Angesichts steigender Sommerhitze werden die Innenhöfe des Islam wieder interessant. Anmerkungen von Prof. Dr. Ömer Spahic
(iz). Wenn Hitze die Städte aufheizt, erinnert die muslimische Architektur an eine Kunst des Wohnens: Innenhöfe als kühle Rückzugsorte zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Prof. Dr. Omer Spahić zeigt, wie diese Räume nicht nur Schutz vor der Hitze bieten, sondern auch eine besondere Lebensart prägen.
Der Islam war treibende Kraft, welche die Tradition des Innenhofs zum Aufblühen brachte. Faktoren wie Geografie, Klima und andere lokale Einflüsse traten in den Hintergrund. Sein Stellenwert und die Funktionen spielen eine wichtige Rolle im Wohnhaus, das seinerseits der Rahmen für die Familie ist.
Mit diesen Höfen sind nicht nur offene Räume im Zentrum eines Hauses gemeint. Nach Ansicht von John Reynolds können sie „ein, vielleicht zwei Wände haben, die eine Barriere zum Nachbarhaus oder zur Straße bilden“. Folgende Elemente machen eine Fläche zum Innenhof: Eine Öffnung Richtung Himmel, Zugang zum Gebäude, sodass der Hof dessen fester Bestandteil ist und ein vollkommener Ausschluss nach Außen, damit Sicherheit und Privatsphäre gewahrt sind. Ein Raum ist dann ein solcher, wenn seine Funktionen die des Hauses unterstützen.
Unser Schöpfer hat festgelegt, dass keine zwei Orte das gleiche Klima haben. Dieses beeinflusst Lebensbedingungen im entscheidenden Maße und so entstand ein Muster aus Vegetation, Böden und Wasservorkommen, das sich je nach Region deutlich unterscheidet.
Foto: Paolo Gamba, vie Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0
Als Bestandteil der Schöpfung kann sich der Mensch nicht den Naturgesetzen entziehen. In Folge ihrer Anpassung an die Herausforderungen der Klimazonen haben die Völker kulturelle Ausdrucksformen hervorgebracht, die ihnen am besten entsprechen – Kleidung, Architektur sowie Mentalität und Sprachunterschiede.
Allah sagt im Qur’an: „Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.“ (Ar-Rum, Sure 30, 22)
Die profunde Vielfalt der Schöpfung ist eine zwingende Wirklichkeit, die weder übersehen, noch oberflächlich betrachtet werden kann. Sie ist eines der deutlichsten Anzeichen für Allahs Existenz, Allgegenwart und Allmacht.
Imam Al-Ghazali sagte, dass es nichts in der Welt gäbe, was nicht Seine Einheit bestätigt. Für das Lesen dieser Symbole in der Natur braucht es keine äußerliche Reise, sondern eine geistige. Tiere und Pflanzen überleben den jährlichen Kreislauf der Jahreszeiten. Von allen Geschöpfen steht dem Menschen die größte Vielfalt im Umgang mit der Temperatur zur Verfügung.
Es gibt kein Standardhaus. Wenn die Gestaltung von Häusern „importiert“ wird, muss diese „akklimatisiert“ werden, damit sie den jeweiligen Verhältnissen angepasst ist. Dieselben Baupläne für zwei Klimazonen wären so, als würde man in beiden die gleiche Kleidung tragen.
Hassan Fathy schrieb über die nivellierende Art des Bauens: Der Architekt vergisst „die Umgebung, in der seine Gebäude umgesetzt werden, weil er von neuen und modernen Innovationen fasziniert ist. (…) Wenn er vor seiner Verantwortung zurückschreckt und die Umwelt dadurch verletzt, dass er keinen Bezug zu ihr herstellt, hat er ein Verbrechen gegen Architektur und Kultur begangen.“
Volkstümliche Bautraditionen aus aller Welt waren erstaunlich fähig darin, diese Aufgabe zu lösen. Die Nutzung von natürlichen Vorteilen durch spezifische Baustile ist eine, dem Menschen innewohnende Eigenschaft.
Salman Al-Farsi, ein bekannter Prophetengefährte, beauftragte einmal einen Baumeister und fragte den Mann, wie er vorgehen wollte. Der Maurer sagte: „Dies wird ein Haus für dich, um dich gegen die Hitze der Sonne und dem kalten Wetter zu schützen.“
Abu Muhammad Al-’Aini kommentierte diese Aussage, die im Sahih Al-Bukhari aufgenommen wurde, wie folgt: „Nur solche Gebäude sind echte Häuser, wenn sie ihre Bewohner vor Regen, Sonne und Kälte schützen. Und wenn sie ein Schutz vor der äußeren Welt sind.“
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Innenhöfe sind im Idealfall Orte der Erholung, an denen sich Gäste und Bewohner an der angenehmen Atmosphäre erfreuen. Gleichzeitig sind sie Mittel, um Probleme zu beseitigen, die durch spezifische Wetterbedingungen erzeugt werden. Dank ihrer Struktur, der Pflanzen und des Wassers liefern sie Ventilation und kältere Luft.
m Winter sind die Temperaturen in den Höfen generell höher als draußen. Es versteht sich von selbst, dass Bäume im Innenhof effektivere und gesündere Kühlmethoden sind als Klimaanlagen. Ihre Wirkung hängt von Geometrie, Baumaterialien und der Bepflanzung ab.
Die Höfe des Islam sind dank ihrer Funktion wie hypnotisierend. Diese ist genauso prächtig, wie die Werte und Standards, die ihre Grundlage darstellen. Die Form spielt demnach nur eine unterstützende Rolle. Sie ist ihrem Ziel untergeordnet. Und basiert auf der Spiritualität des Islam – die allüberragend ist.
Hassan Fathy vertritt die Idee, dass der Innenhof im muslimischen Haus ein „Mikrokosmos“ war, der „Raum mit Zeit, Land mit Himmel durch die symbolische Bedeutung seiner Komponenten“ verbindet.
Im Islam spielt Privatsphäre eine wichtige Rolle. Genauso wie ein Muslim verpflichtet ist, seine Privatheit und die seiner Familie zu schützen, muss er die anderer respektieren. Die bewusste Verletzung derselben ist ein schwerwiegender Regelbruch. Muslime sind dazu angehalten, vor dem Betreten eines Gebäudes drei Mal um Erlaubnis zu bitten („O die ihr glaubt, betretet nicht andere Häuser, die nicht eure Häuser sind, bis ihr euch bemerkbar gemacht und ihre Bewohner begrüßt habt. Das ist besser für euch, auf dass ihr bedenken möget! Wenn ihr niemanden darin findet, dann tretet nicht ein, bis man (es) euch erlaubt. Und wenn man zu euch sagt: ‘Kehrt um’, dann kehrt um. Das ist lauterer für euch. Und Allah weiß über das, was ihr tut, Bescheid.“ An-Nur, Sure 24, 27-28).
Es wurde beim Bau von Wohngebäuden darauf geachtet, dass die Höfe und Dachflächen vor dem ungebetenen Blick Dritter geschützt sind. Entweder, indem Nachbarn ihre Häuser nicht höher als andere bauten, oder durch den Einsatz von Strukturen, die ihn von Außen abwenden. Die Zugänge zu einem muslimischen Innenhof dienen als Übergang zwischen privatem und öffentlichem Bereich.
Aus diesem Grund ist eine der grundlegenden Funktionen des Hauses die Bereitstellung eines Rahmens für die menschlichen Aktivitäten, die in ihr stattfinden. Das Haus als künstlerischer und architektonischer Ausdruck und Erfahrung muss als Zeugnis dieser positiven Lebenseinstellung dienen. Daher fanden sich in Innenhöfen häufig Wasser, Blumen und andere farbige Pflanzen, Vögel, Licht und lebendige Dekorationen.