Vor der Fifa-WM in den USA machen Menschenrechtler auf selektive Einreiseverbote und doppelte Standards aufmerksam – während Verbände weiter vom unpolitischen Fußball sprechen.
(iz/KNA). Die anstehende Fußballweltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko bestätigt, was ein Blick in die WM-Geschichte zeigt: Das Spiel war nie apolitisch – und wird es auch dieses Mal nicht sein.
Während Verbände und Sponsoren ein globales Fest des Sports ausrufen, prägen Einreiseverbote, Sicherheitsdiskurse und geopolitische Bündnisse das Turnier von Beginn an. Vor allem muslimische Sportler und Offizielle erfahren, dass ihre Teilnahme nicht an sportlichen Kriterien scheitert, sondern an politischen Entscheidungen.
Der Mythos vom unpolitischen Sport
Das Gerücht apolitischen Sport hält sich gleichwohl hartnäckig. Dabei waren Weltmeisterschaften immer wieder Bühne für autoritäre Regime, Kriege und nationale Selbstinszenierungen. Mussolinis Italien nutzte die WM in den 1930er Jahren als Propagandashow, Militärdiktaturen wie in Argentinien präsentierten sich als ordnende Kräfte, während Repression und Folter im Hintergrund standen.
Turniere in Russland, Katar oder Brasilien verbanden Hochglanzbilder mit Diskussionen über Kriegsrecht, Korruption, Sicherheitsapparate und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Die Vorstellung, politische Konflikte begännen erst bei Boykottdebatten oder Protestbinden, ignoriert diese Kontinuitäten.

1978 fand die WM inmitten einer brutalen Militärdiktatur statt, die nach einigen Angaben über 30.000 Tote forderte. Das hat den „unpolitischen Sport” nicht berührt. Foto: El Gráfico no. 3061/Wikimedia Commons/gemeinfrei
Einreiseverbote als Signalpolitik
In dieses Bild fügen sich die Einreisesperren der US-Regierung gegenüber Sportlern und Schiedsrichtern aus mehrheitlich muslimischen Ländern ein. Die Gesellschaft für bedrohte Völker spricht mit Blick auf die US-Administration von „Heuchelei und rassistischem Verhalten“.
Während enge Verbündete wie Katar und die Türkei weiter unterstützt werden, obwohl sie nach Angaben der Menschenrechtler für Bewaffnung und Finanzierung radikaler Milizen mitverantwortlich sind, werden einzelne Muslime von der Teilnahme an der WM ausgeschlossen.
Besonders deutlich wird dies im Fall des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, dem trotz vollständiger Papiere die Einreise verweigert wurde. Betroffen sind bspw. Sportler aus dem Iran und anderen Staaten.
Stimmen der Menschenrechtler
Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, sieht darin ein strukturelles Muster. Er kritisiert, Muslime würden insgesamt benachteiligt und diskriminiert, während „politischer Islam“ und „gewaltbereite Islamisten“ von denselben Regierungen als Partner behandelt würden.
Nach Sidos Einschätzung gilt der sicherheitspolitische Fokus nicht strukturellen Gewaltakteuren, sondern einzelnen Personen, die oftmals selbst Opfer von Regimen und Milizen sind. Menschenrechtsorganisationen markieren diesen Widerspruch klarer als viele Verbände: Sie verweisen auf die Diskrepanz zwischen den großen Worten von Menschenrechten und Gleichbehandlung und der Praxis selektiver Einreiseverbote.

Foto: The White House
Gigantismus und doppelte Standards der Fifa
Auch aus sozialethischer Perspektive mehren sich kritische Stimmen. Der Grazer Sozialethiker Thomas Gremsl beschreibt den Weltfußball kurz vor dem Turnier als „auf einer gefährlichen Rutschbahn“.
Die Freude am Spiel trete zurück hinter wirtschaftlichen und politischen Interessen, die Fifa betreibe einen Gigantismus, der sich in immer größeren Turnieren und ambitionierten Vergabeprojekten äußere.
Die WM in Katar 2022 sei aus seiner Sicht nicht aufgearbeitet. Versprechen zu Nachhaltigkeit und langfristiger Nutzung der Stadien seien nicht eingelöst worden, während die nächsten Turniere – 2030 auf drei Kontinenten und 2034 in Saudi-Arabien – bereits ihre Schatten vorauswürfen.
Wenn die Fifa einen eigens geschaffenen Friedenspreis an den US-Präsidenten vergibt und sich gleichzeitig politisch „neutral“ nennt, spricht der Theologe von „gelebter Doppelmoral“.

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Soziale und ökologische Kosten
Gremsl macht zudem auf die sozialen und ökologischen Folgen der aktuellen WM-Vergabe aufmerksam. Er verweist auf unerschwingliche Ticketpreise und große Entfernungen zwischen den Spielorten, die Teile der Bevölkerung vom Stadionbesuch faktisch ausschließen.
In Mexiko seien Probleme der Wasserversorgung dokumentiert, und für den Bau eines Stadions sei eine Wasserleitung von der lokalen Einwohnerschaft abgekoppelt worden – eine Praxis, die er mit dem Hinweis kommentiert, der Zugang zu Wasser sei ein Menschenrecht.
Für ihn zeigt sich an solchen Beispielen, wie weit sich der organisierte Spitzenfußball von den eigenen Leitbegriffen Fairness, Integrität und Respekt entfernt hat. Die WM in Nordamerika steht damit nicht isoliert, sondern in einer Reihe von Turnieren, bei denen Infrastrukturprojekte, Sicherheitsringe und Vermarktungslogik tief in den Alltag der lokalen Bevölkerung eingreifen.
Eine politisierte WM
Die aktuelle WM fügt sich insgesamt in eine Entwicklung ein, in der sportliche Großereignisse eng mit Menschenrechtsfragen, Sicherheitsdoktrinen und ökonomischen Interessen verschränkt sind.
Für muslimische Sportler und Offizielle tritt dieser Zusammenhang besonders deutlich zutage, wenn formale Einreisebestimmungen de facto als Filter entlang religiöser und nationaler Linien wirken. Menschenrechtsorganisationen sehen in der Kombination aus selektiven Einreiseverboten, geopolitischen Allianzen und Vermarktungslogik ein Muster, das über den Einzelfall hinausweist.
Die Weltmeisterschaft bleibt damit nicht nur ein sportliches, sondern ein politisches Ereignis – auch dort, wo Offizielle das Gegenteil behaupten.
* Mit Material von der KNA.