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Srebrenica als Erinnerungsort der europäischen Muslime

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Der Genozid von Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945. Für Bosniaken ist der 11. Juli ein Tag der Trauer und des Widerstands gegen das Vergessen. Für […]

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Ein europäischer Gipfel der anderen Art

gipfel muslime europa

Ein Kölner Gipfel über Muslime in Ost- und Südosteuropa, im Kaukasus und in Teilen Asiens fällt in eine Zeit, in der sich in diesen Regionen alte Bruchlinien und neue Herausforderungen überlagern.

(iz). Auf Einladung der IGMG und Hasene International kamen Mitte Juni Vertreter islamischer Gemeinschaften von Deutschland und Österreich über den Balkan bis in den Kaukasus, nach Zentralasien und bis in die Mongolei zusammen, um über religiöse Bildung, Minderheitenrechte, institutionelle Fragen und soziale Notlagen zu beraten.

Der Rahmen war bewusst breit gewählt: von etablierten Minderheiten in Südosteuropa über kriegsgeprägte Kontexte wie die Ukraine bis hin zu kleinen Gemeinschaften im Baltikum oder in der Steppe Zentralasiens.

Die Berichte aus den verschiedenen Ländern zeichnen ein Bild großer Vielfalt, das dennoch von wiederkehrenden Motiven durchzogen ist. In Deutschland und Österreich stehen Fragen der rechtlichen Gleichstellung, der strukturellen Anerkennung und der Ausbildung religiösen Personals im Vordergrund.

Muslimische Organisationen betonen, dass es nicht um Sonderrechte geht, sondern um den Zugang zu jenen Instrumenten, die anderen Religionsgemeinschaften längst zur Verfügung stehen – etwa in der Seelsorge, beim Religionsunterricht oder bei der Finanzierung religiöser Infrastruktur.

Gleichzeitig rückt die junge Generation in den Blick, für die die Herkunftsländer der Großeltern immer mehr verblassen und die ihre muslimische Identität in einer weitgehend säkular geprägten Umgebung neu verorten muss.

Pressebilder: IGMG/Hasene International

Gipfel europäischer Muslime: Im Osten verschieben sich Schwerpunkte

Weiter südlich und östlich verschieben sich die Schwerpunkte. In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens sowie in Bulgarien, Rumänien oder Griechenland sind viele muslimische Gemeinschaften historisch gewachsene Minderheiten, deren Existenz weit vor die jüngeren Migrationsbewegungen zurückreicht. Hier dominieren Fragen von Minderheitenstatus, Restitution von Religionsstiftungen, Sprachenpolitik und politischer Repräsentation.

Die Situation der bosniakischen Muslime ist durch die ungelösten Spannungen der neunziger Jahre geprägt, denen sich – wie Dr. Harun Karčić analysiert – seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine neue sicherheitspolitische Risiken hinzugesellt haben. Bosnien-Herzegowina bleibt ein fragiles Gebilde; prorussische und nationalistische Akteure bedienen sich rhetorischer und politischer Muster, die aus der Zeit vor dem Krieg bekannt sind.

Im serbischen und im montenegrinischen Sandschak, in Mazedonien oder im Kosovo verbindet sich die religiöse Dimension mit ökonomischer Benachteiligung und dem Tauziehen um Einfluss zwischen regionalen und externen Akteuren.

Die Vertreter dieser Regionen in Köln beschrieben u.a. die schleppende Rückgabe des Eigentums von früheren Stiftungen (Vakif), interne institutionelle Spannungen und den Druck, unter Bedingungen begrenzter Ressourcen funktionsfähige Strukturen zu erhalten.

Hinzu kommen diskursive Zuschreibungen von außen: Der Balkan taucht im westlichen Diskurs wahlweise als „Brutstätte“ extremistischen Islamismus oder Zone externer Einflussnahme auf, was dem überwiegend pragmatisch-konservativen Islam der Region nur bedingt entspricht.

rechtsurteile alim

Foto: kmbs.ua

Konfliktlinien im Balkan, der Ukraine und dem Kaukasus

Von besonderer Schärfe sind die Konfliktlinien in der Ukraine und im Umfeld des Kaukasus. Der Bericht des ukrainischen Muftis auf der Konferenz verwies auf die lange Geschichte des Islam im Land, die eng mit den Krimtataren verbunden ist, und auf die mehrfachen Verschiebungen durch Deportationen, Annexion und Krieg.

Mit dem Angriff Russlands hat sich nicht nur die Demografie der muslimischen Bevölkerung verändert; Moscheen und islamische Zentren wurden zu Knotenpunkten humanitärer Hilfe, während Geistliche an der Front seelsorgerische und praktische Aufgaben übernahmen.

Ähnliche Verschränkungen von Religion, Sicherheitspolitik und geopolitischer Konkurrenz lassen sich ebenso im Südkaukasus beobachten, wo eingefrorene Konflikte wie in Berg-Karabach jederzeit wieder aufbrechen können.

In den klassischen muslimischen Kernräumen Eurasiens – etwa in Russland selbst, in Tatarstan, Tschetschenien oder im weiteren Raum Zentralasiens – verbindet sich spirituelles Leben mit autoritären politischen Rahmenbedingungen und einem dichten Geflecht staatlicher Kontrolle.

Viele der in Köln anwesenden Vertreter aus Georgien, Kirgisistan oder angrenzenden Regionen berichteten von der Aufgabe, religiöse Bildungseinrichtungen aufzubauen, qualifizierte Imame zu gewinnen und zugleich jene Spielräume zu nutzen, die Staaten überhaupt zulassen.

Ein Thema ist dabei die Anziehungskraft externer Angebote und die Verbreitung vereinfachender oder extremistischer Lesarten über digitale Kanäle, denen mit solider Grundbildung begegnet werden soll.

Eine eher leise, aber symbolisch nicht zu unterschätzende Rolle spielen kleinere Gemeinschaften in Ländern wie Polen, Litauen, Estland oder der Mongolei. In den Staaten am östlichen Ostseeufer verweisen die Vertreter auf die jahrhundertealte Präsenz muslimischer Tataren und zugleich auf Schwierigkeiten, bei Stadterweiterung und Denkmalschutz mit historischen Moscheestandorten und Friedhöfen Gehör zu finden.

In Polen und den baltischen Republiken kommt die Herausforderung hinzu, dass öffentliche Wahrnehmung von Muslimen oft stärker von Debatten in Westeuropa gemünzt ist als von der eigenen Geschichte. In der Mongolei wiederum handelt es sich um eine kleine Minderheit mit regionaler Konzentration, die aus dem kasachisch geprägten Westen des Landes stammt und um Basiskompetenzen wie religiöse Bildung in der Landessprache, institutionelle Verstetigung und einfache Infrastruktur ringt.

Foto: Shutterstock/Monkey Business Images

Es gibg verbindende Herausforderungen

Einige Querschnittsthemen ziehen sich durch alle Berichte. Dazu gehören der Mangel an qualifiziertem religiösem Personal, die Notwendigkeit, junge Menschen unter Bedingungen einer globalisierten Medienlandschaft zu begleiten, und die Erfahrung, dass antimuslimischer Rassismus, auch wenn er sich lokal unterschiedlich äußert, in seinen Grundmustern wiedererkennbar ist.

In Österreich etwa wurden zuletzt wieder steigende Zahlen islamfeindlicher Vorfälle dokumentiert, während in Griechenland das beständige Ringen um Anerkennung der türkischen Minderheit in Westthrazien die Beziehungen zwischen Staat und Gemeinschaft belastet.

Im Hintergrund steht eine europäische Diskussion, in der der Islam, insbesondere in den östlichen und südöstlichen „Peripherien“, häufig als Sicherheitsproblem oder als Projektionsfläche geopolitischer Rivalitäten erscheint.

In diesem Kontext gewinnen Begegnungen wie das Kölner Event eine Bedeutung, die über das Format einer singulären Tagung hinausreicht. Die Veranstalter betonten, es gehe nicht darum, „einmal zusammenzukommen und dann wieder auseinanderzugehen“, sondern um den Aufbau belastbarer Kommunikationswege zwischen sehr unterschiedlichen Kontexten: Mehrheitsgesellschaften mit muslimischen Minderheiten, mehrheitlich muslimischen Gesellschaften mit autoritären Regierungsformen und kleinen, oft übersehenen Gemeinschaften, deren Situation in großen Lagebildern kaum vorkommt.

Die Themen reichen von Ausbildungsgängen über die Finanzierung religiöser Infrastruktur und humanitärer Hilfe bis zu Fragen politischer Repräsentation und rechtlicher Gleichstellung.

Das gemeinsame Bild auf eine unterschätzte Region (um das sich bspw. die „Islamische Zeitung“ bemüht) ist ambivalent.

Auf der einen Seite gibt es in vielen Ländern eine bemerkenswerte institutionelle Verdichtung muslimischer Präsenz: Muftiate, Räte, Zentren und Bildungsinstitutionen, die nach Jahrzehnten der Repression, des Krieges oder des legalen Vakuums mühsam aufgebaut wurden.

Auf der anderen bleiben diese Strukturen fragil. Sie werden nicht selten angefochten durch nationalistische Projekte, autoritäre Staaten, wirtschaftliche Schwäche(n) und transnationale Konflikte, die in den Alltag hineinragen.

* Unter Verwendung von Informationen der „Perspektif“ vom 13. Juni.

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Ein europäischer Erinnerungsraum: Lebenswelten der Muslime im Osten

krimtataren europäisch muslime

Zwischen Sarajevo und der Krim kann man den europäischen Geist auf wenigen hundert Metern ablaufen. (iz). Zwischen Basar, Kirche, Synagoge und Moschee verdichten sich Jahrhunderte, in denen Muslime, Katholiken, Orthodoxe […]

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Muslime in Osteuropa – von Polen bis zum Kaukasus

muslime osteuropa polen

Die Muslime im östlichen und südöstlichen Teil Europas werden häufig übersehen – auch von den islamischen Communitys im Rest des Kontinents.

(iz). Fallen Begriffe wie „Muslime in Europa“ oder „Islam in Europa“ werden die meisten wohl vor allem und zuvorderst an die migrantischen bzw. postmigrantischen Gemeinschaften im Westen und Norden der EU denken.

Viele sehen zuerst ihre Communitys in Westeuropa – Moscheen in Paris, Berlin oder London. In den öffentlichen Debatten tauchen dagegen die traditionellen Muslime im Osten des Kontinents meist nur am Rand auf.

Dabei prägen sie seit Jahrhunderten still, aber beständig das religiöse und kulturelle Gesicht Europas. Eine Präsenz in der Debatte würde den vermeintlichen Gegensatz von „Islam“ und „Europa“ infrage stellen.

Treffen mit dem Mufti von Polen in der Moschee von Bialystok. (Foto: Anna Krasnicka)

In Polen und im Baltikum etwa leben tatarische Familien, deren Vorfahren seit dem Spätmittelalter im damaligen polnisch‑litauischen Reich sesshaft wurden.

Ihre kleinen Holzmoscheen in Orten wie Bohoniki oder Kruszyniany, Friedhöfe mit schlichten Grabsteinen und zweisprachige Inschriften erzählen von einer Verwurzelung vor Ort.

Viele dieser Lipka-Tataren verstehen sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft – „zuerst Polen, dann Muslime“ – und verbinden Gebet, eigener Tradition und nationale Loyalität ohne große Worte.

Foto: Danita Delimont, Adobe Stock

Weiter südlich, auf dem Balkan, gehört der Islam für Millionen Menschen einfach zur Normalität des Alltags. In Bosnien‑Herzegowina, Bulgarien, Albanien, Kosovo oder Teilen Nordmazedoniens strukturieren Moscheen, Tekken und Familienfeste den Jahreslauf, neben orthodoxen Kirchen und katholischen Pfarreien.

Zwischen Kaffeehäusern, Sufi‑Gemeinschaften, studentischen Initiativen und NGOs entsteht ein buntes Bild gelebter Religion, das weniger von Konflikterzählungen als von Nachbarschaft, Musik und regionalen Dialekten geprägt ist.

Foto: Artem Merzlenko, Adobe Stock

In der Ukraine erinnern die Krimtataren mit ihren Gemeinden, Kulturtagen und Medienangeboten daran, dass der Islam dort eine lange Geschichte hat. Ihre Sprache, ihre Küche und die an Familien und Dorfstrukturen orientierte Frömmigkeit wurden über Jahrzehnte der Verfolgung und Vertreibung hinweg bewahrt.

Auch in anderen Regionen des Landes knüpfen jüngere Muslime an diese Traditionen an und tragen sie in Universitätsstädte und zivilgesellschaftliche Projekte.

Im europäischen Teil Russlands und im Kaukasus wiederum bilden sie eine der großen, selbstverständlichen Komponenten der Gesellschaft. In Tatarstan und Baschkortostan, in Dagestan, Tschetschenien oder Inguschetien füllen sich Freitagsmoscheen ebenso wie Universitäten, Kulturhäuser und Sportvereine.

Hier wird diskutiert, wie sich klassische Gelehrsamkeit, sufische Traditionen und die Erwartungen einer jungen, urbanen Generation miteinander verbinden lassen – oft mit Gelassenheit und Humor.

Überall in diesen Regionen arbeiten muslimische Gemeinden heute daran, ihre Tradition sichtbar zu halten und zugleich offen für die Gesellschaft zu sein. Sie organisieren Nachhilfe, Kulturfestivals, soziale Projekte und digitale Bildungsangebote – häufig in enger Kooperation mit nichtmuslimischen Partnern.

Wer auf diese Landkarte schaut, entdeckt ein anderes Bild des europäischen Islams: weniger polarisierte Schlagzeilen, mehr Nachbarschaft, Beharrlichkeit und die stille Selbstverständlichkeit, hier als Muslime zuhause zu sein.

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Wie gehen wir mit psychischen Krankheiten um?

psychisch psyche krankheit

In vielen muslimischen Familien und manchen Zirkeln dominiert noch die irrige Vorstellung, eine psychische Erkrankung sei im Kern „Schwäche“ oder ein Mangel an Gottesvertrauen. (iz). Zugleich melden muslimische Therapeutinnen und […]

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Militärseelsorge zweiter Klasse?

Militärseelsorge muslime bundeswehr

Warum das Pilotprojekt zur islamischen Militärseelsorge dem Bedarf und dem Anspruch religiöser Gleichstellung nicht gerecht wird

(iz). Mit großer Symbolik verkündete die Bundeswehr die Einführung einer islamischen Militärseelsorge. Nach Jahrzehnten des Wartens erhalten muslimische Soldatinnen und Soldaten nun endlich ein seelsorgerisches Angebot.

Auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Fortschritt. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch ein strukturelles Problem. Was als Anerkennung verkauft wird, trägt Züge einer provisorischen Verwaltungslösung, die weder dem religiösen Bedarf muslimischer Soldaten noch dem Anspruch echter Gleichbehandlung gerecht wird.

Es geht dabei nicht um die Frage, ob muslimische Soldaten seelsorgerische Begleitung benötigen. Diese Frage ist längst beantwortet. Natürlich benötigen sie diese. Die eigentliche Frage lautet, warum wird muslimischen Soldaten auch im Jahr 2026 weiterhin nur ein Übergangsmodell angeboten, während für andere Religionsgemeinschaften längst institutionelle Normalität geschaffen wurde?

Militärseelsorge: Zwei Jahrzehnte verspätete Anerkennung

Muslime dienen nicht erst seit gestern in der Bundeswehr. Bereits seit den 2000er Jahren ist bekannt, dass tausende Muslime Teil der deutschen Streitkräfte sind. Schon während der Auslandseinsätze in Afghanistan wurde deutlich, dass muslimische Soldaten mit spezifischen religiösen und ethischen Fragen konfrontiert werden.

Wie verhält man sich religiös im Auslandseinsatz? Wie verarbeitet man Tod? Wie organisiert man religiöse Trauer? Wie vereinbart man Ramadan mit militärischen Anforderungen? Wie geht man mit Fragen von Schuld, Gewissen und Gewalt um?

Muslimische Soldaten und Soldatinnen in der Bundeswehr schilderten immer wieder öffentlich, dass sie während ihrer Einsätze den Tod von Freunden und Kameraden verarbeiten mussten, aber hierfür keinen religiösen Ansprechpartner hatten. Diese Aussagen stehen exemplarisch für ein strukturelles Versagen.

Wenn ein Staat über zwei Jahrzehnte hinweg muslimische Soldaten beschäftigt, ohne ihnen dieselben religiösen Strukturen anzubieten wie anderen Glaubensgruppen, dann handelt es sich nicht um ein organisatorisches Problem. Es ist Ausdruck institutioneller Ungleichbehandlung.

klima muslime

Foto: Deutscher Bundestag | Marc-Steffen Unger

Das Provisorium statt echter Gleichstellung

Katholische und evangelische Militärseelsorge sind institutionell abgesichert. Die jüdische Militärseelsorge erhielt 2019 einen Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland.

Muslimische Seelsorge erhält hingegen eine öffentliche Ausschreibung, ein Pilotprojekt, eine externe Dienstleistungslösung, keinen Staatsvertrag, keine langfristige institutionelle Verankerung. Allein diese Konstruktion zeigt die Hierarchie.

Christliche und jüdische Seelsorger sind Teil institutioneller Stabilität. Muslime erhalten eine Ausschreibung wie bei einem externen Verwaltungsauftrag.

Religiöse Seelsorge wird hier faktisch behandelt wie ein austauschbarer Dienstleistungsprozess. Das wird weder dem religiösen Charakter der Seelsorge gerecht noch dem Anspruch muslimischer Bürger auf gleichberechtigte Behandlung.

Ein Staat, der religiöse Gleichbehandlung ernst nimmt, darf nicht für manche Religionsgemeinschaften dauerhaft institutionalisierte Strukturen schaffen, während muslimische Gläubige auf befristete Ausschreibungen und provisorische Übergangslösungen verwiesen werden.

Wenn religiöse Rechte tatsächlich universell gelten sollen, dann müssen sie unabhängig von der jeweiligen Religionszugehörigkeit in gleicher Qualität, mit derselben institutionellen Verbindlichkeit und mit derselben Würde gewährleistet werden. Alles andere sendet die Botschaft, dass manche religiösen Bedürfnisse als dauerhaft legitim betrachtet werden, während muslimische Bedürfnisse weiterhin unter Vorbehalt stehen.

Das Argument des fehlenden Ansprechpartners überzeugt nur bedingt

Das Verteidigungsministerium argumentiert seit Jahren, nein seit Jahrzehnten, es gebe keinen zentralen muslimischen Ansprechpartner. Dieses Argument greift zu kurz. Die religiöse Pluralität des Islams in Deutschland ist real. Aber Vielfalt darf nicht als Vorwand genutzt werden, um strukturelle Gleichstellung dauerhaft aufzuschieben.

Der Staat hat in vielen Bereichen gelernt, mit muslimischer Pluralität umzugehen. Islamunterricht. islamische Theologie an Universitäten, Gefängnisseelsorge
Krankenhausseelsorge, Bestattungsfragen.

Warum soll ausgerechnet im Bereich der Bundeswehr plötzlich institutionelle Handlungsunfähigkeit bestehen? Juristen haben bereits darauf hingewiesen, dass ein Staatsvertrag nicht zwingend notwendig wäre. Es fehlt weniger an juristischen Möglichkeiten als an politischem Willen.

Foto: Bundeswehr/Rolf Klatt

Die fragwürdige Zahl von „3.000 muslimischen Soldaten“

Auffällig ist, dass seit Jahren nahezu identische Zahlen kursieren. Mal spricht man von 3.000.
Mal von 4.000. Mal von 6.000. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Zahl 3.000 seit vielen Jahren nahezu unverändert kommuniziert wird. Soziologisch wirft das Fragen auf.

Wie realistisch ist es, dass sich die Zahl muslimischer Soldaten trotz gesellschaftlicher Veränderungen, Migration, Geburtenentwicklung und Rekrutierungsbewegungen über ein Jahrzehnt kaum verändert haben soll? Entweder existiert keine präzise Datenerhebung. Oder man arbeitet bewusst mit konservativen Schätzungen. Beides wäre problematisch. Eine Institution, die religiöse Bedürfnisse ernst nimmt, muss ihre Zielgruppe überhaupt erst einmal seriös kennen.

Seelsorge oder Rekrutierungsstrategie?

Hier beginnt die gesellschaftspolitisch heikelste Frage. Deutschland befindet sich sicherheitspolitisch in einer neuen Phase. Seit der sogenannten Zeitenwende steigen Verteidigungsausgaben massiv. Die Wehrpflicht wurde wieder eingeführt. Die Bundeswehr sucht dringend Personal.

Parallel entsteht plötzlich eine neue Offenheit gegenüber muslimischen Soldaten. Diese zeitliche Parallelität erzeugt einen problematischen Eindruck. Solange muslimische Soldaten in kleinerer Zahl dienten, blieb ihre religiöse Infrastruktur zweitrangig. Nun, da mehr Personal benötigt wird, entdeckt man muslimische Vielfalt als strategische Ressource. Dieser Eindruck muss ernst genommen werden.

Gleichzeitig erleben viele junge Muslime im Alltag Rassismus und/oder Islamfeindlichkeit. Wenn in genau dieser Situation plötzlich religiöse Anerkennung innerhalb der Bundeswehr angeboten wird, entsteht zwangsläufig die Frage, ob es hier um Gleichberechtigung geht oder um bessere Rekrutierung? Ein Staat muss auf diese Frage glaubwürdig antworten.

Seelsorge braucht Vertrauen, nicht Symbolpolitik

Seelsorge funktioniert nur auf Basis von Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht durch Ausschreibungen, Pilotprojekte oder durch symbolische Pressemitteilungen. Vertrauen entsteht durch langfristige institutionelle Anerkennung.

Muslimische Soldaten verdienen dieselbe Würde wie ihre christlichen und jüdischen Kameraden. Wenn der Staat muslimische Bürger dazu aufruft, Verantwortung für das Land zu übernehmen, dann muss er auch bereit sein, ihnen dieselben religiösen Rechte einzuräumen. Nicht provisorisch, testweise oder nur unter Vorbehalt, sondern vollwertig. Alles andere bleibt ein Modell zweiter Klasse.

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Die DIK: ein kritischer Rückblick

DIK Muslime Religionspolitik

Die Erklärung des Koordinationsrats der Muslime (KRM) zur Deutschen Islam Konferenz (DIK) markiert einen Wendepunkt in der Betrachtung.

(iz). Nach zwanzig Jahren steht weniger die Erfolgsgeschichte institutioneller Anerkennung im Mittelpunkt als die Frage, ob dieses Forum überhaupt noch der Realität muslimischen Lebens im Land gerecht wird.

Als Wolfgang Schäuble sie 2006 einrichtete, war das Signal unübersehbar: Der Staat wollte Muslime nicht länger nur als „Integrationsproblem“, sondern Gesprächspartner wahrnehmen. Sie sollte den verfassungsrechtlichen Anspruch der Minderheit auf Teilhabe sichtbar machen – als Bürgerinnen und Bürger, nicht als Sicherheitsrisiko.

In den Anfangsjahren entstanden Pflöcke, die heute den Alltag vieler Gemeinden strukturieren: Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, islamisch‑theologische Lehrstühle, erste Strukturen von Wohlfahrtspflege und Seelsorge in Gefängnissen, Kliniken oder der Bundeswehr.

Foto: Imo|photothek.net / Deutsche Islam Konferenz

Die DIK: vom Dialogforum zum Sicherheitsgremium

Der Kern der KRM‑Kritik lässt sich in einem Satz bündeln: Die DIK ist von einem Forum des Dialogs zu einer Bühne des Misstrauens verschoben worden. In den vergangenen Jahren haben sich Themen und Bildsprache immer stärker um „Extremismus“, „Prävention“ und „Radikalisierung“ gedreht, während die alltäglichen Fragen muslimischen Lebens in den Hintergrund traten.

Der Rat spricht von einer „Verengung“ und davon, dass die Stimmen großer Teile seiner Basis relativiert oder ignoriert würden.

Medienberichte über jüngere Tagungen zeichnen ein ähnliches Bild: Eigentlich soll von Muslimfeindlichkeit gesprochen werden, tatsächlich dominiert dann der Blick auf Antisemitismus unter Muslimen; Islamwissenschaftlerinnen wie Riem Spielhaus berichten, dass die sicherheitspolitische Perspektive erneut die Bühne übernimmt. 

Parallel dazu inszeniert sich das Innenministerium regelmäßig als Akteur, der entschieden „gegen islamistischen Extremismus“ vorgeht – angeblich im Interesse der „großen Mehrheit“. Die Botschaft an die Mehrheitsgesellschaft ist klar: Der Staat sorgt für Sicherheit, indem er unter Muslimen „aufräumt“. Die Frage, was dieses permanente Sicherheitsnarrativ mit der Selbstwahrnehmung und Anerkennung dieser Bürger macht, bleibt eher Randnotiz.

Der KRM beobachtet, dass Muslime erneut vor allem im Kontext von Risiken und Prävention wahrgenommen werden, nicht als selbstverständlicher Teil einer pluralen Gesellschaft. Damit knüpft die DIK an jene Logik an, die sie eigentlich überwinden sollte: Man spricht über „den Islam“ als Problemfall, nicht mit ihnen als Partnern.

Offizielle Rhetorik und gesellschaftliche Realität

Die Diskrepanz zwischen offiziöser Sprache und Realität zeigt sich besonders deutlich, wenn man das Jubiläum der DIK mit der Entwicklung islamfeindlicher Straftaten konfrontiert.

Während das Innenministerium in Verlautbarungen gern die Förderung eines „respektvollen Miteinanders“ hervorhebt, verweisen muslimische Verbände auf einen explosionsartigen Anstieg von Angriffen auf Moscheen in den letzten zwei Jahren.

Der KRM spricht von einer Vervielfachung solcher Attacken. Das ist ein Befund, der sich mit unabhängigen Studien zur Zunahme muslimfeindlicher Gewalt deckt.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Fixierung der DIK auf den „islamistischen Extremismus“ wie eine politisch bequeme Verlagerung: Die Bedrohung, die von einem kleinen, gewaltbereiten Spektrum ausgeht, rechtfertigt eine dauerhafte Problematisierung einer gesamten Religionsgemeinschaft, während der strukturelle Rassismus gegen diese Gemeinschaft zur Detailfrage schrumpft.

Dass Muslime in Deutschland nicht mehr nur „Migrantinnen und Migranten“, sondern längst Lehrer, Richterinnen, Handwerksmeister oder Verwaltungsbeamte sind, spielt im sicherheitspolitischen Setting kaum eine Rolle. Ihre Beiträge zur Gesellschaft – und ihre Verletzbarkeit – verschwinden hinter der Folie des „Risikofaktors“.

Kritische Kommentare in größeren Medien unterstreichen diese Schieflage. Die „Zeit“ beschrieb die Islamkonferenz bereits 2023 als „Wohlfühlveranstaltung“, die echte Auseinandersetzung scheue und kontroverse Stimmen möglichst von den Podien fernhalte.

Die „taz“ nannte das Forum schon unter Innenminister Seehofer einen Ort, an dem zwar über Zugehörigkeit geredet werde, während der Gastgeber zugleich zu Protokoll gab, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Die Diskrepanz zwischen Reden und Rahmenbedingungen zieht sich als rote Linie durch die Geschichte der DIK.

Ausschluss und Instrumentalisierung

In dieser Situation wirkt es fast ironisch, wenn die Politik darauf verweist, die DIK bilde doch „die Vielfalt muslimischer Stimmen“ ab. Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren unterschiedliche Akteure kritisch zu Wort gemeldet. Und dabei oft eher die Grenzen des Formats deutlich gemacht als dessen Stärke.

Dachverbände erinnern daran, dass sie den Großteil der Moscheegemeinschaften organisieren und der Staat, wenn er etwa über die Ausbildung von Imamen reden will, de facto auf sie angewiesen ist.

Doch statt diese Abhängigkeit transparent zu benennen, operiert das Innenministerium gern mit dem Bild eines „pluralen“ Panels, auf dem Verbände, Einzelpersonen und ausgewählte Projektträger nebeneinander sitzen – ohne dass klar würde, wer in welcher Weise legitimiert ist.

Die DIK wird so zu einer Bühne, auf der das Ministerium die Rollen verteilt, während die muslimischen Akteure auf den Status eingeladener Gäste reduziert bleiben.

Der KRM formuliert diese Erfahrung nüchtern, aber deutlich: Die Konferenz drohe zu einem einseitigen Forum zu werden, „in dem vor allem über Muslime gesprochen wird, anstatt gemeinsam mit ihnen auf Augenhöhe Lösungen zu entwickeln“.

Dass eine solche Konstellation Misstrauen erzeugt, überrascht kaum – zumal Entscheidungen über Religionsunterricht, Wohlfahrtspflege oder Baurecht am Ende in Ländern und Kommunen getroffen werden, nicht in Berlin.

Bestattungen Friedhöfe Tod

Foto: IGMG Berlin

Die vergessenen Alltagsfragen

Was aber gerät unter die Räder, wenn die DIK zur Sicherheitskonferenz schrumpft? Der KRM nennt eine Reihe von Themen, die so unspektakulär wie handfest sind: muslimische Grabfelder, die Frage einer verlässlichen Seelsorge in Krankenhäusern und Haftanstalten, der Status von SoldatInnen der Bundeswehr oder die institutionelle Gleichbehandlung islamischer Religionsgemeinschaften mit anderen Religionspartnern.

Dazu kommen die großen, alle betreffenden Herausforderungen – von den Löchern in den Sozialsystemen bis zu den wachsenden Zukunftsängsten in einer Gesellschaft im Umbruch.

Gerade hier könnten muslimische Gemeinden und Organisationen ihre Erfahrung mit solidarischen Strukturen, ehrenamtlicher Arbeit und sozialer Selbstorganisation einbringen.

Doch solche Ressourcen tauchen in den offiziellen Texten des Innenministeriums nur am Rande auf; die Konferenz konzentriert sich auf Förderprogramme, Modellprojekte und Leitlinien, die selten in eine verlässliche institutionelle Praxis übersetzt werden. So bleibt vieles im Status von Pilotprojekten, die nach ein paar Jahren auslaufen, statt dauerhaft in der Fläche zu wirken.

Muslimische Medien haben dieses Muster wiederholt benannt. Die IZ sprach schon zur fünften Runde von der Gefahr, das Narrativ vom „guten“ versus „bösen“ Muslim fortzuschreiben: Auf der einen Seite der integrationsbereite, zivilgesellschaftlich nützliche Akteur, auf der anderen der fundamentalistische Störenfried, gegenüber dem der Staat Härte demonstriert.

Solange dieses Raster die Diskussion strukturiert, bleiben strukturelle Fragen – von der Finanzierung religiöser Infrastruktur bis zur Anerkennung von Religionsgemeinschaften – politische Verhandlungsmasse statt Ausdruck von Grundrechten.

Community

Foto: Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland

Was eine Neuorientierung bedeuten würde

Die Forderung nach einer „klugen Neuausrichtung“, die der KRM erhebt, ist deshalb mehr als die übliche Verbandsrhetorik. Sie verweist auf einen blinden Fleck der Bundespolitik: die Tendenz, gesellschaftliche Konflikte aufs Feld der inneren Sicherheit zu verlagern, anstatt sie als Ausdruck sozialer, rechtlicher und symbolischer Ungleichheit zu begreifen.

Eine DIK, die diesen Namen verdient, müsste den Mut haben, den Fokus zu verschieben – weg von der Frage, wie gefährlich Muslime sein könnten, hin zu jener, wie gerecht die Institutionen gegenüber diesen Bürgern sind.

Dazu gehörte, Muslimfeindlichkeit nicht als Unterpunkt allgemeiner Extremismusdebatten zu behandeln, vielmehr als eigenständiges Problem, das den Rechtsstaat selbst herausfordert.

Es hieße, Angriffe auf Moscheen ebenso ernst zu nehmen wie Übergriffe auf Kirchen oder Synagogen und die betroffenen Gemeinden nicht nur als Sicherheitsobjekte, sondern als Subjekte mit eigenen Deutungen und Erwartungen anzuerkennen.

Und es hieße, die mühseligen, wenig spektakulären Aushandlungen vor Ort – vom Bauantrag für einen Gebetsraum bis zur Frage, ob muslimische Kinder selbstverständlich am Religionsunterricht ihrer Tradition teilnehmen können – nicht länger hinter Tagungsrhetorik verschwinden zu lassen.

Eine solche Neuorientierung wäre unbequem, weil sie die Logik von Symbolpolitik durchbräche. Sie würde den Bund zwingen, Kompetenzen mit Ländern und Gemeinden zu verzahnen, statt vor laufenden Kameras „Werkstattgespräche“ zu feiern.

Gleichzeitig würde sie die muslimischen Verbände und Initiativen in die Pflicht nehmen, ihre inneren Konflikte offen zu verhandeln, anstatt sich hinter dem Verweis auf „falsche“ Gesprächspartner zu verschanzen. Darin läge die Chance einer Konferenz, die dem Namen Dialogforum wieder näherkommt.

Am Ende stellt sich eine einfache, aber grundsätzliche Frage: Ist die Deutsche Islam Konferenz ein Ort, an dem der Staat sich seiner muslimischen Bürger vergewissert – oder ein Ort, an dem sie den Anspruch des Staates auf Gleichbehandlung prüfen können? Solange die Antwort unausgesprochen bleibt, wird jede Jubiläumsfeier einen Beigeschmack behalten.

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Deutsche Muslime in Mekka: Hitze, Hoffnung und Hingabe

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Drei Muslime aus Deutschland, die lieber anonym bleiben wollen, berichteten über ihre Wallfahrt nach Mekka. Sie sprachen über spirituelle Sehnsucht, hohe Kosten und eine Reise fürs Leben.

(KNA/IZ). Für Sajid D. stand die Entscheidung schon lange fest. „Ich wusste immer, dass ich die Pilgerfahrt irgendwann antreten werde – sobald ich sie mir leisten kann“, erzählte der Medienunternehmer aus Norddeutschland am Telefon der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Einige Tage vor dem Beginn der Hajj-Rituale war der Mittvierziger mit dem Flugzeug aus dem verregneten Hamburg im saudischen Medina gelandet. Dort bereitete er sich an der Grabmoschee Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, auf den Hadsch vor.

Die große islamische Wallfahrt im 350 Kilometer entfernten Mekka, dem Geburtsort des Propheten, begann mit dem siebenmaligen Umschreiten der Kaaba in der Heiligen Moschee. Die verschiedenen Riten im Dhu’l-Hijja, dem letzten Monat des islamischen Kalenders, dauerten fünf bis sechs Tage.

Trotz der Wüstenhitze von über 40 Grad Celsius genoss der Deutsche mit türkischen Wurzeln die Vorfreude auf das spirituelle Erlebnis in Mekka und die besondere Atmosphäre in Medina. „Ich schaue hier gerne in die Gesichter der Menschen.

Alle sind auf der Suche nach innerem Frieden und das sieht man ihnen an“, berichtete Sajid über seine Glaubensgeschwister, die in jenen Tagen aus der ganzen Welt an die Wiege des Islam strömten.

Zu den Glücklichen gehörte auch der 44-Jährige Mustapha M. „Man fühlt sich ein bisschen wie ein Auserwählter“, gestand der Versicherungsberater aus Hannover, der inzwischen das Handy von Sajid übernommen hatte.

Exklusiv sind allerdings auch die Preise für die Wallfahrt, die viele Pilger als Komplettpaket buchen – in Deutschland meist über große Moscheeverbände wie DITIB oder die IGMG. Rund 17.700 Euro habe er für sich und seine Frau für den zweiwöchigen Aufenthalt in Saudi-Arabien bezahlt, berichtete Mustapha: für Flüge, Hotel und Verpflegung und die Transportwege mit Bus bzw. Zug.

Die derzeit hohen Preise liegen nicht an den Reiseunternehmern in bspw. europäischen Ländern, sondern an den Vorgaben der saudischen Organisationen. Seit wenigen Jahren müssen sämtliche Buchungen (von Hotels bis Transport) bei Anbietern im Land bezahlt werden.

hadsch

Foto: SPAENG

Saudi-Arabien verdient an der Wallfahrt jährlich Milliarden. Zugleich hat das Königreich in den vergangenen Jahren enorme Summen in die Hadsch-Infrastruktur und die Versorgung der Pilgermassen investiert – gerade auch in den Schutz vor der extremen Hitze. Zwei Jahre zuvor hatte der Tod von mehr als 1.300 Pilgern bei Temperaturen von über 50 Grad Celsius für Entsetzen gesorgt.

Seither wurden in und um Mekka zusätzliche Schattenflächen geschaffen, die Zahl klimatisierter Räume und Zelte erhöht, Wasser- und Gesundheitsversorgung verbessert. Neue Technologie soll helfen, die Besucherströme besser zu lenken. Für das Königshaus, den sogenannten „Hüter der beiden heiligen Stätten“ Mekka und Medina, bedeutet der reibungslose Ablauf des religiösen Mega-Events Prestige und Legitimation.

Die drei Pilger aus Deutschland, die ihre Frömmigkeit nicht in den Vordergrund stellen und deshalb lieber anonym bleiben wollen, zeigten sich jedenfalls zufrieden: Seit ihrer Ankunft in Medina funktionierte alles reibungslos.

Mustapha, ein Vater von drei Kindern, sah die Kosten jedoch mit gelassener Frömmigkeit: „Die Hajj ist die fünfte Säule des Islam und von Gott vorgeschrieben. Wenn man gesund ist und die finanziellen Mittel hat, ist man als Muslim nun mal dazu verpflichtet.“

pilger hadsch gedichte

Foto: Zurijeta, Freepik.com

Auch sein Mitpilger, Erhan I., Gartenbauunternehmer aus Hagen, sah es so: „Wir fahren nach Mekka aus Liebe zu unserem Schöpfer“, erklärte er. „Letztlich verdanken wir ihm das Geld, um hierherzukommen. Und alles, was wir dafür ausgeben, werden wir von Allah zurückbekommen.“

Als Sajid, Mustapha und Erhan dann in Mekka in den Weihezustand, arabisch Ihram, eintraten, lagen entbehrungsreiche Tage vor ihnen. Wer auf den Bustransfer verzichtete, lief zwischen den einzelnen Ritualorten mit dem Sonnenschirm täglich bis zu 15 Kilometer. „Im Vorbereitungsseminar der Moscheegemeinde riet man uns, dass wir uns körperlich fit machen und viel spazieren gehen sollen“, erzählte Mustapha.

Für Muslime ist die Hajj ein religiöser Höhepunkt ihres Lebens und ein Ereignis, an dem die Angehörigen zu Hause großen Anteil nehmen. „Bei der Abreise hat sich meine Familie fast mehr gefreut als ich“, erinnerte sich Erhan.

* Da der Text in unserer Ausgabe nach Abschluss der diesjährigen Hajj erscheint, haben wir die Zeitform in die Vergangenheit verschoben.

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Debatte: zur eindimensionalen Wahrnehmung der Muslime

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Debatte: Die Biografien von religiös-motivierten Extremisten zeigen ein auffälliges Muster. Ein großer Teil dieser Personen verfügte nicht über eine fundierte religiöse Bildung. Im Gegenteil. (iz). Viele hatten nur sehr oberflächliche […]

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Rassismus: Forscherinnen warnen vor Folgen im Schulalltag

schule rassismus

Rassismus: Rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben eine Migrationsgeschichte – und viele von ihnen erlebe subtile Benachteiligung. Das zeigt sich an Leistungsbewertung, aber auch ganz konkret in der Sprache.

Berlin (KNA). „Ich lebe in Deutschland, ich besuche die dritte Klasse“, steht unter dem Bild von dem blonden Jungen. Bei dem schwarzen Kind neben ihm heißt es: „Ahmet kommt aus Afrika“, und: „Er versteht noch schlecht Deutsch.“

Für Aileen Edele ein problematisches Beispiel: „Vor allem ältere Schulbücher stellen migrierte Menschen oft als homogene, problematische Gruppen dar, die es zu integrieren gilt“, schreibt sie in einem aktuellen Papier des Mediendienstes Integration.

Schulbücher sind laut der Forscherin nur ein Teil des Problems – grundsätzlich orientiere sich der schulische Alltag noch stark an einer vermeintlichen „Standard-Familie“.

Bestimmte Weltregionen würden „fast ausschließlich als arm, ländlich und rückständig dargestellt“, Weltreligionen problematisierend: „Muslime tauchen vor allem im Zusammenhang mit Integrationsdefiziten oder Bedrohungsszenarien auf“, sagt Edele. Dies fördere hierarchisches und rassistisches Denken.

Foto: Designed by Freepik

In neueren Schulbüchern gebe es gewisse Fortschritte, heißt es in der Expertise. Allerdings würden etwa lateinamerikanische Länder oftmals in einen Gegensatz zu Europa gestellt, „wo Probleme wie soziale Ungleichheit oder Umweltverschmutzung vermeintlich nicht (mehr) auftreten“.

Gemeinsam mit Sophie Harms hat die Professorin des Berliner Instituts für Migrations- und Integrationsforschung zahlreiche Studien mit hohen Datensätzen ausgewertet. Ergebnis: Eine Mehrheit der Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte hat nach eigenen Angaben selten oder nie persönliche Diskriminierung erlebt.

Allerdings sollte dies „nicht als Entwarnung missverstanden werden“: Rassismus erlebten vor allem junge Menschen, die als nicht der Mehrheit zugehörig wahrgenommen werden. Auch werde diese Diskriminierung nicht immer benannt.

Rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Besonders stark von rassistischer Diskriminierung betroffen sind demnach Schülerinnen und Schüler, deren Familien aus der Türkei oder arabischsprachigen Ländern eingewandert sind – sie berichten häufiger von persönlicher Diskriminierung als diejenigen, deren Familien ursprünglich aus Polen, dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder dem früheren Jugoslawien stammen. Zudem fühlen sich Jungen demnach stärker diskriminiert als Mädchen.

Edele und Harms verweisen auf weitere Studien, denen zufolge Diskriminierung besonders häufig aufgrund der Hautfarbe geschieht. Auch gegenüber Sinti und Roma gebe es massive Vorurteile.

Diese Erfahrungen könnten sich negativ auf Selbstbild und Wohlbefinden auswirken. „Alle Schüler*innen haben das Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulbesuch“, mahnen die Forscherinnen.

kinder Bildungssystem

Foto: Anastasia Shuraeva, Pexels

Betroffene besuchten seltener ein Gymnasium und machten seltener Abitur – einigen experimentellen Studien zufolge, weil Lehrkräfte mitunter gleiche Leistung schlechter bewerten. Auch das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern könne dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte sich weniger zutrauten und weniger gefördert würden.

Problematisch sei zudem „die geringe Anerkennung der Herkunftssprachen eingewanderter Familien“: So sei es die Ausnahme, dass diese an Schulen als Fremdsprachen gelehrt würden.

Angebote mit herkunftssprachlichem Unterricht seien von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich: In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern umfasse es nur eine Sprache, in Nordrhein-Westfalen dagegen 28.

An manchen Schulen seien Herkunftssprachen verboten; Türkisch oder Russisch erschienen also als weniger förderungswürdig als etwa Englisch oder Spanisch. „Selbstverständlich müssen auch für den Erwerb der deutschen Sprache ausreichend Lerngelegenheiten eröffnet werden“, so die Autorinnen.

Jedoch könnten gute Kenntnisse der Herkunftssprache auch den weiteren Spracherwerb erleichtern – insofern seien Verbote doppelt fatal. Sie signalisierten zudem, „dass ihre Familiensprache und somit ein wichtiger Teil ihrer Identität nicht erwünscht und als unvereinbar mit dem Bildungsort Schule angesehen wird.“