,

Jemen: Gegen Schüsse bei Hochzeiten

Jemen Hochzeit Schüsse
Foto: Freepik.com

Sanaa (dpa) Als Malik Sufian vor ein paar Wochen in seinem kleinen Bergdorf Al-Daiaa im Jemen heiratete, gab es für ihn und seine Braut viele der üblichen Traditionen: Trommler, Gesang, Musik für 300 Gäste. Aber eine Form des Feierns fehlte: Schüsse, in die Luft gefeuert mit scharfer Munition, um den Jubel mit Gewehren übers Land zu tragen. Sufian sagt rückblickend: „Ich bin stolz, weil es bei meiner Hochzeit keine Schüsse oder Opfer gab.“ 

Bei Hochzeiten im Jemen greift man gern mal zur Waffe – der Schuss in die Luft gewissermaßen als höchster Ausdruck der Freude. Das Land auf der Arabischen Halbinsel hat Jahrzehnte des Bürgerkriegs hinter sich, und der laufende Konflikt ist Ursache dafür, dass Waffen weit verbreitet sind. In Bergen und Wüsten sind sie oft ständiger Begleiter, vom traditionellen Krummdolch bis zum Sturmgewehr. 

Aber auch feierliche Schüsse können töten. Im Jemen wie in anderen Ländern der Region endeten Hochzeiten und andere Feiern mehrmals mit Verletzten und Toten. 2021 starben in Jemens Hauptstadt Sanaa fünf Menschen, als die Jugend-Fußballmannschaft gegen Saudi-Arabien gewann und Fans in die Luft schossen. Mehr als 120 Menschen wurden dem von Huthi-Rebellen beherrschten Innenministerium zufolge verletzt. 

Amir Dakum will gegensteuern. Wer bei Hochzeiten schieße, sei ein „potenzieller Mörder“, so Dakum. Die Praxis sei „katastrophal und gefährlich“. Mit Gleichgesinnten hat er in der Provinz Tais im Südjemen jetzt eine Initiative gestartet – und droht mit Hochzeits-Boykott: „Wenn nach unserer Ankunft Schüsse abgefeuert werden, muss der Bräutigam entscheiden.“ Entweder müsse der Schütze gehen – oder Dakums Gruppe, die inzwischen Dutzende umfasst, würde die Feier verlassen. Die Resonanz sei sehr positiv. 

Freuden-Feuer gibt es auch am Balkan oder in Südasien. Im Nahen Osten haben sich durch Konflikte vor allem der Jemen, Syrien, der Irak und Libyen in regelrechte Waffendepots verwandelt, schreibt die Denkfabrik Global Initiative. Die Waffen gelangen auch in recht sichere Länder wie Jordanien. Auf Basaren könne jeder frei Waffen kaufen, der sie sich leisten kann. In Jordanien starb 2020 ein Mann am Tag seiner Entlassung aus dem Gefängnis: Die tödliche Kugel kam aus der Pistole seines – eigentlich feiernden – Cousins. 

Es kann bis zu zwei Minuten dauern, bis eine senkrecht in die Luft geschossene Kugel wieder auf der Erde einschlägt. Diese verlangsamt sich durch den Luftwiderstand deutlich, kann aber trotzdem töten, wie militärische Tests etwa in den USA zeigten. Gefährlich seien vor allem Kugeln, die in einem Winkel abgeschossen werden und sich noch beschleunigen können, schreibt das Magazin Forbes. Kleine und dichtere Kugeln seien zudem gefährlicher als leichtere, größere Geschosse.

Im Libanon ist die Praxis so verbreitet – bei Hochzeiten, Geburten, Beerdigungen oder an Silvester –, dass wahlloses Schießen seit 2016 eine Straftat darstellt. Es drohen bis zu zehn Jahre Zwangsarbeit. Dennoch gibt es immer wieder Tote: Allein 2017 kamen so nach Polizeiangaben 41 Menschen ums Leben. 2022 traf eine Kugel sogar ein Flugzeug. Im Irak nahm das Phänomen nach der US-Invasion 2003 zu. Im Chaos des Einmarschs wurden Regierungsgebäude und Läden geplündert, Waffen fielen in Hände von Zivilisten im ganzen Land. 

Amir Dakum hofft, dass er seine Initiative im Jemen ausweiten kann. „Wir haben schon Kontakt mit einflussreichen Leuten in Nachbardörfern“, sagt er. Vielleicht würde die Parole „Unsere Hochzeiten sind sicher“ dann in der ganzen Provinz Tais und darüber hinaus bekannt. „Damit wären unsere Hochzeiten keine Fronten und Gefahrenquellen mehr. Im Gegenteil, sie werden eine reine Freude sein.“