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„Ich möchte Dialoge eröffnen“

Ausgabe 282

Foto: Nadirah Pierre

(iz). Nadirah Pierre ist eine Psychologiestudentin aus New Jersey, USA, die durch ihre humorvollen Kurzvideos auf Instagram an Popularität gewann. Ohne es geplant zu haben, wurde sie zur Internetsensation und behandelt auf humoristische Art gesellschaftsrelevante Themen. Wir unterhielten uns mit der Comedienne über die Mus­lime, das Lachen und den Ernst des Lebens.
Islamische Zeitung: Liebe Nadirah, wie bist Du auf die Idee gekommen, Kurzvideos von Dir auf den sozialen Netzwerken zu teilen? Haben Deine Freunde Dir gesagt „Du bist lustig, mach etwas daraus“ oder wolltest Du eine einfach größere Menschenmenge erreichen?
Nadirah Pierre: Die siebte Klasse nenne ich das das Jahr, in dem ich meinen Humor entdeckt habe und alle anderen es auch realisierten. Alle meinten zu mir daraufhin, ich solle einen Blog starten, aber man ist jung und das Leben geht wie gewohnt weiter.
Als ich anfing, auf Instagram Videos zu machen, war es eine simple Idee. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so ausarten und so viele Leute erreichen würde. Die meisten, die mir zunächst folgten, waren meine Freunde. Und ich machte ein paar Videos, um sie zum ­Lachen zu bringen. Vielleicht waren es 600 Follower. Und irgendwann wachte ich auf und merkte, wie sehr sie geteilt und kommentiert wurden und wie die Followerzahl stieg. Also dachte ich, ok, Du kannst auch über dies und jenes sprechen und schauen, wie die Reaktionen sein werden. Also habe ich einfach ­weitergemacht und geschaut, was sich ­ergibt.
Islamische Zeitung: Es gab also keine Kampagne dahinter, es ist einfach passiert?
Nadirah Pierre: Ja, es ist einfach so passiert, ganz ungeplant.
Islamische Zeitung: Wie waren die Reaktionen auf das, was Du tust? Und reagieren Männer und Frauen eigentlich unterschiedlich?
Nadirah Pierre: Bei den ersten Videos, die ich machte, ging es um einfachen ­Humor und alle fanden sie lustig. Aber es ging dann immer mehr auch um reale Angelegenheiten, mit denen wir alle etwas anfangen können und uns darin wiederfinden. Also sagten mir viele, sie fühlten sich davon angesprochen, Muslime wie auch Nichtmuslime. Viele Dinge, die wir in der muslimischen Community erleben, gibt es genauso unter Nichtmuslimen. Also haben sich alle darüber gefreut und fanden meine Videos einfach nachvollziehbar.
Islamische Zeitung: Sie empfanden es also eher als etwas Verbindendes als etwas, was bloß auf Muslime abzielt?
Nadirah Pierre: Überraschenderweise, ja. Ich bin natürlich in muslimischen Kreisen aufgewachsen und fand Dinge typisch und nachvollziehbar für Muslime. Aber die Reaktionen zeigten mir, dass die Dinge, über die ich spreche einen universellen Charakter haben. Oft werde ich gefragt, was bestimmte Begriffe bedeuten, die ich als Muslimin oder als Schwarze benutze, wenn jemand nicht weiß, was es ist. Und auch das kreiert Verbindungen zwischen den Leuten, weil sie etwas kennenlernen, was ihnen bisher fremd war.
Islamische Zeitung: Glaubst Du als jemand, der Comedy betreibt, dass wir als Muslime generell einen gelasseneren Umgang mit Humor entwickeln sollten, sei es unter uns oder in einem weiteren Rahmen? Sollten wir offener werden und uns selbst nicht allzu ernst nehmen?
Nadirah Pierre: Wir müssen offener werden. Schauen wir auf das Leben des Propheten und der frühen Muslime, sehen wir, dass sie damit beschäftigt waren, das Gute zu gebieten und das Böse zu verbieten, aber das hat sie nicht daran gehindert, ihr Leben zu leben. Heute ­versuchen viele, sich vom normalen ­Leben abzuschotten und ein sogenanntes islamisches Leben zu führen.
Das ist aber nicht die Realität, in der wir leben. Wir sind hier, um die Lebensqualität der Menschen um uns zu verbessern und die Umstände für die ­Generationen, de nach uns kommen, zu erheben. Der Erfolg, den wir darin in diesem Leben haben, wird unsere ­Lebensqualität in der nächsten Welt ­bestimmen. Ich denke also, wir sollten nicht so abgetrennt von dieser Welt sein, sondern lernen, hier präsent zu sein, das Leben zu leben, ein menschliches Wesen zu sein, welches nunmal fühlt und Dinge in dieser Welt tut, und dabei auch Spaß hat. Natürlich haben wir Grundsätze, die wir einhalten, aber diese hindern uns nicht daran, präsent zu sein und dieses Leben auszukosten.
Islamische Zeitung: Oft fühlen sich Frauen unwohl, in den sozialen Medien vertreten zu sein. Oder überhaupt ein Bild von sich zu posten, und das nicht bloß im Sinne einer Beauty-Bloggerin. Viele möchten auch das, was sie tun und gut können nicht öffentlich preisgeben, weil ihnen gesagt wird, als Frau sollten sie sich nicht öffentlich präsentieren. Hattest Du solche ­Erfahrungen, dass man dir sagte, als Frau solltest du Dich nicht im Internet zeigen?
Nadirah Pierre: Ich hatte viele solcher Kommentare. Von Männern selbstverständlich. Auch andere haben hier und da mal gesagt, rede nicht über dies oder jenes. Wenn es darum ginge, dass ich einfach obszön und sinnlos daherrede, dann wäre es verständlich. Aber da ich eine Veränderung herbeiführen möchte und ein wichtiges Ziel verfolge, gibt es keinen Grund, still zu sein und mir sagen zu lassen, ich solle mich zurückhalten. Ebenso wenig sollte das für andere Frauen gelten. Wir glänzen, um Veränderung zu voranzutreiben und Menschen zu inspirieren.
Die Frauen in der Geschichte des Islam waren keine scheuen Lämmer, die zuhause blieben und nicht den Mund aufmachten. Sie waren auf Schlachtfeldern vertreten, in ihren Communities, sie hatten eine Stimme und im Islam werden wir dazu erzogen, unsere Stimme für das zu nutzen, was Positives bringt.
Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, war die größte weibliche Gelehrte aller Zeiten. Und sie unterrichtete Männer. Dazu brauchte sie ihre Stimme und nutzte diese auch. Wenn man also muslimischen Frauen sagt, sie sollen leise sein, dann kommt dies meist von Männern, die bloß ihr Ego füttern. Sie brauchen stille Frauen, damit ihre eigenen Stimmen besser gehört werden. Wenn ich so etwas also mitbekomme, dann schenke ich der Sache keine Aufmerksamkeit. Aber es ist definitiv öfter passiert als ich es mir gewünscht hätte.
Islamische Zeitung: Du sagst oft am Anfang Deiner Videos „Keiner will darüber sprechen, also rede ich darüber“, als ein Motto. Ist es ein grundlegendes Problem, dass wir als Muslime über Probleme oder Phänomene nicht ­sprechen oder nicht adäquat darüber diskutieren wollen? Wenn ja, wieso?
Nadirah Pierre: Ich denke, es ist ein sehr dominantes Problem. Es ist global so, dass die muslimischen Communities nicht über die wichtigen Angelegenheiten reden. Es gibt so viele Vorträge etwa zum Hidschab, während es so viel wichtigere Themen gibt, die gerade viel drängender sind und in den Vordergrund gestellt werden müssen.
Allah sagt, wir sind die Besten der Schöpfung. Wir lassen uns davon blenden und halten uns oft für fehlerfrei. Also haben wir die Illusion, dass alles gut und schön sei. Vor allem, wenn wir in den Medien negativ präsentiert werden, scheuen wir uns davor, über Probleme zu sprechen, um nicht noch schlechter dazustehen. Wir tun so als sei alles ­perfekt. Aber die Probleme sind da und wir müssen über sie sprechen. Um es für uns alle besser zu machen.
Islamische Zeitung: Du sprichst oft über Rassismus gegen Schwarze. Hat sich durch Deine Videos etwas verändert? Haben Deine Follower Reaktionen darauf gezeugt ?
Nadirah Pierre: Es kam noch niemand und hat gesagt, sie sei nicht mehr rassistisch wegen mir. Aber einige meinten, sie seien sensibler geworden, was den impliziten und expliziten Rassismus in ihren Gemeinschaften und Familien ­betrifft. Und sie machten sich mehr Gedanken darüber. Ich denke, es ist wichtig, wenn wenigstens ein Gedankengang ­ausgelöst werden kann, sodass jemand bei sich selbst anfängt nachzuforschen, welche Vorurteile er gegen Schwarze und schwarze Muslime hat.
Islamische Zeitung: Wie ist das Feedback von schwarzen Muslimen?
Nadirah Pierre: Unter schwarzen selbst ist dieses Gespräch nichts Neues, wir alle reden schon lange darüber. Die sozialen Medien geben uns eine neue Plattform und eine neue Reichweite, wir können die Dinge auf einem anderen ­Level diskutieren.
Islamische Zeitung: Du studierst Psychologie. Glaubst Du, dass Humor heilend sein kann?
Nadirah Pierre: Ich denke, er kann es sein. Jemand, der traumatisiert ist, wird sich jedoch nicht besser fühlen, nur weil er sich Comedy Shows anguckt. Aber viele finden es leichter, über Dinge hinwegzukommen, wenn sie darüber lachen können. Es ist wie eine Wundsalbe.
Aber oft benutzen wir Humor, um so zu tun als seien wir über unseren Schmerz hinweg. Wobei wir einiges an Arbeit zu tun haben, um tatsächlich zu genesen. Oft verdecken wir gerade mit dem ­Humor, was uns Sorgen bereitet.
Islamische Zeitung: Wie hat die öffentliche Aufmerksamkeit Dir geholfen? Haben sich Türen für Dich ge­öffnet? Was sind Deine Pläne für die Zukunft?
Nadirah Pierre: Die Aufmerksamkeit hat ihre Höhen und Tiefen. Definitiv hat sie mir erlaubt, viel zu lernen und mit so vielen Menschen in Kontakt zu treten und zu reisen, Auftritte zu haben. Auch der Austausch mit so vielen Leuten von überall auf der Welt bringt mir unheimlich viel.
Projekte… alle wollen mich irgendwo hin einladen. Ich bin also momentan überall im Austausch und es entwickeln sich verschiedene Projekte.
Im Moment möchte ich erforschen, wie ich meinen beruflichen Weg und die sozialen Medien verbinden kann. Ich möchte auf einen Doktortitel in Sozialer Arbeit hin studieren und Dialoge eröffnen, um in der schwarzen wie auch muslimischen Community über seelische Gesundheit zu sprechen. Es gibt viele Stigmata. Oft wird man damit abgespeist, man müsse einfach mehr beten, wenn es einem schlecht geht. Allah ist Derjenige, Der uns Heilung gibt, aber Er hat uns Schlüssel gegeben, um diese zu erreichen.
Islamische Zeitung: Liebe Nadi­rah Pierre, vielen Dank.

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