„IZ-Begegnung“ mit zwei VertreterInnen von der IGMG-Jugend über das Potenzial der kommenden Generation und das laufende Programm der SES Academy..
(iz). Häufig werden junge Muslime in unserer Gesellschaft als Problem stigmatisiert und in medial vermittelten Diskursen problematisiert. Ein eindrückliches Beispiel für diese Tendenz war die vom Kanzler angestoßene „Stadtbilddebatte“.
Selbstredend ist die Wirklichkeit vielschichtiger und differenzierter. Gerade in Deutschland haben junge Muslime in vielen Bereichen Anschluss gefunden und sind aktiv als Studierende, Startup-Unternehmer und Fachkräfte tätig. Ähnlich verhält es sich mit ihrer Bindung an die hiesige Gesellschaft. Das belegt nach Ansicht der Mitwirkenden eine Studie zur IGMG-Jugend, die demnächst veröffentlicht werden soll.
Im April startete die SES Academy – ein Projekt des Islamrats in Kooperation mit der IGMG – mit einer international besetzten Auftaktveranstaltung. Das auf zweieinhalb Jahre angelegte Projekt widmet sich schwerpunktmäßig der politischen und gesellschaftlichen Weiterbildung.
Darüber hinaus soll es den Teilnehmenden die notwendigen Kompetenzen für die Teilhabe an der Öffentlichkeit vermitteln. Hierzu sprachen wir mit Zehra Karataş und Furkan Kahraman aus der Jugendarbeit des Verbandes.
Islamische Zeitung: Liebe Zehra Karataş, lieber Furkan Kahraman, können Sie sich kurz vorstellen?
Zehra Karataş: Mein Name ist Zehra Karataş und ich wurde 1985 in Duisburg geboren. Ich habe an der FH Dortmund Architektur studiert und bin seit 2021 als Leiterin der Frauen-Jugendorganisation bei der IGMG tätig.
Furkan Kahraman: Mein Name ist Furkan Karaman und ich wurde 1993 in Mühlacker geboren. Seit dem 13. Lebensjahr bin ich in der IGMG aktiv. Ich habe an der Sultan Mehmet Vakıf Universität in Istanbul Islamische Theologie studiert. 2019 bis 2020 war ich in England und habe an Sprachkursen teilgenommen. 2020 kam ich zurück nach Deutschland und bin seit 2021 als Leiter der Jugendorganisation der IGMG tätig.
Islamische Zeitung: Am Wochenende vom 11.-12. April 2026 fand die Auftaktveranstaltung der SES Academy in Köln statt. Erste Wochenendseminare sind bereits auf der Website angekündigt und das Bildungsprogramm ist auf zweieinhalb Jahre ausgelegt. Können Sie beschreiben, um was es dabei geht und welche Inhalte vermittelt werden sollen?
Zehra KarataÅŸ:Â Es handelt sich dabei um ein langfristiges, mehrsprachiges Programm. Es soll jungen Muslimen helfen, sich besser in Politik und Gesellschaft zu orientieren. Im Kern steht die politische Bildung.
Wir wollen die TeilnehmerInnen dazu befähigen, komplexe Themen reflektieren und einordnen zu können, statt nur oberflächlich auf Schlagzeilen zu reagieren.
Das Ganze findet in verschiedenen Formaten statt: von klassischen Wochenendseminaren bis hin zu intensiven Sommerschulen oder als digitales Angebot.
Islamische Zeitung: Richtet sich die Akademie an die eigenen Mitglieder und angeschlossenen Gemeinschaften oder generell an junge Muslime in Europa?
Furkan Kahraman: Das Programm ist ein Angebot hauptsächlich für unsere Jugend, also für Mitglieder der Jugendorganisationen. Aber es gibt ebenso Interessierte außerhalb des Verbandes. Auch sie sind willkommen. Schwerpunktmäßig richtet sich das Bildungsprogramm an 18- bis 30-Jährige.
Foto: Islamrat/SES Academy
Islamische Zeitung: Warum hat man sich für die SES Academy für den Fokus auf politische Bildung entschieden?
Furkan Kahraman: Politische Entwicklungen und gesellschaftliche Debatten überschlagen sich derzeit. Den Überblick zu behalten oder Entwicklungen zu kontextualisieren, wird für viele Menschen zunehmend schwieriger. Weltweit geschieht enorm viel, und in rasantem Tempo: in den internationalen Beziehungen, in Wirtschaft und Wissenschaft, globale Krise und Konflikte, aber auch die Entwicklung neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz.
Hinzu kommt, dass viele muslimische Jugendliche – auch oder gerade wegen zunehmender antimuslimischer Strömungen und gesellschaftlicher Polarisierung – den Wunsch verspüren, sich stärker einzubringen, ihre Perspektiven hörbar zu machen und gesellschaftlich mitzuwirken.
Sie besitzen einerseits ihre muslimische Identität und zugleich fühlen sie sich den Ländern, in denen sie leben, zugehörig. Gleichzeitig wird diese Zugehörigkeit immer stärker und lauter in Abrede gestellt.
Diese Fragen und Bedürfnisse werden täglich an uns herangetragen – von Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst. Dieser Nachfrage möchten wir nun mit der SES Academy begegnen: durch Angebote, die Orientierung schaffen, politische Bildung fördern und junge Menschen dabei unterstützen, gesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen und selbst aktiv mitzugestalten.
Islamische Zeitung: Sie sprachen von „Zugehörigkeit“. In der Studie wird eine Generation muslimischer Jugendlicher beschrieben, die nicht nur qualifiziert ist, sondern sich auch mit ihrem jeweiligen europäischen Herkunftsland identifiziert. Gibt es in der Studie Befunde, die sie nicht erwartet haben?
Zehra Karataş: Was uns persönlich überrascht hat, war weniger das Ergebnis selbst, sondern vielmehr, dass sich unsere bisherigen Beobachtungen nun auch empirisch bestätigen.
Wir sehen seit Jahren, dass muslimische Jugendliche in Europa zunehmend hochqualifiziert sind und sich stark mit den Ländern identifizieren, in denen sie geboren und aufgewachsen sind. Jetzt haben wir erstmals Zahlen, die genau das unterstreichen.
Besonders ist dabei, dass die Studie klar zeigt, dass sie sich nicht von europäischen Gesellschaften getrennt betrachten, sondern sich als festen Bestandteil ansehen. Es mangelt nicht an fehlender Integration, sondern an gleichberechtigter Teilhabe und sozialer Anerkennung.
Islamische Zeitung: Ein weiterer Punkt ist die von Ihnen beschriebene „Gleichzeitigkeit“. Einerseits haben wir das Zugehörigkeitsgefühl, andererseits Gefühle von Ausschluss oder tatsächliche Ausschlussphänomene. Wie würden Sie einem breiteren Publikum diese Polarität erklären?
Zehra Karataş: Viele muslimische Jugendliche empfinden Europa ganz selbstverständlich als ihre Heimat. Sie sind hier geboren, sozialisiert und fühlen sich emotional mit ihren Ländern verbunden.
Gleichzeitig erleben viele von ihnen jedoch, dass sie sozial nicht vollständig akzeptiert werden bzw. immer wieder in eine Außenseiterrolle gedrängt werden. Dieses Spannungsfeld entsteht vor allem dadurch, dass sie häufig durch Debatten über Sicherheit, Integration oder Leitkultur betrachtet werden. So gerät aus dem Blick, welchen Beitrag sie in der Realität für die Gesellschaft leisten und wie sehr sie diese bereits mitprägen.
Die Ergebnisse zeigen eindeutig: Es gibt kein grundlegendes Problem einer mangelnden Zugehörigkeit. Im Gegenteil, Religionsgemeinschaften wie die IGMG stärken bei vielen Jugendlichen das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer jeweiligen europäischen Heimat. Die negative öffentliche Debatte verstärkt jedoch das Gefühl von Exklusion.
Besonders auffällig ist, dass Medien bei Negativereignissen oft das Herkunftsland betonen, während bei Erfolgen die Herkunft plötzlich keine Rolle mehr spielt. Das vermittelt vielen den Eindruck, dass sie erst als vollwertige Bürger wahrgenommen werden, wenn sie außergewöhnliche Leistungen erbringen. Dieses Paradox prägt den Alltag vieler junger Menschen.
Innerlich fühlen sie sich zugehörig, äußerlich werden sie häufig ausgegrenzt. Mehr als die Hälfte erlebt Benachteiligungen im Berufsleben aufgrund ihrer religiösen Identität, und viele sprechen von alltäglichen Vorurteilen oder verbalen Angriffen.
Islamische Zeitung: Die Studie zeigt gleichzeitig, dass ein großer Teil der Befragten studiert bzw. in qualifizierten Berufen arbeitet. Sie wiederholen das klassische Migrationsschema. Nämlich, dass die zweite oder dritte Generation aufstiegswillig ist und in die Mittelschicht vordringen will. Sehen Sie da auch Chancen in diesem Aufstieg, der etwas langsamer als möglich stattfindet, aber immerhin stattfindet, für die europäischen Gesellschaften?
Furkan Kahraman: Auf jeden Fall. Wir haben es heute mit muslimischen Jugendlichen zu tun, die gut ausgebildet, mehrsprachig und sehr mobil sind. Deshalb verfügt Deutschland, aber auch Europa, über eine Generation, die bereit ist, mitzugestalten und ihren Beitrag für Europa zu leisten.
Dieses Potenzial muss erkannt und entsprechend gefördert werden. Das hätte auch international einen positiven Effekt, da in Europa viele Migrantinnen und Migranten aus verschiedenen Ländern leben. Ich bin überzeugt, dass eine Würdigung und Förderung des muslimischen Potenzials einen positiven Einfluss haben werden.
Pressefoto: IGMG
Islamische Zeitung: Ein interessanter Aspekt ihrer Studie ist, dass Religionsgemeinschaften wie die IGMG, und nicht nur sie, oft unter den Schlagworten „Parallelgesellschaft“ oder „Abgrenzung“ beschrieben werden. In der Studie bzw. in einem Beitrag sprechen Sie hingegen eher von „Brückenräumen“ als von Rückzugsorten. Was kann verbessert werden, damit sich mehr Muslime und ihre Community nicht im Gegensatz zu ihrer Religion, sondern positiv unterstützt durch sie in den europäischen Gesellschaften engagieren?
Furkan Kahraman: Damit sich mehr Muslime in Europa aktiv gesellschaftlich engagieren und ihre Religion dabei als positive Ressource erleben, braucht es vor allem drei Dinge: Anerkennung, Teilhabe und Vertrauen.
Viele muslimische Jugendliche möchten sich einbringen – gesellschaftlich, politisch, kulturell oder sozial. Sie engagieren sich bereits in Vereinen, der Bildungsarbeit oder Nachbarschaftsprojekten. Häufig erleben sie jedoch, dass ihre religiöse Identität dabei nicht als selbstverständlich wahrgenommen wird, sondern unter Rechtfertigungsdruck steht.
Deshalb braucht es zunächst ein gesellschaftliches Klima, in dem muslimisches Leben nicht permanent problematisiert wird und der Islam als Quelle und positiver Antrieb von menschen Akzeptanz findet.
Der Wunsch eines jungen Muslims nach gesellschaftlicher Teilhabe – eben aus islamischer Motivation heraus – muss die gleiche Akzeptanz und Anerkennung erfahren wie das Engagement eines Jugendlichen aus der Evangelischen Jugend Deutschlands oder dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der sich aus seiner religiösen Überzeugung heraus gesellschaftlich einbringen möchte.
Gleichzeitig tragen auch muslimische Gemeinschaften Verantwortung. Wir müssen Räume schaffen bzw. bestehende Räume erweitern, in denen junge Menschen lernen, dass gesellschaftliches oder politisches Engagement zusammen mit Werten wie gesellschaftliche Verantwortung, Gerechtigkeit, Solidarität oder Einsatz für das Gemeinwohl tief in unserer Religion verankert sind.
Wichtig ist außerdem, muslimische Jugendliche nicht nur als „Thema“ von Debatten zu behandeln, sondern ihnen echte Mitsprache zu ermöglichen – in Politik, Medien, Bildung und Zivilgesellschaft. Wer Verantwortung übertragen bekommt, entwickelt auch stärker das Gefühl, Teil dieser Gesellschaft zu sein und sie mitgestalten zu können.
Zehra Karataş: Der Leitsatz lautet hier: nicht verurteilen, sondern begegnen. Genau daran liegt aus unserer Sicht der Schlüssel für ein gelungenes Zusammenleben. Wir sind in einer Gesellschaft, in der Politik, Medien und andere religiöse Gemeinschaften muslimische Organisationen wie die IGMG stärker als Partner wahrnehmen sollten – insbesondere mit Blick auf ihre wichtige soziale und pädagogische Arbeit.
Insbesondere ist z. B. das Mentoring von Bedeutung, das wir für junge Menschen zwischen 13 und 17 leisten. Die Studie zeigt, welche enorme Bedeutung diese Begleitung auf ihre persönliche Entwicklung hat. Deshalb wäre es sinnvoll, muslimischen Organisationen wie der IGMG soziale Kooperationen zu ermöglichen bzw. diese zu stärken.
Islamische Zeitung: Unsere letzte Frage schlägt den Bogen zur Akademie. In der Studie wird deutlich, dass es einerseits einen großen Willen gibt, sich in europäischen Gesellschaften einzubringen. Gleichzeitig herrscht eine große Distanz zu einer klassischen Parteimitgliedschaft. Aber auch die Vorstellung, Parteien und Politik würden Muslime nicht repräsentieren. Das deckt sich mit Erhebungen von Wahlforschern, die generell bei Bürgern mit „Migrationshintergrund“ eine geringere Wahlbeteiligung feststellen. Was muss getan werden, um hier junge Menschen ins Engagement zu bekommen, damit sie Veränderungen realisieren können?
Zehra Karataş: Tatsächlich ist dieses Ergebnis sehr interessant. Die geringe Bereitschaft zur klassischen Parteipolitik bedeutet jedoch nicht, dass muslimische Jugendliche politisch desinteressiert wären oder nicht dazu beitragen möchten.
Viele engagieren sich intensiv ehrenamtlich und gesellschaftlich. Die eigentliche Frage ist, warum sich viele in den bestehenden Parteien nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Gerade vor dem Hintergrund eines spür- und sichtbaren Rechtsrucks empfinden manche Jugendliche eine zunehmende Distanz auch zu den etablierten Parteien.
Ich glaube, wir brauchen hier auch einen stärkeren Auftrag an die Wissenschaft und an politische Institutionen, sich ehrlich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum Muslime und Menschen mit Migrationsgeschichte trotz wachsender gesellschaftlicher Präsenz politisch weiterhin so stark unterrepräsentiert sind.
Und ebenso wichtig ist die Frage: Warum ziehen sich viele von ihnen nach kurzer Teilhabe wieder zurück oder entscheiden sich bewusst dagegen, langfristig in der Politik zu bleiben? Denn wenn man genauer hinschaut, gibt es bis heute nur sehr wenige Beispiele für nachhaltige politische Karrieren von Muslimen oder Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte.
Wenn wir ernsthaft über Teilhabe sprechen, dann müssen wir auch untersuchen, warum politische Repräsentation für viele zwar theoretisch möglich erscheint, praktisch aber oft keine langfristig tragfähige Perspektive bietet.
Ich glaube nicht, dass die geringe langfristige politische Präsenz von Muslimen an mangelnder Motivation oder fehlender Einsatzbereitschaft muslimischer Jugendlicher liegt. Ganz im Gegenteil: Viele muslimische Jugendliche sind ausgesprochen engagiert.
Sie wollen anpacken, mitgestalten, Verantwortung übernehmen, gesellschaftlich aufsteigen und sich aktiv in politische und gesellschaftliche Prozesse einbringen. Sie möchten sichtbar sein, gehört werden, mitdiskutieren und ihre Perspektiven in die Gesellschaft einbringen.
Deshalb arbeiten wir daran, das soziale und politische Bewusstsein junger Menschen weiter zu stärken – unter anderem mit der SES Academy. Langfristig ist es wichtig, dass junge Menschen erkennen: Durch aktive Repräsentation und Beteiligung können sie ihre Gesellschaften nachhaltig mitgestalten.
Die Frage ist natürlich, ob sie diese Möglichkeit tatsächlich haben und, wenn man das Beispiel der Parteien nehmen möchte, inwiefern sie sich in den Parteien akzeptiert fühlen. Wenn es um Wahlen geht, werden sie zwar angesprochen.
Aber viele Jugendliche – vor allem mit muslimischem oder migrantischem Hintergrund oder auch aus anderen Religionsgemeinschaften – finden in den Wahlprogrammen kaum Bereiche, mit denen sie sich identifizieren können. Entsprechend fragen sie sich, ob sich eine Beteiligung für sie überhaupt lohnt und wen sie wählen sollen.
Islamische Zeitung: Liebe Zehra Karataş, lieber Furkan Kahraman, wir bedanken uns für das Gespräch.