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Neue Regeln: Potenzielle Hadschis und Organisatoren im Westen gehen leer aus

Foto: Paman Ahari, Shutterstock

„Hadsch ist die Manifestation, dass im Islam alle Wege zum Hause Allahs führen, wo Nationalität, ethnische Herkunft und unterschiedliche Überzeugungen fortgeweht werden. Die Hadschis kommen von überall her, aus jedem Land, jedem Kontinent und mit jedem Hintergrund. Sie fliegen, segeln und reisen auf dem Land. Wer immer sie sind, wo immer sie herkommen und wie sie kommen, sie werden nur einer Sache und einem Punkt angezogen: dem Verlangen, Allah an Seinem Hause anzubeten und die Hadschrituale abzuschließen.“ So beschrieb 1976 ein britischer Muslim seine Erfahrungen.

(iz). „Die Reise zum Haus Allahs ist einzigartig“, schreibt der britische Gelehrte Schaikh Abdalhaqq Bewley. Auf unserem Planeten geschehe nichts Vergleichbares. „Sie repräsentiert das einzig wirklich globale Mustern menschlichen Verhaltens dar.“ Ein weiterer Aspekt, der oft aus dem Blickfeld gerate, sei das Alter der Hadsch und die Tatsache, dass die Muslime mit ihrer Teilnahme eine ungebrochene Tradition fortsetzen, die seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte ununterbrochen bestehe, so Bewley. „Es ist mindestens sechstausend Jahre her, dass der Prophet Ibrahim die Riten der Hadsch mit dem von ihm im Tal von Makka errichteten Haus im Mittelpunkt eingeführt hat, und seit dieser Zeit findet sie Jahr für Jahr an diesem Ort statt.“

Wer seine Hadsch mit innerer Aufrichtigkeit und äußerer Befolgung absolviert, kommt transformiert zurück. Sein Leben erhält eine neue und bedeutungsvollere Qualität. „Sie sind diejenigen, von denen der Prophet gesprochen hat, als wären sie neugeboren. Für sie fungiert die Hadsch wirklich als neuer Anfang für ihr Leben.“

So global sie ist so tief sie in die Menschheitsgeschichte zurückreicht, so prägend ist sie für viele in aller Welt. Während Gläubige aus den Wohlstandszonen beziehungsweise den nationalen Eliten beinahe schon eine blasierte Haltung einnehmen, und die Hadsch manchmal wie eine touristische Reise behandeln, so hat sie bei ärmeren Menschen einen umso höheren Stellenwert. Das liegt unter anderem daran, dass sie lange Jahre darauf sparen müssen. Nicht wenige reisen nach Mekka beziehungsweise Medina in dem Wissen, dass sie dort entweder sterben können oder es werden.

Diese Wichtigkeit der Hadsch für viele, für die sie nur einmal im Leben möglich und tatsächlich „beschwerlich“ ist, zeigt sich in lokalisierten Traditionen. Hadschis werden in ihren Gemeinschaften entweder feierlich verabschiedet oder empfangen. In einigen Regionen erhalten sie nach erfolgreichem Abschluss den ehrenden Beinamen „Hadschi/Hadscha“. In anderen lassen sie sich Elemente der Reise wie die Kaaba auf ihre Hauswände malen.

Trotz ihres überlieferten und bis in die Archaik zurückreichenden Charakters veränderte sich diese Reise eines Lebens spätestens mit dem Entstehen von Dampfschiffen, Eisenbahnen und anderen modernen Transportmitteln, auch wenn die grundlegenden Riten gleichgeblieben sind. Seitdem sie unter der Ägide des saudischen Staates stattfindet, wurde sie stetig Maße rationalisiert und gesteuert. Einerseits haben diese Maßnahmen zu spürbaren Verbesserungen wie Klimaanlagen und modernen Transportmitteln zwischen den einzelnen Etappen der Reise geführt.

Foto: as-artmedia, Shutterstock

Andererseits ist sie heute, organisiert vom zuständigen saudischen Ministerium, ungleich beschränkter geworden. Anders als bei BürgerInnen des Golfkooperationsrates (GCC) bestehen bei allen weiteren Besuchern Kontigentregelungen für ihre jeweiligen Herkunftsländer. Mit einem frei gewählten Transportmittel im Rahmen einer freigewählten Gruppe in die Region zu fahren, ist schon lange nicht mehr möglich. Seit geraumer Zeit war die Hadsch für Besucher aus Europa oder Nordamerika nur über lizenzierte Veranstalter und im Rahmen einer ihrer Gruppen gestattet.

Doch selbst dieser begrenzte Zugang ist nach Willen des Ministeriums seit Kurzem Vergangenheit. Wie die Behörde für Hadsch und Umra am 6. Juni bekanntgab, müssen sich Muslime auf Europa, Amerika und Australien jetzt über eine Webseite für die Hadsch (www.motawif.com.sa) bewerben. Kritiker sprachen daher bereits von einer „Diskriminierung“ von MuslimInnen aus Ländern, die keine nationalen Hadsch-Delegationen kennen.

Demnach wird ein Platz unter Interessenten verlost. Ausgeschlossen sind Menschen über 65 Jahren sowie jene, die bereits einmal die Pilgerfahrt absolviert hatten. Für den Rest findet eine Verlosung statt, wie es sie zuvor schon in den meisten mehrheitlich muslimischen Ländern der Fall war. Auch die Organisation von Unterbringung, An- und Abreise sowie Betreuung der Gruppen findet nicht mehr durch bisherige Anbieter statt. Die kolportierten Kosten für neue Zwangspakete des Ministeriums sind ebenfalls nicht gering. Die individuelle Hadsch soll demnach für Reisende aus dem Westen zwischen 5.100 und 6.500 Euros kosten.

Das Ministerium hat alle Pilger aufgefordert, „Rückerstattungen von Reiseveranstaltern/-agenten“ zu verlangen, bei denen sie für 2022 bereits die Hadsch „gebucht“ hatten. Viele Muslime im Westen – potenzielle Pilger und Reisebüros – haben sich schockiert und enttäuscht über diese neuen Vorschriften geäußert. Für unzählige potenzielle Hadschis hat sich der Wunsch nach einer Hadsch 2022 zerschlagen. Für andere bedeutete eine Neuanmeldung massive Mehrkosten. Einige berichteten, dass in den neuen Paketen kein Besuch in Medina möglich ist.

„Wir machen seit vielen Jahren Umrah und Hadsch“, erklärte ein Organisator in London, „und es ist sehr schwierig, vom Ministerium etwas rauszubekommen, sodass es ein Rätsel ist, wie die Pilger bekommen sollen, was sie brauchen.“ Dies sei eine völlig vermeidbare Situation. Die Zeit, die für den Aufbau des Portals und die operativen Abläufe benötigt wird, sei nicht unerheblich. „Das muss schon vor Wochen, wenn nicht Monaten bekannt gewesen sein. Die Pilger hatten hier eindeutig keine Priorität, und die Auswirkungen auf sie und die Vermittler sind enorm“, zitierte das Nachrichtenportal „The New Arab“ einen weiteren Anbieter.

Darüber hinaus hat das zuständige Ministerium nach Angaben des saudischen Fachjuristen Dimah Talal Alsharif einen neuen Strafkatalog vorgelegt. Zu den aufgezählten Regelverletzungen gehört das unerlaubte Betreten von Orten wie Mina, Muzdalifa oder Arafat im Ihram. Wer diese Regeln bricht und nicht aus Ländern des Golfkooperationsrates stammt, wird aus Saudi-Arabien deportiert und an einer neuen Einreise gehindert.

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