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Islamische Lebenspraxis: Über Tod und Sterben

Ausgabe 310

Sterben in der Krise: Türkische Angehörige eines Covid-19-Opfers nach seiner Bestattung am Grab. (Foto: Shutterstock, H. Aldemir)

(iz). Die muslimische Sichtweise wird normalerweise als eine sehr ausgewogene verstanden. Dies gilt auch für den Zusammenhang zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und wie diese sich auf die Wahrnehmung und Vorbereitung auf den Tod beziehen.

Muslime glauben, dass diese Welt nur eine Übergangsphase in einer Abfolge verschiedener Lebensphasen ist. Es wird angenommen, dass diesem irdischen Leben das Leben in der Welt der Seelen (arab. alam arwah) vorausging und dass das Leben im Grab (arab. qubur) fortgesetzt wird, wenn die Seele in einer Welt dazwischen (arab. alam barzakh) leben wird. Gott wird alle Menschen aus ihren Gräbern auferstehen lassen, um am Tag des Gerichts, der 40.000 Jahre dauern soll, vor Ihm zu ­stehen. Dann wird jeder Mensch entweder dem Paradies oder der Hölle zugeordnet, und es wird angenommen, dass beide Welten die endgültige und ewige Wohnstätte für alle menschlichen Seelen sind. In diesem Sinne wird angenommen, dass alle Menschen im Wesentlichen und in erster Linie spirituelle Wesen sind, die als physische Wesen in dieser Welt als Test von Gott leben müssen. Es ist wichtig, diese fünf Stufen der menschlichen Existenz zu verstehen, um die Bedeutung des Todes aus muslimischer Sicht vollständig zu erfassen.

Der Tod wird als Übergangsphase angesehen, die eine Person durchlaufen muss, um die nächste Ebene der Existenz zu erreichen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Muslime ihr ­Leben in dieser Welt als Test betrachten. Gott sendet die menschliche Seele auf diese Erde, um sie zu prüfen. Unter Berücksichtigung dieses Glaubens wird der Tod als das Ende der von Gott zugewiesenen irdischen Prüfung angesehen. Der Tod hat daher das Potential, anzuzeigen, ob eine Person den Test dieser Welt erfolgreich bestanden hat oder nicht. So haben muslimische Gelehrte Schriften über die Zeichen eines guten Endes (arab. husn al-khatimah) und die Zeichen, die auf ein schlechtes Ende hinweisen (arab. su al-khatimah), zusammengestellt.

Wenn wir das oben Gesagte berücksichtigen, können wir verstehen, dass der Tod für ­Muslime etwas ist, auf das sich eine Person vorbereiten sollte. Diese Vorbereitung befasst sich insbesondere mit dem erfolgreichen ­Bestehen der Lebensprüfung, um im Jenseits das Paradies zu erhalten. Ein Muslim sollte sich jetzt auf die Zukunft vorbereiten, Lehren für die Gegenwart und die Zukunft aus der Vergangenheit ziehen und Hoffnung auf die Zukunft haben.

Es kann gesagt werden, dass der wichtigste Punkt im Leben eines Muslims der Tod ist: Sobald der Todesengel für die Sterbenden sichtbar ist, gibt es kein Zurück mehr und keine Möglichkeit mehr zur Umkehr und Reue. Gute Zeichen zu sehen, während eine Person in die nächste Lebensphase übergeht, ist besonders wichtig für die zurückge­bliebenen Familienmitglieder. Diese können Trost darin finden, gute Zeichen, die am ­Sterbenden beobachtet worden sind, wenn sie sich diese in Erinnerung rufen. Anders als beispielsweise Menschen anderer Glaubenszugehörigkeit, die sich trösten, dass die Person jetzt frei von Leiden und wahrscheinlich an einem besseren Ort ist, erinnern sich Muslime gern gegenseitig und trösten sich mit den ­guten Zeichen, die bei der sterbenden Person beobachtet wurden.

Der klassische Islamgelehrte Imam Muhammed Al-Ghazali (gest. 1111) beschrieb die Zeichen eines guten und eines schlechten Todes in seinem Buch „Kitab dhikr al-maut wa ma ba’dahu“ (Buch der Erinnerung an den Tod und das Leben Danach), dem 40. Buch  seines Magnus Opus „Ihya ‘Ulum Al-din“ (Wiederbelebung der Religionswissenschaften). Dieses ist im Spohr-Verlag erschienen. Die Beschreibungen Imam Al-Ghazalis sind Muslimen weltweit bekannt und bilden, ­neben anderen Quellen, ihr Verständnis um die Zeichen des Todes und der Notwendigkeit, sich auf einen guten Tod vorzubereiten.

Wie in seinen anderen Werken auch, bezieht sich Imam Al-Ghazali auf den Qur’an, Überlieferungen des Propheten Muhammad (möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken) und Berichten der Prophetengefährten und rechtschaffenen Gelehrten aus der islamischen Geschichte. Al-Ghazali (in der Übersetzung von Radhia Shukrullah) schrieb: „Wisse, dass eine ruhige und gelassene Haltung bei einem Sterbenden wünschenswert ist; ferner, daß sich seine Zunge mit den beiden Bekundungen der Schahada regt und daß er im Herzen von Allah dem Erhabenen das Beste annimmt. Was das Aussehen anbetrifft, so wird vom Heiligen Propheten, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, berichtet, daß er gesagt habe: ‘Achtet bei dem Sterbenden auf drei Dinge: Wenn ihm der Schweiß auf der Stirn steht, seine Augen tränen und seine Lippen trocken werden, dann ist die Barmherzigkeit Allahs auf ihn niedergekommen; doch wenn er röchelt wie einer, der erdrosselt wird, wenn er rot anläuft und Schaum auf den Lippen hat, dann ist dies die Strafe Allahs, die ihn befallen hat.’ Es ist ein günstiges Zeichen, wenn er die Worte der Schahada ausspricht.”

Was bedeutet nun die oben beschriebene wichtige Stellung des Todes aus muslimischer Perspektive für das alltägliche Leben? Der Wunsch einen guten Tod zu sterben ist eng verbunden mit der Wichtigkeit von schönem Benehmen und der Reinigung der Seele von negativen Charaktereigenschaften wie Neid, Gier und Wut. Das Bewusstsein, dass Gott einen immerzu sieht und mit jeder unserer Aktivitäten zutiefst vertraut ist, sollte das Streben nach dem bestmöglichen Benehmen in uns wecken.

Dazu gehören die Erfüllung der Rechte gegenüber Gott (die Gottesdienste), dem Propheten Muhammad, unseren Famili­enmitgliedern, den Nachbarn und anderen Mitmenschen gegenüber. Über die Rechte hinaus, sollte man bemüht sein, gute Taten zu verrichten, anderen Menschen zu helfen, sie zu unterstützen, Spenden zu geben, in der Not da zu sein, oder mit gutem Rat zur Seite zu stehen, um nur einige Beispiele zu nennen. Schönes Benehmen bedeutet auch das ­Unterlassen von Aktivitäten, die anderen und einem selbst Schaden zufügen können. 

Das häufige Gedenken des Todes ist eine ­spirituelle Übung, die uns vom Propheten Muhammad und darauf aufbauend von vielen gottesfürchtigen muslimischen Gelehrten ­geraten wurde. Es ist das Gedenken an den eigenen Tod, dass das weltliche Leben in eine gottergebene Haltung rückt. Wir sollen in dieser Welt sein wie Reisende auf der Durchreise (Hadith), das Ziel nicht aus den Augen verlierend und diesem stetig ein Stück näherkommend. Das tugendhafte Verhalten ist ­dabei ein elementarer und unerlässlicher Aspekt, um das Ziel, einen guten Tod zu ­erleben, zu erreichen. Denn letztlich ist der gute Tod, die Tür zur ewigen Glückseligkeit, so Gott will.

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