CLAIM macht deutlich: Muslimfeindlichkeit ist in Deutschland längst kein Randphänomen mehr, sondern Teil eines sozialen Klimas.
(iz). Im Rahmen der nationalen Aktionswochen gegen antimuslimischen Rassismus hat die von zahlreichen Initiativen getragene Organisation CLAIM in Berlin ihr zivilgesellschaftliches Lagebild für das Jahr 2025 vorgestellt. Die Jahresbilanz basiert auf Daten von 38 Beratungs- und Meldestellen sowie Initiativen aus 15 Bundesländern. Sie betrachtet die bundesweite Dimension dokumentierter Vorfälle dieser Art.
CLAIM: Jahresbefund mit klarer Dynamik
Die Organisation dokumentierte für das Jahr 2025 bundesweit 4.096 antimuslimische Vorfälle. Im Vorjahr waren es 3.080. Das entspricht einem Anstieg um rund 33 %nt, was rechnerisch etwa elf registrierten Fällen pro Tag entspricht. Darunter finden sich Beleidigungen, Diskriminierungen, Bedrohungen, Sachbeschädigungen sowie Gewalttaten bis hin zu Tötungsdelikten.
Die Organisation stützt sich dabei auf Daten von 38 Beratungs- und Meldestellen sowie Initiativen aus 15 Bundesländern und ergänzt diese um Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität, Polizeipressemitteilungen und Medienberichte.
Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die schon im Lagebild für 2024 sichtbar war: CLAIM registrierte damals mindestens 3.080 antimuslimische Vorfälle, darunter zwei Tötungen und zahlreiche Körperverletzungen. In diesem Jahr wurde ein Anstieg um 60 % gegenüber 2023 verzeichnet – ein Sprung, der sich in absolut höheren Zahlen stabilisiert hat und nicht abzuflauen scheint.

Aufnahme aus einer CLAIM-Pressekonferenz von 2025. (Foto: Dirk Enters/CLAIM)
Verbale Angriffe, Diskriminierungen, Gewalt
Die neue Bilanz für das Jahr 2025 zeigt eine deutliche Konzentration auf sprachliche Gewalt: Mehr als 60 % der belegten Vorfälle entfallen auf diesen Bereich. Die Meldestelle verzeichnete 2.379 Fälle dieser Kategorie, darunter Schmähungen, Beschimpfungen und Drohungen, die in der Regel nicht strafbar sind, aber den sozialen Alltag nachhaltig prägen.
Hinzu kommen 840 dokumentierte Diskriminierungen, beispielsweise im Bildungsbereich, bei der Wohnungssuche oder im Arbeitsleben, sowie 680 Fälle „verletzenden Verhaltens“, zu denen auch Körperverletzungen und Sachbeschädigungen zählen.
Im Bereich schwerer Delikte verzeichnet das Lagebild 2025 zwei Tötungsdelikte und insgesamt 214 Körperverletzungen, darunter vier versuchte Tötungen, sowie fünf Brandstiftungen. 61 Angriffe auf Moscheen und insgesamt 64 Übergriffe auf religiöse Einrichtungen werden dem antimuslimischen Rassismus zugeordnet. Dies ist ein Befund, der religiöse Orte ausdrücklich als Ziel markiert.
CLAIM verweist darauf, dass diese Zahlen den staatlichen Erfassungen deutlich voraus sind. So vermeldete das Bundesinnenministerium für 2025 lediglich gut 1.800 islamfeindliche Delikte. Dies sei eine Lücke, die auf unterschiedliche Begriffe und Zählweisen zurückzuführen sei.
„Kein Randphänomen“ – und eine hohe Dunkelziffer
Im Zuge der Präsentation des Lagebildes warnt CLAIM-Co-Geschäftsführerin Rima Hanano vor einem „hohen Dunkelfeld“. Viele Betroffene zeigten Vorfälle aus unterschiedlichen Gründen nicht an. Die Ursachen reichen von mangelnder Kenntnis über Anlaufstellen bis zur Überzeugung, dass eine Anzeige „sich nicht lohnt“.
Die Organisation verweist dabei auf eine Studie der EU-Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2024. Demnach melden in Deutschland nur vier Prozent der Betroffenen eine erlebte Diskriminierung überhaupt der Polizei.
Hanno spricht zudem von antimuslimischem Rassismus als „Problem aus der Mitte der Gesellschaft“. Die Auswertungen zeigen, dass eine Teilmenge der Fälle eindeutig dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet werden kann, während ein anderer Teil aus jenen Milieus stammt, die sich selbst als bürgerliche Mitte verstehen: Lehrkräfte, Behördenvertreter, Kolleg, Nachbar.
Aus Sicht von CLAIM schädigt diese Erfahrung das Vertrauen in Politik und staatliche Institutionen und verstärkt den Eindruck, man sei nur bedingt geschützt.
Foto: imago | Ina Peek
Die Faktoren Geschlecht, Sichtbarkeit und Räume
Die Daten für das Jahr 2025 belegen, dass Frauen besonders häufig betroffen sind. In 64,5 % der Fälle, in denen das Geschlecht erfasst wurde, waren Frauen das Ziel der Vorfälle. Häufig sind es Personen, deren muslimische Identität im öffentlichen Raum sichtbar ist, etwa durch das Kopftuch.
Ähnliche Muster zeigen sich in regionalen Lagebildern. So registrierte das Netzwerk REPORT Berlin für das Jahr 2024 in der Bundeshauptstadt allein 644 antimuslimische Diskriminierungen, Beleidigungen und Angriffe, bei denen Frauen mit Kopftuch überproportional betroffen waren.
Die ausgewerteten Fälle zeigen zugleich die Orte, an denen sich antimuslimischer Rassismus verdichtet. Von den 415 Vorfällen mit bekanntem Ort ereigneten sich 35 % im Bildungsbereich, etwa an Schulen, Kitas und Universitäten, 19 % im öffentlichen Raum, 12 % in der Arbeitswelt und 7 % im öffentlichen Verkehr.
Weitere Fälle stammen aus Behörden, von der Polizei und aus dem Gesundheitsbereich. Die bundesweiten CLAIM-Daten fügen sich in dieses Bild ein und markieren Schule, Nahverkehr und Behördenkontakte als zentrale Schauplätze, an denen sich Zugehörigkeit oder Ausschluss entscheidet.
Fachstimmen zur „alltäglichen Ausgrenzung“
Fachbeobachter sehen in den Zahlen weniger eine statistische Überraschung als eine Bestätigung eines länger beschriebenen Trends. Der Journalist Daniel Bax (https://taz.de/Antimuslimischer-Rassismus-in-Deutschlan/!6091513/) ordnet das Lagebild als Ausdruck einer Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ein.
Über 4.000 solcher Vorfälle in einem Jahr seien kein Randphänomen; Widerspruch dagegen gebe es „viel zu wenig“. Bax verweist in seinen Kommentaren auf tätliche Angriffe auf Schulkinder, Bombendrohungen gegen Moscheen und Morde, bei denen Gerichte nicht immer ein antimuslimisches Motiv erkennen wollen.
Den Kern des Problems sieht er in dem, was die Allianz als „alltägliche Ausgrenzung“ beschreibt: Die große Mehrheit der Fälle spielt sich im Klassenzimmer, bei der Wohnungssuche, im Kontakt mit Behörden oder im digitalen Raum ab, häufig in Gestalt rassistischer Beschimpfungen.
Während manche Formen von Hassrede mittlerweile gesellschaftlich geächtet sind, bleibe antimuslimische Polemik in vielen Milieus noch als „Meinungsäußerung“ oder „überspitzte Kritik“ durchgehen. Gerade darin liege die Gefahr, weil eine demokratische Öffentlichkeit sich an eine Normalität der Geringschätzung gewöhne.
Foto: Deutscher Bundestag / Marc-Steffen Unger
Welche Konsequenzen sollten folgen?
Vor diesem Hintergrund ist das neue Lagebild von CLAIM nicht nur ein Dokument der Zivilgesellschaft, sondern auch ein Prüfstein für staatliche und politische Reaktionen.
Die Organisation fordert eine präzisere Erfassung dieser Hasskriminalität in Polizeistatistiken, eine systematische Unterstützung von Betroffenen – etwa durch niedrigschwellige Meldestrukturen, psychosoziale Beratung und rechtliche Begleitung – sowie eine klare politische Sprache, die antimuslimischen Rassismus als eigenständige Kategorie gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit benennt.
Die Zahlen der Jahre 2024 und 2025 legen nahe, dass der bisherige Umgang mit dem Phänomen nicht ausreicht. Wer die Entwicklung ernst nimmt, muss die Vorstellung des „bedauerlichen Einzelfalls“ hinter sich lassen und stattdessen von Strukturen sprechen: von Debatten, in denen Musliminnen und Muslime vor allem als Sicherheitsrisiko dargestellt werden; von Institutionen, in denen Beschwerden nicht ernst genommen werden; von einem Alltag, in dem bestimmte Formen der Herabwürdigung als normal gelten.
Das Lagebild bietet dafür eine empirische Grundlage und stellt damit eine Frage an die rechtsstaatliche Selbstbeschreibung der Gesellschaft.
Wie sich die Zahlen entwickelt haben
Zwischen den Jahren 2023 und 2025 zeichnet sich eine klare Dynamik ab: Ausgehend von einem deutlich niedrigeren Niveau verzeichnete CLAIM für 2024 bereits mindestens 3.080 antimuslimische Vorfälle, ein Zuwachs um rund 60 % gegenüber 2023 mit zwei Tötungsdelikten und zahlreichen Körperverletzungen. Für 2025 steigt die Zahl weiter auf 4.096 Fälle, was einem erneuten Plus von etwa 33 % entspricht und rechnerisch über elf dokumentierte pro Tag bedeutet.
Mehr als 60 % davon sind verbale Angriffe (2.379 Fälle), hinzukommen 840 Diskriminierungen – unter anderem in Bildung, Arbeitsleben und Wohnungsmarkt – sowie 680 weitere verletzende Handlungen, darunter Körperverletzungen und Sachbeschädigungen.
Das Lagebild weist darüber hinaus zwei Tötungsdelikte, 214 Körperverletzungen, vier versuchte Tötungen und fünf Brandstiftungen sowie 61 Angriffe auf Moscheen und insgesamt 64 Übergriffe auf religiöse Einrichtungen aus; in knapp zwei Dritteln der Fälle, in denen das Geschlecht erfasst wurde, waren Frauen betroffen, insbesondere sichtbar muslimische Frauen.
Regionale Auswertungen wie das Berliner Lagebild mit 644 erfassten antimuslimischen Vorfällen für 2024 – mit deutlichem Schwerpunkt im Bildungsbereich und hoher Betroffenheit sichtbarer Musliminnen – fügen sich in dieses Bild ein und unterstreichen, dass es sich um eine strukturelle, nicht um eine punktuelle Entwicklung handelt.