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Orgie der Gewalt: Vor 30 Jahren begann der Bosnienkrieg

Foto: Photograph provided courtesy of the ICTY

Der Zerfall Jugoslawiens setzte ab 1991 eine Spirale von Hass und Gewalt auf dem Balkan in Gang. Bei der Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina rufen die Bilder aus Kiew, der Krim und dem Donbass unterdessen die Erinnerung an die eigenen Kriegserlebnisse.

Bonn (KNA/iz) „Die BRD beschließt in Absprache mit der EG und den USA, Bosnien-Herzegowina mit Wirkung vom 7.4.1992 als unabhängigen Staat anzuerkennen.“ Hinter dem dürren Satz in der Deutschland-Chronik der Bundeszentrale für politische Bildung verbirgt sich ein monströser Konflikt. Vor 30 Jahren nahm der Bosnienkrieg seinen Anfang. An seinem Ende 1995 sollten schätzungsweise 100.000 Tote stehen. Rund zwei Millionen Frauen, Männer und Kinder mussten ihre Heimat verlassen. Die Narben sind bis heute nicht verheilt.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens brachen ab 1991 die schon länger schwelenden Gegensätze in dem Vielvölkerstaat offen aus. Nachdem bereits Slowenien, Kroatien und Mazedonien ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, zog Bosnien-Herzegowina im Frühjahr 1992 nach.

Die bosnischen Serben waren gegen die Abkehr von Jugoslawien. Serbiens Präsident Slobodan Milosevic goss von Belgrad aus Öl ins Feuer. Seine orthodoxen Landsleute in Bosnien-Herzegowina drohten zu Bürgern zweiter Klasse „irgendeines islamischen Gottesstaates“ zu werden, rechtfertigte er später die Position der Serben. Die meist katholischen Kroaten favorisierten dagegen eine engere Anbindung an Kroatien.

Das Blutvergießen begann mit der Einkesselung von Sarajevo. 1.425 Tage lang blieb die Stadt der Olympischen Winterspiele von 1984 eingeschlossen; die längste Belagerung im 20. Jahrhundert. Der Krieg gipfelte im Massaker von Srebrenica, bei dem serbische Einheiten unter Ratko Mladic im Sommer 1995 mehr als 8.300 bosnische Muslime töteten. Ein tiefdunkler Moment der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Am 28. August 1995 schlug auf dem Marktplatz von Sarajevo eine von den serbischen Belagerern abgefeuerte Granate ein und tötete 37 Menschen – „eine Granate zuviel“, wie Olaf Ihlau und Walter Mayr in ihrem Buch „Minenfeld Balkan“ schreiben. Mit diesem Massaker wuchs der Druck auf die bis dahin eher zögerlich agierenden USA, ihrem Anspruch als westliche Führungsmacht gerecht zu werden und für ein Ende der Kämpfe zu sorgen.

Auf einem Luftwaffenstützpunkt in Dayton (Ohio) kasernierten die US-Amerikaner unter Führung ihres Balkan-Sonderbeauftragten Richard Holbrooke die Vertreter der Konfliktparteien ein – bis eine unterschriftsreife Vereinbarung stand, die am 14. Dezember 1995 in Paris unterzeichnet wurde. Mehr als ein Vierteljahrhundert später überwiegt Ernüchterung.

Zwar beendete der Vertrag Mord, Vertreibung und Zerstörung in Bosnien-Herzegowina; doch der Friede bleibt fragil. In den vergangenen Monaten hatten unter anderen Religionsvertreter von zunehmenden Spannungen berichtet. Manche warnten, es könne zu neuen Kämpfen kommen.

Einen Ausdruck findet die vertrackte Lage auch in den zwei quasi-autonomen „Entitäten“, aus denen Bosnien-Herzegowina heute besteht: die Föderation Bosnien und Herzegowina, in der die Bosniaken immer noch von einem eigenen Nationalstaat träumen, und die Republika Srpska, deren starker Mann Milorad Dodik mit Russland flirtet und immer wieder eine Abspaltung ins Spiel bringt. Dazu gibt es noch das Sonderverwaltungsgebiet Brcko im Norden mit rund 44.000 Einwohnern. Das alles auf einer Fläche, die etwa der Größe Niedersachsens entspricht.

Milliardenschwere Finanzhilfen, die Präsenz von EUFOR-Truppen und ein zur Überwachung der Vereinbarungen von 1995 installierter „Hoher Repräsentant“ – seit August 2021 der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) – haben einen Status quo eingefroren, den die neue Bundesregierung nun offenbar aufweichen will.

Bei ihrer ersten Balkan-Visite wurde Außenministerin Annalena Baerbock Anfang März von ihrem Grünen-Parteifreund Manuel Sarrazin begleitet, der seit kurzem Sonderbeauftragter der Bundesregierung für den Westbalkan ist. Gerade vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine wolle Deutschland „die Region im Herzen Europas nicht dem Einfluss Moskaus überlassen“, betonte die Ministerin.

Bei der Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina rufen die Bilder aus Kiew, der Krim und dem Donbass unterdessen die Erinnerung an die eigenen Kriegserlebnisse und die Zeit der Mangelversorgung wach, wie die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stitung unlängst berichtete. In Teilen des Landes sei es zu Hamsterkäufen und längeren Schlangen an Geldautomaten gekommen.