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Spalter! Spalter? Kommentar auf eine zerstrittene Gesellschaft

Ausgabe 318

Foto: andyller, Adobe Stock

„Seid ihr von der Judäischen Volksfront?“ – „Judäische Volksfront. Quatsch! Wir sind die Volksfront von Judäa! Judäische Volksfront…“ (Das Leben des Brian)

(iz). Nachdem 2007 eine hartnäckige Weltfinanzkrise wegen „Blasen“, Spekulation und unkontrollierten Geldmengen ausbrach, begann eine der ersten Krisen des 21. Jahrhunderts. Im Verlauf lernten wir den bisher seltenen „Stresstest“ kennen. Hier bedeutete es, dass die zuvor irrational agierenden Finanzinstitutionen auf ihr Funktionieren unter Belastungsbedingungen geprüft wurden. Als Folge entstanden unter anderem „Bad Banks“ für die vielen „faulen Kredite“.

Wenden wir dieses Prüfverfahren auf unsere, seit März 2020 von Pandemie und ihrer Nebenwirkungen gestresste Gesellschaft an, finden sich Risse in ihrem Zusammenhalt. 

In der öffentlichen Debatte macht das böse Wort von der „Spaltung“ längst die Runde. Je nach Standpunkt des Betrachters geht sie entweder von einer Minderheit aus, die sich trotz einer vierten Welle nicht impfen lässt und den Mehrheitskonsens zum Virus ablehnt, oder es sei die Mehrheit selbst, welche uns spalten würde.

Machen wir uns nichts vor. Wir Muslime kennen den Begriff, der gerne als Vorwurf gebraucht wird. Das Etikett des „Spalters“ wird häufig in unterirdischen Debatten dem angeklebt, der öffentlich kritisiert. Oder man nimmt ihnen übel, einen – häufig eingebildeten – Konsens aufgekündigt zu haben. Manchmal stimmt diese Zuschreibung. Viel häufiger aber setzen sich die Urteilenden so sehr mit der Mehrheitsposition oder diesem Konsens gleich, dass sie Widerspruch als Bruch einer reinen Lehre und ihrer Identität begreifen.

Sprechen wir im gesamtgesellschaftlichen Kontext von „Spaltung!“, dann müssen wir als Bürger erkennen, dass hier eine hochkomplexe Gesellschaft herrscht. Sie ist schon lange kein Monolith mehr, sondern ist ein buntes Sammelsurium diversester „Parallelgesellschaften“.

Insofern braucht es eine Krise, um das hervorzubringen, was längst schon Realität ist, aber das Funktionieren für die Öffentlichkeit bislang nicht sonderlich störte. Deutschland steht vor einer Doppelaufgabe: Zu verhindern, dass Zentrifugalkräfte zu groß werden, und gleichzeitig Minderheitenrechte bewahren.