehr erfahren, dass sich Probleme durch gemeinsames Handeln lösen lassen, wächst die Bereitschaft, jenen zuzuhören, die gar keine Lösungen im eigentlichen Sinne anbieten, sondern lediglich Schuldige benennen.

Dann wird nicht mehr gefragt, wie Wohnraum entsteht, wie Bahnstrecken funktionieren oder wie strukturschwache Regionen wieder Perspektiven gewinnen können. Stattdessen wird gefragt, wer dieses Land angeblich ruiniert, wer bevorzugt werde, wer nicht hierher gehöre und wem man endlich Grenzen setzen müsse.

Die konservative Leerstelle

Das lässt sich auch in einem anderen Bereich beobachten, der auf den ersten Blick nichts mit uns Muslimen zu tun hat: der massiven Anti-Grünen-Haltung in Teilen des „Nur CDU“-Lagers. Deren Abneigung erschöpft sich nämlich längst nicht in sachlicher Kritik an einzelnen Maßnahmen.

Sie ist vielerorts zu einer metapolitischen Grundhaltung geworden. Wärmepumpe, Windrad, Verkehrswende, CO₂-Bepreisung oder Klimaschutz erscheinen dann nicht mehr als Elemente eines schwierigen, aber notwendigen Umbaus, sondern als Chiffren einer übergriffigen Politik, die den Leuten ihr Leben vorschreiben will.

Kanzler

Foto: EUS-Nachrichten/Shutterstock | Lizenz: Shutterstock

Dass diese Wahrnehmung Resonanz findet, hat reale Gründe. Der ökologische und ökonomische Umbau wurde oft schlecht erklärt, sozial nicht immer überzeugend abgefedert und kommunikativ bisweilen so vertreten, als müssten die Betroffenen bloß moralisch nachgerüstet werden.

Daraus folgt jedoch nicht, dass die Verweigerung gegenüber einer postfossilen Ökonomie ein tragfähiges politisches Projekt wäre. Insbesondere konservative Kräfte hätten hier einen eigenen Akzent finden können: nicht die Sprache der bloßen Verneinung, sondern die der Bewahrung durch Veränderung.

Sie hätten darlegen können, ob und wie industrielle Stärke, regionale Arbeitsplätze, Energieversorgung und sozialer Ausgleich unter neuen Bedingungen gesichert werden können. Stattdessen beschränkte sich das Angebot häufig darauf, gegen die Grünen zu sein.

Darin liegt eine Leerstelle. Wenn man die Union als konservative Kraft bezeichnen will – was diskutabel ist –, dann sollte Konservatismus mehr sein als der Widerstand gegen die jeweils sichtbarste Zumutung der Gegenwart.

Er müsste Auskunft darüber geben, was bewahrt werden soll und mit welchen Mitteln. Eine Gesellschaft, die sich von fossilen Energieträgern lösen muss, braucht nicht weniger Ordnung, sondern eine neue Verbindung von ihr mit einem Ziel. Fehlt diese, wird aus konservativer Politik leicht eine Verwaltung des Ressentiments.

afd rechts

Symbolbild: AfD-Kovorsitzende und Fraktionschefin Weidel spricht vor Kameras. (Juergen Novak, Shutterstock)

Abwehr als Ersatz

Genau hier berühren sich die allgemeine Krise der Mitte und die Debatten über Migration, Islam und Muslime. Sie sind jedoch nicht der Ursprung der politischen Erschöpfung.

Sie sind eines ihrer Symptome. Wo Ziele fehlen, steigt die Versuchung, negative Bindungen zu erzeugen. Aus einem verbindenden Projekt wird eine gemeinsame Abwehr. Man sammelt sich nicht mehr um ein Vorhaben, sondern gegen Personen, Gruppen oder Parteien, die als Ursache des eigenen Unbehagens ausgemacht werden.

Diese Logik ist nicht auf ein einziges Thema begrenzt. Sie zeigt sich in der Ablehnung grüner Transformationspolitik ebenso wie in Debatten über Migration oder die vermeintliche kulturelle Gefährdung des Landes.

Immer geht es um die Verschiebung vom Gestalten zum Zurückweisen. Nicht mehr die Frage, was aufgebaut werden soll, steht im Zentrum, sondern die Suche nach dem, was verhindert werden muss.

Muslime als Projektionsfläche

Hier schließt sich der Kreis zur Haltung gegenüber Muslimen. Es wäre jedoch falsch, die Krise der politischen Mitte allein aus ihrem Verhältnis zu uns erklären zu wollen. Das ist analytisch ungenau und letztlich selbstbezogen.

Die Polykrise reicht tiefer. Sie betrifft die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Orientierung eines Landes, das zu lange glaubte, Stabilität genüge als allgemeines Versprechen. Muslime haben diese Krise nicht verursacht. Aber sie erleben ihre Folgen oft früher und schärfer als Dritte, weil ihre Zugehörigkeit seit Jahrzehnten auf eine Weise verhandelt wird, die bei anderen Bürgern kaum denkbar wäre.

Wenn die politische Mitte ihr positives Bild des Gemeinwesens verliert, verschiebt sich parallel dazu ihr Blick auf die Zuordnung. Dann wird nicht mehr davon ausgegangen, dass unterschiedliche Menschen gemeinsam Träger derselben Ordnung sind.

Stattdessen setzt eine stille Prüfung ein: Wer gehört dazu? Wer teilt „unsere Werte“? Wer muss sich erklären? Diese Art von Misstrauen wird in Deutschland auffallend häufig an Muslimen ausgelebt. Sie werden nach Loyalität, Demokratietauglichkeit, Integrationsbereitschaft und kultureller Passung befragt, als handele es sich bei ihnen um einen Sonderfall der Bürgerschaft.

Muslime deutsch

Foto: Prostock-studio/Adobe

Der falsche Prüfauftrag

Dabei sagt diese Dauersonderprüfung oft mehr über die Fragenden als die Befragten aus. Sie verrät eine Mitte, die nicht länger mit letzter Selbstverständlichkeit von ihren eigenen Normen sprechen kann. Wer weiß, was einen freiheitlichen Rechtsstaat ausmacht, muss nicht ständig neue Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht stellen.

Er müsste vielmehr die gleichen Maßstäbe an alle anlegen: an Mehrheiten und Minderheiten, an religiöse Gemeinschaften und politische Bewegungen, an bürgerliche Milieus und lautstarke Protestparteien.

Darin liegt heute eine eigentliche Schieflage. Seit Jahren werden Muslime auf ihre Demokratietauglichkeit befragt, während politische Segmente an Einfluss gewinnen, die das Vertrauen in Parlamente, Medien, Gerichte und den pluralen Charakter des Gemeinwesens offen angreifen.

Erhebungen zeigen seit Langem eine deutlich geringere Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie in Ostdeutschland als in Westdeutschland. So lag die Demokratiezufriedenheit in den alten Bundesländern in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2023 bei 52 %, in den neuen bei 34 %. Der Demokratiemonitor 2025 weist mit 47 % im Westen und 31 % im Osten eine ähnliche Differenz aus.

Solche Zahlen sind jedoch kein Urteil über „die Ostdeutschen“ und taugen schon gar nicht für billige moralische Überlegenheitsgesten. Sie markieren jedoch ein Problem der Politikkultur, das ernster genommen werden muss als die ritualisierte Frage, ob Muslime demokratisch genug gesinnt sind.

Nicht Herkunft oder Religion als solche gefährden die Ordnung. Gefährlich wird es dort, wo Misstrauen gegenüber Institutionen, Verachtung für Kompromisse und die Abwertung von Minderheiten zum politischen Stil werden.

Wenn der Rand zur Macht wird

Magdeburg steht exemplarisch für einen größeren Zusammenhang. Dort wird deutlich, dass aus kultureller Gereiztheit, institutionellem Misstrauen und programmatischer Leere konkrete Macht entstehen kann.

Die AfD beschränkt sich nicht mehr auf die Rolle des lautstarken Randes. Sie besetzt Ämter, prägt den Ton und verändert die Erwartungen darüber, was sagbar und anschlussfähig ist.

,

Wenn das Begehren schweigt

Begehren ehe partnersuche

Schwindendes Begehren in der Ehe verstehen und heilsam begegnen. Eine Kolumne der Sexualtherapeutin & Sexualpädagogin Magdalena Zidi.

„Und Er ist es, Der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat, und daraus machte Er seinen Partner, damit er bei ihr Ruhe finde.“ (Al-‘Araf, Sure 7, 189)

(iz). Sexuelle Lust ist kein ständiger Zustand. Sie kommt und geht, sie verändert sich im Lauf des Lebens – manchmal blüht sie auf, manchmal zieht sie sich zurück. Für viele muslimische Ehepaare ist es dennoch erschütternd, wenn das sexuelle Verlangen ganz ausbleibt.

Was bleibt, ist oft eine Mischung aus Scham, Unsicherheit und Sorge – vor allem, wenn darüber nicht gesprochen wird. In meiner Praxis als Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin begegnet mir dieses Thema sehr häufig: „Ich liebe meinen Partner, aber ich habe keine Lust auf Nähe oder Intimität. Was ist los mit mir? Bin ich falsch?“

Nein, du bist nicht falsch. Du bist Mensch. Lust ist lebendig. Sie braucht bestimmte Bedingungen, um sich zu zeigen – und manchmal zieht sie sich zurück, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind.

In diesem Beitrag lade ich dich ein, das Thema Lustlosigkeit neu zu betrachten – mit mehr Mitgefühl, mehr Wissen und einer tieferen Verbindung zur islamischen Lebensweisheit. Denn Intimität ist mehr als nur ein körperlicher Akt. Sie ist ein Raum für Liebe, Fürsorge und gegenseitige Barmherzigkeit.

Was bedeutet das?

Lustlosigkeit bedeutet nicht, dass etwas „kaputt“ ist. Es heißt lediglich, dass ein Teil in uns gerade still ist. Vielleicht ist der Alltag zu laut. Vielleicht ist der Körper erschöpft. Vielleicht wartet die Seele auf Zärtlichkeit, bevor sie sich öffnen kann. Lustlosigkeit ist also kein Zeichen von „Fehlfunktion“, sondern oft ein wichtiges inneres Signal.

Manche Menschen spüren, dass der Wunsch nach Sexualität abnimmt – nicht plötzlich, sondern schleichend. Andere merken, dass der Gedanke an Intimität mit Anspannung oder Unwohlsein verbunden ist. Wieder andere erleben ihre eigene Sexualität nur noch wie eine Pflicht – funktional, aber leer.

All das sind Ausdrucksformen eines Bedürfnisses, das gesehen werden möchte: das Bedürfnis nach Verbindung, Sicherheit, Selbstwirksamkeit, innerer Ruhe – oder manchmal auch schlicht nach Pause.

Woran kann es liegen?

Lust ist ein sehr sensibles Zusammenspiel zwischen Körper, Emotionen und Kontext. Wenn ein Teil aus dem Gleichgewicht gerät, wirkt sich das schnell auf unsere sexuelle Wahrnehmung aus.

Einige häufige Einflüsse sind bspw.: Körperliche Veränderungen – hormonelle Schwankungen, etwa nach einer Geburt, während des Zyklus oder in den Wechseljahren. Erschöpfung, Schlafmangel, Stillzeit – besonders bei Eltern von kleinen Kindern. Schmerzen, Verspannungen oder andere körperliche Beschwerden.

hoffnung

Foto: Kelly Sikkema, Unsplash

Emotionale Belastungen – Stress im Alltag oder im Beruf. Unerledigte Konflikte in der Beziehung. Innere Verletzungen, die nicht ausgesprochen wurden. Geringes Selbstwertgefühl oder Scham rund um den eigenen Körper. Vergangene Gewalterfahrungen oder Traumata.

Religiöse Prägungen und Unsicherheiten – viele von uns sind mit einem Verständnis von Sexualität aufgewachsen, das von Verboten, Scham und Schweigen geprägt war. Wenn dann nach der Eheschließung plötzlich Intimität „erlaubt“ ist, fehlt oft das innere Ja dazu. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Lust automatisch erwacht, nur weil man islamisch verheiratet ist. Die Seele braucht Sicherheit, Erlaubnis und Zeit.

Lust ist lernbar

Lust ist keine Fähigkeit, die man „hat“ oder nicht hat. Sie ist ein Prozess – und sie ist geprägt von Gewohnheiten, Erfahrungen, inneren Haltungen. In der sexualtherapeutischen Begleitung arbeiten wir mit einem sehr wichtigen Gedanken: „Lust ist lernbar. Und du kannst herausfinden, wie du sie bewusst steigern kannst.“

Wenn ein Mensch sich dauerhaft emotional überfordert, innerlich angespannt oder körperlich erschöpft fühlt, wird Lust selten entstehen. Umgekehrt kann sie sich wieder zeigen, wenn Sicherheit, Nähe und Zuwendung wachsen. Das bedeutet: Lust darf wachsen. Sie darf neugierig entdeckt werden. Und sie darf sich verändern – gemeinsam mit dem Leben.

spazieren

Foto: Malik Nalik, Adobe

Was Paare konkret tun können

Redet offen – nicht über den Sex, sondern über euch. Ein liebevolles Gespräch kann die Tür zur Lust wieder öffnen – nicht über Technik oder Frequenz, sondern über Gefühle. „Ich fühle mich dir fern – und ich wünsche mir, dass wir uns wieder näherkommen.“ – „Ich weiß nicht genau, warum ich keine Lust habe, aber ich möchte es verstehen.“

Reden heilt – nicht immer sofort, aber es schafft Verbindung. Und wo Verbindung ist, wächst auch das Begehren.

Entkoppelt Intimität von Erwartungen. Viele Paare haben unbewusste Vorstellungen davon, was „richtiger Sex“ ist. Dabei ist Intimität viel mehr: Zärtlichkeit, Blicke, gemeinsame Rituale, sinnlicher Kontakt ohne Ziel. Vielleicht hilft ein neuer Blick: „Heute Abend nur streicheln, kein Gespräch.“ – „Nur kuscheln – ohne mehr zu wollen.“ – „Ein gemeinsames Bad – einfach, um zusammen zu sein.“

Findet wieder in den Körper zurück. Berührung beginnt nicht im Schlafzimmer, sondern oft im Alltag: eine Umarmung, eine Schulterberührung, ein Kuss beim Abschied. Viele Paare haben diese kleinen Gesten verloren – nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus Gewohnheit.

Wieder in den Körper zu finden, bedeutet auch: sich selbst wieder spüren dürfen, Wohlwollen mit dem eigenen Körper lernen, Bewegung, Genuss, Atmen – ohne Funktion – einfach, weil es guttut.

Schafft euch Räume – auch spirituell. Manchmal braucht Lust spirituelle Erlaubnis. Ein inneres „Ja“ dazu, dass auch Sexualität ein Weg zu Nähe mit dem Ehepartner sein darf. Im Islam ist die intime Beziehung Teil des Ehevertrags – aber noch viel mehr: Sie ist ein Ort der Barmherzigkeit. Und sie darf Freude machen.

Hadithe berichten, dass der Prophet, möge Allah ihm Frieden geben und ihn segnen, mit seinen Ehefrauen spielte, lachte, sich parfümierte und zärtlich war. Sexualität war für ihn kein Tabu, sondern ein geschützter Raum für Liebe. Dieses Wissen kann entlasten und heilen.

Und wenn alles zu viel ist? Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen. Manchmal sind die Muster so tief eingegraben, dass ein Paar sie allein nicht lösen kann. Oder eine Person trägt alte Wunden in sich, die erst gesehen werden wollen, bevor Lust sich wieder zeigen kann.

In solchen Fällen kann eine sexualtherapeutische oder islam-psychologische Begleitung sehr hilfreich sein. Sie schafft einen sicheren Rahmen – nicht um zu „reparieren“, sondern um mitfühlend zu verstehen, was die Lust zum Schweigen gebracht hat und wie man sie sich wieder aneignen kann.

Fazit: Lust ist keine Pflicht – du kannst sie aber beeinflussen

Im Qur’an heißt es: „Und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit gesetzt.“ (Ar-Rum, Sure 30, 21)

Diese „Mawadda“ (liebevolle Zuneigung) und „Rahma“ (Barmherzigkeit) sind nicht an sexuelle Leistung gebunden. Sie leben in Blicken, in Geduld, im Wieder-in-Kontakt-Kommen. Lustlosigkeit ist nicht das Ende von Intimität. Sie ist ein Zeichen, dass etwas gesehen werden will. Und wenn wir bereit sind, ihr mit Mitgefühl zu begegnen, kann sie uns zu einer viel tieferen Verbindung führen – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.

* Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline. Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com

(Hinweis: Der Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung. Bei anhaltenden inneren Spannungen rund um das Thema Sexualität kann eine achtsame Begleitung sehr unterstützend sein.)

,

Spüren Avatare Verlust? Trauer im digitalen Zeitalter

Wenn aber Theorie und Philosophie auf Trauer und echten Verlust treffen, ist der Boden alles andere als fest. (iz). 2012 erwachte in der kalifornischen Wüste ein Toter wieder zum Leben. […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.