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Nach den Taliban: Was ist denn Scharia?

Ausgabe 316

Foto: John Smith, Shutterstock

Die erneute Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat den Begriff „Scharia“ wieder in die Schlagzeilen und die öffentliche Debatte gebracht. Ungeachtet vieler Bemühungen bestehen hier weiterhin viele Missverständnisse und Verzerrungen. Im Folgenden führt der US-amerikanische Akademiker Jared Morningstar in diesen für viele missverständlichen Begriff ein.

(Facebook). Ich denke, viele Menschen im Westen hegen falsche Vorstellung von der Scharia als einer Reihe klar umrissener positiver Gesetze. Das heißt, man müsse dieses tun, und dürfe jenes nicht – dies seien die Regeln. Das ist nicht der Fall. Zum islamischen Recht gehörten spezifische Urteile (arab. fatawa), welche diese Form annehmen können. Aber sie sind nicht selbst die Scharia, obwohl sie mit ihr verbunden sind.

Für Muslime ist sie das göttliche Gesetz, das dem Menschen durch geheiligte Quellen gegeben wurde. Zuerst und vorrangig gibt es den Qur’an sowie die Sunna, welche aus den Aussagen und den Handlungen Muhammads besteht, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Viele Aspekte der Scharia betreffen religiöse Fragen wie die Durchführung des Gebets sowie praktischere Punkte wie Vertragsrecht und eine ethische Lebensführung.

Der wichtige Punkt hier besteht darin, dass diese Texte keine Summe kodifizierter Regeln sind. Ihr Inhalt ist topisch und stilistisch unterschiedlich. Der Gang von den geheiligten Quellen zur rechtlichen Aussagen beinhaltete immer Interpretation. Und Islam hat eine reiche Tradition verschiedener Schulen und Methoden der legalen Auslegung.

Diese Arbeit der Erklärung von Scharia wird Fiqh genannt, das in europäische Sprachen häufig mit „Rechtssprechung“ oder „Rechtswissenschaft“ übersetzt wird. Um sich traditionell auf diesem Gebiet zu engagieren, musste man studierter Gelehrter sein und innerhalb einer spezifischen Schule der Interpretation praktizieren. Anklänge davon finden sich im heutigen amerikanischen Recht, für das man eine Schule besuchen und ein Examen bestehen muss, um die tatsächlichen Pflichten eines Anwaltes ausführen zu können.

Historisch war es der Fall, dass die verschiedenen Rechtsschulen einander als rechtmäßig anerkannten. Daher war das Recht notwendigerweise plural. Verschiedene Juristen folgten unterschiedlichen Traditionen, fällten abweichende Urteile zu bestimmten Themen. Während es selbstverständlich Debatten zwischen den Schulen gab, war ihre gegenseitige Anerkennung weitverbreitet.

Anstatt eine Reihe von positiven Gesetzen zu sein, funktionierte islamisches Recht traditionell als Antwort auf die Bedürfnisse Einzelner und der spezifischen lokalen Gemeinschaft. Personen stellten einem Juristen eine besondere moralische, spirituelle oder praktische Frage. Und dieser gab ihr in dem vorliegenden Fall eine gezielte Regelung. Es wurde nicht zu einem ewiggültigen Gesetz, dass dann von einem größeren legalen Apparat durchgesetzt werden konnte. Es war aber möglich, dass in der Zukunft ein anderer Jurist ein solches Urteil als Präzedenzfall für die eigene Entscheidung nutzte.

Was den Ansatz der Taliban gegenüber der Scharia und ihrer Umsetzung einzigartig macht, ist ihre Getrenntheit von traditionellen Institutionen der legalen Bildung oder sogar von den Schulen der Interpretation. Leute ohne angemessene Ausbildung fällen Urteile. Sie versuchen ein moderneres und westlicheres Konzept eines Nationalstaats zu verwenden, um diese Urteile als endgültige positive Gesetze zu kodifizieren. Und das gilt im breiteren Sinne für jede andere extremistische Gruppe ebenso.

Es gibt noch viel komplexere Fragen, die ich hier nur gestreift habe, aber ich hoffe, dass dies ein hilfreicher Leitfaden für meine westlichen Freunde ist, die mit der islamischen Rechtstradition kaum vertraut sind.

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