Der Sieger und sein Erbe – Christopher Nolans Verfilmung der „Odyssee“

Christopher Nolans „Odyssee“ erzählt nicht vom ungebrochenen Sieger, sondern von einem Heimkehrer, den die Gewalt seiner Vergangenheit verfolgt. Was geschieht, wenn das Erbe eines Helden nicht mehr Ruhm bedeutet, sondern Verantwortung verlangt?

29.09.2026 Ahmet Aydin 9 Min. Lesezeit
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Foto: darko m/Shutterstock

(iz). „Singe den Zorn“: Mit dieser Aufforderung beginnt Homers „Ilias“. Es ist eines der Gründungswerke der europäischen Literatur. Die Gewalt soll Sprache werden, das Entsetzen eine Form erhalten. Christopher Nolans „Odyssee“ führt dieses Vorhaben an seine Grenze. Sein Odysseus hat den Krieg gewonnen, doch findet keinen Frieden. Er muss nach Ithaka zurückkehren, vor allem aber mit einem Leben zurechtkommen, das der Sieg beschädigt hat.

Aus dem Abenteuer der Heimfahrt wird die Geschichte eines Menschen, den seine eigenen Taten verfolgen. Darin liegt die politische Kraft des Films: Er erschüttert eine Vorstellung von Größe und Ruhm. Odysseus wird zum Spiegel eines Europas, das weite Teile der Welt kolonialisierte und seine Herrschaft als zivilisatorische Leistung feierte.

Nolan verfilmt Homers Epos mit Starbesetzung: Matt Damon als Odysseus, Anne Hathaway als Penelope und Tom Holland als Telemachos. Nach dem Krieg um Troja versucht der König, Frau, Sohn und Heimat wiederzuerreichen. Die vertrauten Gefahren der Reise stehen unter einem veränderten Vorzeichen: Odysseus trägt die Verwüstung in sich. Während seine Familie mit seiner Abwesenheit leben muss, kämpft er mit einer Vergangenheit, die sich nicht auf Abstand halten lässt. Nolan verbindet die äußere Bewegung der Heimkehr mit der inneren Unmöglichkeit, einfach weiterzuleben. Die Geschichte beginnt dort, wo sie als Heldensaga hätte enden können. 

Der Satz vom besungenen Zorn verlangt dabei Genauigkeit. Homer ruft die Muse an, vom Zorn des Achilles zu erzählen; der Trojanische Krieg ist zu diesem Zeitpunkt längst im Gang. Auch kennt Homer das Leid der Sieger. In der „Odyssee“ bittet Odysseus den Sänger Demodokos um die Geschichte des hölzernen Pferdes und weint, als er sie hört. Ruhm und Schmerz stehen bereits im Epos nebeneinander. Nolan erfindet diesen Widerspruch nicht. Er verschiebt das Gewicht: Die seelischen Folgen des Krieges bestimmen den Blick auf den Helden. Gerade der Sieg wird zum Problem seiner Existenz. Was ihm einen unsterblichen Namen verschafft, macht ihm das Weiterleben schwer. 

Daraus ergibt sich seine schärfste Korrektur der Heldensaga: Der Zorn ist nichts, das besungen werden kann, sofern Besingen bedeutet, ihn zu adeln. Er lässt sich darstellen, beklagen, in seinen Ursachen untersuchen. Doch keine Schönheit der Darstellung verwandelt das angerichtete Leid in ein Recht. Der Gesang wird fragwürdig, sobald er den Schrei der Getöteten als Begleitung zum Ruhm ihres Bezwingers verwendet. Das trojanische Pferd bleibt ein Einfall von außerordentlicher Wirkung. Gerade deshalb lässt sich die Verantwortung für seine Folgen nicht beiseite schieben. Eine List wird nicht unschuldig, weil sie geistreich ist.

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Odysseus als Repräsentant Europas

Hier führt der Film über die Geschichte eines einzelnen Kriegers hinaus. Europa hat seine koloniale Expansion lange in einer Sprache beschrieben, die der Heldensaga verwandt ist. Sie betonte Wagemut, Entdeckung und technische Überlegenheit. Sogenannte Entdeckungsfahrer überschritten Meere, erschlossen Gebiete und kehrten mit Reichtümern zurück.

Die Erzählung folgte ihrem Blick. Was an fremden Küsten bereits bestand, erhielt darin häufig erst durch die europäische Ankunft Bedeutung. Aus bewohnten Ländern wurden Räume einer Bewährung. Die Unterwerfung anderer erschien als Nachweis der eigenen Tatkraft.

Antiker Krieg und europäischer Kolonialismus sind historisch verschiedene Formen der Gewalt. Ihre Verherrlichung aber kann derselben Logik folgen: Der Erfolg soll die Tat rechtfertigen. Die Bewohner der eroberten Stadt, die Menschen im unterworfenen Land verschwinden hinter dem Gewinn ihrer Bezwinger. Die Expedition dürfe ruhmreich genannt werden, wenn sie Besitz vermehrt. Die List dürfe genial heißen, weil sie zum Sieg führt. Ob das Ziel überhaupt einen Anspruch begründet, gerät aus dem Blick. Nolans „Odysseus“ verliert diese Sicherheit. Sein Sieg liefert ihm keine verlässliche Auskunft mehr darüber, wer er ist.

Die Bewältigung der Heimreise verlangt deshalb eine andere Fähigkeit als die Eroberung Trojas. Eine Gefahr lässt sich umgehen, ein Gegner täuschen, eine Mauer überwinden. Das Geschehene bleibt bestehen. Keine neue List macht die alte unschuldig.

Der Film gewinnt seine Tragik aus dieser Grenze des Könnens. Ein Mensch, dessen Größe auf der erfolgreichen Lösung von Aufgaben beruht, muss eine Wahrheit anerkennen, die sich nicht lösen lässt. Er kann nur lernen, mit ihr verantwortlich weiterzuleben. Das Abendland steht vor derselben Aufgabe: Es muss aufarbeiten, was es einst als Ruhm überliefert hat.

Diese Selbstbefragung hat eine literarische Vorgeschichte. Joseph Conrads 1899 erschienenes „Herz der Finsternis“ war ein frühes, wirkmächtiges Unterfangen, die Gewalt hinter dem europäischen Zivilisationsversprechen sichtbar zu machen. Marlows Reise in den kolonisierten Kongo führt in eine Welt, in der sich der Anspruch auf Fortschritt als Rechtfertigung von Ausbeutung und Verwüstung enthüllt. 

Die vermeintlichen Träger der Zivilisation werden an ihren eigenen Taten kenntlich. Europas Überlegenheit verliert ihren moralischen Anschein. Hinter der Sprache der Mission treten Besitzgier und die enthemmende Wirkung unkontrollierter Macht hervor. Doch auch Conrads Kritik bleibt dem europäischen Blick verhaftet.

Afrika droht zur Bühne europäischer Selbsterkenntnis zu werden, während die kolonisierten Menschen kaum selbst zu Wort kommen. Schon hier zeigt sich die Schwierigkeit einer Aufarbeitung, die das Gewissen der Herrschenden untersucht, ohne deren Opfer erneut an den Rand zu drängen. Dieser Widerspruch verbindet Conrad mit der Frage, die auch an Nolan zu richten ist: Wird die Gewalt sichtbar, oder wird sie vor allem zum Anlass, die seelische Tiefe desjenigen zu betrachten, der an ihr beteiligt war? 

Nolans Film steht in dieser Geschichte einer brüchig werdenden Selbstgewissheit. Er ist selbst ein Ausdruck der Aufarbeitung: Eine Kultur greift nach einem ihrer ältesten Helden und erkennt in seinem Sieg eine Wunde. Wo die List einst Größe verbürgte, stellt sich nun die Frage nach ihrer Verantwortung. Das beweist keine abgeschlossene Läuterung. Es zeigt aber, dass die überlieferte Bewunderung ihre Unbefangenheit verliert. Die Kunst beginnt, andere Fragen an die eigenen Vorbilder zu stellen. Aus der Erinnerung an Größe wird eine Auseinandersetzung mit Schuld und mit der Frage, wer die Geschichte künftig erzählen darf.

Die Rede vom Trauma muss dabei eine Grenze beachten. Europas erschüttertes Selbstverständnis ist keine gleichartige Erfahrung wie das Leiden der Kolonisierten. Wer nicht länger unbefangen auf seinen Ruhm blicken kann, hat damit noch nicht erlitten, was anderen im Namen dieses Ruhms angetan wurde.

Auch Odysseus wird durch seine Qual nicht von seinen Taten freigesprochen. Sein Leiden verdient Aufmerksamkeit, ohne die Ansprüche seiner Opfer aufzuheben. Andernfalls würde die Aufarbeitung die alte Ordnung wiederholen und abermals den Sieger zum wichtigsten Leidenden machen.

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Ein Erbe, das sich verändern muss

Diese Aufarbeitung erhält am Ende des Films eine politische Form. Odysseus überlässt Telemachos die Herrschaft und geht mit Penelope ins freiwillige Exil. Die Heimkehr führt damit über die Wiederherstellung seines Besitzes hinaus. Der Sieger räumt den Platz, auf dem seine Vergangenheit sonst die Zukunft bestimmen würde. Darin liegt ein Gegenbild zur endlosen Herrschaft des zum Mythos gewordenen Mannes: Das Gemeinwesen muss ohne seinen alten Helden weiterleben können. Er muss etwas übergeben können, ohne den Nachfolgenden die Wiederholung seines Lebens aufzutragen. 

Die Übergabe spricht den Vater nicht frei und garantiert dem Sohn keine bessere Zukunft. Ein Generationswechsel allein beendet keine Gewalt. Aber er öffnet die Möglichkeit, ein Erbe anzunehmen und seinen Anspruch zu verändern. Telemachos muss Ithaka nicht dadurch treu sein, dass er ein zweites Troja sucht. Er kann das Land bewahren, indem er anders handelt als sein Vater. So wird aus der Nachfolge eine Aufgabe des Urteils: Was soll weitergetragen werden, und was muss mit den Vorfahren enden? Auch das Abendland braucht diese Freiheit gegenüber seinen eigenen Helden.

Welche Vorstellung von Europa dabei überwunden werden muss, untersucht Dag Nikolaus Hasse in seinem Buch „Was ist europäisch? Zur Überwindung kolonialer und romantischer Denkformen“. Hasse hinterfragt ein Selbstbild, das Europa eine geschlossene kulturelle Identität und eine überlegene Stellung gegenüber anderen Weltregionen zuschreibt.

An dessen Stelle tritt eine Geschichte vielfältiger Verbindungen und gegenseitiger Einflüsse. Das muslimische Córdoba gehört darin selbstverständlich zur europäischen Geschichte. Muslimisches Leben erscheint als Teil ihrer geschichtlichen Wirklichkeit, nicht als später Zusatz zu einem ursprünglich rein christlichen Kontinent. 

Die Überwindung kolonialer Denkformen bedeutet deshalb auch, Europa von einer Erzählung zu lösen, die Teile seiner eigenen Vergangenheit und Gegenwart zu etwas Fremdem erklärt. Der offene Europabegriff von Hasse verbindet die Kritik an kultureller Überheblichkeit mit der Möglichkeit, hier eine gemeinsame Heimat zu finden. Europas Geschichte aufzuarbeiten heißt dann, seine Zugehörigkeiten genauer zu beschreiben. Wer die Verflechtungen anerkennt, muss weniger ausschließen, um sagen zu können, wer er ist.

Zu Europas nächster geschichtlicher Gestalt gehören folglich Menschen, die ältere Selbstbilder an den Rand oder auf die Gegenseite gestellt haben. Europäische Muslime sind Teil dieser gemeinsamen Zukunft und längst Teil ihrer Vorgeschichte. Als ehemalige „Feinde“ erscheinen sie im Fortleben eines Feindbilds, das den Islam zum dauerhaften Gegenüber Europas erklärt.

Was bei Nolan als Übergabe an die nächste Generation erscheint, erhält hier eine gesellschaftliche Bedeutung: Das Erbe muss auch von denen mitgestaltet werden können, denen die alte Erzählung die Zugehörigkeit abgesprochen hat. Sie sagen bereits: Hier ist unser Zuhause.

Eine prominente Stimme dafür ist der britische muslimische Gelehrte Timothy Winter, auch bekannt als Abdal Hakim Murad. Sein im PLURAL-Verlag in deutscher Übersetzung erschienenes Buch „Heimwärts – Über den Islam in Europa“ verbindet muslimische Verwurzelung mit Verantwortung für eine gemeinsame Zukunft. Die Verlagsbeschreibung betont Mitgefühl auch gegenüber den Ängsten der Mehrheitsgesellschaft und stellt Entfremdung statt vermeintlicher „Überfremdung“ ins Zentrum. Ein Muslim spricht über die europäische Krise als jemand, dessen eigenes Zuhause betroffen ist. 

Schon der Titel „Heimwärts“ lässt sich neben Nolans Film stellen. Die Verbindung eröffnet die Frage, wie Heimat nach einer Erfahrung der Entfremdung möglich wird. Winters Stimme gibt dieser Frage eine gemeinschaftliche Richtung: Wer im alten Abwehrbild als Fremder erscheint, kann an der Erneuerung des gemeinsamen Hauses mitarbeiten.

Europa findet nicht dadurch zu sich, dass es muslimische Stimmen ausschließt. Es lernt sich genauer kennen, indem es anerkennt, dass sie aus seinem Inneren sprechen. Hasses historische Öffnung und Winters muslimische Selbstverortung begegnen sich in dieser Vorstellung einer geteilten Heimat.

Die Stärke von Nolans Film liegt darin, dass er solche Fragen ermöglicht, ohne sie als politisches Programm auszusprechen. Seine Grenze bleibt die Bindung an den leidenden Sieger. Dessen Gesicht zieht den Blick an; die Opfer können hinter seiner Gewissensqual erneut verschwinden.

Deshalb darf die Erholung des Helden nicht als vollständige Antwort auf den Krieg gelten. Auch die Übergabe an Telemachos wird erst dann zum Zeichen eines Neubeginns, wenn sie mehr bedeutet als die Weitergabe derselben Macht an einen jüngeren Träger. Der Schluss eröffnet diese Möglichkeit. Er kann ihre Verwirklichung nicht vorwegnehmen.

Nolans „Odyssee“ nimmt dem Sieg seine Selbstverständlichkeit und gibt der Heimkehr einen anderen Sinn. Der Held kehrt zurück, um seine Vergangenheit anzuerkennen und eine Zukunft freizugeben, die ihm nicht allein gehört. Darin liegt auch die Aufgabe des Abendlandes. Es muss seine Geschichte aufarbeiten und das gemeinsame Haus mit denen gestalten, die seine alten Erzählungen zu Fremden machten.

„Singe den Zorn“ kann dafür nicht das letzte Wort bleiben. Der Zorn hat genug zerstört. Was folgt, verlangt andere Fähigkeiten: zuhören und Verantwortung übernehmen. Das Meer trägt Odysseus heim. Ob aus der Heimkehr Frieden wird, entscheidet sich daran, was die nächste Generation aus dem Erbe macht.

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