Aserbaidschan – ein Land, viele Religionsgemeinschaften und eine Gemeinschaft

Wie das Land Aserbaidschan das Miteinander von Schiiten und Sunniten zur gelebten Staatsräson gemacht hat – eingeklemmt zwischen extremistischen Netzwerken im Norden und den Ambitionen Teherans im Süden.

23.10.2026 Aiman A. Mazyek 4 Min. Lesezeit
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(iz). Während am Golf Raketen und Drohnen niedergehen und die Bruchlinie zwischen Sunniten und Schiiten wieder politisch aufgeladen wird, zeigt ein Land im Südkaukasus, dass es anders geht.

Aserbaidschan hat sich ein religionspolitisches Alleinstellungsmerkmal erarbeitet, das in der islamischen Welt seinesgleichen sucht. Wer in Baku zum Freitagsgebet geht, fragt meist gar nicht, ob die Moschee „sunnitisch“ oder „schiitisch“ ist – Gläubige beider Richtungen stehen Seite an Seite in einer Reihe.

Rund 70 Prozent der Muslime Aserbaidschans sind Schiiten, die übrigen überwiegend Sunniten. Beide stehen unter einem gemeinsamen Dach: Die Geistliche Verwaltung der Muslime des Kaukasus unter Sheikh-ul-Islam Allahshükür Pashazade vertritt alle Muslime des Landes, nicht eine Rechtsschule. Sein Stellvertreter ist der sunnitische Mufti Salman Musayev.

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Bei meinen Besuchen, etwa im Sommer 2023, konnte ich dieses Gefüge aus der Nähe erleben – im Gespräch mit dem Sheikh-ul-Islam, bei der jüdischen Gemeinde, in evangelischer, katholischer und russisch-orthodoxer Kirche und beim Freitagsgebet in der Haydar-Moschee.

Mein Eindruck damals: „Man sorgt dafür, dass hier keiner zu kurz kommt.“ Am stärksten berührte mich der Aschura-Tag: Unter Leitung des Sheikh-ul-Islam spendeten die Oberhäupter aller Religionsgemeinschaften gemeinsam Blut. Ausgerechnet dieser Tag schiitischer Identität wurde zum Tag der Gemeinsamkeit.

Natürlich gibt es den staatlichen Rahmen: den 2008 angestoßenen „Baku-Prozess“ und das Weltforum für Interkulturellen Dialog, dessen siebte Ausgabe vom 27. bis 29. Oktober 2026 in Baku stattfindet.

Doch das eigentliche Kapital liegt nicht in Konferenzen. Kein Staat kann verordnen, dass Nachbarn gemeinsam beten, dass ein schiitischer Vater und eine sunnitische Mutter ihre Kinder ohne konfessionellen Argwohn erziehen oder dass man sich zu Novruz wie zum Ramadanfest besucht. Genau das geschieht hier – von unten, nicht von oben. Die gelebte Nachbarschaft der Konfessionen ist älter als jede Behörde.

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Gefahr lauern aus dem Norden und Süden

Dieses Modell ist nicht ungefährdet. Aserbaidschan steckt in einer Sandwich-Lage: Von Norden drückt radikaler sunnitischer Extremismus, von Süden ein schiitischer Exportanspruch.

Der radikale Salafismus kam nach 1990 über ausländische Prediger und die Grenze zu Dagestan ins Land. Hunderte zogen für den IS nach Syrien. Seit 2024 reklamiert der IS ab und zu Aktionen kleiner Zellen in den Wäldern um Qusar an der Grenze zu Russland; ein Anhänger des IS-Ablegers „Khorasan“ plante einen Anschlag auf die Synagoge der Bergjuden in Baku.

Die Forschung zeigt: Radikalisierung unter Sunniten wächst dort, wo sie sich benachteiligt fühlen. Das beste Gegenmittel ist deshalb nicht das Polizeiaufgebot, sondern das Prinzip, dass niemand zu kurz kommt.

Für die Führung der Islamischen Republik ist ein schiitisch geprägtes, aber säkular verfasstes Aserbaidschan mit engen Beziehungen zur Türkei und zum Westen eine Provokation – zumal im Iran über 30 Millionen ethnische Aserbaidschaner leben.

Die in Iran gegründete Bewegung „Huseyniyyun“, eine Art aserbaidschanische Hisbollah, propagiert offen den Umsturz. Am 5. März 2026 trafen Drohnen aus Iran die Exklave Nachitschewan; Präsident Aliyev sprach von einem „Akt des Terrors“.

Das Kopftuch – eine geopolitische Kampagne

Derzeit wird mit großem Aufwand Propaganda betrieben, Aserbaidschan wolle per Gesetz das Kopftuch aus der Öffentlichkeit verbannen; wenn überhaupt, sind das Einzelfälle ohne Rechtsgrundlage. Mitte Oktober mussten Gesundheitsministerium und Medienaufsicht ein gefälschtes Schreiben dazu dementieren.

Radikale Gruppen schließen sich taktisch an – bis hin zu maßgeschneiderten Demonstrationen in europäischen Hauptstädten.

Wer genauer hinschaut, erkennt: Hier geht es um alles andere als Solidarität mit unseren muslimischen Schwestern. Die Kampagne ist geopolitisch motiviert und zielt auf den Krieg der USA und Israels gegen Iran ab.

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Gegen den Zeittrend

Seit dem US-israelischen Angriff am 28. Februar 2026 antwortet Teheran mit Vergeltungsschlägen auf Basen am ganzen Golf. Mit jeder Eskalation wächst die Versuchung, den Krieg konfessionell zu deuten: „schiitische Achse“ gegen sunnitische Golfmonarchien. So werden aus politischen Konflikten Glaubenskriege.

Aserbaidschan bricht mit diesem Trend: ein Land mit schiitischer Mehrheit, das sich nicht in die Logik der Achse einreihen lässt, und eine sunnitische Minderheit, die sich nicht gegen ihre Nachbarn mobilisieren lässt.

Trotz der Drohnen übt Baku Zurückhaltung, schickte humanitäre Hilfe nach Iran und beteiligt sich nicht an Militäroperationen gegen den Nachbarn. Stärke nach außen und konfessioneller Friede nach innen bedingen einander.

Es gibt gute Ansätze: den Oman mit seinem unaufgeregten Nebeneinander von Ibaditen, Sunniten und Schiiten, lokale Initiativen in einigen Kernländern der islamischen Welt und die Amman-Botschaft von 2004, die die schiitische Dschaʿfari-Rechtsschule als Teil des Islams anerkannte.

Doch ein Staat, in dem das Zusammengehen von Schiiten und Sunniten zugleich Staatsräson, gesellschaftliche Praxis und familiärer Alltag ist, findet sich derzeit kaum. In einer Region, die in konfessionelle Blöcke zu zerfallen droht, ist dieses Modell alternativlos.

Wenn sich Ende Oktober in Baku Delegationen aus aller Welt unter dem Leitwort „Brücken bauen in einer zerrissenen Welt“ versammeln, muss Aserbaidschan dieses Thema nicht erfinden. Es lebt es.

Inmitten des Kriegslärms ist das Land am Kaspischen Meer ein Hoffnungsschimmer am Firmament. Europa und auch wir Muslime in Deutschland sollten dieses Licht stärken.

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