77 Tage nach der Berliner Sudan‑Konferenz warnt Islamic Relief Deutschland vor einer drohenden humanitären Katastrophe in El Obeid. Die belagerte Stadt steht unter „täglichen Drohnenangriffen“ und die Versorgung der Zivilbevölkerung bricht zusammen.
(iz). Die Lage in El Obeid hat sich seit der Berliner Sudan‑Konferenz weiter dramatisch zugespitzt: Die Stadt steht unter faktischer Belagerung, wird von Drohnenattacken getroffen und droht in eine neue humanitäre Katastrophe zu rutschen. Islamic Relief Deutschland warnt, dass internationale Zusagen bislang nicht in wirksamen Schutz für die Zivilbevölkerung übersetzt wurden und fordert entschiedene politische und diplomatische Schritte.
El Obeid – strategischer Knotenpunkt unter Beschuss
El Obeid ist die Hauptstadt des Bundesstaates Nord‑Kordofan und ein zentraler Handels‑ und Versorgungsknotenpunkt zwischen Darfur, Kordofan und dem übrigen Sudan. Nach Angaben von Islamic Relief leben dort rund 600.000 Menschen, darunter über 105.000 Binnenvertriebene, die vor Gewalt und Hunger aus anderen Landesteilen geflohen sind.
Die Stadt ist zugleich logistisches Drehkreuz für Hilfslieferungen in die breitere Kordofan‑Region – jede Unterbrechung der Zufahrtswege hat unmittelbare Folgen für die Versorgung zahlreicher Gemeinden mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten.
Seit Monaten steht El Obeid unter Druck zwischen den regulären sudanesischen Streitkräften (SAF), die die Stadt halten, und den Rapid Support Forces (RSF), die das Gebiet nahezu vollständig eingekreist haben. Drohnenangriffe der RSF treffen nicht nur militärische Ziele, sondern wiederholt zivile Infrastruktur, Tankstellen, Treibstofflager und Versorgungsanlagen; dadurch werden Stromversorgung, Wasserpumpen und Gesundheitsdienste unterbrochen.
Drohnenkrieg und Belagerung: Alltag unter ständiger Bedrohung
Islamic‑Relief‑Mitarbeitende berichten von „täglichen Drohnenangriffen, wachsender Angst und immer knapper werdenden Vorräten“ in El Obeid. Die Angriffe zielen immer wieder auf Lastwagen, die Hilfsgüter, Treibstoff und Lebensmittel in die Stadt bringen sollen, wodurch die Versorgung von Hunderttausenden Menschen gefährdet wird. UN‑Organisationen und unabhängige Recherchestellen dokumentieren, dass die Drohnen auch Kraftwerke, Wasserstationen, Kliniken und Schulen beschädigen oder zerstören und so systematisch die Lebensgrundlagen der Bevölkerung untergraben.
Zwischen Anfang und Ende Juni wurden nach Angaben des UN‑Hochkommissariats für Menschenrechte mindestens 45 Menschen bei 15 Drohnenangriffen in und um El Obeid getötet, Dutzende weitere verletzt.
OCHA berichtet von Angriffen auf eine Strom‑Unterstation und eine Tankstelle, die zur Schließung von medizinischen Einrichtungen einschließlich eines Dialysezentrums und zur Abschaltung von Wasserstationen geführt haben.
Die Folge sind dunkel gewordene Stadtviertel, geschlossene Märkte und eine Bevölkerung, die unter Belagerungsbedingungen lebt und kaum noch sicheren Zugang zu Grundversorgung hat.
Foto: Ahyan Stock Studios/Shutterstock
Preise explodieren, Wasser wird zur Mangelware
Das Zusammenwirken von Belagerung, Zerstörung von Infrastruktur und Unterbrechung der Zufahrtswege treibt die Lebenshaltungskosten in El Obeid massiv in die Höhe. Islamic Relief berichtet, dass sich der Preis für einen Wasserkanister innerhalb weniger Wochen verdoppelt hat; auch Lebensmittelpreise steigen rasant.
Andere humanitäre Akteure sprechen von Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel von teilweise bis zu 300 Prozent – für viele Familien sind zentrale Güter schlicht nicht mehr erschwinglich.
Gleichzeitig warnen UN‑Stellen vor einem sich verschärfenden Risiko wasserbedingter Krankheiten wie Cholera, wenn Wasserpumpen längerfristig ausfallen und die Versorgung mit sauberem Trinkwasser weiter einbricht.
Bereits jetzt wird von einem Choleraausbruch im Bundesstaat West‑Kordofan berichtet, der durch unsichere Wasserquellen, mangelhafte Sanitärversorgung und die anhaltende Vertreibung befeuert wird. Sollte El Obeid ähnlich betroffen werden, würde sich die ohnehin prekäre Lage der Menschen noch einmal dramatisch verschärfen.

Foto: UNICEF/Jamal
Lager für Binnenvertriebene als besondere Brennpunkte
Zu den besonders gefährdeten Orten gehören die großen Lager für Binnenvertriebene in und um El Obeid. Islamic Relief berichtet von einem jüngsten Drohnenangriff auf das größte Lager der Stadt, bei dem zahlreiche Menschen getötet wurden. In diesem Lager suchen über 72.000 Menschen Schutz.
Die Organisation unterstützt sie mit Nahrungsmitteln und Ernährungsprogrammen, warnt aber, dass die Vorräte zur Neige gehen und die Versorgung unter den derzeitigen Bedingungen immer schwieriger wird.
Dawelbeit Elzein Abdalla, Einsatzkoordinator von Islamic Relief in El Obeid, beschreibt die Stimmung vor Ort so: „Die Menschen hier sind zunehmend verängstigt durch die ständigen Drohnenangriffe und die wachsenden Engpässe bei Nahrung, Wasser, Treibstoff und Strom. Die Drohnen treffen Tankstellen, Tanklastwagen und die Hauptstraße, die die Stadt mit der Außenwelt verbindet. Unser Team in El Obeid versorgt Tausende Vertriebene mit Nahrungsmitteln und Ernährungsunterstützung. Doch die Bedingungen werden immer schwieriger, weil Vorräte zur Neige gehen und Preise steigen.“
Die Schilderungen decken sich mit Berichten anderer Organisationen, wonach Hilfskonvois aus Sicherheitsgründen verschoben oder ganz abgesagt werden müssen.
Internationale Warnungen vor neuen Massengräueltaten
Die Vereinten Nationen sprechen inzwischen von einem „roten Alarm“ in Bezug auf die Menschenrechtslage in El Obeid und warnen vor einem hohen Risiko großangelegter Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung.
Der Sicherheitsrat und das Menschenrechtsrat‑Sekretariat sehen Parallelen zu den Ereignissen in El Fasher, wo es zu dokumentierten Massentötungen, Vertreibungen, sexueller Gewalt und systematischer Zerstörung von Infrastruktur gekommen ist.

Die marodierenden RSF-Milizen haben sich selbst bei der Eroberung von El Faschir gefilmt und dokumentieren ihre Taten im Netz. (Screenshot: RSF/Telegramm)
Ein von europäischen Staaten eingebrachtes Initiativpapier weist darauf hin, dass rund 500.000 Zivilpersonen in El Obeid Gefahr laufen, im Zuge eines möglichen RSF‑Großangriffs Opfer von Massengräueltaten zu werden.
Die internationale Schutz‑ und Menschenrechtsarchitektur versucht, mit eiliger Debatte im UN‑Menschenrechtsrat und Appellen an die Konfliktparteien gegenzusteuern, doch bislang ohne erkennbaren Durchbruch.
Stimmen von Islamic Relief Deutschland
Michael Pfaff, Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland, sieht eine deutliche Diskrepanz zwischen den Ergebnissen der Berliner Sudan‑Konferenz und der Realität in El Obeid: „Die Berliner Sudan‑Konferenz hat wichtige politische Aufmerksamkeit geschaffen. Doch Aufmerksamkeit allein schützt keine Kinder vor Drohnenangriffen, füllt keine Wasserkanister und öffnet keine blockierten Straßen.“
Mit Blick auf El Obeid sagt er: „El Obeid zeigt, wie groß die Lücke zwischen internationalen Zusagen und der Realität für Zivilisten im Sudan weiterhin ist. Die internationale Gemeinschaft muss jetzt diplomatischen Druck erhöhen, Angriffe auf Zivilisten stoppen und helfen, einen sicheren humanitären Zugang durchzusetzen.“
Shihab Mohamedali, Programmleiter von Islamic Relief im Sudan, warnt ausdrücklich vor einer drohenden humanitären Katastrophe, betont aber, dass noch Handlungsspielraum besteht:
„Wir befürchten, dass die eskalierende Gewalt in und um El Obeid zu einer humanitären Katastrophe führen könnte. Es ist aber noch nicht zu spät, die Warnungen ernst zu nehmen und eine Katastrophe zu verhindern. Wir fordern die Konfliktparteien auf, Blutvergießen zu vermeiden, Zivilisten zu schützen und humanitäre Hilfe zu allen Bedürftigen durchzulassen. Und wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, El Obeid nicht aus den Augen zu verlieren und jetzt zu handeln, um weitere Gräueltaten zu verhindern.“
Forderungen von Islamic Relief und anderen Akteuren
Islamic Relief formuliert klare Anforderungen an die Konfliktparteien: Zivilpersonen und zivile Infrastruktur müssen geschützt werden; Angriffe auf humanitäre Transporte sind sofort zu unterlassen; sicherer und ungehinderter Zugang für Hilfsorganisationen muss gewährleistet werden.
Die internationale Gemeinschaft müsse ihre Zusagen aus der Berliner Sudan‑Konferenz „mit konkretem politischen Handeln untermauern“, etwa durch verstärkte diplomatische Bemühungen zur Deeskalation in El Obeid, den Schutz humanitärer Korridore und die konsequente Finanzierung lebensrettender Hilfe.
Auch andere NGOs wie der international Rescue Committee drängen auf ein schnelles Eingreifen, um einen möglichen RSF‑Bodenangriff auf El Obeid zu verhindern und die Stadt nicht in eine vollständige Belagerung und Versorgungskrise abgleiten zu lassen.
Amnesty International fordert im UN‑Menschenrechtsrat, dass Verbündete der RSF – etwa die Vereinigten Arabischen Emirate – ihre militärische und logistische Unterstützung einstellen und statt weiterer Eskalation politische Lösungen begünstigen.