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Ohne Bäume wäre Berlin anders

Ausgabe 332

Berlin Bäume Tiergarten Brandenburger Tor
Foto: Alex Galperin, Unsplash

(iz). Berlin ist eine besondere Stadt, erbaut inmitten von Wald und freier Natur. Im Süden der lichte, freundlich scheinende Grunewald mit seinen teils sandigen Böden, erinnert daran, dass die Ostsee nur knapp drei Stunden entfernt ist. Im nördlichen Teil der schattige, dunkel wirkende Tegeler Forst mit seinen verwurzelten Geheimnissen und seinem geschichtsträchtigen Anteilnehmen und Heimat geben. Und zwischen diesen und anderen Wäldern, das kreischende Rauschen und stille Dröhnen, das vermeintlich freie Leben der, vor vergessener Melancholie, strotzenden Großstadt.

Großstadt aus vielen Dörfern

Eine Großstadt zusammengesetzt aus dutzenden Dörfern, den Kiezen, und der verbohrten, freundlich anmutenden Eigenheit, die Dorfbewohner oft auszeichnet. Durchzogen und durchbohrt von toten Lebensadern, Rattern und Zischen im fünf oder zehn Minuten Takt in alle möglichen Richtungen. Ein Spinnennetz, das den einfängt, der sich benebeln lässt von Großstadtallüren und tausenden Gesichtern, die tagtäglich vorüberziehen, ohne sie zu kennen und in deren Schatten und Körperwärme man sich setzt, ohne sich der anhaftenden Energie entziehen zu können.

Berlins freie Schwere oder schwere Freiheit, trotzige Freiheit. Viele kommen, um weiterzuziehen. Nur wer sich unabhängig machen kann von oder sich ihrer trotzigen, übermütigen Schwermut, vollkommen hingibt, hat die Chance hier zu wachsen. Ob man gedeihen kann, ist eine andere Frage.

In einem Hadith wird überliefert, dass der Prophet Muhammad (mögen Segen und Frieden mit ihm sein) sagte: „Ein jedes Ding besitzt ein Herz. Und das Herz des Qur’an ist das Kapitel Yasin (…)“. Was oder wo ist das Herz Berlins? Was macht ein Herz aus? „Im Menschen gibt es ein Stück Fleisch, wenn dieses gut ist, so ist sein ganzes Wesen gut“, so heißt es in einem anderen Hadith. Dieses Stück Fleisch ist das Herz des Menschen. Am Herzen kann man erkennen, ob ein Mensch gut ist oder nicht.

Kann eine Stadt ein Herz haben? Ein spirituelles Zentrum, dass die Stadt am Leben hält und die Schamlosigkeit und Gier nach Mehr ausbalanciert? Ist dieses spirituelle Zentrum zusammengesetzt aus einer Anzahl von spirituellen Räumen, die Licht ausstrahlen, weil die Menschen in diesen Räumen göttliches Licht empfangen und selbst (er)leuchten?

Bäume in der Gemeinschaft

In alten, einheimischen Gemeinschaften wurden Bäume oft als Mutter der Gemeinschaft angesehen. Mütterbäume sind meist die ältesten Bäume in einem Wald und in einer Gemeinschaft. In der javanischen Kosmologie in Indonesien werden Bäume als ältere Geschwister gesehen und gewürdigt. Der Mensch, obwohl die Krone, ist das jüngste Schöpfungskind und soll seine älteren Schöpfungsgeschwister ehren.

Bäume werden nicht etwa angebetet, wie oft fälschlicherweise interpretiert. Eine Anbetung und eine Würdigung oder auch Verehrung unterscheiden sich theologisch grundlegend. Von einer Anbetung erwartet sich der Mensch ein Ergebnis, zum Beispiel die Erfüllung seiner Bittgebete oder Wünsche. Durch Würdigung oder Verehrung erwartet der Mensch nicht ein übersinnliches beziehungsweise göttliches Ergebnis.

Auch in den alten Traditionen der Einheimischen in den deutschen Landen, der Germanen oder Kelten, hatten Bäume eine wichtige Bedeutung in der spirituellen Landschaft der Bewohner. Der Buchenwald zum Beispiel diente als spiritueller Ort, weil das Blätterdach der hochwachsenden Buchen das Licht nur gefiltert und begrenzt einließ, so dass in Buchenwäldern kaum andere Pflanzen am Boden wachsen können. Das schummrige Licht schafft eine spirituelle Atmosphäre.

Heutzutage gibt es Baummeditationen, bei denen sich Menschen nah an Bäume setzen, um von dem Wesen der Bäume zu profitieren. Und sie verbinden sich wohl auch mit dem, dem Baum natürlich innewohnenden, Gottgedenken. Im Qur’an (17:44) heißt es, dass die sieben Himmel, die Erde und alles in ihnen Gott lobpreist, doch wir Menschen sind es, die diesen Lobpreis nicht verstehen. Wenn wir die Nähe von Bäumen suchen, sucht unser Herz die Nähe zu Gott. Wer meint, dass Bäume nicht lebendig wären, der schaue in die Überlieferungen des Propheten Muhammad (Frieden und Segen mit ihm) und welche Rolle Bäume und Baumteile hatten. Sie wurden als lebendige Wesen verstanden, die auch die Prophetie Muhammads erkannt hatten.

Goethe und die Eiche

Als Goethe 1778 in die Gegend um Berlin kam, besuchte er auch einen Baum, eine Stileiche, die noch heute in der Nähe des Tegeler Sees zu finden ist. Diese Eiche wird als der älteste Baum Berlins bezeichnet und ist fast eintausend Jahre alt. Was bewog Goethe diesen Baum, der auch damals schon ein stattliches Alter besaß, zu besuchen? Welches Wissen hatte Goethe, dass uns vielleicht heute verlorengegangen ist? Erkannte er den Mutterbaum? Erkannte er, was Berlin wirklich Leben gab?

Später wurde der Baum von den zwei von Humboldt Brüdern angeblich auf den Namen „Dicke Marie“ getauft. Sehr höflich klingt diese Namensgebung nicht. Noch heute wird sie so genannt. Dabei sollte man, ihres Alters und Standes angemessen, sie zur Gräfin rühmen. Zumindest wurde Gräfin Marie 2021 zum Nationalerbe-Baum erklärt.

Die Eiche ist ein Seelenbaum, sie ist ein Baum der ordnenden Kräfte, so schreibt es der Kulturethnologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl. Und Goethe sagte zu Eckermann (2.4.1829) über die Pflanzenwelt eines Landes: „Daher kommt es denn auch, dass man der Pflanzenwelt eines Landes einen Einfluss auf die Gemütsart seiner Bewohner zugestanden hat. Und gewiss, wer sein Leben lang von hohen ernsten Eichen umgeben wäre, müsste ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter luftigen Birken sich erginge.“

Wenn schon die Pflanzenwelt einen solchen Einfluss auf die Menschen hat, wie sieht es dann mit der geographischen Lage eines Ortes aus? Ist das ernste, etwas kühle, zur Melancholie neigende, sture Gemüt, dass einem in Berlin so begegnet, nicht nur beeinflusst von den ordnenden Eichen und den erdenden und trotzdem geistigen Buchenwäldern, sondern auch von der Nähe zu der festen, unverrückbaren kontinentalen Landmasse, die sich östlich von Berlin erstreckt? Ist deshalb selbst die feiernde Gier der Berliner Nachtclubs von einem anthrazitfarbenen Schleier der Melancholie umgeben? Etwas zum Nachsinnen. Umso wichtiger sind die leuchtenden Sterne der Berliner Gotteshäuser, wo Er angebetet wird und Ihm gedacht wird, denn sie schenken der Melancholie einen silber-goldenen Schimmer.

Das Herz Berlins

Ist es nun zu abstrakt den Vorschlag zu unterbreiten, dass ein Baum das Herz Berlins ist? Ein von Gott erschaffenes Wesen, dessen Ur-Natur, anders als des Menschen Ur-Natur, das Gottesgedenken nicht unterlassen kann? Ein Baum, der seit nunmehr fast eintausend Jahren das Geschick der Stadt begleitet, ordnet und seit nunmehr tausend Jahren unerlässlich Gottes gedenkt. Als Mensch in ihrer Nähe (der Baum ist eine Eiche und Gräfin, deshalb das Pronomen „ihr“) an Gott zu denken, vereinigt die Schöpfungsgeschwister in ihrem gottgegebenen Zweck. Wir sollten das Ordnende von Gräfin Marie lernen und dieses Ordnende wieder mehr in unser Leben in Berlin implementieren.