Ein Kölner Gipfel über Muslime in Ost- und Südosteuropa, im Kaukasus und in Teilen Asiens fällt in eine Zeit, in der sich in diesen Regionen alte Bruchlinien und neue Herausforderungen überlagern.
(iz). Auf Einladung der IGMG und Hasene International kamen Mitte Juni Vertreter islamischer Gemeinschaften von Deutschland und Österreich über den Balkan bis in den Kaukasus, nach Zentralasien und bis in die Mongolei zusammen, um über religiöse Bildung, Minderheitenrechte, institutionelle Fragen und soziale Notlagen zu beraten.
Der Rahmen war bewusst breit gewählt: von etablierten Minderheiten in Südosteuropa über kriegsgeprägte Kontexte wie die Ukraine bis hin zu kleinen Gemeinschaften im Baltikum oder in der Steppe Zentralasiens.
Die Berichte aus den verschiedenen Ländern zeichnen ein Bild großer Vielfalt, das dennoch von wiederkehrenden Motiven durchzogen ist. In Deutschland und Österreich stehen Fragen der rechtlichen Gleichstellung, der strukturellen Anerkennung und der Ausbildung religiösen Personals im Vordergrund.
Muslimische Organisationen betonen, dass es nicht um Sonderrechte geht, sondern um den Zugang zu jenen Instrumenten, die anderen Religionsgemeinschaften längst zur Verfügung stehen – etwa in der Seelsorge, beim Religionsunterricht oder bei der Finanzierung religiöser Infrastruktur.
Gleichzeitig rückt die junge Generation in den Blick, für die die Herkunftsländer der Großeltern immer mehr verblassen und die ihre muslimische Identität in einer weitgehend säkular geprägten Umgebung neu verorten muss.
Pressebilder: IGMG/Hasene International
Gipfel europäischer Muslime: Im Osten verschieben sich Schwerpunkte
Weiter südlich und östlich verschieben sich die Schwerpunkte. In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens sowie in Bulgarien, Rumänien oder Griechenland sind viele muslimische Gemeinschaften historisch gewachsene Minderheiten, deren Existenz weit vor die jüngeren Migrationsbewegungen zurückreicht. Hier dominieren Fragen von Minderheitenstatus, Restitution von Religionsstiftungen, Sprachenpolitik und politischer Repräsentation.
Die Situation der bosniakischen Muslime ist durch die ungelösten Spannungen der neunziger Jahre geprägt, denen sich – wie Dr. Harun Karčić analysiert – seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine neue sicherheitspolitische Risiken hinzugesellt haben. Bosnien-Herzegowina bleibt ein fragiles Gebilde; prorussische und nationalistische Akteure bedienen sich rhetorischer und politischer Muster, die aus der Zeit vor dem Krieg bekannt sind.
Im serbischen und im montenegrinischen Sandschak, in Mazedonien oder im Kosovo verbindet sich die religiöse Dimension mit ökonomischer Benachteiligung und dem Tauziehen um Einfluss zwischen regionalen und externen Akteuren.
Die Vertreter dieser Regionen in Köln beschrieben u.a. die schleppende Rückgabe des Eigentums von früheren Stiftungen (Vakif), interne institutionelle Spannungen und den Druck, unter Bedingungen begrenzter Ressourcen funktionsfähige Strukturen zu erhalten.
Hinzu kommen diskursive Zuschreibungen von außen: Der Balkan taucht im westlichen Diskurs wahlweise als „Brutstätte“ extremistischen Islamismus oder Zone externer Einflussnahme auf, was dem überwiegend pragmatisch-konservativen Islam der Region nur bedingt entspricht.
Foto: kmbs.ua
Konfliktlinien im Balkan, der Ukraine und dem Kaukasus
Von besonderer Schärfe sind die Konfliktlinien in der Ukraine und im Umfeld des Kaukasus. Der Bericht des ukrainischen Muftis auf der Konferenz verwies auf die lange Geschichte des Islam im Land, die eng mit den Krimtataren verbunden ist, und auf die mehrfachen Verschiebungen durch Deportationen, Annexion und Krieg.
Mit dem Angriff Russlands hat sich nicht nur die Demografie der muslimischen Bevölkerung verändert; Moscheen und islamische Zentren wurden zu Knotenpunkten humanitärer Hilfe, während Geistliche an der Front seelsorgerische und praktische Aufgaben übernahmen.
Ähnliche Verschränkungen von Religion, Sicherheitspolitik und geopolitischer Konkurrenz lassen sich ebenso im Südkaukasus beobachten, wo eingefrorene Konflikte wie in Berg-Karabach jederzeit wieder aufbrechen können.
In den klassischen muslimischen Kernräumen Eurasiens – etwa in Russland selbst, in Tatarstan, Tschetschenien oder im weiteren Raum Zentralasiens – verbindet sich spirituelles Leben mit autoritären politischen Rahmenbedingungen und einem dichten Geflecht staatlicher Kontrolle.
Viele der in Köln anwesenden Vertreter aus Georgien, Kirgisistan oder angrenzenden Regionen berichteten von der Aufgabe, religiöse Bildungseinrichtungen aufzubauen, qualifizierte Imame zu gewinnen und zugleich jene Spielräume zu nutzen, die Staaten überhaupt zulassen.
Ein Thema ist dabei die Anziehungskraft externer Angebote und die Verbreitung vereinfachender oder extremistischer Lesarten über digitale Kanäle, denen mit solider Grundbildung begegnet werden soll.
Eine eher leise, aber symbolisch nicht zu unterschätzende Rolle spielen kleinere Gemeinschaften in Ländern wie Polen, Litauen, Estland oder der Mongolei. In den Staaten am östlichen Ostseeufer verweisen die Vertreter auf die jahrhundertealte Präsenz muslimischer Tataren und zugleich auf Schwierigkeiten, bei Stadterweiterung und Denkmalschutz mit historischen Moscheestandorten und Friedhöfen Gehör zu finden.
In Polen und den baltischen Republiken kommt die Herausforderung hinzu, dass öffentliche Wahrnehmung von Muslimen oft stärker von Debatten in Westeuropa gemünzt ist als von der eigenen Geschichte. In der Mongolei wiederum handelt es sich um eine kleine Minderheit mit regionaler Konzentration, die aus dem kasachisch geprägten Westen des Landes stammt und um Basiskompetenzen wie religiöse Bildung in der Landessprache, institutionelle Verstetigung und einfache Infrastruktur ringt.
Foto: Shutterstock/Monkey Business Images
Es gibg verbindende Herausforderungen
Einige Querschnittsthemen ziehen sich durch alle Berichte. Dazu gehören der Mangel an qualifiziertem religiösem Personal, die Notwendigkeit, junge Menschen unter Bedingungen einer globalisierten Medienlandschaft zu begleiten, und die Erfahrung, dass antimuslimischer Rassismus, auch wenn er sich lokal unterschiedlich äußert, in seinen Grundmustern wiedererkennbar ist.
In Österreich etwa wurden zuletzt wieder steigende Zahlen islamfeindlicher Vorfälle dokumentiert, während in Griechenland das beständige Ringen um Anerkennung der türkischen Minderheit in Westthrazien die Beziehungen zwischen Staat und Gemeinschaft belastet.
Im Hintergrund steht eine europäische Diskussion, in der der Islam, insbesondere in den östlichen und südöstlichen „Peripherien“, häufig als Sicherheitsproblem oder als Projektionsfläche geopolitischer Rivalitäten erscheint.
In diesem Kontext gewinnen Begegnungen wie das Kölner Event eine Bedeutung, die über das Format einer singulären Tagung hinausreicht. Die Veranstalter betonten, es gehe nicht darum, „einmal zusammenzukommen und dann wieder auseinanderzugehen“, sondern um den Aufbau belastbarer Kommunikationswege zwischen sehr unterschiedlichen Kontexten: Mehrheitsgesellschaften mit muslimischen Minderheiten, mehrheitlich muslimischen Gesellschaften mit autoritären Regierungsformen und kleinen, oft übersehenen Gemeinschaften, deren Situation in großen Lagebildern kaum vorkommt.
Die Themen reichen von Ausbildungsgängen über die Finanzierung religiöser Infrastruktur und humanitärer Hilfe bis zu Fragen politischer Repräsentation und rechtlicher Gleichstellung.
Das gemeinsame Bild auf eine unterschätzte Region (um das sich bspw. die „Islamische Zeitung“ bemüht) ist ambivalent.
Auf der einen Seite gibt es in vielen Ländern eine bemerkenswerte institutionelle Verdichtung muslimischer Präsenz: Muftiate, Räte, Zentren und Bildungsinstitutionen, die nach Jahrzehnten der Repression, des Krieges oder des legalen Vakuums mühsam aufgebaut wurden.
Auf der anderen bleiben diese Strukturen fragil. Sie werden nicht selten angefochten durch nationalistische Projekte, autoritäre Staaten, wirtschaftliche Schwäche(n) und transnationale Konflikte, die in den Alltag hineinragen.
* Unter Verwendung von Informationen der „Perspektif“ vom 13. Juni.