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Muslimische Erziehung braucht Barmherzigkeit

Erziehung Familie

Thema Erziehung: Aminah Salaho ist Erziehungsberaterin und Trainerin für muslimische Familien. Aus Erfahrung weiß sie, wie wichtig Barmherzigkeit und Kommunikation sind.

(iz). Aminah Salaho ist 41 Jahre alt, Mutter von drei Kindern. Sie stammt aus Hamburg, ist hier geboren und aufgewachsen. Sie ist ehemalige Lehrerin und Erziehungsberaterin, die mit ihrem Projekt Rahma Family insbesondere muslimische Familien im deutschsprachigen Raum in Fragen von Resilienz, Erziehung und Konfliktumgang begleitet.

Sie hat ihren Lehrerjob vor kurzem an den Nagel gehängt, um sich mit ihrem Projekt Rahma Family voll und ganz der Begleitung muslimischer Familien im deutschsprachigen Raum zu widmen und sie in Fragen von Resilienz, Erziehung und Konfliktumgang zu begleiten.

Mit ihr führten wir ein längeres Hintergrundgespräch (in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal) über ihre Motive, die Lage in muslimischen Familien, den Umgang mit Spannungen sowie die Bedeutung von Barmherzigkeit.

„Viel Arbeit vor uns in Sachen Konfliktfähigkeit“

Islamische Zeitung: Liebe Aminah Salaho, könnten sie ihre Arbeit kurz vorstellen?

Aminah Salaho: Ich war bis vor kurzem Lehrerin und habe mich währenddessen im Bereich Resilienztraining selbständig gemacht – mit Fokus auf muslimischen Kindern.

Dabei ist mir aufgefallen, dass wir bspw. in punkto Konfliktfähigkeit viel Arbeit vor uns haben. Es fängt mit Eltern an. Wenn ich mit den Kindern Konflikttrainings mache – wobei das prophetische Vorbild mit in die Arbeit eingewoben ist –, fällt auf, dass sie nach der Rückkehr in ihr Umfeld wieder in alte Verhaltensweisen zurückfallen.

So habe ich mich dann für eine nachhaltigere Zielgruppe für diesen Präventionsansatz entschieden – wenn es um Konflikte und Erziehung geht: Wir müssen in die Elternhäuser gehen und die Erziehungsverantwortlichen, die Eltern, erreichen.

So ergab sich, dass ich vor vier Jahren in die Erziehungsberatung für muslimische Familien gegangen bin. Mit dieser Zielsetzung habe ich eine Lernplattform (Rahma Family Club) für muslimische Eltern auf die Beine gestellt.

Insbesondere begleite ich Mütter – im Ausnahmefall Paare – in Erziehungsfragen, biete Kurse zur islamischen Erziehung und zur Resilienzförderung für Mütter an.

„Kinder brauchen keine Robotereltern, die immer alles richtig machen“

Islamische Zeitung: Auf Ihrer Seite beschreiben Sie Ihre Angebote. Ich bin auf einen Satz gestoßen, wonach Sie diesen Familien helfen wollen, eigene Stärken zu entdecken und zu kultivieren. Was ist das Besondere dabei? Und wo sehen Sie bei dieser Gruppe Nachholbedarf?

Aminah Salaho: Familien sind der erste Ort, an dem Bindung und Prägung stattfinden. Was Kinder hier erleben, wird zur inneren Landkarte eines Menschen. Je früher Erfahrungen gemacht werden, desto tiefgreifender sind sie. Daraus folgt, dass ich im Bereich der Prävention arbeite.

In der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe (IASE e. V.) bin ich mit muslimischen TherapeutInnen und PadägogInnen verbunden. Wir sagen gerne, dass man daheim in Familien ansetzen sollte, damit die Leute gar nicht erst auf der Couch landen. So vermeidet man eine instabile, destruktive Entwicklung.

Hier müssen wir familiär, im Alltag, bei den Erziehungsmethoden und der elterlichen Haltung anfangen. Da geht es um Konflikt- und Fehlerkultur daheim. Beim Thema innerer Stärke habe ich die Erfahrung in meiner Arbeit gemacht, dass Eltern einfach häufig verunsichert sind, da sie aus unterschiedlichen Systemen kommen.

Wir haben gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen, die dominant sein können. Und eine innere Annahme, eine Art Intuition. Ich beobachte gerne und wiederholt, wie Mütter eine gesunde Gabe haben.

Sie bekommen dann bspw. oft von außen gesagt, das Kind dürfe ihnen nicht auf der Nase herumtanzen: „Sollte es nicht hören, muss es spüren“. Diese Glaubenssätze, die wir alle seit Jahrzehnten kennen und Eltern stark verunsichern.

Hinzukommen kulturelle Vorstellungen und eigene Kindheitserfahrungen, die auch heutige Eltern massiv prägen. Dabei entstehen Unsicherheit und ein gewisser Automatismus. Wenn mein Kind z. B. widerspricht, wird das ein großer Triggerpunkt, den ich mir als Elternteil keinesfalls gefallen lassen darf.

Sollte dann noch die Schwiegermutter sagen, das hätte sich ihr Kind damals nicht erlaubt, geraten wir schnell unter Druck. In solchen Situationen entsteht am Ende Gewalt in unterschiedlicher Form.

Das heißt, ich blicke auf die Anfänge, die Prägungen und versuche, Elternteile zu befähigen, ihnen Sicherheit zu geben sowie sie dabei zu begleiten, Verständnis für sich selbst aufbringen zu können. Hier hilft es den Eltern oft, dass ich selbst den gleichen Prozess mit allen möglichen Höhen und Tiefen durchlaufen bin.

All dies macht den Veränderungsprozess innerhalb der Beratung für viele leichter. Wenn sie sich reflektieren, merken sie, dass sie unter Druck stehen. Der nächste Schritt ist, dass sie herausfinden, was sie selbst und ihr Kind eigentlich brauchen. Es geht darum, sowohl bei sich selbst als auch beim Kind unter die Oberfläche (das Verhalten) ins Innere (Gefühlswelt, Bedürfnisse) zu schauen.

Dies erfordert eine wichtige Fähigkeit: die Selbstreflexion, sein eigenes Verhalten und seine Ursachen retrospektiv zu untersuchen. Dies fördert dann auch die Fähigkeit der Selbstregulation: in kritischen Momenten innezuhalten, nicht aus dem emotionalen Impuls heraus zu handeln. Wer dies schafft zu durchbrechen, wird mit seinem Kind anders umgehen.

Im Zentrum steht dann die Frage: Was kann ich anders machen? Und vor allem: Wie kann ich mich so von Einflüssen isolieren, die auf uns Eltern in unseren Kreisen lasten? Wir kennen die typische Supermarktsituation, bei der sich ein Kind schreiend auf den Boden wirft, weil es ein Schokoladenriegel will. Das ist für alle Elternteile sehr unangenehm. Sofort spürt man, wie alle Blicke auf einen gerichtet sind.

Mein Ziel lautet: Innere Sicherheit durch interne Stärke. Für solche Lagen rate ich Eltern, sie sollen sich vorstellen, sie wären gemeinsam mit ihrem Kind in einer Seifenblase, dabei das Drumherum ausblenden.

Wichtig sind hier nur du und dein Kind sowie eure Bedürfnisse. Einfach ist es nicht, auf der einen Seite konsequent zu bleiben und auf der anderen Seite den kindlichen Frust auszuhalten.

Aber genau darin liegt eine Fehlentwicklung: Anstatt Kinder in ihren Gefühlen zu begleiten, erleben Kinder Ablehnung und Gewalt in unterschiedlichen Ausprägungen, wenn sie aus der Reihe tanzen. Davon müssen wir weg. Und mein Lieblingsargument dagegen ist das prophetische Vorbild.

Unser Prophet begegnete Kindern – auch im Falle von Fehlverhalten – stets mit Geduld, reguliert und auf Augenhöhe. Hierzu gibt es zahlreiche Überlieferungen. Deshalb ist es mein Anliegen, dass wir Eltern zuerst an unserer Haltung arbeiten, um zu Hause Bedingungen zu schaffen, in denen es für die Kinder machbar ist, eine innere Sicherheit aufbauen zu können. Langfristig müssen wir über eine gesunde Psyche sprechen.

Foto: Ashwini Chaudhry, Unsplash

„Väter sind für die Entwicklung des Kindes elementar wichtig“

Islamische Zeitung: Viele Beiträge der letzten Jahre fokussieren sich auf Mütter. Braucht es nicht für gesunde Familien auch ein Augenmerk auf die Väter?

Aminah Salaho: Anfänglich habe ich versucht, auch Männer und Väter zu erreichen – und dabei eine männliche Unterstützung gehabt. Momentan besteht bei mir konkret eine Grenze, da ich allein mit einer Honorarkraft arbeite.

Generell stimme ich zu. Väter sind für die Entwicklung des Kindes elementar wichtig – Söhne wie Töchter. Es ist so, dass insbesondere Jungen sich mit ihnen identifizieren und diese Anerkennung brauchen – genauso wie Töchter auch. Diese Identifikation findet bei männlichen Kindern über ihn statt.

Übrigens gibt es auch sehr aufschlussreiche Studien darüber, dass sich z. B. Abwesenheit von Vätern auf die langfristige Entwicklung negativ auswirkt.

Obwohl derzeit ein Hype um die Aufteilung der Lasten von 50:50 besteht, bin ich hierbei kritisch. Eine abstrakte Zahl hilft im Familienalltag nicht. Im Gegenteil. Sind Frauen zu fordernd, sorgt das eher für Konflikte. Man muss die konkrete Familie und ihre Bedingungen betrachten.

Das sind Fragen wie: Wer arbeitet Vollzeit? Wo ist es praktikabel, dass der Vater oder die Mutter die Kinder bringt bzw. abholt oder Essen zubereitet? Gleichzeitig will ich an dieser Stelle auch nicht unerwähnt lassen, dass es sich einige Väter in der Frage der Aufteilung tendenziell zu leicht machen, indem sie die Erziehungs-verantwortung vollständig der Mutter überlassen. Das ist aus vielerlei Hinsicht problematisch.

Wichtig ist, im Spezifischen auf die familiäre Situation zu schauen, diese Themen zu besprechen und dafür zu sorgen, dass niemand unter zu viel Belastung kollabiert. Da sind wir wiederum beim Punkt der ehelichen Kommunikation, die sich stark auf die Kinder auswirkt.

Wie wir mit Konflikten, Meinungsverschiedenheiten und Fehlern umgehen, färbt stark darauf ab, wie sie – als Geschwister, Freunde oder in der späteren Ehe – agieren.

Hier versuche ich, den Eltern schrittweise zu zeigen, was auf ein Kind, dass in einer Familie groß wird, alles wirkt. Und wie erheblich ihr Einfluss – und ihre Macht – hier ist.

Oft wird das gerne als Machtausübung genossen, aber viel seltener als Verantwortung. Häufig fehlt es Elternteilen an Selbstreflexion, sodass sie nicht merken, wenn sie in einer Stresssituation überreagieren. Es fällt schwer, sich einzugestehen, dass die Art und Weise, wie man eben bspw. mit dem Kind gesprochen hat, unangebracht war.

Ein gewisses Maß an Reibungen und Konflikten sind unumgänglich. Eltern sind nie Roboter, sondern Menschen. Wir sind fehlerbehaftet und keiner perfekt. Das wissen wir als Muslime auch.

Kinder brauchen keine Robotereltern, die immer alles richtig machen. Das würde ihre Widerstandsfähigkeit – die Resilienz, von der wir sprechen – nicht entstehen lassen. Sie wächst erst durch Reibereien.

Es ist ein Hauptaugenmerk meiner Arbeit, sich und das elterliche Verhalten zu reflektieren. Wenn das Kind falsch handelt, ist es unsere Verantwortung, ihm zu zeigen, dass das unangemessen war.

Nur muss ich für eine Verhaltenskorrektur nicht brüllen, geschweige denn schlagen, diskriminieren, beleidigen oder mit den Worten „Du bist nicht mehr mein Sohn/meine Tochter!“ aufs Zimmer verbannen. Da gibt es weitaus nachhaltigere Methoden.

Was zu sehr in den Hintergrund gerät, ist die Beziehung beider Seiten. Es wird stark auf das Verhalten dieses Kindes geguckt, was korrigiert werden soll. Eltern laufen mit einem „Scanner“ durch den Alltag und reagieren alarmiert, sollte es sich danebenbenehmen. Ich bemühe mich, sie dafür zu sensibilisieren, dass eine Bindung nicht nur aus negativer Aufmerksamkeit bestehen kann.

Man stelle sich als Erwachsener vor, der Chef, für den man seit Jahren arbeitet, würde einen jeden Tag nur kritisieren. Das fühlt sich für uns schlimm an. Und ein Kind hat ja nochmal eine ganz andere Bindung zum Elternteil. Als reifer, erwachsener Mensch kann man sich i.d.R. innerlich distanzieren.

Aber ein Kind ist abhängig von der elterlichen Meinung, der Laune, dem Wohlwollen und ihrer Liebe. Wie sollte es bei rein negativer elterlicher Aufmerksamkeit die Erfahrung machen, dass es gut ist? Elternschaft beginnt immer bei Eltern, nicht erst mit den Kindern.

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Foto: Seventyfour, Adobe Stock

„Eine starke Zunahme in den vergangenen Jahren“

Islamische Zeitung: Auf Ihrer Website sprechen Sie von vermehrten psychischen Krankheiten. Um welche handelt es sich und was sind Folgen für Familien?

Aminah Salaho: Deutschlandweit haben immer mehr Kinder und Jugendliche nachweislich psychische Störungen. Angststörungen sind hier führend. Da gibt es eine starke Zunahme in den vergangenen Jahren. Direkt auf dem 2. Platz folgen Depressionen.

Was wir ebenfalls beobachten, und Lehrer bestätigen, sind Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Bereich.

Das heißt, wir erfahren in den letzten Jahren, dass die emotionale Sphäre bei Kindern immer schlechter entwickelt ist. Das sind vor allem jene, die sich nicht altersangemessen regulieren können. Sie können Konflikte nicht gut austragen und fahren schnell aus der Haut.

Als von Angststörungen Betroffene hat mir geholfen, zu erfahren, wie Angststörungen bei mir persönlich entstanden sind. Im Idealfall reflektiert man sich und fragt, wieso mich dieses oder jenes momentan so intensiv beschäftigt. Warum sieht man schnell die Gefahren und das mit einer Lupe?

Die Arbeit hat viel mit mir und meiner eigenen Geschichte zu tun. In meiner Masterarbeit habe ich mich erstmals mit Traumata beschäftigt. Und bin dabei auf das Thema posttraumatische Belastungsstörung gestoßen. Ich habe in zwei literarischen Werken Menschen verglichen, die mit Erinnerungskultur und Kriegstraumata im Zuge der Kolonialgeschichte zu tun hatten.

Und stellte beim Lesen fest: Das kommt dir alles bekannt vor. Dann habe ich das innerhalb der Familie besprochen und das war der Startschuss. An die Oberfläche wurde das Thema katapultiert, nachdem mein erstes Kind eine chronische Krankheit entwickelt hat. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen.

Ich habe mich gefragt, als Muslimin, warum kann ich das nicht akzeptieren, obwohl es von Allah geschrieben ist? Nach dieser Erfahrung habe ich eine Therapie gemacht und konnte dabei die Ursprünge erkennen. Und so mehr Verständnis für mich aufbringen.

Um den Bogen zur Frage zu schlagen – meine eigenen Erlebnisse haben dazu beigetragen, dass ich muslimische Eltern begleiten möchte. Ich habe mich u. a. mit der prophetischen Biografie beschäftigt. Und damit, wie er mit Kindern umging – auch mit ihren Fehlern.

Und dabei festgestellt, dass ich es in meiner Kindheit anders erlebt habe, wie so viele in unserer Generation. In seinem Umgang mit ihnen wird ersichtlich, dass das Kind – selbst im Moment des falschen Handelns – an sich gut ist.

Die Überlieferungen, auf die ich im Rahmen meiner Suche gestoßen bin, haben mich sehr inspiriert, aber auf der anderen Seite wütend gemacht: Weil die Diskrepanz zwischen diesem Vorbild und dem, was in unseren Reihen noch an Erziehungsmethoden praktiziert wird, so groß ist.

Dazu gehören Aussagen wie: „Ja, wenn mein Kind widerspricht, kriegt es eine Klatsche. Der muss Respekt lernen.“ Solche Ansichten sind immer noch stark verwurzelt. Auch deshalb tue ich, was ich tue.

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Foto: Tinnakorn, Shutterstock

„Es gibt gravierende Unterschiede in spezifischer Hinsicht, was Erziehungsmethoden und Haltungen angeht“

Islamische Zeitung: Um hier anzuknüpfen – es gibt nicht eine Form der muslimischen Familie. Das ganze Spektrum reicht von konvertierten Elternteilen, über die Nachkommen der „Gastarbeiter“ in der 4. Generation bis zu jenen, die erst seit wenigen Jahren hier sind. Wie relevant ist das Thema Gewalt?

Aminah Salaho: Ich kann keine Statistik zitieren, wie es hierbei in muslimischen Familien aussieht. Sondern nur wiedergeben, was ich an Berichten bekomme und in meinem Umfeld beobachte.

Ich möchte positiv starten. Es ist mir wichtig, die Menschen zu motivieren, die das lesen. Es gibt eine gute Entwicklung und Tendenz. Das Bewusstsein für die weitreichenden negativen Auswirkungen von Gewalt steigt.

Die Resultate laufen neben uns, sind nicht beziehungsfähig, oft cholerisch-aggressiv, geschweige denn konfliktfähig oder völlig angepasst und emotional abhängig bis hin zur gänzlichen Selbst-Entfremdung. Und wir sprechen hier nicht nur von physischer Gewalt. Das ist eine Gewaltform, die nicht zu trennen ist von psychischer.

Ein Kind, das durch sein Heranwachsen hinweg geprügelt wird, ist nicht nur körperlich kaputt, sondern auch seelisch. Es herrscht aber auf jeden Fall mehr Bewusstsein dafür, was schädlich ist und was nicht. Wir haben insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viele Geschwister dazubekommen, die sich im Bereich der (Entwicklungs-)Psychologie, der Erziehungswissenschaft etc. engagieren. Sie bilden sich fort und betreiben Aufklärung. Das ist positiv.

Die Horrorgeschichten, die ich in meiner Kindheit in meinem Umfeld mitbekommen habe, werden meinem subjektiven Eindruck nach weniger. Das könnte auch daran liegen, dass ich im Umfeld besonders mit hier geborenen MuslimInnen in Kontakt stehe. Was am Ende hinter verschlossenen Türen stattfindet, kann niemand sagen.

Bei jenen, die nicht so lange in Deutschland sind, spielen kulturellen Einflüsse eine Rolle. Und ja: Es gibt gravierende Unterschiede in spezifischer Hinsicht, was Erziehungsmethoden und Haltungen angeht. Es ist mir wichtig, dass wir die islamischen Werte mit in die Arbeit einfließen lassen und sie als Ressource annehmen. Unser Prophet hat in keiner Weise Gewalt in der Familie angewandt – nicht einmal in Form von Drohungen.

Im Alltag werden Eltern stark durch kindliches Fehlverhalten getriggert. Das ist teils normal. Entscheidend ist, dass wir so damit umgehen, dass sie nicht gebrochen oder zerstört werden.

Es gibt zwei Hadithe vom Propheten, wie er in solch einem Fall gehandelt hat. Er hat das Kind weder verurteilt, nicht einmal böse angeschaut. Er ist auf sie zugegangen und war offen für sie.

Diese Perspektive ist entwicklungspsychologisch kraftvoll. Wenn wir unser Kind gestresst angucken, empfängt bereits viel. Es hat ausgeprägte Fühler und weiß genau, Mama geht es gerade nicht gut. Wir wissen vom Propheten (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden), dass er ihnen gegenüber z. B. immer ein freundliches Gesicht hatte.

Das heißt, er war ein wirklich regulierter Mensch, der in sich sein Verhalten gut kontrollieren konnte.

Wie hat unser Prophet denn kindliches Fehlverhalten korrigiert? Er hat erstmal eine Verbindung hergestellt – auf unterschiedlichen Ebenen, körperlich, durch Gestik, Mimik und Worte, die er gewählt hat. Dann hat er eine Ansage gemacht und abschließend manchmal ein Du’a gesprochen bzw. über den Kopf gestreichelt.

Es wird seinen Grund gehabt haben, dass er weder ein Kind auf die Hand gehauen hat, weil es etwas genommen hat, oder keine beleidigenden Worte aussprach. Er hat es nicht mal ignoriert. Ignorieren ist eine unterschätzte seelische Gewaltform. Wenn wir Liebe und Aufmerksamkeit verweigern, ist das ein gewalttätiger Versuch, es mit allen Mitteln gefügig zu machen.

Foto: Gabe Pierce, Unsplash

„Es beginnt immer bei uns selbst“

Islamische Zeitung: Wie von Ihnen beschrieben, ist Barmherzigkeit nicht nur Kennzeichen des prophetischen Verhaltens gewesen, sondern auch wichtig in der Erziehung. Wie kann man sie hier stärken?

Aminah Salaho: Es beginnt immer bei uns selbst. Jüngeren Menschen, die kleine Kinder haben bzw. frisch verheiratet sind, rate ich, dass sie sich einen Rucksack vorstellen, den sie von ihren Eltern bekommen haben.

Der ist gefüllt mit den Merkmalen der eigenen Erziehungserfahrung. Darin sind Dinge, die einem rückblickend gutgetan oder sie gestärkt haben. Diese gibt man gerne an die eigenen Kinder weiter.

Was möchten wir weitergeben und was nicht? Eine Tabelle mit diesen beiden Seiten schriftlich anfertigen. Damit beginnt es. Jedes Elternteil sollte wissen, wie es im eigenen Rucksack aussieht. Darum sollten wir uns bemühen.

Dann würde ich Eltern, die schon Kinder haben, von Beginn an empfehlen, einen Grundsatz zu Hause zu etablieren: Alle Gefühle sind erlaubt, aber nicht jedes Verhalten. Hier wird es spannend.

Viele in meiner Generation lernten, immer gehorsam zu sein. Ich bspw. kam in die 8. oder 9. Klasse und war nicht in der Lage, eigene Ansichten zu formulieren. Für mich war es normal, dass Meinungen von Eltern vorgegeben wurden

Und ich kam dann in die Schule, wo über verschiedene Themen diskutiert wurde. Ich saß da und dachte: Wieso können die das alle?

Warum sage ich das? Weil wir zu Hause unsere Kinder dahingehend beeinflussen. Dürfen sie eine Meinung haben? Es ist ganz oft so, dass Eltern knallhart Grenzen ziehen und erwarten, dass das mit einem Lächeln angenommen wird.

Völlig unrealistisch. Kinder, die so konditioniert sind, handeln vollkommen angepasst – wie Roboter. Irgendwann, wenn die Pubertät beinahe beendet ist, kompensieren sie das manchmal mit extremen Gegenbeispielen.

Das heißt, ein Kind, das zu Hause stets eingeschüchtert wird, dessen Alltag darin besteht, dass Vater bzw. Mutter schreien oder aggressiv sind, lernt, dass das Zuhause ein alarmierender Ort ist. Das wirkt sich negativ auf das Nervensystem aus. Purer Stress…

Deswegen lernen wir an erster Stelle, Gefühle zuzulassen. Wenn ein Kind wegen der ihm gesetzten Grenze wütend ist, ist das okay. Ich bleibe dabei, aber akzeptiere dieses Gefühl. Und halte aus, sollte es motzen oder die Tür hinter sich zuknallen. Es geht um sämtliche Emotionen – Wut, Angst und Traurigkeit. Diese Dinge sollten wir nicht absprechen und unser Kind in ihnen begleiten.

Barmherzigkeit findet sich besonders stark auch im elterlichen Umgang mit kindlichen Fehlverhalten wieder. Hierzu sage ich den Eltern gern provokativ: Dein Kind steht dem Paradies näher als du. Ein islamisch gesehen wichtiger Fakt, denn vor Eintritt der Reife (Pubertät) werden keine Sünden aufgeschrieben.

Wir hingegen haben diesbezüglich schon ziemlich viel Ballast angesammelt. Warum sage ich das den Eltern? Weil wir mehr Demut in unserer Haltung brauchen. Denn die überhebliche, autoritäre und makellos gespielte Elternrolle ist meinem Verständnis nach nicht vereinbar mit unserem islamischen Verständnis.

Es sollte unsere Aufgabe sein, unsere Kinder in ihrer natürlichen Veranlagung anzunehmen, sie nicht über ihre Fehler zu definieren (und diese noch Wochen, Monate oder Jahre dem Kind nachtragen), es in seinem gesamten Wesen zu sehen, positive Eigenschaften wertzuschätzen und dann erst zu korrigieren.

Das ist der Ansatz, den ich mit der barmherzigen Elternschaft verfolge: Zuerst die Eltern-Kind-Beziehung stärken, bereits dadurch erübrigen sich viele Themen. Und wenn nicht, braucht das Kind durch uns Grenzen, die wir auf barmherzige Weise klar setzen.

Ebenso lege ich Eltern ans Herz, nicht den Fehler zu machen, ihre Kinder vor allen Problemen schützen zu wollen. Wir nehmen ihnen damit die Gelegenheit, Problemlösungskompetenzen zu entwickeln.

Wenn sie ihr Sportzeug vergessen, sollte man es nicht immer mit dem Auto hinterherbringen. Es darf lernen und frustriert sein. Erziehung bedeutet Vorbereitung auf das erwachsene Leben.

Gelegenheiten, in denen sie selbst mit Herausforderungen umgehen müssen, sind wertvoll für die Selbstwirksamkeit. Andernfalls entstehen Dynamiken, die bis ins Erwachsenenalter wirken und die Resilienz langfristig schwächen.

Ich möchte Eltern auch dahingehend motivieren, Religion als spirituelle Ressource zu begreifen. Das passiert zu selten. Glaube spielt oft erst ab dem Punkt eine Rolle, wenn etwas haram ist.

Plötzlich klingen die Alarmglocken und dann kommt die berühmte „Haram-Keule“, wie ich sie gern mit Augenzwinkern nenne. Stattdessen müssen wir frühzeitig mit dem Sinn des Glaubens begleiten.

Er sollte nicht erst eine Rolle spielen, wenn das Kind etwas tun möchte, was aus deiner Sicht nicht mit dem Islam konform ist. Selbst aus psychologischer Perspektive kann Religion eine Ressource sein. Und ein kraftgebendes Element.

Islamische Zeitung: Liebe Aminah Salaho, wir bedanken uns für das Gespräch.

Kontakt: www.rahmafamily.de/rfc-landingpage, instagram.com/aminah.salaho/

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Warum Erziehung authentisch sein muss

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Ein Essay von Y.K. Gürsoy über eine notwendige Bedingung für eine gelungene Erziehung von Kindern.

(iz). In vielen Familien spielt sich eine alltägliche Szene ab: Der Vater sitzt erschöpft im Wohnzimmer, das Smartphone in der Hand, während im Hintergrund der Fernseher läuft. Plötzlich ruft er seiner Tochter zu, sie möge doch bitte die Hausaufgaben erledigen, das Handy weglegen und ein Buch zur Hand nehmen.

Ein zwölfjähriges Kind könnte in diesem Moment irritiert reagieren und sich fragen, warum der Vater entspannen darf, während es selbst lesen soll. Ist der Widerspruch in dieser Aufforderung nicht offensichtlich?

Was bedeuten Eltern am Handy für Erziehung?

Lassen Sie uns diese Szene kurz anhalten und mithilfe des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun genauer betrachten: Der Vater sendet mit seiner Aufforderung vier verschiedene Botschaften. Erstens drückt er sein Anliegen aus: „Du sollst deine Hausaufgaben machen oder lesen.“ Zweitens offenbart er etwas über seinen eigenen Zustand: „Ich bin erschöpft, mache mir aber Sorgen um deine Zukunft.“ Drittens zeigt er seine Gefühle: „Ich liebe dich, kann mich momentan jedoch nicht um dich kümmern.“ Viertens verdeutlicht er seine Erwartungen: „Beschäftige dich sinnvoll und erfülle deine Pflichten.“

Nach dieser kurzen Analyse sollten wir die Wirksamkeit der väterlichen Aussage (arab. Islah) hinterfragen und Wege finden, wie Eltern authentischer und glaubwürdiger Erscheinen können. Die Bedeutung von Glaubwürdigkeit und die Wirksamkeit des Appells werden auch im Qur’an, in der Sure Baqara, Vers 44, thematisiert

 Dort wird den Nachfahren Jakobs folgender Rat gegeben: „Wollt ihr den Menschen Aufrichtigkeit (gute Taten) gebieten und euch selbst vergessen, wo ihr doch das Buch lest! Habt ihr denn keinen Verstand?“ Dieser Vers fordert dazu auf, zunächst selbst vorbildlich zu handeln, bevor man andere belehrt.

Das Gleichnis vom Sklaven und dem Gelehrten

Ein Qur’ankommentator ergänzt hierzu eine passende Parabel: Ein Sklave, beeindruckt von der Verehrung seines Herrn für einen weisen Gelehrten, bittet diesen um seine Freilassung. Der Gelehrte stimmt zu. Es vergeht jedoch eine Weile.

So kommt der Sklave noch einmal zu dem Gelehrten und erinnert ihn: „Sie haben es wohl vergessen. Sie wollten doch zu meinem Herrn, ihren Schüler, gehen und um meine Freiheit bitten.“ Wieder willigt er ein. Nach einigen Tagen bittet der Weise seinen Schüler mit einfachen Worten: „Würdest du bitte deinen Sklaven in die Freiheit entlassen, mein lieber Sohn?“ Auf der Stelle gibt sein Schüler dem Sklaven die Freiheit. Wenig später kommt der Sklave zum Weisen und fragt erstaunt: „Mein Herr, warum haben sie so lange gebraucht, um einer Bitte nachzukommen?“

Der Weise antwortet, auch er habe einen Sklaven gehabt. Als Besitzer eines eigenen Sklaven würde er sich als einer von denen sehen, die anderen Aufrichtigkeit (gute Taten) gebieten und sich selbst vergessen. Davor habe er Ehrfurcht gehabt. So habe er sich zunächst auf ein Leben ohne Sklaven eingestellt, seine Geschäfte erledigt und zuerst seinem eigenen Sklaven die Freiheit gegeben und erst dann seinen Schüler darum gebeten.

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Foto: Juliane Liebermann, Unsplash

Wie der Prophet mit Kindern umging

Diese Parabel spiegelt sich in der Erziehungsmethode des Propheten Muhammed, Friede sei mit ihm, wider, die uns aus seinem Umgang mit seinen Kindern, Enkelkindern und anderen Menschen in seiner Umgebung bekannt ist. 

Kehren wir zurück zum erziehenden Vater: Seine Worte werden nur dann wirkungsvoll sein, wenn er seiner Tochter vorlebt, wie man seine Zeit sinnvoll nutzt. Damit sind nicht nur die abendliche Lektüre, das gemeinsame Gebet oder andere vorzügliche Taten gemeint. 

Dazu gehört auch die Gestaltung der Freizeit, das achtsame Fernsehen, das bewusste Surfen im Internet oder auch das Anschauen eines bewegenden Films.

Stellen wir uns nun das überarbeitete Szenario vor: Der Vater legt sein Smartphone beiseite, wendet sich seinem Kind zu und bietet seine Unterstützung bei den Hausaufgaben an.

Indem er aktiv teilnimmt und nicht nur Anweisungen gibt, handelt er glaubwürdig. Allmählich (inscha’Allah) wird das Kind auf diese Weise den väterlichen Appell annehmen und umsetzen.

Der Autor ist Mitglied der Fachgruppe Lehrkräfte des Netzwerk muslimischer Akademiker (nma-hamburg.de).

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Familienberatung im islamischen Kontext. Eine interkulturelle Betrachtung

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Anschlag auf Malcolm X: Nachkommen verklagen US-Behörden

malcom x

Die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Malcom X liegt fast 60 Jahre zurück. Bis heute wirft das Attentat Fragen auf. Nun geht seine Familie mit einer Klage gegen Ermittler und Behörden vor.

New York (dpa). Fast 60 Jahre nach der Ermordung des US-Bürgerrechtlers Malcom X gehen dessen Töchter mit einer Zivilklage gegen die New Yorker Polizei und andere Behörden vor. Die Familie erhebt unter anderem schwere Anschuldigungen gegen die Bundespolizei FBI und den US-Geheimdienst CIA.

Die Behörden hätten damals von Drohungen gegen den Aktivisten und Attentatsplänen gewusst und seine Ermordung zugelassen, heißt es laut US-Medien in der Klageschrift. Ihnen wird auch arglistiges Verschweigen und Unterdrückung von Tatsachen bei den Ermittlungen vorgeworfen.

Sie wollten Gerechtigkeit für die Ermordung ihres Vaters und die wahren Umstände seines Todes herausfinden, sagte Ilyasah Shabazz, eine der Töchter von Malcolm X, auf einer Pressekonferenz mit einem Anwaltsteam. Die Kläger verlangen eine Entschädigung von mehr als 100 Millionen Dollar.

Foto: Marion S. Trikosko/emijrp | Lizenz: Public Domain

Malcolm X: Das Attentat fand 1965 statt

Malcolm X war im Februar 1965 im Alter von 39 Jahren in New York erschossen worden. Das Attentat ereignete sich bei einer Rede des Aktivisten in einem Ballsaal in New York, seine schwangere Frau war mit ihren kleinen Töchtern unter den Zuhörern. Drei Männer wurden festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt, die Umstände der Tat aber nicht eindeutig geklärt.

Malcom X gehörte lange der radikalen Organisation Nation of Islam an, distanzierte sich einige Monate vor seiner Ermordung aber von der Gruppe und gründete eigene Organisationen. Die Attentäter sollen Mitglieder der Nation of Islam gewesen sein. Es gab auch Spekulationen über eine angebliche Beteiligung der Polizei an dem Attentat.

Schuldsprüche wegen Justiz-Irrtums aufgehoben

Nach einer längeren Untersuchung wurden 2021 die Schuldsprüche gegen zwei der Männer aufgehoben, die wegen der Ermordung von Malcom X verurteilt worden waren. Muhammad Aziz und Khalil Islam, die ihre Unschuld beteuert hatten, wurden wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen und fehlender Beweise im ursprünglichen Prozess entlastet.

Islam hatte nach der Verurteilung 20 Jahre im Gefängnis verbracht und starb 2009. Aziz wurde 1985 aus dem Gefängnis entlassen. Die Stadt New York und der gleichnamige Bundesstaat zahlten 2022 nach Aufhebung der Schuldsprüche eine Millionen-Entschädigung. Der dritte Verurteilte, der die Tat nicht abgestritten hatte, wurde 2010 auf Bewährung aus der Haft entlassen.

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Über die Liebe zur Familie des Propheten

prophet sunna

Anlässlich des Muharram: Eine Erinnerung an den Prophetenenkel Husayn und die Weisheit von Imam ‘Ali, dem viertel Kalifen.

(iz). Der Juli war für Muslime auf der ganzen Welt der Eintritt in ihr neues islamisches Jahr von 1446. Im ersten islamischen Monat Muharram begehen Muslime nicht nur das wichtige Fasten am Tag von Aschura sondern gedenken auch des Martyriums von Imam Husayn, möge Allah mit ihm zufrieden sein – dem Enkel des Propheten Muhammad, Allahs Heil und Segen auf ihm.

In einer heiligen Überlieferung, sagte der Gesandte Gottes: „Husayn ist von mir und ich bin von Husayn. Gott liebt jeden, der Husayn liebt. Er ist einer meiner angesehensten Nachkommen.“ Im selben Ton ruft der Qur‘an die Gläubigen dazu auf, ihre Liebe zur Familie des Propheten in Wort und Tat zu bekennen. „Sprich: ‚Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, ausser etwas Zuneigung (wie sie) unter Verwandten (üblich ist).’“ (Asch-Schura, Sure 42, 23)

Muslime hegen eine tiefe Liebe zur Prophetenfamilie und seinen Nachkommen (arab. ahl al-bayt). Im Laufe der islamischen Geschichte waren diese oft als spirituelle Führer, Heilige und Gelehrte bekannt. Die zwölf größten Orden der muslimischen Gemeinde wie unter anderem die Naqschibandiyya oder die Qadiriyya finden ihren Ursprung in der Nachkommenschaft des Propheten.

Der muslimische Gelehrte Bediüzzaman Said Nursi behandelte in seinen Schriften die wichtige Bedeutung der Familie des Propheten (s) – insbesondere im „Vierten Blitz“. Er führt die berühmte Gebetssammlung des „Jawshan al-Kabir“ wieder in die sunnitisch-muslimische Glaubenspraxis ein. Dieses wichtige Gebet wurde vom Urenkel des Propheten, Ali Ibn Husayn, auch bekannt als Zayn al-Abidin, überliefert.

Der Kreis derer, die zu den Ahl Al-bayt gehören wird nach folgender Überlieferung unseres Propheten aber auch größer gehalten: „Jeder Gläubige, der im Besitze einer frommen Ehrfurcht (arab. taqwa) ist, gehört zu den Ahl al-Bayt von Muhammad.“ (Hadith, Jamiu’s-Saghir). So steht der Begriff heute für die Familie des Propheten, aber auch alle anderen Muslime, die seine Lebensweise weiter führen.

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Medina Al-Munawwara: Besucher an der letzten Ruhestätte des Gesandten Allahs. (Foto: Muhammad Afzan, Shutterstock)

Unter den Nachkommen des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sticht Imam Ali – sein Cousin und Schwiegersohn – heraus und ist weiterhin eine Quelle der Inspiration und Orientierung für Muslime auf der ganzen Welt.

Sein berühmtes „Nahj al-Balagha“ ist ein zeitloses Testament, das seine Weisheit über Glauben, Einheit, Respekt und Gerechtigkeit einfängt. Von seinen vielen Aussagen, die wichtige Erkenntnisse für das soziale Leben liefern, hat mich insbesondere diese Ansicht immer bei meinem eigenen Streben nach einem besseren Verständnis zwischen Gemeinschaften geleitet: „Die Menschen sind zweierlei: entweder sind sie deine Geschwister im Glauben oder Ebenbürtige in deiner Menschlichkeit.“

Imam Alis Ausspruch unterstreicht die fundamentale gottgegebene Würde und Ehre des Menschen. Ungeachtet der vielen wichtigen Unterschiede zwischen den Menschen kann man immer die Einheit und die gemeinsame Bindung innerhalb der Menschheitsfamilie bekräftigen.

Imam Ali ermutigt seine Mitmenschen, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die uns verbinden, statt auf die, die uns trennen. Der geschwisterliche Glaube öffnet die Tür zu unzähligen Verbindungen und sichert gleichzeitig Rechte für diejenigen, die keiner Religion angehören. Sein klarer Ton über grundlegende Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gegenüber allen spiegelt sich in seinen Worten wider.

Foto: Kelly Sikkema, Unsplash

Jeder Mensch ist einzigartig und besonders. Dennoch sind wir alle gleich erschaffen. So oft weist der Qur‘an auf die Erschaffung des Menschen hin und erinnert uns daran, dass unser letztendlicher Ursprung derselbe ist:

„Wahrlich, Wir haben den Menschen (ursprünglich) aus einem Auszug aus Ton erschaffen. Dann machten Wir ihn zu einem (Samen)tropfen in einer sicheren Stätte. Daraufhin machten wir den (Samen)tropfen zu einem Embryo [Alaqah], diesen zu einem Fötus [Mudhgah] und ließen diesen zu Knochen werden, die Wir mit Fleisch bekleideten. Dann brachten Wir ihn als eine neue Schöpfung hervor. Gesegnet ist Allah, der vortreffliche Schöpfer.“ (Al-Muminun, Sure 23,12-14)

Wir können unterschiedlichen Kulturen abstammen, unterschiedliche Sprachen sprechen und unterschiedliche Hautfarben haben. Dennoch haben wir die gleichen Grundbedürfnisse zum Leben und streben nach den gleichen Zielen: Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit für alle. 

Imam Ali war in seiner eigenen muslimischen Tradition verwurzelt und gleichzeitig offen für die Begegnung mit anderen. Er verkörperte im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunft die Grundsätze der Gerechtigkeit und Fairness und bleibt ein Vorbild für folgende koranische Weisheit.

„O ihr Menschen, Wir haben euch als Mann und Frau erschaffen und euch in Völker und Stämme unterteilt, damit ihr einander erkennt. Der Angesehenste unter euch bei Allah ist derjenige, der am frommsten ist. Und Allah ist der Allwissende, der Allkundige.“ (Al-Hujurat, Sure 49,13).

Dr. Zeyneb Sayılgan ist Islamwissenschaftlerin am Institut für Islamische, Christliche und Jüdische Studien in Baltimore. Sie ist in Mainz als Tochter von kurdisch-muslimischen Migranten aus der Türkei geboren und aufgewachsen und lebt seit dem Jahr 2006 in den Vereinigten Staaten. Zeynebs Forschung setzt sich mit dem theologischen Gedankengut des muslimischen Gelehrten Bediüzzaman Said Nursi (1876-1960) auseinander. Hierzu moderiert sie den Podcast „Begegnung mit dem Islam: Weisheiten aus der Risale-i Nur“. Ihre Arbeit wird in wissenschaftlichen und populären Fachzeitschriften wie DIALOG, Religion News Service, Covenant, U.S.Catholic und deutschen Medien wie Qantara, MIGAZIN und Islamische Zeitung veröffentlicht.

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