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Drei Angriffe pro Tag: Muslimfeindlichkeit ist 2026 Alltag in Berlin


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Foto: geogif/Shutterstock

Muslimfeindlichkeit in Berlin nimmt drastisch zu: 975 antimuslimische Übergriffe und Diskriminierungen wurden 2025 dokumentiert. Die Jahresbilanz von CLAIM belegt ein strukturelles Problem.

(iz). In Berlin ist Muslimfeindlichkeit längst kein Randphänomen mehr, sondern Teil des Alltags dieser Stadt. Frauen werden in der Tram bespuckt, Mädchen in Grünau am Bahnhof angegriffen, einer von ihnen wird das Kopftuch zerrissen, eine andere erleidet eine Verletzung durch ein Messer.

In Neukölln findet eine Moschee einen Drohbrief samt USB-Stick mit Gewaltaufrufen im Briefkasten, in Zehlendorf terrorisiert ein Nachbar einen Mann jahrelang mit antimuslimischen Hassbotschaften – trotz zahlreicher Anzeigen ohne Konsequenzen.

Foto: IZ Medien

Muslimfeindlichkeit: Alltag in Berlin

„Die dokumentierten Fälle zeigen, dass antimuslimischer Rassismus weiterhin ein strukturelles Problem darstellt, das sich durch nahezu alle Lebensbereiche zieht.“

Die Bilanz für Berlin macht diese Erfahrungen sichtbar: 975 antimuslimische Vorfälle wurden 2025 belegt – im Schnitt nahezu drei Attacken, Beleidigungen oder Benachteiligungen pro Tag. Das Spektrum reicht von verbalen Übergriffen (399 Fällen) über Diskriminierungen (273) bis hin zu 65 Körperverletzungen, darunter acht gefährliche. Erstmals seit 2024 wurden zudem wieder vier Angriffe auf Moscheen registriert.

Für Rima Hanano von CLAIM ist die Diagnose eindeutig: „Die Jahresbilanz zeigt deutlich: Antimuslimischer Rassismus ist für viele Menschen in Berlin Alltag – sie werden beleidigt, angegriffen, benachteiligt und diskriminiert.“ Besonders alarmierend seien die dokumentierten Körperverletzungen; zugleich würden Erfahrungen der Betroffenen „noch immer häufig relativiert oder in Frage gestellt“.

Auffällig sei, wie sehr diese Realität geschlechtlich codiert ist: In den Beispielen, in denen Angaben vorliegen, waren Frauen mit deutlich über der Hälfte der erfassten Fälle besonders häufig betroffen. Sie sind am meisten sichtbar, oft unterwegs mit ihren Kindern.

Der „Berliner Monitor“ hatte bereits 2024 darauf hingewiesen, dass ein Großteil der Musliminnen und „muslimisch gelesenen“ Personen in den zwei Jahren vor der Befragung Diskriminierungserfahrungen gemacht hat. Die neue Bilanz fügt diesem Bild konkrete Orte und Szenen hinzu: Straße, Tram, U-Bahn, Schulhof, Wartezimmer – der öffentliche Raum ist der häufigste Tatort, gefolgt von Bildungsinstitutionen und dem Internet.

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Foto: imago | Ina Peek

Keine Überraschung für Muslime

Für die Community kommen diese Angaben nicht überraschend. Sie sind eine Bestätigung, was seit Jahren beschrieben wird. Schon die vorangegangenen Zahlen hatten einen drastischen Anstieg signalisiert.

CLAIM spricht von einer „neuen Qualität“: mehr Enthemmung, Brutalität sowie Normalisierung von antimuslimischem Rassismus. Seit dem 7. Oktober 2023 wurden MuslimInnen nicht nur häufiger angegriffen. Man hat sie in politischen Debatten auch sichtbarer als Projektionsfläche markiert – als „Sicherheitsrisiko“, als ewiges Integrationsproblem. Die aktuelle Berliner Bilanz fügt sich nahtlos in dieses Lagebild ein.

Die Zahlen sind deshalb mehr als Statistik. Sie markieren eine Verschiebung dessen, was in der Stadt als sag- und machbar gilt. Die Analyse von CLAIM zeigt, dass antimuslimische Vorfälle eng mit Debatten über Migration, Asyl, Integration und Sicherheit verwoben sind.

Diskurse spielen eine Rolle

In Medien, Talkshows und sozialen Netzwerken kursierende Narrative schlagen sich in den Worten und Handlungen der Täter nieder: Wenn Muslime stets als Problem, Gefahr bzw. „Fremdkörper“ verhandelt werden, sinkt die Hemmschwelle, sie im Alltag anzuspucken, zu stoßen oder auszugrenzen.

„Solche Diskurse tragen dazu bei, rassistische und menschenfeindliche Positionen gesellschaftlich zu normalisieren und schaffen einen Nährboden für antimuslimische Übergriffe und Diskriminierungen.“

Gleichzeitig bleibt das Dunkelfeld groß. Studien zeigen, dass nur ein sehr kleiner Teil der Betroffenen Diskriminierungserfahrungen überhaupt meldet, Deutschland liegt dabei sogar unter dem ohnehin niedrigen EU-Durchschnitt.

Selbst in Berlin dürfte die reale Zahl antimuslimischer Vorfälle weit über den 975 dokumentierten Fällen liegen. So wichtig die zivilgesellschaftliche Erfassung ist. Sie zeigt vor allem jenen Ausschnitt, in dem Betroffene den Weg zu Beratungsstellen, Registerstellen oder Projekten wie Report! Berlin überhaupt finden.

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Foto: CLAIM Berlin

Jenseits der Empörung: Was ist die Botschaft für die Verantwortlichen?

Politisch sendet die Bilanz doppelte Signale. Berlins Senatorin Cansel Kiziltepe spricht von schockierenden Vorfällen und betont, dass Dokumentation und Analyse eine wichtige Grundlage für politische Forderungen und konkrete Maßnahmen seien, „um Musliminnen und Muslime in unserer Stadt noch besser zu schützen“. 

Zugleich erleben Betroffene, dass Anzeigen folgenlos bleiben, wie im Fall des Mannes aus Zehlendorf, dessen zahlreiche Meldungen über Jahre wirkungslos verpufften. Zwischen Bekenntnissen, Gedenktagen – etwa dem Berliner Gedenk- und Aktionstag gegen Islamfeindlichkeit am 15. März – und der tatsächlichen Praxis von Behörden klafft für viele eine spürbare Lücke.

CLAIM fordert daher nicht nur Empörung, sondern Struktur. Benannt werden der konsequente Ausbau von Dokumentations- und Monitoringstellen, eine bessere staatliche Erfassung und Strafverfolgung, mehr Beratungs- und Beschwerdestrukturen, verpflichtende Fortbildungen zu antimuslimischem Rassismus in staatlichen Einrichtungen sowie eine Berliner Landesstrategie gegen antimuslimischen Rassismus.

„Wenn ein erheblicher Teil der Menschen in dieser Stadt nicht die gleiche Sicherheit, den gleichen Schutz und die gleichen Chancen erfahren, ist das kein Problem einer Minderheit, sondern eine demokratische Herausforderung für uns alle.“

Für eine muslimische Öffentlichkeit, die seit Jahren über Strategien zwischen Resilienz, Selbstschutz und politischer Teilhabe diskutiert, steckt darin ein klarer Auftrag: Die eigenen Erfahrungen weiterhin zu dokumentieren, Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Strukturen zu suchen – und den Druck auf Politik und Institutionen aufrechtzuerhalten.

Eine zentrale Frage lautet: In welcher Stadt wollen wir leben? Eine Hauptstadt, in der Muslime ihre Kinder mit mulmigem Gefühl zur Schule schicken, weil der Schulweg zur Gefahrenzone werden kann? Oder ein Berlin, das seine eigene religiöse und kulturelle Vielfalt ernst genug nimmt, um sie zu schützen?

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