
Im Juli 1995 werden in einer UN-Schutzzone mehr als 8.000 muslimische Bosniaken ermordet. Srebrenica ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945 – und eine offene Wunde, an der sich entscheidet, wie ernst der Kontinent seine Verantwortung gegenüber muslimischen Minderheiten nimmt.
(iz). Es ist ein warmer Julitag, als die Menschen in und um Srebrenica merken, dass die Versprechen der Welt zerbröseln. Seit Monaten hängt über der Stadt das blaue Emblem der Vereinten Nationen, Blauhelme patrouillieren, Lastwagen mit Hilfsgütern kommen und gehen. „UN-Schutzzone“.
Das klang für viele nach einem letzten Halt in einem Krieg, der Bosnien seit 1992 zerfrisst. In den Tagen vor dem 11. Juli 1995 aber wird aus der Schutzformel eine hohle Hülle. Die bosnisch-serbischen Truppen rücken vor, die Front verschiebt sich. Als die Angreifer einmarschieren, wird die Gegend zum Schauplatz eines Genozids.
Die Stadt ist da längst überfüllt. Menschen aus den umliegenden Dörfern haben sich in Srebrenica gesammelt, um den Angriffen zu entkommen. Die Versorgung ist schlecht, viele sind unterernährt, krankt und traumatisiert. Wer mit Bewohnern spricht, hört immer wieder, dass die Hoffnung an einem Punkt hing: An der Idee, dass die internationale Gemeinschaft ihr Versprechen einhält, diese letzten Inseln zu schützen.
Doch militärisch ist die „Schutzzone“ schwach, die Blauhelme sind schlecht ausgerüstet, der politische Rückhalt brüchig. Die UN warnen, appellieren, verhandeln. Aber sie zeigen nicht den Willen, die Zone gegen einen entschlossenen Angreifer zu verteidigen.
Foto: Jeroen Akkermans, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0
Als Ratko Mladić nach der Einnahme Srebrenicas vor die Kameras tritt, wirkt sein Auftritt wie eine makabre Inszenierung. Er verteilt Süßigkeiten, spricht von „Befreiung“, verspricht Frauen und Kindern Sicherheit.
Hinter dieser Fassade beginnt ein streng organisiert wirkender Ablauf. Männer und jugendliche Jungen werden vom Rest der bosniakischen Zivilisten getrennt. Auf dem Gelände der niederländischen UN-Basis in Potočari drängen sich tausende Menschen.
Einige versuchen, mit den Blauhelmen zu verhandeln, andere flehen darum, nicht ausgeliefert zu werden. Gleichzeitig formieren sich Kolonnen in den Wäldern: Männer, die in der Dunkelheit zu Fuß Richtung Tuzla aufbrechen, in der Hoffnung, die Linien zu durchbrechen.
Was in den nächsten Tagen geschieht, wird später aus Dokumenten, Zeugenaussagen und forensischen Berichten zusammengesetzt. In Scheunen, Schulgebäuden, Lagerhallen und auf abgelegenen Feldern werden Gruppen von Bosniaken zusammengetrieben, gefesselt und erschossen. Busse und Lastwagen bringen immer neue zu den Exekutionsorten.
Es ist keine spontane Raserei, sondern eine systematische Vernichtung: Wer in dieser Logik als Träger der Gemeinschaft gilt – Männer und jugendliche Jungen – soll ausgelöscht werden. Danach verscharren die Täter die Leichen in Massengräbern.
In manchen Fällen werden die Gräber später wieder geöffnet, die Körper zerteilt und in mehrere, neue Gruben verbracht. Die Gewalt endet nicht mit dem letzten Schuss, sie setzt sich fort in dem Versuch, Spuren zu verwischen.
Die niederländischen Blauhelme stehen in dieser Phase zwischen Hilflosigkeit und Verantwortung. Sie sehen die Selektionen, sie sind Teil der Evakuierungen von Frauen, Kindern und Alten. Zugleich lassen sie zu, dass Männer und Jungen unter der Kontrolle der Angreifer gelangen.
Viele Menschen, die sich auf das UN-Emblem verlassen hatten, erleben den Moment, in dem der Schutz in Begleitung zur Vernichtung umschlägt. In Interviews mit Überlebenden taucht diese Szene immer wieder auf: der Blick zurück auf die Tore der Basis, auf das Blau der UN, auf Soldaten, die abwinken oder schweigend zur Seite treten.
Jahre später stehen auf den Feldern um Srebrenica und Potočari Menschen in weißen Schutzanzügen. Sie öffnen Gräber, tragen Knochen und Stoffreste an die Oberfläche, ordnen sie, fotografieren, beschreiben. Forensische Arbeit wird zur Voraussetzung dafür, dass Familien Gewissheit erhalten. DNA-Analysen helfen, die über die Region verstreuten Überreste einzelnen Personen zuzuordnen.
Hinter jeder Zahl steht ein Name, hinter jedem Namen eine Familie, ein Dorf, eine Straße. Die bekannte Anzahl von mehr als 8.000 ermordeten Bosniaken ist oft zitiert. Vor Ort ist sie nicht abstrakt. Sie findet sich auf Grabsteinen, Tafeln und in Registern.
Foto: UN ICTY, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0
Parallel dazu laufen Verfahren vor globalen Gerichten. In Den Haag werden Generäle und politische Akteure vernommen, Zeugen berichten von Befehlen, Funksprüchen, Listen. Der Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien verhandelt Fälle, die Srebrenica betreffen, und spricht Urteile. Der Internationale Gerichtshof stuft 2007 das Verbrechen als Genozid ein.
Viele Bosniaken nehmen diese Anerkennung mit einer Mischung aus Genugtuung und Ernüchterung zur Kenntnis. Genugtuung, weil das Wort „Genozid“ nicht mehr verhandelbar ist. Ernüchterung, weil die Frage nach der Verantwortung von Staaten und internationalen Strukturen oft nur gestreift wird.
Wer heute nach Potočari kommt, sieht zuerst die langen Reihen weißer Grabsteine. Zwischen ihnen gehen Angehörige, viele davon Frauen, die seit Jahrzehnten auf eine Nachricht gewartet haben. Mütter, die ihren Sohn im Grabfeld suchen; Ehefrauen, die an einem Namen stehen, einem Datum, einem Geburtsort.
Oft tragen sie Kopftuch, manchmal den Ausweis einer NGO um den Hals. Sie sind zu Gesprächen eingeladen worden, zu Konferenzen, zu Gedenkveranstaltungen. Ihre Geschichten haben sich in Pressemitteilungen, Dokumentationen und Berichten niedergeschlagen, aber der Abstand zwischen einem Mikrofon und dem Grab eines Angehörigen bleibt spürbar.
Am 11. Juli, zum Jahrestag, werden neu identifizierte Tote beigesetzt. Jährlich kommen Särge dazu, von denen manche nur wenige Knochen enthalten. Der Akt der Beisetzung ist dennoch entscheidend. Er verschafft ein Grab, das besucht, betrauert, mit Gebeten begleitet werden kann.
Imame sprechen Bittgebete, Suren aus dem Qur’an werden rezitiert. Junge Leute tragen Särge, auch Gäste aus anderen Ländern. Auf dem Platz mischen sich bosnische Akzente mit deutschen, niederländischen, britischen Stimmen. Gedenken ist hier kein abstrakter Begriff, sondern eine körperlich erfahrene Praxis.
Schon Tage zuvor bricht der „Marš mira“ auf. Der Friedensmarsch folgt der Route, auf der viele Männer 1995 in Richtung Tuzla fliehen wollten. Wer mitläuft, schläft in einfachen Unterkünften, geht durch Wälder und über Hügel, an Orten vorbei, an denen damals Menschen getötet wurden.
Fotos: IZ Medien
Teilnehmer berichten, wie der Marsch die Distanz zwischen „Geschichte“ und „Gegenwart“ auflöst. Man spürt, wie weit es ist, wie steil manche Anstiege, wie schwer die Hitze auf den Körper drückt. Unter den Marschierenden sind Bosniaken, internationale Aktivisten, Studierende, muslimische Delegationen aus Westeuropa. Manche tragen Banner von NGOs, andere kleine bosnische Fahnen.
Organisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker begleiten diese Prozesse. Sie veröffentlichen Berichte, prangern die Leugnung und Relativierung des Genozids an, benennen das Versagen der internationalen Politik. In ihren Stellungnahmen wird deutlich, wie viel – trotz Gerichtsverfahren und Gedenkstätten – bis heute offen ist.
Es fehlen Konsequenzen, klare Bildungsarbeit, belastbare Zusagen für die Zukunft. Die Leugnung des Genozids ist in Teilen der Republika Srpska und in Serbien Alltag. Verurteilte Täter werden als Helden inszeniert, Denkmäler und Straßennamen erzählen andere Geschichten als die Gräber von Potočari.
Srebrenica ist damit mehr als ein lokaler Ort der Erinnerung. Es ist ein Spiegel für diesen Kontinent. Der Genozid traf Menschen, die Europäer und Muslime waren. Ihre Biografien sprengten die gewohnte Trennung zwischen „hier“ und „dort“, „wir“ und „sie“.
Dass das Verbrechen in vielen Debatten lange als „Balkan-Tragödie“ abgelegt wurde, sagt einiges darüber, wie schwer sich Europa damit tut, muslimische Opfer als Teil der eigenen Geschichte zu sehen. Für Muslime in Deutschland und anderswo ist Srebrenica deshalb ein Schlüsselereignis: Es erzählt von einem Genozid in Europa, der gezielt solchen Menschen traf.
Wer heute durch die Reihen der Grabsteine in Potočari geht, sieht Namen, die einem vertraut vorkommen könnten. Väter, Söhne, Brüder – Menschen, deren Leben von Freitagsgebet, Schulbesuch, Arbeit im Dorf geprägt war.
Sie waren keine Statisten in einem „Konflikt“, sondern Nachbarn, Kollegen, Angehörige. Erinnerung an Srebrenica heißt, diese Wirklichkeit ernst zu nehmen. Nicht, um sie in Konkurrenz zu anderen Leidensgeschichten zu stellen, vielmehr um einen blinden Fleck im europäischen Gedächtnis zu benennen.
Journalistisch bedeutet das, nicht bei der Formel „schlimmstes Kriegsverbrechen seit 1945“ stehenzubleiben. Geschichten über Srebrenica erzählen von konkreten Orten, Menschen, Abläufen und Entscheidungen. Sie fragen nach Verantwortung – der bosnisch-serbischen Führung, des serbischen Staates, der UN, der beteiligten Regierungen.
Sie fragen danach, was „Nie wieder“ jenseits von Jahrestagsreden bedeutet. Für muslimische Communitys in Europa stellt sich die Frage, wie Srebrenica in eigene Erinnerungskulturen integriert wird: als Datum im Kalender, als Thema in Unterricht und Predigten, als Ort, den man besucht.
Wer darüber schreibt, bewegt sich immer auf einem schmalen Grat. Der Genozid von Srebrenica ist ein schweres Thema, das leicht zur instrumentellen Folie politischer Debatten werden kann.
Humanität verlangt, nahe bei den Menschen zu bleiben, ohne die Analyse zu vernachlässigen. Srebrenica ist ein Ort, an dem sich beides verdichtet: die Geschichte einer europäischen muslimischen Gemeinschaft und die Frage, ob unsere Politik bereit ist, für ähnliche Situationen in der Gegenwart andere Entscheidungen zu treffen.