, ,

Wie begegnen wir spirituellem Missbrauch?

Ausgabe 354

Missbrauch
Foto: motortion, Shutterstock

Spiritueller Missbrauch wird seit einigen Jahren auch unter Muslimen thematisiert. Wir erklären, um was es sich dabei handelt.

(iz). Die muslimische Community in den USA reagierte erschüttert angesichts eines Falles von sexuellem Kindesmissbrauch in ihren eigenen Reihen. Wie am 5. November bekannt wurde, hat das FBI im Oktober einen Imam und Lehrer im Bundesstaat Texas verhaftet. Dem Mann und einer Komplizin wird vorgeworfen, kinderpornografisches Material hergestellt zu haben.

Über das schwere Verbrechen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen hinaus – eine Untat, die über alle Grenzen und Zugehörigkeiten hinaus vorkommt – thematisieren Muslime in den USA und zunehmend auch in anderen Ländern seit einiger Zeit das viel umfassendere Problem des spirituellen Missbrauchs durch religiöse Autoritäten und Amtsträger.

Nach gängiger Definition handelt es sich um eine Form des Missbrauchs, bei der religiöse oder spirituelle Überzeugungen und Praktiken manipuliert werden, um Macht und Kontrolle über eine Person auszuüben. Er umfasst mehrere Aspekte.

Manipulation und Kontrolle: Die Täter benutzen Texte oder Überzeugungen, um das Verhalten anderer zu manipulieren oder zu kontrollieren. Dies kann bedeuten, dass Menschen zu Handlungen gezwungen werden, die sie nicht ausführen wollen, oder dass ihnen Schuldgefühle eingeredet werden.

Emotionale und psychologische Schäden: Diese Form des Missbrauchs beinhaltet häufig emotionale und psychologische Manipulation. Dazu gehört z.B. das Beschämen oder Lächerlichmachen von Personen aufgrund ihrer Überzeugungen.

Isolation: Opfer können von ihrer Gemeinschaft oder ihren Unterstützungsnetzwerken isoliert werden. Dies erschwert es ihnen, Hilfe zu suchen oder der Missbrauchssituation zu entkommen.

Rechtfertigung weiterer Missbrauchsformen: Religiöse Überzeugungen werden als Rechtfertigung für andere Taten wie körperliche, sexuelle oder finanzielle Misshandlung missbraucht.

„Spiritueller Missbrauch wurde als Kontrolle und Nötigung einer Person durch eine andere Person in einem spirituellen Kontext definiert. Es handelt sich um ein wenig erforschtes Phänomen im Bereich der Gewalt gegen Frauen und Mädchen, das erhebliche Hindernisse für Politik und Praxis mit sich bringt. Obwohl es eine umfangreiche akademische Arbeit zur Definition von spirituellem Missbrauch gibt, handelt es sich immer noch um eine relativ unbekannte und nicht anerkannte Form des Missbrauchs“, schrieb Elisa Sajed 2021 für die Universität Strathclyde (Schottland).

Foto: Muwatta.com

Das Problem definieren: eine muslimische Position zum Missbrauch

„Das Erkennen, Verstehen und angemessene Reagieren auf Systeme der Unterdrückung (dhulm) ist Teil unseres Dins (Praxis des Islam). Ein solches System ist der spirituelle oder religiöse Missbrauch“, schrieb Rami Nsour, ein in Mauretanien ausgebildeter Gelehrter, zum Thema. Diese Form der Misshandlung sei nicht spezifisch für den Muslime oder ihre Religion. Sie fänden sich gleichzeitig bei Anhängern anderer Religionen.

„Da es keine vorgefertigte Vorlage oder ein fertiges Buch oder Kapitel gibt, müssen die betroffenen Mitglieder unserer Gemeinschaft diskutieren und auf praktische Lösungen hinarbeiten. (…) Daher müssen muslimische Einzelpersonen und Gemeinschaften Methoden zur Prävention, Intervention und Postvention entwickeln.“ Dass es bei diesem Thema keine Wissenstraditionen gäbe, müssten Muslime demnach sich heute Wissen hierzu beschaffen. Dazu gehöre eine angemessene Definition der benutzten Begriffe.

Obwohl sich der Begriff unter seinem Vorläufer „religiöser Missbrauch“ schon im 19. Jahrhundert findet, lässt sich sein erster Gebrauch in den USA bis in die 1950er zurückverfolgen. Salma Abugideiri schrieb 2018, dass „der Begriff ‘spiritueller Missbrauch‘ für eine Vielzahl von Dingen verwendet wird“ und dass „wir im familiären Kontext den Begriff ‘spiritueller Missbrauch’ für alles verwenden, was die Spiritualität oder religiöse Praxis einer Person beeinträchtigt“. Wird er von einer religiösen Führungsfigur begangen, handelt es sich um eine Verletzung des Vertrauens durch Grenzüberschreitungen gegenüber schutzbedürftigen Menschen.

Aus bestehenden Definitionen und Facharbeiten der letzten Jahre leitete Nsour in einem Aufsatz eine Zusammenfassung dieser Regelverletzung ab. „Ich gehe von drei Bereichen potenziellen Missbrauchs aus, die direkt mit den Grundsätzen unserer Dins korrelieren: 1) falsche Anwendung eines ihrer Elemente (arab. ghish), 2) Missbrauch einer Vertrauensstellung oder 3) Verfälschung der Grundsätze oder Lehren der Religion (arab. talbis). In allen Fällen besteht das Endergebnis darin, einer anderen Person das Recht (arab. haqq) zu nehmen, was eine Übertretung (arab. baghy) darstellt. Dieser Rahmen bietet eine auf der Scharia basierende Arbeitsdefinition von spirituellem Missbrauch.“

Für ihn beschädigt diese Form der Misshandlung und Grenzüberschreitung gleich mehrere islamische Prinzipien. Es gebe klar definierte Rechte von Personen und Schutzbefohlenen. Diese würden im Falle solchen Handelns verletzt. „Alle Muslime sind sich einig, dass es eine Übertretung, Unterdrückung und Unrecht ist, einer anderen Person das Haqq zu nehmen.“ Darüber hinaus entstünde über die oft verzerrenden Umstände dieses Missbrauches bspw. durch Lehrer, die geheime Ehen mit ihren Schülerinnen anstreben würden, ein Schaden an der Religion.

Zusätzlich würden solche Männer durch die Verletzung ihrer Vertrauensposition eine weitere Grenze Allahs überschreiten. Missbrauchen solche Autoritätspersonen ihre Schutzbefohlenen und die ihnen gegebene Macht, gehe das laut Nsour auch häufig mit einer Verzerrung religiöser Lehren einher. Diese Verdrehungen hätten den Zweck, das eigentlich inakzeptable Verhalten vor sich und anderen zu rechtfertigen.

Schließlich spricht der malikitische Gelehrte noch eine Grenzüberschreitung nach der Tat an, wenn nämlich versucht wird, die Missbrauchsopfer in Folge mundtot zu machen. „Das gibt es in allen Bereichen – Kindesmissbrauch, sexueller Missbrauch und Misshandlung am Arbeitsplatz, um nur einige zu nennen. Dies gilt auch für Muslime. Diese Abschottung ist besonders alarmierend, wenn sie von Menschen kommt, die sich ernsthaft mit dem Islam auseinandergesetzt haben.“

Saba-Nur Cheema Muslimfeindlichkeit CLAIM Lage Politik

Foto: Prostock-studio, Shutterstock

Die Zeichen erkennen

Wie erwähnt besteht spiritueller Missbrauch im Kern unter anderem aus der Verzerrung religiöser Inhalte durch die Täter, um ihren Missbrauch an zumeist Frauen, Mädchen und Kindern zu rechtfertigen. Dazu gehören einige Methoden, die sich auch bei anderen Missbrauchsformen wie häuslichen finden.

Isolation: Das ist eine typische Technik der emotionalen Misshandlung, die bei Opfern angewendet wird. Sie funktioniert gut, weil sie verhindert, dass sie sich an Dritte wenden. Ansonsten könnten sie Hilfe und Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ihre Missbrauchsbeziehungen zu beenden oder ihnen zu entkommen.

Missbrauch minimieren und leugnen: Täter tun alles in ihrer Macht Stehende, um so zu tun, als ob die Untat nicht stattfindet. Sie versuchen auch, die Opfer davon zu überzeugen, dass sie aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Dem Opfer die Schuld geben: In einer von Grausamkeit geprägten Beziehung kann der Täter dem Opfer die Schuld geben. Er kann behaupten, dass es den Missbrauch „verursacht“ oder durch sein Verhalten eingeladen hätte. Dies kann dazu führen, dass es an seinen Handlungen und Absichten zweifelt.

Beispiele aus der Wirklichkeit

In Shaykh’s Clothing ist eine nordamerikanische Organisation, die von Studenten des heiligen Wissens geleitet wird und sich mit solchen Problemen in der muslimischen Gemeinschaft befasst. Sie definiert das Phänomen als den Missbrauch von Autorität, um „unter dem Deckmantel der Religion, religiöser Grundsätze oder des Anspruchs auf Spiritualität zu manipulieren, zu kontrollieren und zu schikanieren“.

Während Belästigung und sexuelle Übergriffe eindeutige Beispiele für spirituellen Missbrauch sind, ist das Konzept nicht auf das beschränkt, was von einem säkularen Gericht als Verbrechen angesehen würde. Die Website listet mehrere Beispiele für Straftaten auf, die im Rahmen des breiten Spektrums des Missbrauchs begangen werden. Dazu gehören unter anderem finanzielle Veruntreuung, heimliche Eheschließungen, Mobbing und psychische Schäden.

Tatsächlich sind in den letzten Jahren international mehrere Fälle bekannt geworden, in die führende Persönlichkeiten der muslimischen Gemeinschaft verwickelt waren. Am bekanntesten war vielleicht der Fall des prominenten Schweizer Akademikers Tariq Ramadan, Professor für zeitgenössische Islamwissenschaft an der Universität Oxford und Autor mehrerer populärer Bücher über die Religion. Er wurde 2024 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, ging aber erneut in Revision. Der früher beliebte Autor und Redner bestritt die Vorwürfe und gestand stattdessen eine Reihe außerehelicher sexueller Beziehungen mit seinen Klägerinnen. Damit gab er zu, dass sein Verhalten nicht mit den religiösen Grundsätzen vereinbar war, für die er eintrat.

Foto: bignai, Freepik.com

Was tun?

Obwohl es bisher keinen spezifischen, standardisierten Ansatz gibt, orientieren sich viele Muslime an einer Kombination aus religiösen, kulturellen und psychologischen Ressourcen, um dieses Problem anzugehen.

Beratung und Unterstützung: Viele muslimische Gemeinschaften haben vertrauenswürdige Führungspersönlichkeiten, die Rat und Unterstützung bieten können. Es kann hilfreich sein, professionelle Hilfe von Therapeuten oder Beratern in Anspruch zu nehmen, die kulturelle und religiöse Empfindlichkeiten verstehen.

Rückgriff auf islamische Lehren: Der Qur’an betont Gerechtigkeit, Mitgefühl und die Wichtigkeit, andere mit Freundlichkeit und Respekt zu behandeln. Die Lehren des Propheten Muhammed fördern Empathie, Vergebung und die Vermeidung schädlicher Verhaltensweisen.

Gegenseitige Hilfe: Sich mit unterstützenden Freunden und Familienmitgliedern zu umgeben, kann emotionale Widerstandsfähigkeit verleihen. Die Teilnahme an unterstützenden Gruppen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft kann das Zugehörigkeitsgefühl und das Verständnis fördern.

Rechtliche und institutionelle Hilfe: Bei schwerwiegendem Missbrauch können sich die Opfer dafür entscheiden, die Angelegenheit den zuständigen Behörden, wie der Polizei oder dem Jugendamt, zu melden. Einige NGOs im englischsprachigen Raum setzen sich für die Bekämpfung dieser Missbrauchsform ein und bieten Leidtragenden Hilfe an. Es ist wichtig, zu wissen, dass spiritueller Missbrauch ein komplexes Problem sein kann und die beste Herangehensweise je nach den individuellen Umständen variieren kann. Die Suche nach Hilfe und Unterstützung bei vertrauenswürdigen Personen und Organisationen ist für die Heilung und Genesung von entscheidender Bedeutung.