, ,

Shirin Najdi im Gespräch: „Immer fürs Schreiben entscheiden“

Ausgabe 323

Foto: Autorin

(iz). Die Saarbrückerin Shirin Najdi ist 24 Jahre alt. Sie hat Physik und Philosophie auf Lehramt studiert und studiert momentan zusätzlich das Fach Sport. Seit 2021 befindet sie sich außerdem in einem Fernstudium für Islamische Theologie. Neben ihrem Block „Gedankenzelt“ (www.gedankenzelt.blog) ist sie auch auf Instagram zu finden. Dieses Gespräch ist das dritte in einer Reihe von fünf Interviews, in denen deutsche Muslime zu Wort kommen, die auf Deutsch Gedichte schreiben.

Islamische Zeitung: Erzählen Sie uns etwas über Ihren persönlichen und beruflichen Werdegang. 

Shirin Najdi: Mein Name ist Shirin Najdi, ich bin 24 Jahre alt und habe zwei Geschwister. Ich lebe im Saarland, seit ich 5 Jahre alt bin und studiere dort auch. Ich bin in Deutschland geboren und komme ursprünglich aus Stade. Mit 5 Jahren zog meine ganze Familie, also auch Onkel und Tanten, ins Saarland, weil meine Großeltern dort Familie hatten. Wir sind wie ein Knäuel, das sich aneinander festhält und überall zusammenbleibt. Ich lebe zwar lange im Saarland, spreche aber nicht wie eine Saarländerin.

Letzten November habe ich mein 1. Staatsexamen in Philosophie und Physik fürs gymnasiale Lehramt abgeschlossen und studiere jetzt noch Sport als Drittfach und seit anderthalb Jahren außerdem Islamische Theologie im Fernstudium. 

Ich war Stipendiatin des Avicenna-Studienwerks. Das hat mich sehr geprägt und zu der Person gemacht, die ich heute bin. In dieser Zeit habe ich bemerkenswerte Personen kennengelernt und meine muslimische Identität noch einmal umgeworfen und neu gestaltet. Es hat viel geändert in meinem Leben.

In meiner Freizeit beschäftige ich mich neben der Vereinsarbeit mit Kreativem: Malen, islamische Kunst, Musizieren, Sport.

Islamische Zeitung: Wie waren Ihre ersten Begegnungen mit Lesen und Literatur?

Shirin Najdi: Ich habe schon mit 4 oder 5 lesen gelernt. Meine Eltern haben das überhaupt nicht forciert, es kam irgendwie dazu. Deswegen habe ich früh schon selbst gelesen. Meine Mutter hat großen Wert darauf gelegt, dass ich und mein Bruder regelmäßig lesen. Abends sollten wir ungefähr eine halbe Stunde lesen. Das hat uns viel Spaß gemacht. Ich lese bis heute sehr gerne. Vorgelesen hat uns meine Mutter von klein auf. Sie hat eher die motivierende Rolle gespielt und das ist gut aufgegangen. Ich habe zahlreiche Bücher verschlungen. 

Wir haben außerdem sehr viele Hörspiele gehört, vor allem als meine kleine Schwester auf die Welt kam, als ich 7 Jahre alt war: Im Auto, zuhause, beim Aufräumen und so weiter. 

Meine Eltern haben beide Deutsch mit uns gesprochen. Weil ich als Kind viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht habe, konnte ich auch gut Arabisch, das hat sich aber leider verflüchtigt mit den Jahren. Ich würde sagen, ich habe elementare Kenntnisse im Dialekt-Arabisch, Hocharabsich lerne ich durch das Theologiestudium seit 3 Semestern. 

Islamische Zeitung: Wie schreiben Sie? Welche Orte, Zeiten oder Themen inspirieren Sie?

Shirin Najdi: Mit 6 Jahren habe ich angefangen, erste Gedichte zu schreiben. Meistens anlassgebunden. Zum Geburtstag, zum Muttertag. Meist hatte ich ein kleines Geschenk und schrieb dazu ein Gedicht, natürlich am allerliebsten mit Reimen. Das wurden dann schon 10-12 Verse. Es hat mir großen Spaß gemacht. Ich habe auch eigene Liedtexte erfunden. Ich erinnere mich, dass es in einem um den Muttertag ging und im anderen um Afrika. 

Inzwischen schreibe ich mal mehr, mal weniger und es ist auch immer öfter abgekoppelt von Anlässen. Ich schreibe einerseits Gedichte über Gedanken und Gefühle. Das hat sich bis heute gehalten, doch ist es nicht mehr gebunden an einen Anlass, sondern es ist abhängig von meinen Gedanken, von meiner Gefühlslage, von dem was raus muss aus mir. Das lasse ich dann raus, indem ich es aufschreibe. Ich habe eigentlich immer etwas dabei, um mir Notizen zu machen, meist ein Notizbuch. Manchmal auch den Laptop oder das Handy. Ich halte die Gedanken fest und werde es möglichst schnell los. Im spontanen Moment. Das kann in der Bahn sein, im Garten, wenn ich die Sonne genieße. Aber meistens doch erst abends, wenn ich zuhause bin und nachdenke über Gott und die Welt oder nach Lesekreisen, nach besonderen Momenten, die mich inspiriert haben. 

Wenn ich sage, Gemütszustände sind Anlass für Gedichte, dann ist das bei mir seltener Traurigkeit. Es sind häufig positive Gefühle. Wenn ich belebt aus einem Gespräch komme, mir Gedichte angesehen habe, die mir gefielen. Ich werde auch viel von Bittgebeten inspiriert. Gerade in der schiitischen Bittgebetskultur gibt es viele Texte, die regelmäßig gelesen werden, das inspiriert mich. Dazu will ich dann manchmal etwas schreiben. Die Bittgebete selbst sind auf Arabisch, ich lese sie meist in der englischen Übersetzung, weil mir die deutschen Übersetzungen nicht so gut gefallen. 

So etwas habe ich für mich entdeckt, Texte aus der muslimischen Kultur ins Deutsche zu übertragen. Es ist keine Übersetzung, eher ein poetisches Wiedergeben, mit meinen eigenen Worten. Das mache ich sehr gerne und finde daran Gefallen. Es gibt Texte, die machen es mir schwer, sie zu schreiben, aber solche Übertragungen fallen mir leicht. 

Oft ist auch Dichtung selbst ein Anlass für eines meiner Gedichte, vor allem mystische Dichtung, persische Dichtung, Texte aus unserem Glaubensalltag. Ich bin ein großer Fan von Hafis, Rumi und Fariduddin Attar. Ihre Texte lese ich in der deutschen Übersetzung von Annemarie Schimmel. Ich lerne zwar Persisch, aber dafür reicht es leider noch nicht. Eigentlich lese ich alles, was Annemarie Schimmel in diesem Bereich übersetzt hat. 

Früher habe ich auch englische Literatur gelesen, da gab es einige Gedichte, die mich inspiriert haben. Mein Lieblingsgedicht war „O Captain! My Captain“ von Walt Whitman. Da hat mich der Rhythmus mitgenommen und in den Bann gezogen. Es gab immer mal wieder einzelne Gedichte, aus denen ich für mein eigenes Schreiben etwas mitgenommen habe. Da gab es dann manchmal Schlüsselmomente. Einer dieser Momente war mir Robert Frosts Gedicht „The Road Not Taken“. 

Islamische Zeitung: Wie entstehen Ihre Texte?

Shirin Najdi: Ich denke, man kann meine Schreibprozesse gut in zwei Gruppen unterteilen. Manche Texte gehen mir spontan von der Hand und die schreibe ich einmal und lasse sie dann wie sie sind und denke, es ist gut, so wie es ist. Das sind die Texte, dir mir am nächsten gehen und für mich am schönsten sind. Sie sind in besonderen Momenten entstanden. 

Andere Texte bereite ich mit Stichpunkten vor, wenn ich noch nicht den richtigen Moment habe, um sie aufzuschreiben. Diese Texte ändere ich oft im Anschluss noch. Vor allem dann, wenn ich auf Reime oder Versmaß achten möchte. Dann nehme ich mir mehr Zeit und gehe bewusster an die Überarbeitung heran. Meistens sind diese Stichpunkte schon in Versform, ohne dass ich jedoch Wert auf die genaue Form lege. Oft bin ich dann mit der Wortwahl oder dem Rhythmus nicht zufrieden, möchte es aber schon runterschreiben, damit es festgehalten ist. Ich merke, dass ich andere Begriffe brauche und später, wenn ich es dann forme, achte ich auf Reime und so weiter. 

Wenn ich dafür eine Metapher finden müsste, dann würde ich für die erste Gruppe sagen, diese Texte sind wie ein Edelstein, den man findet und einsammelt. Die anderen Texte sind Steine, die man erst bearbeiten, schleifen und anpassen muss, damit sie auf die Ebene von Edelsteinen kommen. Für diese Texte braucht man dichterisches Handwerk. Tatsächlich mache ich das noch nicht so oft. Aber seit ich das von Ahmet Aydin weiß, und seine Ratschläge weiß ich sehr zu schätzen, habe ich mir vorgenommen, daran zu arbeiten und mich weiter zu entwickeln. Ich habe mich in diesem Zusammenhang auch gefragt, was das Dichten eigentlich ist, wie es zustande kommt und was es bedeutet. 

Früher habe ich spontan gedichtet, ohne Muster. Aber ich habe gelernt, dass es auch schön ist und Sinn macht, bestimmte Strukturen zu nutzen, die selbst für etwas stehen. Es ist nicht immer angemessen, den einfachsten Weg zu nehmen, manchmal braucht man den komplizierten Weg, der seine eigene Schönheit hat. Dieser Gedanke hat mich inspiriert, das auch zu versuchen. Bis vor kurzem war ich noch der Ansicht, ein Produkt müsse so bleiben, wie es entstanden ist. Erst seit Kurzem schleife und forme ich. Um das noch genauer zu lernen, schaue ich mir Ahmets Gedichte an, der großen Wert auf Versmaße legt und diese mit Leichtigkeit und Genialiät einbringt. Das möchte ich mir auch vornehmen, mich mehr vernetzen und weiter lernen. 

Islamische Zeitung: Was zeichnet Ihre lyrischen Texte aus? 

Shirin Najdi: Ich schreibe eigentlich intuitiv. Aber seit ich klein bin, gefallen mir Texte mit einem einprägsamen Rhythmus. Das ist ein Kriterium für mich, es muss sich beim Vorlesen gut anfühlen. Es sollte ein einheitlicher Rhythmus sein. Sprachfluss ist wichtig für mich. Wenn ich Gedichte schreibe, dann denke ich sie mir auch vorgetragen. Manchmal lese ich sie beim Schreiben auch laut, aber oft auch nur in meinem Kopf. Der Text wird dort – also in meinem Kopf – laut abgespielt. 

Ansonsten gibt es Thematisches, das meine Texte auszeichnet. Das Motiv des Lichtes kommt immer wieder vor, als Anlehnung an die spirituellen Dimensionen des Glaubens. Daraus ergab sich auch ein Format auf meinem Blog, das ich „Gespräche mit Gott“ nenne. Darin findet man Tagebucheinträge, in denen ich Gott Dank ausspreche oder über meine eigene Unaufmerksamkeit als Seine Dienerin klage. Dieses Format der Gespräche sind eine Art Monolog, also eine Ansprache. Ansonsten finden sich Lobpreisungen und andere Motive des Glaubens in meinen Texten. 

Islamische Zeitung: Welche Aspekte Ihrer Identität beziehungsweise Persönlichkeit spiegeln sich in Ihren Texten wider? 

Shirin Najdi: Positivität. Ich bin ein sehr positiver Mensch, vielleicht schon fast naiv. Und das zeigt sich in meinen Gedichten. Mir ist wichtig, das Positive nach außen zu tragen. Ich möchte damit eine Möglichkeit vorschlagen, wie man mit Belastendem umgehen kann, mit all den schlechten Nachrichten, die uns umgeben. Ich schreibe, wenn ich dankbar bin und etwas Gutes passiert ist. Wenn mir positive Dinge widerfahren, dann möchte ich das erzählen. Ich erzähle vorrangig Positives, um den Fokus hinzulenken auf das Positive, das da ist, aber keine Schlagzeile wert. Das macht mein Schreiben und meine Texte aus. Das ist ein Zug meines Charakters: Optimismus. Den brauche ich, um nicht verrückt zu werden und ich glaube, auch die Welt braucht ihn, meinen Optimismus.

Islamische Zeitung: Inwiefern beeinflusst Ihr Publikum Ihre Texte beziehungsweise ihre Schreibprozesse? 

Shirin Najdi: Bei Gedichten mache ich mir wenig Gedanken über das Publikum. Da berücksichtige ich es wenig. Außer in letzter Zeit, seit ich bewusster schreibe. Ich bemühe mich schon, verständlich zu schreiben und frage mich, ob es das ausdrückt, was ich ausdrücken will. Besonders wichtig ist mir das, wenn ich Bittgebetsausschnitte poetisch wiedergebe, damit ich auch wirklich den Kern mitgebe. Gedichte, die nur mich ausdrücken und spontan sind, da ist das eher nicht der Fall. 

Bei nicht-lyrischen Texten trifft es eher zu. Da denke ich das Publikum mit und ändere dann auch oft noch etwas, nach ein paar Wochen. Ich habe mit meinem Blog angefangen, ohne irgendwelche Ansprüche an Reichweite. Ich wollte mich selbst motivieren, mehr zu schreiben, um meine Gedanken zu sortieren und aufzuschreiben. Ich war schreibfaul geworden und habe oft bereut, dass ich Gedanken nicht aufgeschrieben hatte. Ich denke, jeder hat schöne Geschichten und Gedanken, die es wert sind, aufgeschrieben und geteilt zu werden. 

Inzwischen ist in mir die Hoffnung gewachsen, dass ich mit meinem Blog nicht nur mir selbst etwas Gutes tue, sondern auch anderen etwas geben kann. Und das zeigt sich auch an dem Feedback, das ich ab und zu erhalte. Auch wenn ich eigentlich in erster Linie für mich schreibe, ist es schön, positives Feedback zu erhalten von Freunden. Es freut mich, wenn mir jemand sagt, ich spreche ihm aus der Seele, habe ihn auf neue Gedanken gebracht oder eine neue Perspektive eröffnet. Dieses Feedback hat mich auf ein Motto gestoßen, das mir als Optimistin sehr wichtig ist: Auch wenn man es nicht merkt, jede Trivialität, jeder kleine Text, kann so viel bewirken und so eine große Wirkung haben. Mit den meisten Menschen, auf die wir wirken, haben wir nichts zu tun oder wir sind auch gerade viel zu sehr mit etwas anderem beschäftigt, um zu bemerken, welche Wirkung wir haben. Wir wissen oft gar nicht, wie weit unser Handeln reicht. Und ich glaube fest daran, dass wir mit unserem Handeln, unseren Gedanken und Texten sehr viel erreichen können. 

Und ich bekomme gar nicht nur Feedback von Muslimen. Das hat mich zunächst gewundert, weil ich in meinen Texten sehr offen mit meiner muslimischen Identität umgehe. Mein Blog ist natürlich offen für alle, aber ich denke schon, dass ich vor allem Muslime als Zielgruppe im Kopf habe. Es hat mich also umso mehr gefreut, als eine Physik-Kommilitonin mich mal ansprach, mit der ich gar nicht so viel zu tun hatte. Sie sagte, sie sei ein riesiger Fan meines Blogs und fragte, wann ich mal wieder etwas schreiben wolle. Da war ich erstmal baff. Ein anderes Mal sprach mich ein Philosphie-Professor an, dem ich am Tag meines Staatexamens traf. Es sei ihm ein Blogeintrag zugespielt worden, der ihn sehr beeindruckt habe. Ich habe wirklich keine Ahnung, wer ihn darauf hätte aufmerksam machen können, aber Danke an diese Person, die das weitergeleitet hat. Daran habe ich gesehen, wie weit so ein kleiner Blog reichen kann. Dass er bereichern und inspirieren kann. Es ist eine schöne Sache, mit der ich nicht nur mich ausdrücke, sondern auch Menschen erreiche und mitreiße. 

Islamische Zeitung: Was macht Sie zur Dichterin? Was unterscheidet Sie in Ihrem Charakter, in Ihrer Persönlichkeit von Menschen, die nicht dichten?

Shirin Najdi: Ich würde mich gar nicht als Dichterin bezeichnen. Dafür dichte ich zu selten. Es hängt zu sehr von meinem Gemütszustand ab und davon, ob ich Zeit habe, oder nicht. Ich bin vielleicht eine Gelegenheitsdichterin. In den letzten Jahren hat es sich gemehrt, ich schreibe auch nicht nur Gedichte, regelmäßig auch Tagebucheinträge, denen ich am Ende noch ein Gedicht hinzufüge oder sie künstlerisch gestalte. Vieles davon teile ich auch nicht, behalte es für mich.

Ich würde sagen, es gibt nichts was mich von anderen unterscheidet. Das Verlangen, sich auszudrücken, hat jeder und jeder hat eben seine Art das zu tun. Jeder lässt das Innere auf eine andere Art heraus. Einige reden, schreiben es auf, verlieren sich im Tun, Sport, Kunst. Aber das Rauslassen, das hat jeder. Bei mir hat es sich herausgestellt, dass das Schreiben eine hilfreiche Art ist, meine Gedanken zu sortieren, vor allem mit Gedichten tue ich das. Ich denke, es kommt darauf an, wie jemand sozialisiert ist, oder auch wie er vom Charakter ist, eher vernunftorientiert, ein Macher, ein Kreativer, ein Bewegungstyp, oder eher geistig. Menschen sind in der Art besonders, wie sie sich ausdrücken. Die Dichtung ist da nichts Besonderes. Das haben viele schon vorher getan und viele auch schon viel besser als ich. Ich denke nicht, dass etwas Besonderes an mir ist, aber ich bin ein Mensch, der Erlebtes verarbeitet, indem er es aufschreibt und in einen Rhythmus bringt. In kurze und prägnante Verse. 

Mir fällt das Schreiben leicht und es tut mir gut. Es ist das Mittel meiner Wahl. Im Schreiben, in der Wortwahl, im Rhythmus sehe ich viele Möglichkeiten, mich auszudrücken, auch wenn ich gerne manchmal andere Mittel nutze wie Sport, andere Kunstformen wie Malen. Schreiben ist das Mittel meiner Wahl. Wenn es hart auf hart kommt, würde ich immer das Schreiben nehmen. 

Islamische Zeitung: Innerhalb meines Projektes bereite ich Lyrik für den Unterricht auf. Was sollen Kinder und Jugendliche mitnehmen, wenn Sie Ihren Texten (im Unterricht) begegnen? 

Shirin Najdi: Ich schreibe unter anderem spirituelle Dichtung. Und ich denke, unsere Zeit ist geprägt von Oberflächlichkeit und Rationalität. Ich möchte Jugendlichen mitgeben, dass der Islam und allgemein der Glaube tiefgründig und vielschichtig ist, eine Manifestation des göttlichen Wohlwollens. Wir sehen oft nur die oberflächlichen Schichten von den möglichen Erfahrungen mit Gott. Ich sehne mich danach, dass wir gemeinsam die tieferen Schichten entdecken, dem Kern näherkommen und dadurch erkennend werden. Ich möchte dazu auffordern und ermutigen, dass auch andere sich danach sehnen, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen, die tieferen Schichten zu erkunden, diese andere Welt, diese Dimensionen. Dass wir das Geistige mehr in den Vordergrund rücken und die Emotionen, die damit verbunden sind. Und das ist – so glaube ich – in unserer Zeit immer schwieriger. Sehr oft liegt der Fokus mehr auf Fiqh. Aber das ist eben nur eine Dimension, es ist nicht alles. Es gibt so viel mehr Tiefe, die man erreichen kann. Und das können abstrakte Künste ausdrücken, viel besser als klare Regeln, beziehungsweise es braucht eine Sprache, die dafür geeignet ist. Das Sichtbare hat seine Sprache und das Innere braucht seine Sprache. 

Andererseits fände ich auch wichtig, dass Jugendliche sich im religiösen Kontext mehr mit künstlerischen Formen auseinandersetzen. Künste können diese Dimensionen nämlich ausdrücken, sie können es zumindest im Ansatz. Doch die Künste sind immer mehr verschwunden. Ich möchte Jugendliche auch aktivieren, selbst künstlerisch zu sein, zu schreiben, sich mit mystischer Dichtung auseinander zu setzen. Die islamische Kunst ist so reich und vergessen. Das möchte ich mitgeben. Nutzt die Kunst als Mittel, um eure Erfahrung mit Gott auszudrücken. 

Islamische Zeitung: Welche Visionen und Wünsche haben Sie für Ihren Entwicklungsprozess im Schreiben? 

Shirin Najdi: Ich wünsche mir, mehr und regelmäßiger zu schreiben. Vor allem in Bezug auf längere Texte entwickle ich manchmal Hemmungen. Ich möchte also mehr schreiben, auch wenn gerade nicht der perfekte Moment da ist. Mehr schreiben, mehr dichten. 

Das Dichten möchte ich verfeinern, mich im Handwerk vervollkommnen, mich am bewussten Schreiben versuchen, Reimschemata, Metren. Aktuell tue ich das nur, wenn es mir gerade passt und dann merke ich, dass mir da auf jeden Fall die Übung fehlt. Ich möchte meinen Wortschatz erweitern. Oft bin ich mit der Wortwahl nicht zufrieden oder finde kein Wort, das sich reimt und auch von der Bedeutung her passt. Auf diesem Weg wünsche ich mir mehr Austausch mit zeitgenössischen Dichtern. 

Mit meinem Blog möchte ich versuchen, meiner ursprünglich gefassten Absicht treu zu bleiben und mehr Menschen zu erreichen, um sie zu ermutigen, sich auf Texte und Gefühle einzulassen, sich zu identifizieren und Spiritualität zu schöpfen aus freien Übersetzungen eines Bittgebets oder einer Qasidah. Das wünsche ich mir. 

Zur Interviewerin: Layla Kamil Abdulsalam wurde 1988 in Khartoum (Sudan) geboren. Sie ist ausgebildete Gymnasiallehrerin und arbeitet derzeit an einer Gesamtschule. Außerdem ist sie in der LehrerInnenfortbildung mit dem Schwerpunkt „sprachsensibler Fachunterricht“ tätig. Neben Bilderbüchern für muslimische Familien schreibt Kamil Abdulsalam selbst Gedichte und lädt zum #mitdichten ein. Diese Texte sind teils auf auf Instagram unter @lakamilakami zu finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.