
Tag gegen antimuslimischen Rassismus: 2024 und 2025 haben sich die Diskussionen um Muslimfeindlichkeit in Deutschland weiter zugespitzt.
(iz). Zivilgesellschaftliche Lagebilder, wissenschaftliche Studien und der Abschlussbericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit zeichnen das Bild eines grundsätzlich feindseligen Klimas, in dem sie längst Teil des Alltags ist.
In der Islamischen Zeitung wurde dieses Spannungsfeld mehrfach aufgegriffen – zwischen sichtbaren Fortschritten etwa beim Aufbau von Meldestellen und einer gleichzeitigen Zunahme von Übergriffen und verbalen Angriffen.
Vor diesem Hintergrund rückt der 1. Juli als Tag gegen antimuslimischen Rassismus stärker in den Fokus: Als Anlass, nüchtern auf Zahlen und Trends zu schauen und zugleich die gelebte Solidarität mit muslimischen Menschen hervorzuheben.
Ein Gedenktag mit klarer Botschaft
Am 1. Juli begehen zivilgesellschaftliche Initiativen und muslimische Gemeinden in Deutschland den Tag gegen antimuslimischen Rassismus.
Der bundesweite Aktionstag erinnert an den Mord an Marwa El‑Sherbini im Jahr 2009 und setzt ein Zeichen gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit sowie für Respekt, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Der Tag ist nötiger denn je: Zivilgesellschaftliche Lagebilder, amtliche Statistiken und repräsentative Befragungen verweisen seit Jahren auf ein deutlich feindseligeres Klima gegenüber als muslimisch wahrgenommenen Menschen.
Gleichzeitig eröffnet der 1. Juli die Chance, positive Beispiele des Miteinanders sichtbarer zu machen und muslimisches Leben als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft zu zeigen.
Grafik: Mediendienst Integration
Zahlen, Befunde und politische Antworten
Zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Allianz CLAIM gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit dokumentieren jährlich antimuslimische Vorfälle in Deutschland.
Im jüngsten Lagebild für das Jahr 2024 wurden 1.926 Vorfälle erfasst, darunter verbale Attacken, Diskriminierungen, Sachbeschädigungen und körperliche Gewalt.
Mehr als zwei Drittel der dokumentierten Fälle sind sprachliche Gewalt, etwa Beleidigungen, Volksverhetzung oder Drohschreiben gegen als muslimisch wahrgenommene Restaurants und religiöse Einrichtungen.
Zu den als „verletzendes Verhalten“ kategorisierten Vorfällen zählen 178 Körperverletzungen, mehrere versuchte Tötungen, Brandstiftungen sowie weitere Gewalttaten; betroffen sind häufig muslimische Frauen und Kinder.
CLAIM und andere Fachstellen weisen darauf hin, dass die erhobenen Zahlen nicht repräsentativ sind: Sie beruhen auf Meldungen einer wachsenden Menge zivilgesellschaftlicher Meldestellen, Beratungsstellen und Register.
In den Berichten ist deshalb regelmäßig von einer hohen Dunkelziffer die Rede, da viele Betroffene aus Angst, Misstrauen oder mangelnder Kenntnis der Angebote keinen offiziellen Schritt gehen.
Parallel dazu hat der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit im Auftrag des Bundesinnenministeriums über mehrere Jahre die Lage untersucht.
Der Abschlussbericht „Muslimfeindlichkeit – eine deutsche Bilanz“ diagnostiziert eine strukturelle Benachteiligung in Bereichen wie Bildung, Verwaltung, Justiz, Medien und Sicherheitsbehörden und formuliert Handlungsempfehlungen, etwa die Einrichtung eines Bundesbeauftragten für Muslimfeindlichkeit, den Ausbau von Beratungs- und Meldestellen und eine Überarbeitung von Lehrplänen.
Repräsentative Befragungen zur Einstellungslage bestätigen diese Einschätzungen. Der Mediendienst Integration fasst verschiedene Studien zusammen und kommt zu dem Befund, dass rund die Hälfte der Menschen in Deutschland Muslimen gegenüber ablehnend oder feindlich eingestellt ist.
Foto: AfD Thüringen, Facebook
Die Leipziger Autoritarismusstudie 2024 verzeichnet einen deutlichen Anstieg ausländerfeindlicher Vorurteile und beschreibt Antiziganismus und Muslimfeindschaft als stark verbreitete Ressentiments; in Westdeutschland ist inzwischen knapp die Hälfte der Befragten bereit, Muslime abzuwerten.
Politisch werden Projekte gegen Muslimfeindlichkeit vor allem über Programme wie „Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums gefördert, unter deren Dach auch das CLAIM‑Lagebild angesiedelt ist.
Auf Länderebene existieren unterschiedliche Ansätze, von lokalen Meldestellen und Registern über Fortbildungen für Schulen und Polizei bis hin zu spezifischen Aktionswochen, wie der gegen antimuslimischen Rassismus in Berlin.
Einige Länder haben ihre Polizei- und Justizstatistiken angepasst, um islamfeindliche Straftaten genauer zu erfassen, und unterstützen Projekte zur Sensibilisierung staatlicher Stellen.
Gleichzeitig kritisieren NGOs und Moscheeverbände, dass Muslimfeindlichkeit bislang nicht mit derselben Konsequenz bearbeitet wird wie andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Diese Verbände wie der Koordinationsrat der Muslime (KRM) verweisen darauf, dass viele Maßnahmen projektförmig und befristet bleiben und keine dauerhafte institutionelle Verantwortung für antimuslimischen Rassismus geschaffen wurde.
Sie fordern eine stärkere Umsetzung der Empfehlungen des Expertenkreises, eine unabhängige Beschwerdestelle für Fälle muslimfeindlicher Diskriminierung durch Behörden sowie eine regelmäßige Berichterstattung der Bundesregierung zur Lage.
Foto IGMG |Â Femyso.org
Tag des Widerspruchs und der Begegnung
Vor diesem Hintergrund erhält der Tag gegen antimuslimischen Rassismus in muslimischen Communitys eine doppelte Bedeutung: Er ist Gedenktag und Moment des Widerspruchs, aber auch ein Anlass, die eigene Verortung in der Gesellschaft bewusst zu zeigen.
Im Zentrum steht zum einen die klare Absage an jedes legitimierende oder relativierende Sprechen über Muslimfeindlichkeit – ob in politischen Debatten, Medien oder digitalen Öffentlichkeiten.
Zum anderen nutzen viele Gemeinden und Initiativen den Tag, um in die Öffentlichkeit zu gehen, Türen zu öffnen und Kooperationen zu vertiefen.
Das Abrahamische Forum etwa, das sich 2001 als jüdisch‑christlich‑muslimisches Dialogforum gegründet hat, engagiert sich mit Projekten wie den „Abrahamischen Teams“ und „Religionen und Naturschutz“ für eine zukunftsfähige interreligiöse Zusammenarbeit und versteht den 1. Juli ausdrücklich als Chance, das gute Miteinander bekannter zu machen.
Gemeinsam mit der Stiftung gegen Rassismus ruft das Abrahamische Forum dazu auf, sich gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit zu engagieren, interreligiöse Kontakte und Nachbarschaften zu pflegen und zivilgesellschaftliche Strukturen zu stärken, die Vorurteilen und Diskriminierung entgegenwirken.
Dazu gehören lokale Bündnisse, Bildungsangebote, Fachtage wie in Monheim sowie Kooperationen mit Schulen und Vereinen, bei denen muslimische Perspektiven nicht nur als Problemthema, sondern als Teil des normalen gesellschaftlichen Lebens sichtbar werden.
Der Tag eröffnet die Möglichkeit, das gelebte Miteinander mit anderen religiösen und nichtreligiösen Akteuren zu stärken. Und zu zeigen, dass Muslimfeindlichkeit dem Selbstverständnis einer offenen Gesellschaft widerspricht, in der unterschiedliche Glaubensüberzeugungen und Lebensentwürfe ihren Platz haben.
Mehr zum Thema findet ihr hier: https://islamische-zeitung.de/category/themen/muslimfeindlichkeit/