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Ich rede von Corona – und Poesie

Foto: MQ-Illustrations, Adobe Stock

„Wir müssen einen Test machen. Sie haben Symptome. Ich spreche das mit dem Doktor ab“ und plötzlich stand ich vor meinem ersten Streifen. Im gesamten letzten Jahr seit Ausbruch der Pandemie ging es mir gesundheitlich sehr gut, sodass ich nie in diese Situation geriet, in der ich mich plötzlich wiederfand. Da ist er: der Streifen. Einmal in den Mund und einmal in die Nase. Wie lange das wohl dauert, frage ich mich. Ich beginne einmal zu würgen und plötzlich kribbelt es stark in der Nase und nach einer Sekunde, länger dauerte es tatsächlich nicht, habe ich es hinter mir. „Bitte folgen Sie den Anweisungen auf dem Zettel und laden Sie sich die App herunter.“

(iz). Aber meinen Geschmackssinn habe ich doch nicht verloren. Ich rieche und schmecke. Ist dies nicht das Hauptsymptom? Der Geschmackssinn könne, aber müsse nicht aussetzen, wird mir mitgeteilt. Kein Symptom ist ein hundertprozentiger Beweis. Es seien Menschen positiv getestet worden, denen lediglich die Nase lief und Menschen, die Husten und Fieber haben, seien bereits negativ getestet worden.

Auf dem Weg nach Hause frage ich mich, was ich nun machen könnte. Im Falle eines positiven Testergebnisses hätte ich in Quarantäne viel Zeit für mich. Bücher, die ich lesen, Hausarbeiten und Artikel, die ich schreiben müsste – aber erst einmal Heine lesen. Was schrieb Heinrich Heine überhaupt über die Cholera. Das interessiert mich. Heinrich Heine, der verstoßene Dichter.

Journalisten sind auf Geld angewiesen. Also schreiben sie über Dinge, die Geld bringen. Fernsehsender sind auf Einschaltquoten angewiesen: sie senden das, was Quoten bringt. Steve Jobs, der Begründer von Apple, soll gesagt haben, dass er als Jugendlicher daran geglaubt habe, die Fernsehsender hätten sich verschworen, verschworen, um das Volk zu verblöden. Dann sei er gereift und habe erkannt: Die Fernsehsender geben den Leuten genau das, was sie wollen. Und da die meisten Menschen kein positives Menschenbild haben, glauben sie, die Menschen würden nur Müll wollen. Aus diesem Grund geben sie den Menschen Müll – geistigen Müll. Gift für das Herz.

Und was tun wir als Volk? Wir beschweren uns lieber übel bedient zu werden als bewusst zu konsumieren… kurz gefasst: Ich erwarte mir Erkenntnis von der Lektüre Heines. Erkenntnisse, auf die mich kein Journalist und kein Massenmedium bringen kann. Ich suche etwas, was zu suchen höchst unpopulär ist: ich suche Wahrheit! Wie soll ich mit dieser Corona-Pandemie umgehen? Nun lesen wir doch erst einmal Heine.

„Nicht den Werkstätten der Parteien will ich ihren banalen Maßstab entborgen, um Menschen und Dinge damit zu messen, noch viel weniger will ich Wert und Größe derselben nach träumenden Privatgefühlen bestimmen, sondern ich will soviel als möglich parteilos das Verständnis der Gegenwart befördern und den Schlüssel der lärmenden Tagesrätsel zunächst in der Vergangenheit suchen. Die Salons lügen, die Gräber sind wahr. Aber ach! die Toten, die kalten Sprecher der Geschichte, reden vergebens zur tobenden Menge, die nur die Sprache der Leidenschaft versteht.“

Was für ein brillanter Mann Heine ist! Habe ich nicht eben dieselben Gedanken angestellt und deshalb zu Heine gegriffen? Die Vergangenheit zu kennen beleuchtet die Gegenwart. Salons, das heißt öffentliche Plätze, lügen. Aber die Menge, sie zieht keine Lehren aus der Vergangenheit. Zu töricht ist sie. Ständig schauen die Menschen, wer am meisten von einem Ereignis profitiert und dem kreiden sie das geschehene Übel dann an. Als könnten Menschen tatsächlich Gott spielen und die Natur und ihre Gewalten kontrollieren. Leidenschaft! Blindheit! Verschwörung! Das sind Dinge, die das Volk beherrschen. 

Man habe sich zu Anfang lustig gemacht über die Cholera, schreibt Heine. Ja, das kommt mir doch bekannt vor. Einige erhofften sich dadurch den Sturz der Regierung – nun, da schauen einige aber jetzt beschämt zu Boden: erwischt! „In dem die Zeiten sich bespiegeln“, sagt Goethe im Faust, und wie wahr er sprach, der Dichterfürst! All die Auswüchse, von denen Heine spricht, all die menschlichen Schwächen, die können auch wir heute noch sehen. Wieso ist das so? Sind wir denn nicht aufgeklärter, humaner und fortschrittlicher als die Menschen früher? Das wird doch ständig gesagt! Ist wirklich alles genauso wie früher? Nein. Die Medizin und das Verständnis von Sauberkeit sind anders heute. 

Wir hören nicht wie Heine, wie unser Nachbar keuchend stirbt. Wir sehen keine Leichenzüge durch die Straßen ziehen, wie Heine noch berichtet. Und ich muss die zynische Frage stellen: Ist das auch gut so? So mancher würde erst dann glauben, dass es eine Krankheit gibt, wenn er Leichen sieht. Müssen erst Leichen in den Straßen liegen, damit wir uns bewusst werden, dass Corona existiert und durch diese Krankheit Menschen sterben? Der Kluge lernt aus der Vergangenheit; er erkennt die Fortschritte, die gemacht wurden im Vergleich mit der Vergangenheit, an. Besonnen zu handeln und keine Panik zu verbreiten ist zu allen Zeiten angebracht.

Doch eben weil Panik gemacht wurde, weil aufgeregt und aufgeschreckt wurde, verwundert es mich nicht, dass so mancher aus der Bevölkerung erst dann die Gefahr gesund anerkennt, wenn er Leichen sieht. Es braucht Zahlen, denke ich mir. In den Jahren vor Corona: Wie viele Menschen starben? In welchem Alter waren diese Menschen? Diese Zahlen verglichen mit denen nach Ausbruch der Pandemie. Dies würde, so scheint es mir in meinem Kämmerlein, Aufklärung bringen. Denn die Maßnahmen, es ist nun ein Jahr vergangen, die Maßnahmen machen mindestens genauso krank. Es kann einfach nicht sein, dass die Schwächsten der Gesellschaft am stärksten an der Pandemie leiden. Aber nun, auch davon berichtet unser großer und scharfsinniger Dichter, Heinrich Heine: „Mit Unmut sah der Arme, dass das Geld auch ein Schutzmittel gegen den Tod geworden. Der größte Teil des Justemilieu und der haute Finance ist seitdem ebenfalls davongegangen und lebt auf seinen Schlössern.“

Es lebt sich entspannter in einem Einfamilienhaus und von hier aus kann man blasierter auf das Volk herabblicken, das nicht den Luxus eines eigenen Hauses genießt. Ist schon ein Unterschied, ob die Quarantäne in einer 2-Zimmer, 3-Zimmer- oder 4-Zimmer-Wohnung oder in einem eigenen Haus überstanden werden muss – wehe einem Ehepaar reicht das Geld nur für eine 1-Zimmer-Wohnung – so schlecht darf doch bitte niemand situiert sein… 

Meine Gedanken kreisen um die Vergangenheit. Besonnene Menschen, ob es sie noch gibt? Was war das für eine Zeit, in der scharfsinnige Männer wie Heinrich Heine in der Zeitung abgedruckt wurden, in der so etwas gelesen wurde? Ich erhalte einen Anruf. „Herr Aydin, Sie sind positiv. Sie müssen bis zum x-ten des Monats zu Hause bleiben.“ 

Interessant. Was tue ich jetzt? Ich suche Halt. Ich wende mich Allah zu und lese Gedichte. Was hat Yunus Emre, ein Mann, der zwar in keiner Zeit der Pandemie lebte, aber der ganz andere Sorgen hatte, mir jetzt zu sagen?

Wenn du die Liebe liebst,
Wirst du lebendig werden;
Den Sorgen aller Menschen
Wirst Abhilfe du werden.

Wenn du die Erde liebst,
Bist du von Sucht befangen;
Wie willst du der Bedeutung
Geheimnis so erlangen?

O Yunus, sag es mir, lieben wir die Erde zu sehr? Sind wir zu sehr gefangen in irdischen Gedanken?

Mevlana, der Regent,
Erblickte uns bewusst;
Sein königlicher Blick
Ist unsres Herzens Spiegel.

O Yunus, du kanntest den größten Poeten, den diese Welt je erblickt hat! Wenn ich die Gedichte Yunus Emres lese und in mein geliebtes Deutsch übertrage, bleibt die Welt stehen. Kein Corona, keine finanziellen Nöte, keine Abgabefristen. Nur Yunus und ich. Plötzlich erscheinen alle meine Sorgen so unbedeutend, denn ich liebe! Solange dieses Herz noch Allah lieben darf, geht es mir gut, solange besteht Hoffnung! Aber jetzt fällt mir direkt wieder Heinrich Heine ein: „So hat jeder seinen Glauben in dieser Zeit der Not.“ 

Interessant. Immer dann, wenn es meinem Herzen Enge wird in diesem Kerker von Diesseits, wird mir das Herz leicht, wenn ich an Allah denke, an Muhammed denke. Den Urliebenden und Seinen Gesandten. Allah ist der Urschöne und Er liebt die Schönheit. Welche Schönheit birgt sich wohl hinter Corona und ist nicht Allah auch derjenige, der diesen Virus erschuf?

Als Rumi lebte, stürmten die Mongolen an und die Menschen fürchteten sich und suchten Trost beim großen Liebenden, beim bedeutendsten aller Poeten, beim Mann des Herzens! Und was sagte Rumi, als die Menschen aus Angst vor den Mongolen in Angst und Schrecken versetzt wurden:

„Die Menschen fliehen vor den Mongolen,
Wir dienen dem Schöpfer der Mongolen.“

Gott schuf die Welt und Er greift beständig ein. Er hat sie nicht nach einem Akt der Schöpfung sich selbst überlassen. Er wirkt und schafft beständig.

Die Menschen fürchten einen Virus,
Ich dien dem Schöpfer aller Viren;
Die Menschen fürchten die Tyrannen,

Ich dien dem Schöpfer der Tyrannen.
Ich diene dem, der ist urmächtig,
Wer Macht besitzt, hat sie von Ihm. 

Zwei Wochen zu Hause. Mit Heinrich Heine, Yunus Emre und Mewlana Rumi dürften das zwei Wochen voller Spannung und Erkenntnisse werden. Was werden diese Menschen, die zeitlos schrieben, mir mitteilen, was werde ich von ihnen lernen. Mich dürstet es auch nach Friedrich Hölderlin. Mich dürstet es nach seinem Hyperion… und jetzt fallen mir plötzlich Goethes Worte aus den Zahmen Xenien ein. Ja, könnte Goethe es etwa so gemeint haben: 

„Wer in der Weltgeschichte lebt,
Dem Augenblick sollt er sich richten?
Wer in die Zeiten schaut und strebt,
Nur der ist wert, zu sprechen und zu dichten.“

Ich las Heinrich Heine. Einen Mann der Weltgeschichte, der selbst in die Weltgeschichte blickte, um seine Zeit besser zu verstehen, denn: Ich richte mich nicht nach dem Augenblick, nach dem willkürlichen Zeitgeist, der mir eine Meinung aufpfropfen will. Nur der Mensch, der sich den Sinn schärft, indem er in die vergangenen Zeiten schaut, ist in der Lage, seine eigene Zeit besser zu verstehen. Jemand, der spricht, ohne vergangene Zeiten zu kennen, der gibt meistens populären Nonsens von sich. Das also ist die Macht und die Wirkung der Poesie. Sie spendet Trost, erleuchtet und schärft den Blick. Ein gesunder Geist in schweren Zeiten. Das also ist Poesie…