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Srebrenica als Erinnerungsort der europäischen Muslime

Srebrenica erinnerung
Foto: Adobe Stock

Der Genozid von Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945. Für Bosniaken ist der 11. Juli ein Tag der Trauer und des Widerstands gegen das Vergessen. Für seine Muslime kann er zum Datum werden, an dem sich entscheidet, ob die eigene Geschichte ernst genommen wird.

(iz). Wenn man am 11. Juli durch die Grabfelder von Potočari und auch Srebrenica geht, fällt zuerst die gleichförmige Ordnung der Steine ins Auge. Namen, Geburtsdaten, Todesjahr 1995, immer wieder Srebrenica als Herkunftsort.

Viele Besucher bleiben vor einzelnen stehen, nicht weil sie die Person kennen, sondern da die Wiederholung der Daten irgendwann den Atem nimmt. Hier liegen die Toten eines Genozids, begangen an Menschen, deren Heimat dieser Kontinent ist und deren Glaube Islam war. Für Bosniaken wie Muslime in Europa ist das mehr als ein historischer Fakt. Es ist eine offene Wunde.

Für die Menschen in und aus Bosnien ist Srebrenica Teil der kollektiven Identität. Der Genozid hat Familien, Dörfer und ganze Landstriche ausgehöhlt. In vielen Biografien zieht sich eine Linie von den 1990er Jahren bis in die Gegenwart: Flucht, Vertreibung, Verlust von Vater, Sohn oder Bruder, jahrelange Suche nach Vermissten, das Warten auf eine Nachricht aus der Forensik, die Teilnahme an jährlichen Beisetzungen.

Wer mit Überlebenden spricht, merkt, wie der Ort zum unausweichlichen Bezugspunkt ihres Lebens geworden ist. Das ist unabhängig davon, ob sie heute in Bosnien, Deutschland, Österreich oder anderswo wohnen.

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Zeitzeugin Tima hat den Bosnienkrieg und Srebrenica mit ihren drei Kindern überlebt. (Foto: Islamic Relief Deutschland)

Erinnerung wird gerade von Frauen getragen. Es sind Mütter, Ehefrauen, Schwestern, die seit Jahrzehnten an Gedenkveranstaltungen teilnehmen, mit Journalisten sprechen, in Vereinen organisiert sind. Viele von ihnen haben zum Zeitpunkt des Genozids mehrere Angehörige verloren.

Sie leben oft unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, manche in abgelegenen Orten, andere in Städten, in denen die Mehrheitsgesellschaft ihre Geschichte kaum kennt. Ihre Präsenz bei Gedenkfeiern ist nicht folkloristische Begleitmusik, sondern der Kern der Erinnerung: Sie geben dem abstrakten Begriff „Genozid“ ein Gesicht, eine Stimme, eine konkrete Vergangenheit.

Diese Geschichten bestehen in Bosnien nicht isoliert. Sie verbinden sich mit einer spirituellen Praxis. Der 11. Juli ist für die Menschen nicht nur ein staatlicher oder politischer Gedenktag, sondern ebenso ein Tag des Betens. Auf den Friedhöfen werden Suren rezitiert, Dua gesprochen. Die Leute erheben die Hände, um für die Toten zu bitten.

Die Rituale sind vertraut, sie folgen Mustern, wie sie bei „normalen“ Beerdigungen praktiziert werden. Aber das Wissen darum, dass hier nicht bloß ein Mensch, sondern eine ganze Gruppe vernichtet wurde, verändert die Atmosphäre: Es geht um individuelle Seelen – und um die Würde einer Gemeinschaft.

Für Muslime in Europa, die nicht aus Bosnien stammen, ist Srebrenica oft zunächst ein Punkt in der politischen Geschichte: Bosnienkrieg, NATO-Einsatz, Zerfall Jugoslawiens. In ihrer Erinnerungskultur ist der Genozid aber weit mehr.

Er zeigt, dass ein solches Leben auf dem Kontinent nicht automatisch geschützt ist, dass Moscheen, Namen, Gebetskleidung und Alltagspraktiken in Konflikten schnell zu Markierungen werden, an denen sich Gewalt im schlimmsten aller Fälle entzünden kann.

Foto: Yousef Salhamoud, Unsplash

Gleichzeitig macht Srebrenica deutlich, wie schwer sich europäische Gesellschaften damit tun, das Leid der vermeintlich „Anderen“ als Teil der eigenen Geschichte anzuerkennen. Der Genozid wird in vielen Bildungskontexten behandelt – aber oft eher als „Balkankrieg“ denn gezielte Vernichtung einer mehrheitlich muslimischen Gruppe.

Die religiöse Dimension wird entweder ausgeblendet oder exotisiert. In der Folge bleiben viele Schüler und Studenten mit dem Eindruck zurück, dass es sich um eine ferne Tragödie handelt, die mit ihrem eigenen Alltag wenig zu tun hat.

Für Gemeinschaften in Deutschland, Österreich oder der Schweiz eröffnet sich hier ein Spielraum. Sie können Srebrenica bewusst aufnehmen: in Predigten, in Jugendarbeit, in Bildungsprojekten. Es geht nicht darum, aus dem Genozid eine identitätspolitische Marke zu kreieren, sondern die Geschichte einer europäischen muslimischen Community sichtbar zu machen – und daraus Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. Dazu gehört, Muslimfeindlichkeit nicht als abstrakte Theorie zu behandeln, vielmehr als Haltung, die in konkreten Situationen tödlich werden kann.

Die Verbindung zwischen Srebrenica und heutigen Debatten ist heikel. Niemand kann die 1990er Jahre konkrete oder direkt auf aktuelle Konflikte übertragen. Aber Muster sind erkennbar: das langsame Aufschaukeln von Feindbildern, die Normalisierung gewaltförmiger Sprache, das Wegschauen internationaler Akteure, die Tendenz, Gewalt gegen muslimische Minderheiten als „komplizierten Konflikt“ zu relativieren. Wer sich diese Muster bewusst macht, hat ein Instrument, um frühe Warnzeichen zu erkennen – sei es in Europa oder anderswo.

Der Friedensmarsch „Marš mira“ ist ein Beispiel dafür, wie Erinnerung in Bewegung kommt. Jedes Jahr folgen Menschen der Route, die viele Männer 1995 auf der Flucht Richtung Tuzla gegangen sind.

Unter den Teilnehmern sind Bosniaken, internationale Gäste, junge Muslime aus Westeuropa. Sie schlafen in einfachen Unterkünften, gehen bei Hitze und Regen, hören unterwegs die Geschichten der Ortsansässigen. Für viele ist der Marsch ein Moment der Transformation: Man verlässt den Status des „interessierten Beobachters“ und wird zu jemandem, der die Strecke selbst gegangen ist. Die Erinnerung wird körperlich, die Distanz schrumpft.

Foto: Sabahudin9/Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dass Muslime aus Deutschland oder anderen EU-Staaten an solchen Märschen teilnehmen, ist eine bewusste Entscheidung, den eigenen geografischen und biografischen Rahmen zu erweitern. Sie zeigt, dass Srebrenica nicht bei Bosnien endet. Die Grenzen, die auf Karten eingezeichnet sind, sagen wenig über die Verbindungen zwischen Gemeinschaften. Ein junger Muslim aus Köln oder Wien kann im Gespräch mit einer bosniakischen Mutter aus dem Ort Erfahrungen teilen.

Die Rolle von muslimischen Medien und Intellektuellen ist in diesem Kontext zentral. Sie können das Ereignis aus dem Schatten der allgemeinen Balkandebatte holen und in eigene Diskurse einbetten. Das heißt, zu schreiben – nicht nur vom Zahlen und Urteilen, sondern Menschen, Wege, Rituale, Splitter von Alltag.

Es bedeutet, Fragen an die eigene Community zu stellen: Warum wissen wir oft mehr vom entfernten Konflikte im Nahen Osten als dem Genozid an Muslimen in Europa? Was für Termine stehen in den Kalendern und welche nicht? Was sagt das über unsere Prioritäten?

Erinnerung an Srebrenica ist kein Selbstzweck. Sie soll verhindern, dass Völkermord in anderen Teilen der Welt unter ähnlichen Vorzeichen stattfinden. Die Pflicht zur „Schutzverantwortung“ ist eine Lehre, die aus vielen Quellen gespeist wird – aus der Shoah, aus Ruanda, aus Bosnien.

Unsere Stimmen können hier etwas Eigenständiges beitragen, indem sie zeigen, dass die Vernichtung einer muslimischen Gemeinschaft kein Randphänomen ist, vielmehr mitten durch die Geschichte Europas geht. Das verstärkt nicht nur das Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit, sondern ebenso die Verantwortung, solidarisch mit anderen bedrohten Gruppen zu sein.

In der Praxis heißt das: Der 11. Juli kann zu einem Tag werden, an dem muslimische Gemeinden, Verbände und Medien bewusst erinnern. Das kann eine Predigt sein, ein Bildungsabend, eine Instagram-Kampagne, ein Besuch in Potočari oder ein Gespräch mit bosniakischen Organisationen hierzulande.

Wichtig ist, dass Srebrenica nicht nur alle fünf bzw. zehn Jahre zu einem Jahrestagsphänomen wird, vielmehr als Bestandteil einer europäischen muslimischen Erinnerungskultur existiert. Eine, die nicht im Wettbewerbsmodus arbeitet, sondern die eigene Erfahrung mit anderen Leidensgeschichten ins Gespräch bringt.

Dazu gehört, die Leugnung und Relativierung des Genozids ernst zu nehmen. In Teilen Bosniens und Serbiens – sowie in links- und rechtsextremen Kreisen weltweit – sind revisionistische Narrative Alltag. Dort werden Täter zu Helden, und Schulbücher erzählen eine andere Geschichte als die Grabsteine von Potočari.

Muslime in Europa, die sich mit Srebrenica solidarisch zeigen, stellen sich damit nicht nur an die Seite der Bosniaken, sondern auch gegen eine Kultur der Beschönigung und Verdrängung. Das ist unbequem, weil es bestehende politische Beziehungen berührt. Aber wer „Nie wieder“ ernst nimmt, kann sich an solchen Punkten nicht wegducken.

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