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Die Frömmigkeit des Fragens im Zeitalter der KI

Ausgabe 372

frömmigkeit fragen KI
Foto: bixpicture/Adobe Stock

Frömmigkeit des Fragens: Von Platon über Heidegger – wie wir mit denkenden Maschinen zusammenleben wollen.

(iz). Wer heute über Künstliche Intelligenz spricht, stößt schnell auf eine zweite Debatte: die, über einen tiefgreifenden Umbau der Machtverhältnisse. Der griechische Ökonom Yanis Varoufakis deutet ihn als Übergang in ein neues Regime, das er „Technofeudalismus“ nennt – eine Ordnung, in der Plattformen und Datenrenten klassische Märkte und Gewinne überlagern und wenige „cloud lords“ über viele digitale Untertanen verfügen.

Die Metapher ist drastisch, aber sie markiert eine reale Verschiebung: Souveränität wandert zu denjenigen, die nicht nur Fabriken, sondern Datenströme, Rechenzentren und die Anschlussstellen zum Staat kontrollieren.

Sichtbar wird dies dort, wo Technologieunternehmen und staatliche Gewalt ineinandergreifen. Datenanalyse-Firmen, Betreiber großer Modelle und Rüstungskonzerne liefern nicht mehr nur Werkzeuge, sondern gleich ganze Entscheidungshorizonte.

Ihre Systeme sortieren Informationen, gewichten Risiken, strukturieren militärische und sicherheitspolitische Optionen. Wo früher Behörden allein die Lagebilder entwarfen, bestimmen heute auch jene mit, die die entsprechenden Algorithmen bereitstellen. Die Figur des „neutralen Dienstleisters“ verliert an Plausibilität.

So verschiebt sich auch die alte Parole des Neoliberalismus. Das Vertrauen, man könne den „Markt machen lassen“, steht einer neuen Trias aus Industriepolitik, nationaler Sicherheitslogik und algorithmischer Steuerung gegenüber. Varoufakis trifft den Nerv der Veränderung, wenn er diese Konstellation scharf benennt.

 Doch seine Rede vom vollständigen Bruch mit dem Kapitalismus und von einer Rückkehr feudaler Hörigkeit überzeichnet die Lage. Präziser lässt sich von einer neuen Konzentration politischer, technologischer und ökonomischer Ressourcen sprechen – mit Chancen auf Effizienz und Innovationskraft, aber auch mit Risiken wachsender Überwachung, privater Machtblöcke und einer schleichenden Entwertung von Privatheit.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum die Reaktionen auf Künstliche Intelligenz so weit auseinandergehen. Für die einen ist sie ein Werkzeug, das menschliche Ideen beflügelt; für die anderen ein Verstärker ohnehin problematischer Tendenzen, der die vertraute Lebenswelt aus den Angeln heben könnte. Und zwischen beiden Seiten steht die Frage, wie diese Technik überhaupt angemessen zu beurteilen ist.

Der Mensch als eigenes Sprachmodell

Ein erster Blick könnte nahelegen, die Lager entlang einer klaren Grenze zu ordnen: hier das „eigentliche“, menschliche Denken, dort die „bloß simulierte“ Intelligenz der Maschine. Doch schon der Alltag irritiert diesen Gegensatz. Unsere alltäglichen Gespräche bestehen aus Vereinfachungen, Halbwissen, Missverständnissen, aus Ergänzungen, die mehr deuten als wissen. Menschen erfinden, übertreiben, fabulieren Sachverhalte, sie konstruieren Zusammenhänge, die erst im Nachhinein Bestand gewinnen oder zerfallen.

In diesem Licht erscheint der Mensch selbst als eine Art lebendiges Sprachmodell, als Wesen, das Lücken füllt, Muster sucht, Sinn stiftet, wo die Daten noch unvollständig sind. Und doch ist der Unterschied zur Maschine entscheidend.

Wenn große Modelle „halluzinieren“, produzieren sie statistische Plausibilitäten ohne Erfahrung; wenn Menschen irren, sind Fantasie, Biografie und Verantwortung im Spiel. Aus einem maschinellen Fehler folgt nichts als eine Korrektur im Code. Aus einem menschlichen Irrtum kann Schuld erwachsen, Reue, Lernfähigkeit – oder Verirrung.

Die Versuchung, Mensch und Maschine nach oberflächlicher Ähnlichkeit gleichzusetzen, ist darum ebenso irreführend wie die Idee einer unüberbrückbaren Distanz. Interessant wird der Vergleich dort, wo er die Struktur des eigenen Denkens sichtbar macht. Vielleicht ist das die erste Zumutung der KI: Sie zwingt dazu, das menschliche Bedürfnis nach stimmigen Geschichten ernst zu nehmen – und zugleich misstrauisch gegenüber den eigenen Gewissheiten zu bleiben.

Künstliches Denken vor der digitalen Ära

Die Frage, ob eine Maschine denken kann, ist älter als Computer und Rechenzentren. Goethe hat sie in seiner Faust-Dichtung ins Bild gesetzt, lange bevor von Algorithmen die Rede war.

In der Homunculus-Szene entsteht ein künstliches Wesen im Labor, ein Geist in der Glasampulle, hervorgebracht durch menschliche Kunstfertigkeit. Die Szene ist grotesk und ernst zugleich: Sie spielt mit der Vorstellung, dass sich Geist technisch erzeugen lässt, und tastet doch zugleich an der Grenze dessen, was als menschlich gilt.

Die Figur des Homunculus ist keine primitive Vorform des Roboters, sondern ein Spiegel. Die künstliche Kreatur fragt zurück, was den Menschen ausmacht, wenn das, was er für seinen geistigen Vorzug hielt, plötzlich als Produkt eines Verfahrens erscheint. Schon hier geht es weniger um die Machbarkeit als um eine Verstörung des Selbstbildes.

Die Moderne experimentiert mit der Idee des künstlichen Denkens – und legt damit auch die Fragilität des eigenen Begriffs von Geist frei. So führt die Frage nach der Denkfähigkeit der Maschine unweigerlich zur Gegenfrage: Was heißt es, ein denkendes Wesen zu sein?

Die Technik ist der Anlass, nicht der eigentliche Gegenstand dieser Überlegung. Wer über KI spricht, spricht immer zugleich über den Menschen.

Foto: Kosths, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Platons alte Fragen im neuen Licht

An diesem Punkt treten Gedanken in den Vordergrund, die mehr als zwei Jahrtausende alt sind. Platon stellte nicht Maschinen, sondern Grundbegriffe ins Zentrum seines Nachdenkens: Wahrheit, Schönheit, Gerechtigkeit.

Die britische Philosophin Angie Hobbs hat in ihrer jüngeren Studie „Why Plato Matters Now“ gezeigt, wie sehr diese Fragen in eine Gegenwart hineinragen, die von Desinformation, Erosionsprozessen der Demokratie und globaler Vernetzung geprägt ist. Platons Dialoge, so ihre These, sind keine musealen Texte, sondern Übungsräume für eine Form des Denkens, die auf Antworten nicht vorschnell festlegt.

Auffällig ist die Differenz zur heutigen Praxis des Fragens. Der digitale Dialog mit einem Chatbot, mit einer Suchmaschine, mit einem Empfehlungssystem zielt auf die rasche, gut formatierte Antwort. Ein Prompt, eine Liste, ein Absatz – und das Gefühl, zunächst einmal „versorgt“ zu sein. Platons Dialoge zielen auf das Gegenteil.

Sie führen in Aporien, in Sackgassen und in Schleifen. Am Ende steht oft weniger Gewissheit als zuvor, dafür ein geschärftes Gefühl für die eigenen Voraussetzungen. Gerade darum gewinnt Platon im KI-Zeitalter an Kontur.

Wo Technik den Eindruck entstehen lässt, für jede Frage eine Antwort parat zu haben, erinnert der Dialog daran, dass die Form der Frage ebenso entscheidend ist wie die Information, die auf sie folgt. Künstliche Intelligenz wird so zum Anlass, die Kunst des Fragens neu zu lernen.

Gelassenheit gegenüber mächtiger Technik

Die Frage nach der richtigen Haltung zur Technik hat der späte Heidegger unter einen Begriff gestellt, der heute fast altmodisch wirkt: Gelassenheit. Gemeint ist nicht Resignation, auch nicht ein romantischer Rückzug, sondern eine Form wacher Distanz. Technik soll genutzt werden, ohne dass sie das letzte Wort erhält. Man lässt sie wirken, lässt sich aber von ihr nicht bestimmen. Diese Gelassenheit hält die Extreme in Schach.

Zwischen dem Alarmruf vor dem Untergang der Menschheit und der Verheißung einer durchdigitalisierten Erlösung behauptet sie einen reflektiven Raum: den der Prüfung. Was kann eine Technik, was richtet sie an, wem dient sie, was kostet sie? Gelassenheit heißt hier: sich nicht vom Pathos der Innovation tragen zu lassen, aber auch nicht im Reflex des Kulturpessimismus stehenzubleiben.

Vielleicht lässt sich der Begriff so aktualisieren: „Gelassenheit ist die Kunst, technische Macht ernst zu nehmen, ohne ihr die Deutungshoheit über das Menschliche zu überlassen.“ In dieser Perspektive wird Künstliche Intelligenz nicht verharmlost, aber sie verliert den Nimbus des Unvermeidlichen.

Foto: Jose Aljovin, Unsplash

Wenn Intelligenz nicht reicht: Weisheit

Mit der Frage nach der Haltung ist die Frage nach den Maßstäben eng verbunden, an denen sich der Einsatz von KI messen lassen soll. Der Philosoph Edward H. Spence schlägt vor, hier von Weisheit zu sprechen.

In seinem Buch „Wisdom in the Age of Intelligent Machines“ deutet er Weisheit als Fähigkeit, Wissen mit ethischer Orientierung und Sinn für das gute Leben zu verbinden. Es geht nicht um ein nostalgisches Ideal, sondern um einen Rahmen, innerhalb dessen sich technische Intelligenz verantwortbar einsetzen lässt.

Unter diesem Gesichtspunkt verschiebt sich der Fokus. Die spannende Frage lautet nicht mehr, wie leistungsfähig die Modelle werden, wie viele Parameter sie verarbeiten oder wie schnell sie lernen. Entscheidend wird, in welcher Art von Praxis sie stehen. Eine KI, die Effizienz maximiert, aber Blindheit für soziale Folgen verstärkt, mag „intelligent“ heißen. Weise ist sie nicht.

Weisheit wirkt hier weniger als Eigenschaft herausragender Einzelner, sondern als verteilte Kompetenz von Institutionen, Bildungsprozessen und öffentlichen Debatten. Sie zeigt sich darin, ob eine Gesellschaft Strukturen schafft, in denen maschinelle Vorschläge nicht ungeprüft zu Normen werden.

Man könnte sagen: „Intelligenz berechnet Möglichkeiten; Weisheit legt fest, welche wir ergreifen dürfen.“ Wichtiger denn je wird für den Menschen im KI-Zeitalter, seine Quellen der Weisheit zu reaktivieren.

Ethik durch KI: Ko-Evolution statt Abwehr

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel knüpft an diese Überlegungen an, wenn er von „ethischer Intelligenz“ spricht. In seinem Buch gleichen Namens rückt er die Wirkung von KI-Systemen auf Gefühle, Werte und moralische Urteile in den Vordergrund. Moderne Modelle agieren nicht nur als neutrale Rechenmaschinen.

Sie antworten, spiegeln, verstärken, irritieren – sie werden zu Resonanzflächen, auf denen sich gesellschaftliche Konflikte abzeichnen. „Worauf es nun ankommt“, schreibt er, „ist, eine angemessene Beziehung zu dem Umstand zu entwickeln, dass wir im Innenraum unserer Seele nicht mehr allein sind.“

Der Philosoph fordert dazu auf, den technologischen Herausforderungen mit einer Vertiefung unseres Denkens zu begegnen. Aus diesen Beobachtungen zieht Gabriel eine doppelte Konsequenz. Eine Ethik, die sich darauf beschränkt, rote Linien zu ziehen und Verbote zu formulieren, greift zu kurz.

Aber ebenso unzureichend wäre ein naiver Glaube an den moralischen Fortschritt durch Technik. Gabriel schlägt vor, das Verhältnis von Menschen und Maschine als Ko-Evolution zu denken: Beide Seiten verändern sich in der Begegnung, keine bleibt, wie sie war.

In dieser Sichtweise wird KI nicht zur moralischen Instanz, aber sie kann zu einem Instrument der Klärung werden. Systeme, die Wertkonflikte sichtbar machen, Entscheidungssituationen transparent strukturieren oder alternative Handlungswege durchspielen, können helfen, Verantwortung konkreter zu fassen. Eine Formel dafür könnte lauten: „Nicht Ethik gegen KI, sondern Ethik mit KI – sofern der Mensch die letzte Instanz des Urteilens bleibt.“ Die Pointe liegt im Nachsatz.

Zugleich markiert dieses Ko-Evolutionsdenken die politischen Bedingungen des Gelingens. Eine „ethische Intelligenz“ setzt voraus, dass die Gestaltung von KI nicht allein in den Händen der Konzerne liegt, sondern demokratisch verhandelt wird: in Bildung und Recht, in Institutionen und Öffentlichkeiten. Sonst droht das Pathos der Ethik zur Begleitmusik einer Technik zu werden, die längst andere Ziele verfolgt.

Kairo: In der Sultan-Hassan-Moschee wird das Werk von An-Nawawi für die Besucher erklärt. (Foto: Waleed Arafa)

Die Frömmigkeit des Fragens

Am Ende sind wir zu einer scheinbar schlichten, in Wahrheit aber anspruchsvollen Verschiebung gezwungen. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz steht weniger die Frage, was die Maschinen können, als die Frage, was der Mensch von ihnen will. Entscheidend ist nicht die Eleganz der Antwort, sondern der Ernst der Frage, die an sie herangetragen wird.

Der späte Heidegger hat diesen Gedanken in eine knappe Formel gebracht, wenn er das Fragen „die Frömmigkeit des Denkens“ nennt. Frömmigkeit meint hier nicht zwingend eine bestimmte Konfessionalität, sondern eine Haltung der Aufmerksamkeit.

Wer fragt, anerkennt, dass er die Wahrheit nicht besitzt, sondern sucht. Übertragen auf die KI-Debatte könnte man sagen: Solange der Mensch in der Lage bleibt, die eigenen Fragen zu prüfen, bleibt er mehr als der Administrator seiner Maschinen.

Die alten Leitfragen Platons nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit, die Gelassenheit im Umgang mit Technik, die Idee von Weisheit als Maßstab und die Vision einer ko-evolutionären Ethik mit KI bilden zusammen keinen fertigen Bauplan. Sie zeichnen eher einen Horizont, vor dem sich konkrete Entscheidungen abheben.

In diesem Horizont zeigt sich, was auf dem Spiel steht, wenn Rechenleistung, Bilderzeugung und Urteilsunterstützung an technische Systeme delegiert werden. Vielleicht ist dies die eigentliche Zumutung des KI-Zeitalters: Es verlangt, die großen Fragen nicht an die Maschinen zu delegieren.

Intelligente Systeme können Informationen ordnen, Muster erkennen, Szenarien durchspielen. Aber die Entscheidung, welche Welt wir mit ihnen bauen wollen, bleibt an jene gebunden, die fragen können und bereit sind, sich von ihren eigenen Fragen leiten zu lassen.

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